Lebensdaten
1870 bis 1938
Geburtsort
Wedel (Holstein)
Sterbeort
Rostock
Beruf/Funktion
Bildhauer ; Graphiker ; Dichter
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118506617 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Barlach, Ernst Heinrich
  • Barlach, Ernst
  • Barlach, Ernst Heinrich
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Zitierweise

Barlach, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118506617.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Georg Barlach (1839–84), Arzt;
    M Johanna Louise (1845–1920), T des Zollassistenten Heinrich Vollert (1816–90) in Altona und der Helene Mathilde Junge (1819–47);
    Gvv Ernst Barlach (* 1806), Pastor in Herzhorn, Süsel und Bargteheide;
    Gmv Catharina Margaretha Johanna Thießen (1802–52) aus Rendsburg; ledig;
    1 S (unehelich, adoptiert).

  • Leben

    Nach Besuch der Hamburger Gewerbeschule (1888–91), u. a. als Schüler des Bildhauers Thiele, ging B. an die Dresdner Akademie (1891–95), wo er Meisterschüler von Robert Diez wurde. 1895/96 studierte er an der Académie Julian in Paris. 1897 schuf er zusammen mit dem Altersgenossen Carl Garbers figürliche Arbeiten für das Hamburger Rathaus, 1898/99 für das in Altona. 1898-1902 zeichnete B. für die „Jugend“. Während seines Berliner Aufenthaltes (1899–1901) lernte er den Kunstschriftsteller Karl Scheffler und den Münchner Verleger Reinhard Piper kennen. 1901-04 arbeitete er im heimatlichen Wedel Bildnisse, Grabplatten und Keramiken für Mutz in Altona. Durch Vermittlung von Peter Behrens wurde B. 1904 Lehrer an der Fachschule für Keramik in Höhr im Westerwald, ging aber schon ein halbes Jahr später wieder nach Berlin. Von hier aus trat er am 2.8.1906 zusammen mit seinem Bruder die für ihn so bedeutsame Rußlandreise an, die ihn in acht Wochen nach Charkow, Pokatilowka, Konstantinowka und Kramatorowka führte. Wieder zurückgekehrt, lernte er durch den befreundeten Berliner Bildhauer August Gaul den Kunsthändler Paul Cassirer kennen, der ihn 1907 vertraglich an sich band. 1907/08 zeichnete B. für den Münchner „Simplizissimus“. Im folgenden Jahre bezog er ein Atelier in der Villa Romana in Florenz, wo er in Freundschaft dem Dichter Theodor Däubler verbunden war. Seit 1910 hat er in Güstrow in Mecklenburg gelebt. Er wurde 1919 Mitglied der Berliner Akademie der Künste, 1925 Ehrenmitglied der Münchner Kunstakademie, 1924 erhielt er den Kleistpreis, 1933 wurde er Ritter des Ordens Pour le Mérite (Friedensklasse).

    Nach langen Jahren des Suchens hat B. 1906 auf der Reise nach Rußland sich selbst und seine Form gefunden: „Ich fand in Rußland diese verblüffende Einheit von Innen und Außen, dies Symbolische: so sind wir Menschen, alle Bettler und problematische Existenzen im Grunde. Darum mußte ich gestalten, was ich sah“. Mit der Direktheit seiner Aussagen innerer Vorgänge bis zur dämonischen Besessenheit hat B. die Menschen oft genug erschreckt. Er spricht selbst von seinen Bildwerken als seinen Holz gewordenen seelischen Erlebnissen. Als erschau- und abtastbare Realitäten des Seelischen sind sie aus ihm herausgetreten, alles nur Äußerliche, Zeitgebundene weitgehend abstrahierend. Eine ergreifende Ausdrucksgewalt durchstrahlt die plastische Formung von innen her. An die Stelle augenfälliger Schönheit ist der|beredte Reichtum seelischer Expression gesetzt. Ganz in sich beschlossene einsame Gestalten von größter äußerer Schlichtheit und Einfachheit sind um ein in ihnen selbst gelegenes Zentrum gesammelt: fraglose Verwirklichungen der Bettlerin (1907), des Einsamen (1911), des Spaziergängers (1912), des gesetzgebenden Moses (1919), des Flüchtlings (1920), des Geistkämpfers (1928), des Singenden Mannes (1928). In der sie umgebenden hastenden, schnellebigen Zeit gleichen B.s Schöpfungen großen Pausen des einsamen Atemholens und der Besinnung (Die Singenden Frauen, 1911, Der Asket, 1925, Der Flötenspieler, 1936). Andere (Der Berserker, 1910, Der Rächer, 1922) haben die vierte, die Zeitdimension, in sich eingefangen: Die unerbittlichen langen Geraden der Kanten, die die in sich verharrenden Gestalten gleichsam im Boden verankern, werden zum unablässig fließenden Strom der Zeit, wenn sie parallel zum Boden verlaufen. Wahrhaft bekrönt werden die Bildwerke von den Köpfen, in denen sich aller Ausdruck machtvoll verdichtet, wenn sie sich wie eine Blüte aus dem Leibe emporrecken (Spaziergänger, Asket), wenn sie abgerückt und nah zugleich aus der Tiefe aufragen (Moses, Frierendes Mädchen, 1917) oder wenn sie versonnen und ganz nach innen gewandt auftauchen, als wären die Wesen, die in ihnen aufgipfeln, nicht mehr von dieser Welt (besonders bei Spätwerken wie dem Grabmal für den Prinzen Reuß in Ebersdorf, 1931, oder der Mutter mit dem Kinde, 1936). Bei der einzigartigen Gruppe von Christus und Thomas (1926) steigert sich die Ergriffenheit des Wiedersehens von unten ansteigend immer stärker, bis die Häupter des reglos verstummten Herrn und des erschütterten Jüngers einander begegnen. So konnte B. mit seinen Porträtköpfen (Tilla Durieux, 1912, Theodor Däubler, gegen 1914, Reinhard Piper, 1923, Paul Wegener, 1932) den ganzen Menschen wesenhaft erfassen.

    B. hat die meisten seiner Werke in Holz geschnitzt wie die Meister des Mittelalters. In diesem von einem geheimen inneren Leben erfüllten Material, bei dem jeder Schnitt neue Gründe ursprünglichen Wachstums frei legt, gab er seinen Gestalten die atmende Form und den lebendigen Ausdruck. Die innere Verwandtschaft zur Kunst des Mittelalters führte 1929 zu dem auf Anregung von Carl Georg Heise erteilten Auftrage, acht Figuren aus gebranntem Ton für die Nischen der Backsteinfassade von St. Katharinen in Lübeck zu schaffen. Der Nationalsozialismus hat die Vollendung des Werkes verhindert, so daß nur der „Bettler auf Krücken“, der „Singende Klosterschüler“ und die „Frau im Wind“ nach 1945 endlich auf den vorgesehenen Plätzen aufgestellt werden konnten. - Neben Arbeiten in Holz und Ton hat B. auch für Ausformung in Porzellan (in der Frühzeit) und in Bronze geschaffen. - B.s Ehrenmale für die Gefallenen des ersten Weltkrieges in Magdeburg, Hamburg, Kiel und Güstrow (heute in der Kölner Antoniterkirche) waren Mahnmale gegen den Krieg, der nur Vernichtung und grauenvolles Leid bringt. Die Gestalten sind belastet und gebeugt, sie tragen den tiefen, trauervollen Schmerz und das Wissen von dem dumpfen Leid der Welt, das sie sich immer wieder selbst zufügt.

    Außer in seinen Bildwerken hat B. das ihn Erregende in unzähligen Zeichnungen, in Lithographien und Holzschnitten eingefangen: Studien zum plastischen Werk und Darstellungen szenischer Vorgänge, die er nur so - und in einer Reihe von Reliefs - zu gestalten vermochte. Nachdrücklich liegt im graphischen Werk der Ausdruck in der Linie. Strich für Strich sind die Blätter abzulesen, immer wieder neu wachsen sie aus ihren Linien zusammen, durch deren Gewebe die wesenhafte Sinngebung hindurchscheint.

    Auch in mehreren Dramen (Der Tote Tag, 1912, Der Arme Vetter, 1918, Die Echten Sedemunds, 1920, Der Findling, 1922, Die Sündflut, 1924, Der Blaue Boll, 1926, Die Gute Zeit, 1929, Der Graf von Ratzeburg, 1927, herausgegeben 1951) und Romanen (Seespeck, 1912–14, herausgegeben 1948, Der Gestohlene Mond, 1936–38, herausgegeben 1948) hat sich B. das ihn Bedrängende von der Seele geschrieben. Voll dramatischer Spannungen und Auseinandersetzungen ist ihre Problemstellung nie konstruiert oder psychologisch ausgedeutet. Grundlegend ist das Gefühl des grenzenlosen Leides, des Unbehagens im Diesseits, dem man nicht entfliehen kann, das man nur ertragen und auf sich nehmen kann, indem man es in sich und im Glauben überwindet. „Ich bin zu einseitig Mensch, armer Vetter, Verbannter, Zuchthäusler, sehe mit einer hellseherischen Unerbittlichkeit im Menschen die Hälfte von etwas Anderem“. Damit werden die unwahrscheinlichen Dinge schlichte Realität. Diese Direktheit, bei der Lebendiges und Totes, Irdisches und Überirdisches, Reales und Irreales ineinander übergehen, charakterisiert auch die Sprache mit ihren oft doppelschichtig bildhaften Wortvorstellungen. So vermag er das Alltägliche transparent zu machen, das Realistische wird zugleich sinnbildlich.

    B. hat sich vor keiner wahren und - sei es - noch so bitteren Aussage gescheut. Tiefgründig bewegend spricht aus seinem Werk das Lebensgefühl des einsamen und zugleich sich hingebenden Menschen.

  • Literatur

    K. D. Carls, E. B., 1931, 51950;
    W. Flemming, B., der Dichter, 1933;
    W. Fechter, E. B.-Zeichnungen, 1935;
    G. Lietz, Das Symbolische in d. Dichtung B.s, Diss. Marburg 1937;
    F. Schult, B. im Gespräch, 1940;
    ders., E. B., 1950;
    P. Schurek, Begegnungen mit E. B., 1946;
    H. Sieker, E. B., 1948;
    N. C. A. Jackson, E. B., The development of a versatile genius, Diss. Harvard Univ. 1950;
    G. Lautz, Die Illustrationsgraphik E. B.s, Diss. Marburg 1950;
    Dt. Ak. d. Künste, E. B.-Ausstellung, Berlin 1951 (L-Verz.);
    B. Wächter, E. B. als Plastiker, Diss. Jena 1951 (ungedr.);
    C. Virch, Die Handzeichnungen E. B.s u. ihre Stilist. Entwicklung, Diss. Kiel 1952 (ungedr.);
    F. Drost, E. B., Leben u. Werk in seinen Briefen, 1952.

  • Portraits

    2 Selbstbildniszeichnungen, 1928;
    Bildniskopf v. M. Böhmer.

  • Autor/in

    Leonie von Wilckens
  • Empfohlene Zitierweise

    Wilckens, Leonie von, "Barlach, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 591-593 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118506617.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA