Lebensdaten
1901 bis 1974
Geburtsort
Karlsruhe
Sterbeort
Rom
Beruf/Funktion
Schriftstellerin
Konfession
katholische Familie
Normdaten
GND: 118560395 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Holzing-Berstett, Marie Luise Freiin von (geborene)
  • Kaschnitz, Marie Luise
  • Kaschnitz von Weinberg, Marie Luise Freifrau
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Kaschnitz von Weinberg, Marie Luise Freifrau, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118560395.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Max Frhr. v. H.-B. (1867–1936), preuß. Gen.-Major, S d. Adolf (1619–1905), bad. Oberststallmeister, u. d. Amélie Freiin v. Berstett (1836–1907), bad. Obersthofmeisterin;
    M Elsa (1875–1941), T d. Wilhelm Rudolf Frhr. v. Seldeneck (1849–89), bad. Oberjägermeister, u. d. Emma Freiin Rüdt v. Collenberg;
    Schw Lonja Stehelin-Holzing (* 1898), Dichterin;
    - Bollschweil 1925 Guido Frhr. Kaschnitz v. Weinberg (s. 1);
    1 T.

  • Leben

    K. wuchs in Potsdam und Berlin auf. 1922-24 erlernte sie den Buchhändlerberuf in Weimar (Thelemannsche Buchhandlung) und München (O. C. Recht-Verlag) und war seit 1924 im Buchantiquariat Leo S. Olschki in Rom tätig. Nach ihrer Verehelichung begleitete sie ihren Mann auf Studienreisen durch Italien, Griechenland, Nordafrika und die Türkei. Bis 1932 lebte K. in Italien, danach in Königsberg und Marburg, 1941-55 in Frankfurt/Main, dann wieder in Rom. Nach dem Tode ihres Gatten 1958 hielt sie sich abwechselnd in Frankfurt/Main, auf dem Familiengut Bollschweil bei Freiburg (Breisgau) und in Rom auf. – 1948/49 war K. Mitherausgeberin der Zeitschrift „Die Wandlung“. 1960 wirkte sie als Gastdozentin für Poetik an der Universität Frankfurt/Main. Durch Vortragsreisen und Dichterlesungen suchte sie das kulturelle Leben in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg zu beeinflussen.

    K. gehört zu jenen Dichterpersönlichkeiten, deren Werk kontinuierlich ein ganzes Leben hindurch gewachsen ist und noch im Alter an Vollendung gewonnen hat. Sie, die Meisterin der „kleinen Form“, des Gedichts, des Essays, der Skizze, des Hörspiels, zeigt als Grundzug ihres Schaffens die lyrische Intensität – und dies nicht nur unmittelbar in der künstlerischen Ausformung ihrer zahlreichen Lyrik-Bände, sondern als Erlebnis- und Darstellungsweise auch der Prosa: Wirklichkeit einzufangen im Brennpunkt des Ich – unter Aussparung und Konzentration auf das Wesentliche, in der Umwandlung von Realität in persönliche Welt. Kennzeichnend für K.s Dichtung ist der autobiographische Bezug: als Erlebnis von Landschaft – der heimischen badischen, der Landschaft ihrer Reisen und Auslandsaufenthalte und der Stationen ihres gemeinsamen Lebensweges mit dem Gatten; als Begegnung mit Menschen und Dingen; als Berührung und Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe der europäischen Vergangenheit und den Ereignissen der jeweiligen Gegenwart. Zeitgenossenschaft, nicht als zufällige Gegebenheit, sondern als Schicksal begriffen und durchlitten, ist ein weiteres Signum ihrer Aussage.

    Schon die frühen Dichtungen spiegeln etwas wider vom Lebensgefühl des Menschen im 20. Jahrhundert: Überwaches Bewußtsein, das vielfältige Verknüpfungen herzustellen sucht und deshalb nie zur Ruhe kommt, und Konfrontation mit dem Tode. Das 1975 postum veröffentlichte Märchen „Der alte Garten“, bereits Anfang der 40er Jahre vollendet, in dem antikes Sagengut und mythologische Reminiszenzen mit den Erkenntnissen moderner wissenschaftlicher Forschung verknüpft sind, spart in ganz unmärchenhafter Weise den Tod als Bezugspunkt in keinem Moment aus. Gerade dieses Motiv wird immer wieder rätselnd umkreist, am vollendetsten vielleicht im Zyklus „Donauwellen|1956“ (Neue Gedichte, 1957): „Ich sah den Sterbenden, die Hand ums Trapez geklammert, wie er anhob zum Salto mortale …“ Dieses Gedicht kann übrigens als Beispiel dienen für die Transformation des Realen, welche K. vollzieht.

    Das Bewußtsein der Gleichzeitigkeit unzähliger Vorgänge und Zustände, ein beunruhigendes, relativierendes, auflösendes Bewußtsein prägt vor allem das Spätwerk der Dichterin. Es äußert sich als bewußte Integration fernab liegender Ereignisse auf allen Lebensgebieten in den persönlichen Schicksalskreis. Dadurch gewinnt die Darstellung an Objektivität, wird zum Ausdruck einer Zeitstimmung, Wiedergabe des Lebensgefühls einer Epoche, deren Charakteristikum Überwindung der räumlichen Entfernung, Auflösung des statischen Geborgenheitsgefühls ist. Im Verständnis K.s wird schließlich Unrast als metaphysisches Prinzip der Gegenwart gedeutet, initiiert von einem Gott, der selbst die gängigen menschlichen Vorstellungen von seiner Existenz zu zerbrechen beliebt hat.

    Der thematische Umkreis des dichterischen Werkes ist sehr weit gespannt – von der Gestaltung griechischer Mythologie und Sage, der Begebenheiten der Biblischen Geschichte, welche die Dichterin mit Hilfe von Verfremdungseffekten in die Gegenwart zu transponieren vermag, bis zur Beschreibung des Blicks in die Straßenschluchten von Manhattan und der Topographie ihres Heimatdorfes Bollschweil.

    Anfänglich sind traditionelle Stilmittel zu beobachten: zusammenhängende Gliederungen der Prosa, chronologische Folge des Erzählens, übersichtliche Führung der Sätze, Lyrik in reimgebundener Form. Die Entwicklungstendenz führt zu Verknappung, Pointierung, zu Auflösung der Sätze bei häufig vorkommender Inversion und Wiederholung einzelner Wörter mit besonderem Bedeutungsgehalt, schließlich zur kunstvollen Aufteilung einzelner Satzpartien in gedichtähnliche Zeilen, während umgekehrt die Lyrik sich aus der Reimbindung löst und zur Prosazeile transzendiert, wobei mehr und mehr das einzelne Wort bedacht, die genaueste Bezeichnung gesucht, die knappste Formulierung angestrebt wird. Vor allem im Umgang mit der Zeit erweist sich die wachsende Meisterschaft K.s. Nicht nur, daß chronologischer Ablauf der freizügig gehandhabten Erzählfolge nach Sinn- und Bedeutungsschwerpunkten weicht; auf geradezu raffinierte Weise spielt die Dichterin mit dem Phänomen einer vom menschlichen Bewußtsein als mehrdimensional erfahrenen Zeit. Die „Beschreibung eines Dorfes“ stellt eine nach möglichen und zukünftigen Arbeitstagen gegliederte Reihe von Prosaskizzen oft statistischen Charakters dar, in denen der als künftig gedachte Entwurf das Ergebnis gegenwärtigen Schreibens ist, welches sich zumeist auf Vergangenes bezieht. Durch diese Projektion wird eine Spannung erzeugt, die aus der Beziehung von Gegenwart und Zukunft resultiert. Das Treibende, Drängende der Zeit, die als Zukunft das gegenwärtig noch erlebbare Dorf zu verändern droht, ist in dauerndem Bezug auf diese Zukunft als Arbeitszeit der Schreibenden unmittelbar anwesend, damit indirekt auf den Anlaß verweisend, um dessentwillen das Buch überhaupt geschrieben wurde. Anlaß zum Schreiben ist offenbar der Kampf mit der Zeit gewesen, der es das Wort abzuringen galt, das Wort als Dokumentation des vergänglichen menschlichen Lebens.|

  • Auszeichnungen

    Georg-Büchner-Preis (1955), Immermann-Preis (1957), Hebel-Preis (1970); Orden pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1967); Dr. h. c. (Frankfurt 1968); Mitgl. d. Ak. f. Sprache u. Dichtung in Darmstadt u. d. Ak. d. Wiss. u. Lit. in Mainz.

  • Werke

    u. a. Gedichte: Gedichte, 1947;
    Totentanz u. Gedichte z. Zeit, 1947;
    Zukunftsmusik, 1950;
    Ewige Stadt, Rom-Gedichte, 1952;
    Neue Gedichte, 1957;
    Dein Schweigen - meine Stimme, Gedichte 1958–61, 1962;
    Ich lebte, 1963;
    Ein Wort weiter, 1965;
    Überallnie, Ausgew. Gedichte 1928–65, 1965;
    Kein Zauberspruch, 1972;
    Das alte Thema, 1973;
    Gesang vom Menschenleben, 1974. -
    Romane: Liebe beginnt, 1933;
    Elissa, 1937;
    Gustave Courbet, 1949, neu u. d. T. Die Wahrheit, nicht d. Traum, 1967. -
    Erzz.: Das dicke Kind u. a. Erzz., 1952;
    Lange Schatten, 1960;
    Ferngespräche, 1966;
    Vogel Rock, Unheiml. Geschichten, 1969;
    Steht noch dahin, Neue Prosa, 1970;
    Eisbären, 1972;
    Der alte Garten, Ein Märchen, 1975. -
    Aufzeichnungen: Das Haus d. Kindheit, 1956;
    Wohin denn ich, 1963;
    Beschreibung e. Dorfes, Skizze, 1966;
    Tage, Tage, Jahre, 1968;
    Nicht von hier u. von heute, 1971;
    Orte, 1973. -
    Essays: Griech. Mythen, 1943, neu 1972;
    Menschen u. Dinge, 1946;
    Engelsbrücke, Röm. Betrachtungen, 1955;
    Zwischen Immer u. Nie, 1971;
    Aufsätze z. Lit., 1971;
    Rettung durch d. Phantasie, in: Süddt. Ztg. v. 19./20.10.1975;
    Ein Lesebuch, 1975. -
    Die Umgebung v. Rom, Kunstbuch, 1960;
    Der Zöllner Matthäus, Laienspiel, 1958;
    Hörspiele, 1962;
    Die fremde Stimme, Hörspiele, 1969;
    Hörspiele 1974.

  • Literatur

    E. Hock, Zeitgenöss. Lyrik im Unterricht d. Oberstufe, M. L. K. u. Hans Egon Holthusen, in: Wirkendes Wort 5, 1954/55, H. 3;
    F. Usinger, Die Dichterin M. L. K., in: Dt. Rdsch. 84, 1958, H. 6, wieder in: ders., Welt ohne Klassik, 1960;
    A. Dornheim, Siete poetas y un thema, La realidad existencial en la prosa, lirica y critica literaria de Alemania, in: Boletin de estudios germanicos 4, 1960;
    R. Reiners, Tradition u. Moderne in d. Lyrik v. M. L. K., in: Schrr. d. Theodor-Storm-|Ges. 14, 1965;
    S. Knall, M. L. K., Monogr. u. Versuch e. Deutung, Diss. Graz 1966;
    G. Merck, Der Schriftsteller in dieser Zeit: Ingeborg Bachmann u. M. L. K., in: Neue Slg. 7, 1967, H. 4;
    J. P. Wallmann, Argumente, 1968;
    F. Lennartz, Dt. Dichter u. Schriftsteller unserer Zeit, 101969;
    A. Haus, Standortbestimmung als Prozeß, Eine Unters. z. Prosa v. M. L. K., Diss. Saarbrücken 1970 (W, L);
    Insel-Alm. auf d. J. 1971, hrsg. v. II. Bender f. M. L. K., 1970 (W, L);
    E. Linpinsel, M. L. K., Leben u. Werk, 1971 (W, L).

  • Portraits

    Phot. in: Insel-Alm. auf d. J. 1971, 1970.

  • Autor/in

    Anneliese Kuchinke-Bach
  • Empfohlene Zitierweise

    Kuchinke-Bach, Anneliese, "Kaschnitz von Weinberg, Marie Luise Freifrau" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 313-315 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118560395.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA