Lebensdaten
1903 – 1958
Geburtsort
Schwetzingen bei Heidelberg
Sterbeort
Langenfeld bei Düsseldorf
Beruf/Funktion
Diplomat ; Botschafter
Konfession
altkatholisch
Normdaten
GND: 116003375 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Abetz, Otto

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Abetz, Otto, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116003375.html [29.09.2022].

CC0

  • Kritische Würdigung

    Von 1940 bis 1944 nahm Otto Abetz als deutscher Botschafter im von der Wehrmacht besetzten Frankreich maßgeblichen Einfluss auf die Beziehungen des Vichy-Regimes zu NS-Deutschland. Indem er sich auf den Gedanken eines gemeinsamen Europas berief, beförderte er die französische Kollaboration auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Er spielte außerdem eine zentrale Rolle bei der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Frankreich.

    Lebensdaten

    Geboren am 26. März 1903 in Schwetzingen bei Heidelberg
    Gestorben am 5. Mai 1958 in Langenfeld bei Düsseldorf
    Grabstätte Hauptfriedhof in Karlsruhe
    Konfession altkatholisch
    Otto Abetz, BArch / Bildarchiv (InC)
    Otto Abetz, BArch / Bildarchiv (InC)
  • Lebenslauf

    26.·März 1903 - Schwetzingen bei Heidelberg

    1909 - Karlsruhe

    Übersiedlung der Familie

    1911 - 1921 - Karlsruhe

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Goethe-Realgymnasium

    1922 - 1926 - Karlsruhe

    Studium Holzschnitt (Abschluss: Staatsexamen in Zeichenlehre)

    Badische Landeskunstschule

    1926 - 1940 - Freiburg; Karlsruhe

    Zeichenlehrkandidat, Studienassessor und Beamter auf Widerruf im badischen höheren Schuldienst (beurlaubt seit 1934)

    1927 - 1933 - Karlsruhe

    Vorsitzender

    Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Jugendbünde

    1930 - 1933

    Gründer und Leiter

    Deutsch-französische Jugendgruppe „Sohlberg-Kreis“

    1934 - Berlin

    Übersiedlung

    1934 - Berlin

    Eintritt

    Hitler-Jugend

    1934 - 1934 - Berlin

    Frankreichreferent

    Reichsjugendführung

    1935 - 1940 - Berlin; Paris

    außenpolitischer Hauptreferent (1939 stellvertretende Leitung)

    Dienststelle des Botschafters Joachim von Ribbentrop (1893–1946)

    1935 - 1945

    Mitglied (1942 SS-Brigadeführer)

    SS

    1937 - 1945

    Mitglied

    NSDAP

    1940

    Gesandter; Leiter des Frankreichkomitees

    Auswärtiges Amt

    1940 - 1944 - Paris

    Botschafter

    1942 - 1943 - Berlin; Herrenwies (Schwarzwald)

    vorübergehende Übersiedlung nach Deutschland

    1944 - 1945 - Sigmaringen

    Botschafter beim französischen Regierungsausschuss

    1945 - 1949 - Höchenschwand (Schwarzwald); Paris

    Festnahme durch französische Polizeikräfte; Untersuchungshaft

    Militärgefängnis Cherche-Midi (Paris)

    1949 - Paris

    Verurteilung zu 20 Jahren Zwangsarbeit und 20 weiteren Jahren Aufenthaltsverbot

    Militärgericht

    1949 - 1954 - Loos bei Lille

    Haftstrafe (Begnadigung im April 1954)

    Gefängnis

    1954 - Düsseldorf

    Rückkehr nach Deutschland

    1954 - 1958 - Düsseldorf

    Journalist, Übersetzer

    u. a. Der Fortschritt

    5.·Mai 1958 - Langenfeld bei Düsseldorf
  • Genealogie

    Vater Otto Abetz 1863–1928 aus Rastatt; Beamter, 1903 Rentamtmann, 1909 Domänenrat in Karlsruhe
    Großvater väterlicherseits Georg Abetz Wagnermeister
    Großmutter väterlicherseits Annemarie Abetz, geb. Kraft
    Mutter Anna Wilhelmine Abetz, geb. Laumann 1864–1935 aus Guntersblum bei Worms
    Großvater mütterlicherseits Karl Laumann Gutsbesitzer
    Großmutter mütterlicherseits Annemarie Laumann, geb. Kraus
    Schwester Maria Bentmann, geb. Abetz verh. mit dem Gymnasiallehrer und Literaturwissenschaftler Friedrich Bentmann (1900–1980)
    Bruder Karl Abetz 1896–1964 1933 Landesforstmeister in Braunschweig; 1933 Mitglied der NSDAP; 1935 ordentlicher Professor für Forstpolitik an der Universität Freiburg im Breisgau, 1942–1945 Generalreferent im Reichsforstamt (Berlin), hier enger Mitarbeiter von Staatssekretär Friedrich Alpers (1901–1944), 1945 kurzzeitig inhaftiert und aus Professur entlassen, 1949 erneut Professor
    Heirat 1.9.1932 in Karlsruhe
    Ehefrau Suzanne Sidonie Abetz, geb. De Bruyker 1899–1958 aus Houplines bei Lille (Département Nord, Frankreich); Sekretärin des Journalisten Jean Luchaire (1901–1946), 1930–1932 Mitarbeiterin der Zeitung „Notre Temps“
    Schwiegervater Charles Louis De Bruyker geb. ca. 1868 aus Velsique Rudderschore (Belgien); Weber; um 1900 mit der Familie nach Nordfrankreich eingewandert; 1911 französischer Staatsbürger
    Schwiegermutter Marie Rachel Van Robayes geb. ca. 1870 aus Warneton (Belgien)
    Sohn Bernhard (Bernd) Abetz 1933–1994 Rechtsanwalt; 1976–1982 Stadtrat in Düsseldorf (FDP); 1982–1994 Beigeordneter für die Bereiche Ordnungswesen und Umweltschutz
    Kinder eine Tochter
  • Biografie

    alternativer text

    Nach dem Abitur studierte Abetz von 1922 bis 1926 im Fachbereich Holzschnitt an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe und arbeitete anschließend als Zeichenlehrer. Angespornt von der Annäherungspolitik der Außenminister Gustav Stresemann (1878–1929) und Aristide Briand (1862–1932), bemühte er sich seit 1929 in der Karlsruher Jugendbewegung für die deutsch-französische Verständigung. Abetz war einer der Hauptorganisatoren der Jugendtreffen auf dem Sohlberg im Schwarzwald (1930), in Rethel (Frankreich, Département Ardennes, 1931), Mainz (1932), Paris (1933) und Berlin (1934). Dabei knüpfte er zahlreiche freundschaftliche Kontakte, v. a. zu den Publizisten Jean Luchaire (1901–1946) und Bertrand de Jouvenel (1903–1987), zu Vertretern der Pariser „Nonkonformisten“ wie Alexandre Marc (1904–2000), Denis de Rougemont (1906–1985) und Philippe Lamour (1903–1992), aber auch zu späteren Widerstandskämpfern wie André Weil-Curiel (1910–1988) und Pierre Brossolette (1903–1944).

    Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Abetz Anfang 1934 zum Frankreichreferenten der Reichsjugendführung ernannt. Im Sommer 1934 arrangierte er eine Aussprache zwischen Führern deutscher und französischer Kriegsveteranenverbände und zog damit das Interesse Joachim von Ribbentrops (1893–1946) auf sich. Seit Januar 1935 außenpolitischer Hauptreferent in dessen Dienststelle, konnte Abetz dank regelmäßiger Aufenthalte in Paris sein persönliches Netzwerk ausbauen und war im Herbst 1935 führend an der Gründung des Comité France-Allemagne beteiligt, der zahlreiche bedeutende Politiker, Professoren und Schriftsteller angehörten. Nach Konflikten mit der NS-Reichsstudentenführung, die ihm mangelnde nationalsozialistische Gesinnung vorwarf, wurde Abetz 1937 Mitglied der NSDAP; der SS war er bereits bei seinem Eintritt in die Dienststelle Ribbentrop beigetreten.

    Im Frühsommer 1939 gewann Abetz an Ansehen bei Adolf Hitler (1889–1945), als er aufgrund propagandistischer Agitation zur „Danzig-Krise“ von der französischen Regierung ausgewiesen wurde. Nach dem Westfeldzug der Wehrmacht kehrte er Mitte Juni 1940 als Gesandter des Auswärtigen Amts (AA) nach Paris zurück. Er nutzte seine Kontakte, um Einfluss auf französische Politiker und Mitglieder der Anfang Juli 1940 neu gebildeten Vichy-Regierung zu gewinnen. In seinem Memorandum zur deutschen Frankreichpolitik, verfasst im Juli 1940, sprach er sich für die konsequente Verhinderung einer politischen Einheitsfront in Frankreich aus.

    Anfang August 1940 zum Botschafter in Frankreich ernannt, war Abetz für den ständigen Kontakt zur französischen Regierung in Vichy sowie für die Beeinflussung bedeutender Persönlichkeiten und Presse-Organe im Sinne des NS-Staats zuständig. Verantwortlich für alle Frankreich betreffenden politischen Fragen und allein Ribbentrop unterstellt, gelang es ihm über seine persönlichen Kontakte v. a. zu Pierre Laval (1883–1945), Fernand de Brinon (1885–1947) und Jacques Benoist-Méchin (1901–1983), das Vichy-Regime in eine weitreichende Kollaborationspolitik zu treiben.

    Abetz beteiligte sich am Kunst- und Archivraub in privaten und öffentlichen Einrichtungen des besetzten Frankreichs. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Paris regte er außerdem erste Schritte zur Ausgrenzung französischer Juden an. Die antisemitischen Verordnungen des Militärbefehlshabers in Frankreich, Otto von Stülpnagel (1878–1948), im Herbst 1940 sowie die Gründung des Generalkommissariats für jüdische Fragen durch die französische Regierung im März 1941 gingen auf seine Interventionen zurück. Im September 1941 drängte Abetz bei Reichsführer-SS Heinrich Himmler (1900–1945) auf den Abtransport der in französischen Internierungslagern festgehaltenen Juden in die neubesetzten Ostgebiete und beschleunigte so den Beginn der Massendeportationen aus Westeuropa seit Juli 1942.

    Seit 1942 sank Abetz’ politischer Einfluss. Sein in Berlin und Paris vorgenommener Vorstoß hinsichtlich eines deutsch-französischen Militärbündnisses gegen England schlug fehl. Die von ihm initiierte Rückkehr des kollaborationsbereiten Laval an die Spitze der französischen Regierung im April 1942 fand keine Zustimmung bei Ribbentrop, und auch die von Abetz ausgehandelten Lieferverträge über französische Lebensmittel, Industrieerzeugnisse, Waffen und Arbeitskräfte änderten nichts am sinkenden Interesse der Reichsregierung gegenüber Frankreich.

    Im November 1942 wurde Abetz auf unbestimmte Zeit nach Berlin zurückberufen. Ende November 1943 nach Paris zurückbeordert, bewegte er Marschall Philippe Pétain (1856–1951) zur Aufgabe seines Streiks gegen die ihm von Berlin untersagte Entlassung Lavals. Darüber hinaus veranlasste er die Einsetzung der radikalen Kollaborateure Joseph Darnand (1897–1945), Marcel Déat (1894–1955) und Philippe Henriot (1889–1944) in die für Deutschland wichtigsten Ministerien (Inneres, Arbeit und Propaganda). Mit dem Höheren SS- und Polizeiführer Carl-Albrecht Oberg (1897–1965) stellte Abetz zudem Listen potenzieller französischer „Dissidenten“ im Hinblick auf ihre Verhaftung und Verschleppung in deutsche Konzentrationslager zusammen.

    Nach dem deutschen Rückzug aus Paris im August 1944 betreute Abetz den aus evakuierten Regierungsmitgliedern gebildeten französischen „Regierungsausschuss“ in Sigmaringen. Nach Kriegsende tauchte er als Holzfäller im Schwarzwald unter, wurde im Oktober 1945 verhaftet und zur Untersuchungshaft nach Paris überstellt. Am 22. Juli 1949 wurde Abetz wegen seiner Mitverantwortung an den Massendeportationen von Juden aus Frankreich, an dem Raub französischer Kunstschätze und an der Ermordung des ehemaligen Innenministers Georges Mandel (1885–1944) von einem Pariser Militärgericht zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit und weiteren zwanzig Jahren Aufenthaltsverbot verurteilt. Nach jahrelangen Bemühungen seines ehemaligen Mitarbeiters Ernst Achenbach (1909–1991), der auch zwei Interventionen von Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876–1967) in Paris zugunsten Abetz erwirkte, wurde dieser im April 1954 von Präsident René Coty (1882–1962) begnadigt. 1958 kam Abetz mit seiner Ehefrau bei einem Autounfall ums Leben.

  • Ehrungen, Auszeichnungen und Mitgliedschaften

    1913–1924 Mitglied im Wandervogel
    1939 Medaille zur Erinnerung an den 13. März 1938
    1939 Medaille zur Erinnerung an den 1. Oktober 1938 (1940 mit Spange)
    1941 Kriegsverdienstkreuz I. Klasse
    1945 Kriegsverdienstkreuz I. Klasse mit Schwertern
    • Quellen

      Nachlass:

      nicht bekannt.

      Weitere Archivmaterialien:

      Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, Personalakte Abetz (Bestand BDC).

      Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, Berlin: R 29586–29606 (Akten Büro des Staatssekretärs); DBP 1048–2495 (Akten der Botschaft in Paris).

      Archives nationales, Paris, Série AJ 40 (Akten der deutschen Militärverwaltung in Frankreich); Séries 2AG, F1, F7, F60 (Akten der Vichy-Regierung) sowie AJ41 (deutsche Waffenstillstandskommission) und 3W (Prozesse der Nachkriegszeit).

      Centre de documentation juive contemporaine, Paris, Transkriptionen bzw. Kopien umfangreichen Dokumentenmaterials aus den Nürnberger Nachkriegsprozessen; Aktenmaterial der Sipo-SD-Dienststelle in Paris; Akten des Tribunal militaire de Paris, Dossier Abetz (Dokumentenmaterial zum vierjährigen Ermittlungsverfahren gegen Abetz).

      Gedruckte Quellen:

      Akten zur deutschen auswärtigen Politik, Reihen D (1937–1941) und E (1941–1945), 1951–1979.

      Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, hg. v. Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und dem Bundesarchiv, Bd. 5 u. 12, 2012/2015.

    • Werke

      D’une prison, 1949.

      Pétain et les Allemands, 1948.

      Das offene Problem. Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte deutscher Frankreichpolitik, 1951, franz. 1953.

    • Literatur

      Eberhard Jäckel, Frankreich in Hitlers Europa. Die deutsche Frankreichpolitik im Zweiten Weltkrieg. 1966.

      Friedrich Bentmann, Art. „Otto Abetz“, in: Badische Biographien, Neue Folge, Bd. 1, 1982, S. 5–8.

      Philippe Burrin, La France à l’heure allemande 1940–1944, 1995.

      Roland Ray, Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers? Otto Abetz und die deutsche Frankreichpolitik 1930–1942, 2000.

      Barbara Lambauer, Otto Abetz et les Français ou l’envers de la Collaboration, 2001.

      Barbara Lambauer, Opportunistischer Antisemitismus. Der deutsche Botschafter Otto Abetz und die Judenverfolgung in Frankreich (1940–1942), in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 241–273. (Onlineressource)

      Eckart Conze/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann (Hg.), Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, 22010, bes. S. 190–192 u. 227–236.

      Michael Mayer, Diplomaten im Krieg. Die Deutsche Botschaft Paris und die NS-Unrechtspolitik im besetzten Frankreich, in: Johannes Hürter/Michael Mayer (Hg.), Das Auswärtige Amt in der NS-Diktatur. Forschungsstand – Forschungskontroversen – Forschungsdesiderate, 2014, S. 177–195.

    • Onlineressourcen

  • Autor/in

    Lambauer, Barbara (Paris)

  • Zitierweise

    Lambauer, Barbara, „Abetz, Otto“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/116003375.html#dbocontent.

    CC-BY-NC-SA