Bonn, Moritz Julius
- Lebensdaten
- 1873 – 1965
- Geburtsort
- Frankfurt am Main
- Sterbeort
- London
- Beruf/Funktion
- Nationalökonom ; Finanzwissenschaftler ; Regierungsberater ; Wirtschaftswissenschaftler ; Soziologe ; Staatswissenschaftler ; Hochschullehrer
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 118661515 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Bonn, Moritz Julius
- Bonn, Moritz
- Bonn, M. J.
- Bonn, Julius
- Bonn, Moritz J.
- Bonn, Maurice J.
- Bonn, M.I.
- Bonn, M.J.
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Bonn, Moritz Julius
1873 – 1965
Nationalökonom, Finanzwissenschaftler, Regierungsberater
Moritz Julius Bonn war Nationalökonom, Fachmann für Kolonialismusfragen und internationale Wirtschaftspolitik sowie außen- und finanzpolitischer Berater mehrerer Regierungen. Er zählte Ende 1918 zu den Mitgründern der DDP und warb für die Akzeptanz des Parlamentarismus. Mit ihm werden verbunden ein am US-amerikanischen Vorbild orientierter „demokratischer Kapitalismus“, ein „sozialer Pluralismus“ und die Diagnose von einer weltumspannenden „Gegenkolonisation“. Er gilt als einer der wichtigsten liberalen Intellektuellen der Weimarer Republik.
Lebensdaten
Moritz Julius Bonn (InC) -
Autor/in
→Jens Hacke (Hamburg)
-
Zitierweise
Hacke, Jens, „Bonn, Moritz Julius“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118661515.html#dbocontent
Bonn besuchte seit 1880 Schulen in Frankfurt am Main, wo er 1892 am Städtischen Gymnasium das Abitur erhielt. Aufgrund seiner Herkunft finanziell unabhängig, studierte er seit 1892 Geschichtswissenschaften und Philosophie an der Universität Heidelberg, seit 1893 Wirtschaftswissenschaften in München und Wien. 1895 wurde er in München bei Lujo Brentano (1844–1931) mit einer wirtschaftshistorischen Arbeit über Spanien im 16. Jahrhundert zum Dr. oec. publ. promoviert. Anschließend verbrachte er einige Jahre in Großbritannien und Irland, wo er zur britischen Kolonisation Irlands forschte und 1905 zu diesem Thema in München eine vielbeachtete Habilitation für Nationalökonomie vorlegte.
Bonns empirische Forschungen zur Unrentabilität deutscher Kolonien in Südwestafrika in der „Zeitschrift für Sozialpolitik“ 1910, aber auch schon seine Kritik am deutschen Ausrottungskrieg gegen die Hereros in der „Frankfurter Zeitung“ 1909 festigten seinen Ruf als Experte für Kolonialismusfragen. 1910 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Universität München ernannt und im selben Jahr zum Gründungsdirektor der Münchner Handelshochschule berufen.
Seinen durch den Ersten Weltkrieg verlängerten Aufenthalt als Gastprofessor in den USA von 1914 bis 1917 nutzte Bonn zu Studien über Politik, Gesellschaft und Wirtschaft der USA, weshalb er in der Weimarer Republik, auch durch zahlreiche Publikationen, als Kenner der Vereinigten Staaten galt. Während des Kriegs trat er für einen Vermittlungsfrieden ein, unterstützte Woodrow Wilsons (1856–1924) 14-Punkte-Plan sowie die Völkerbundidee und warb für eine Politik internationaler Kooperation. Nach dem Kriegseintritt der USA im Februar 1917 verließ Bonn mit dem deutschen Botschafter das Land, um bis zum Kriegsende als USA-Experte in der Propaganda-Abteilung des Auswärtigen Amts zu arbeiten; Artikel und Analysen publizierte er v. a. in den großen liberalen Organen wie „Berliner Tageblatt“, „Neue Freie Presse“, „Frankfurter Zeitung“ und „Neue Rundschau“. 1918 war er Mitgründer der Deutschen Demokratischen Partei, die er 1930 nach deren Fusion mit der Volksnationalen Reichsvereinigung zur Deutschen Staatspartei verließ. Bonn war Berater der Reichskanzler Konstantin Fehrenbach (1852–1926) und Joseph Wirth (1879–1956), beriet das Wirtschaftsministerium und war Mitglied zahlreicher Regierungsdelegationen u. a. zu den Friedensverhandlungen in Versailles 1919 und zu den Konferenzen über Reparationsfragen in Spa 1920 und Genua 1922.
Seit 1920 gehörte Bonn zum Kollegium der Berliner Handelshochschule, als deren Rektor er von 1931 bis 1933 amtierte. Daneben lehrte er an der Hochschule für Politik in Berlin und nahm 1924 und 1926 eine Gastprofessur am Institut of Politics in Williamstown (Massachusetts, USA) an. Aus seinen Vorlesungen in den USA entstand seine bekannteste Schrift „Die Krisis der europäischen Demokratie“ (1925). Bonn diagnostizierte darin eine neue Ideologie der Gewalt in Bolschewismus und Faschismus, warnte vor dem virulenten Antiliberalismus der Nachkriegszeit und verteidigte den parlamentarischen Rechtsstaat als einzig mögliche Form der Demokratie. Diese Schrift und angrenzende Arbeiten waren Gegenstück zur Parlamentarismuskritik von Carl Schmitt (1888–1985), dem er 1928 zur Berufung an die Berliner Handelshochschule verhalf und mit dem ihn bis Ende 1932 eine Freundschaft verband. Bonns Bekanntenkreis umfasste u. a. Heinrich Brüning (1885–1970), David Lloyd George (1863–1945), Harry Graf Kessler (1868–1937), John Maynard Keynes (1883–1946), Sinclair Lewis (1885–1951), Hans Luther (1878–1962), Thomas Mann (1875–1955), Walther Rathenau (1867–1922) und Max Weber (1864–1920).
In den Jahren der Weimarer Republik publizierte Bonn vier Monografien über die USA. Er betrachtete den US-amerikanischen „demokratischen Kapitalismus“ in seiner wohlstandsschaffenden Dynamik als Vorbild für Deutschland, um Klassenschranken, Protektionismus und Demokratiefeindschaft der Eliten abzubauen. Bonn zählte zu den Mitgliedern des Carnegie Endowment for International Peace, war wichtiger Teil eines internationalen liberalen Netzwerks, das in multilateraler Kooperation und Welthandelspolitik die Überwindung des Nationalismus sah, und profilierte sich als Analytiker ökonomischer und globaler Hegemoniefragen. Seine Diagnose der unumkehrbaren „Gegenkolonisation“ konstatierte das Ende des europäisch-imperialen Modells und die Notwendigkeit, koloniale Ausbeutung nicht nur aus moralischen, sondern auch aus ökonomisch-politischen Gründen zu beenden; seinem späten Hauptwerk „The Crumbling of Empire“ (1938), das diese globalen Entwicklungen analysierte, blieb aufgrund des ausbrechenden Zweiten Weltkriegs die Wirkung versagt.
Im April 1933 legte Bonn das Direktorat der Handelshochschule Berlin nieder, um seiner erwartbaren Absetzung zuvorzukommen, und emigrierte nach England. Hier wirkte er an der London School of Economics, bis er 1939 offiziell als Gastprofessor an Universitäten in den USA und in Montreal ging. In seiner Autobiografie von 1948 ließ er unerwähnt, dass er inoffiziell als „Agent of Influence“ im Dienst Großbritanniens agiert hatte, um für US-amerikanischen Beistand und Kriegsunterstützung zu werben.
1946 kehrte Bonn nach England zurück und lebte bis zu seinem Tod in London. Mit seiner Autobiografie „Wandering Scholar“ (1948), in deutscher Fassung „So macht man Geschichte“ (1953), gelang ihm erneut ein Bucherfolg. Mehrmals besuchte er in den 1950er Jahren die Bundesrepublik und Berlin-West. Er stand im regelmäßigen Kontakt mit Bundespräsident Theodor Heuss (1884–1963), den er seit der Jahrhundertwende kannte.
| 1953 | Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland |
| 1956 | Dr. rer. pol. h. c., Freie Universität Berlin-West |
Nachlass:
Bundesarchiv, Koblenz, N 1082. (weiterführende Informationen)
Weitere Archivmaterialien:
Hessisches Staatsarchiv Marburg an der Lahn, 903, Nr. 8 854 u. 9 347. (Standes- und Heiratsregister der Stadt Frankfurt am Main)
Monografien und Aufsatzsammlungen:
Spaniens Niedergang während der Preisrevolution des 16. Jahrhunderts. Ein induktiver Versuch zur Geschichte der Quantitätstheorie, 1896. (Diss. oec. publ.) (Onlineressource)
Die englische Kolonisation in Irland, 1906. (Habilitationsschrift) (Onlineressource)
Die Eingeborenenpolitik im britischen Südafrika, 1908. (Onlineressource)
Die Neugestaltung unserer kolonialen Aufgaben. Festrede, gehalten bei der Akademischen Feier der Handelshochschule München anläßlich des 90. Geburtsfestes Seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten Luitpold von Bayern am Dienstag den 7. März 1911, 1911. (Onlineressource)
Amerika als Feind, 1917 (Onlineressource), 3. völlig umgearb. Aufl. 1919.
Was will Wilson? [1918]. (Onlineressource)
Irland und die irische Frage, 1918, Nachdr. 2013. (Onlineressource)
Die Stabilisierung der Mark, 1922.
Die Krisis der europäischen Demokratie, 1925 (Onlineressource), engl. 1925, span. 1927., Neudr. in: Moritz Julius Bonn. Zur Krise der Demokratie. Politische Schriften in der Weimarer Republik 1919 bis 1932, hg. v. Jens Hacke, 2015, S. 137–200.
Amerika und sein Problem, 1925. (Onlineressource)
Das Schicksal des deutschen Kapitalismus, 1926, 3. erw. Aufl. 1930. (Onlineressource)
Geld und Geist. Vom Wesen und Werden der amerikanischen Welt, 1927. (Onlineressource)
Die Kultur der Vereinigten Staaten von Amerika, 1930, engl. 1933. (zugangsbeschränkte Onlineressource)
„Prosperity“. Wunderglaube und Wirklichkeit im amerikanischen Wirtschaftsleben, 1931, engl. 1932.
Kapitalismus oder Feudalismus?, 1932.
Economics and Politics, 1932, Neudr. 2020. (zugangsbeschränkte Onlineressource)
The Crumbling of Empire. The Disintegration of World Economy, 1938, Neudr. 2017. (zugangsbeschränkte Onlineressource)
Wandering Scholar, 1948 (zugangsbeschränkte Onlineressource), dt. u. d. T. So macht man Geschichte, 1953 (Onlineressource), Neudr. mit einem Nachw. v. Jens Hacke, 2023. (zugangsbeschränkte Onlineressource)
Whither Europe. Union or Partnership?, 1952.
Moritz Julius Bonn, Zur Krise der Demokratie. Politische Schriften in der Weimarer Republik 1919 bis 1932, hg. v. Jens Hacke, 2015. (Aufsatzsammlung)
Aufsätze und Artikel:
Die irische Agrarfrage I-III, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 19 (1904), S. 141–172, u. 20 (1905), S. 554–576 u. 577–609.
Siedlungsfragen und Eingeborenenpolitik I u. II, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 31 (1910), S. 383–420 u. 810–830.
Die deutsche Politik in Versailles, in: Die Neue Rundschau 30 (1919), S. 1409–1426.
Rationalisierung als finanzielles Problem, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 56 (1926), S. 289–301.
Schlusswort, in: Carl Landauer/Hans Honegger (Hg.), Internationaler Faschismus. Beiträge über Wesen und Stand der faschistischen Bewegung und über den Ursprung ihrer leitenden Ideen und Triebkräfte, 1928, S. 127–150.
The Political Situation in Germany, in: The Political Quarterly 4 (1933), S. 44–57.
Limits and Limitations of Democracy, in: Ernest Simon (Hg.), Constructive Democracy, 1938, S. 215–247.
John Maynard Keynes (1883–1946), in: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft 72 (1952), S. 1–24.
Betrachtungen eines Nichtheimgekehrten. Zur äußeren und inneren Lage Deutschlands, in: Merkur 7 (1953), S. 701–720.
Monografien und Samelbände:
Harro Trenker, Die Bonns (1520–1920). Vom weitreichenden Wirken einer einflußreichen jüdischen Frankfurter Familie, 1998.
Ewald Grothe/Jens Hacke (Hg.), Liberales Denken in der Krise der Weltkriegsepoche. Moritz Julius Bonn, 2018.
Aufsätze:
Patricia Clavin, „A Wandering Scholar” in Britain and the USA 1933–1945. The Life and Work of Moritz Bonn, in: Anthony Grenville (Hg.), Refugees from the Third Reich in Britain, 2003, S. 27–42.
Ute Lotz-Heumann, A „Wandering Scholar” and his Interpretation of Ireland. Moritz Julius Bonn and Die englische Kolonisation in Irland, in: Vincent P. Carey/Ute Lotz-Heumann (Hg.), Taking Sides? Colonial and Confessional Mentalités in Early Modern Ireland. Essays in Honour of Karl S. Bottigheimer, 2003, S. 291–303.
Jens Hacke, Moritz Julius Bonn. Ein vergessener Verteidiger der Vernunft. Zum Liberalismus in der Krise der Zwischenkriegszeit, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 17 (2010), H. 6, S. 26–59.
Jens Hacke, Ein vergessenes Erbe des deutschen Liberalismus. Über Moritz Julius Bonn, in: Merkur 65 (2011), S. 1077–1082.
Jens Hacke, Liberale Krisendiagnosen in der Zwischenkriegszeit. Moritz Julius Bonn und Alfred Weber, in: Zeithistorische Forschungen 9 (2012), H. 3, S. 477–483.
Rob Gordon, Moritz Bonn, Southern Africa and the Critique of Colonialism, in: African Historical Review 45 (2013), H. 2, S. 1–30.
Jens Hacke, Liberale Alternativen für die Krise der Demokratie. Der Nationalökonom Moritz Julius Bonn als politischer Denker im Zeitalter der Weltkriege, in: Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung 26 (2014), S. 295–318.
Jens Hacke, Wirtschaftsordnung und Demokratie bei Moritz Julius Bonn und dem frühen Ordoliberalismus, in: Detlef Lehnert (Hg.), Soziale Demokratie und Kapitalismus. Die Weimarer Republik im Vergleich, 2019, S. 149–172.
Lexikonartikel:
Sabine Hock, Art. „Bonn, Moritz Julius“, in: Frankfurter Biographie I, 1994. (Onlineressource)
Fotografien, 1927, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)