Wirth, Herman
- Lebensdaten
- 1885 – 1981
- Geburtsort
- Utrecht (Niederlande)
- Sterbeort
- Kusel (Pfalz)
- Beruf/Funktion
- Privatgelehrter ; Volkskundler ; Philologe ; NS-Funktionär ; Gründer eines "Forschungsinstituts für Geistesurgeschichte" ; Kulturphilosoph ; Nationalsozialist ; Musikschriftsteller
- Konfession
- -
- Normdaten
- GND: 118633953 | OGND | VIAF: 59877615
- Namensvarianten
-
- Wirth, Hermann Felix
- Wirth Roeper Bosch, Herman
- Wirth, Herman
- Wirth, Hermann Felix
- Wirth Roeper Bosch, Herman
- Wirth, Hermann
- Bosch, Herman Wirth Roeper
- Wirth-Roeper-Bosch, Herman
- Wirth, Herman F.
- Wirth, Herman Felix
- Roeper Bosch, Herman Wirth
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Wirth, Herman (Hermann) Felix
| Philologe, NS-Funktionär, * 6.5.1885 Utrecht (Niederlande), † 16.2.1981 Kusel (Pfalz), ⚰ Thallichtenberg (Kreis Kusel), Friedhof.
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Genealogie
V Ludwig (1847–1925), aus d. Pfalz, Gymn.lehrer in U., S d. Philipp u. d. Carolina Schmitt;
M Sophie Gijsberta (1851–1891), T d. Pieter Antonie Roeper Bosch (1816–1897) u. d. Sophia Gysberta Honig (1818–1908);
seit 1892 Stief-M Jeanne Therèse (* 1857), aus Utrecht, T d. Pierre Joseph Henrij Baudet (um 1824–78) u. d. Sophia Adèle Baudet (um 1825–91);
Tante-m Maria Elisabeth Roeper Bosch (1857–1931, ⚭ Harmanus Koudenburg, 1852–1924, Prediger);
– ⚭ 1) N. N. 2) 1916 →Margarethe (1890–1978), Sängerin, T d. E. →Vital Schmitt (1858–1935), Kunstmaler, Mitgl. d. Ver. Berliner Künstler, u. d. Maria Rantsch;
2 S Volkhart (1919–68, ⚭ →Louise Elizabeth van Wijk, * 1909, Dr., Sprachwiss., Lektorin), Gernot (1921–1943, vermisst b. Woronesch, Rußland), 2 T Adela (* 1923), Ilge (* 1929, ⚭ N. N. Willebrand, Kpt.). -
Biographie
Nach dem Schulbesuch in Utrecht und Kampen (dort Abitur 1904) begann W. das Studium der niederl. Philologie, Germanistik, Volkskunde und Geschichte in Utrecht, das er dort 1908 mit dem Staatsexamen abschloß.
Seit 1909 Lektor für niederl. Sprache und Literatur an der Univ. Berlin, wurde er 1910 mit der Dissertation „Der Untergang des niederl. Volksliedes“ bei →John Meier (1864–1953) an der Univ. Basel zum Dr. phil. promoviert.
Um 1913/14 erwarb W. die preuß. Staatsbür|gerschaft. Während seines freiwilligen Kriegsdienstes ab 1914 engagierte er sich in Belgien für den fläm. Separatismus. Für diesen Einsatz für Kriegsziele des Dt. Reichs erhielt er 1916 vom preuß. Kultusministerium die Auszeichnung Titularprofessor; erfolglos bemühte er sich später zur Erlangung der Lehrbefugnis um eine Habilitation.
Nach 1918 engagierte W. sich im „Landsbond der Dietsche Trekvogels“, einer Singspielgruppe nach dem Vorbild des dt. Wandervogels, die mit historischer Instrumentierung alte niederl. Volkslieder aufführte, um ein Bewußtsein für vergangene Kultur zu wecken.
In den frühen 1920er Jahren begann W. mit Forschungen über Symbole und schriftähnliche Zeichen, die er auf volkskundlichem, prähistorischem und ethnographischem Kulturgut zu erkennen glaubte und die er mit einer vorgeblich von ihm neugegründeten Wissenschaft der „Paläo-Epigraphik“ zu entschlüsseln suchte. In seinen Hauptwerken „Der Aufgang der Menschheit“ (1928, ²1934, Neudr. 1993, 2018) und „Die Heilige Urschrift der Menschheit“ (2 Bde., 1931/36, Neudr. 1979/ 81 u. 2007) interpretierte er diese Zeichen als geistige Spur einer einst im polaren Norden beheimateten „atlantisch-nord. Rasse“, die als maßgeblicher Kulturträger die Menschheitsentwicklung über Jahrtausende dominiert habe.
W. publizierte in dem völkischen Vorgeschichtsbild verpflichteten archäologischen Zeitschriften wie „Germanien“ oder „Nordische Welt“ und trat als charismatischer Redner in öffentlichen Vorträgen auf. Seine Interpretationen der Symbolik jenseits ihres zeitlichen, räumlichen und historischen Kontextes, seine Deutungen zur „Ura-Linda-Chronik“, einer schon im 19. Jh. als Fälschung erkannten, vermeintlich altfries. Handschrift, wie auch sein gesellschaftsreformerischer Sendungsdrang, der auf eine matriarchale Ordnung zielte, erfuhren v. a. zwischen 1928 und 1936 von führenden Vertreter aller kulturwissenschaftlichen Disziplinen vielfältigen Widerspruch und wurden als unwissenschaftlich kritisiert. Dennoch ließen ihn Dutzende von Rezensionen, Gutachten, Stellungnahmen und Debatten zu einem der bekanntesten Laienforscher im Umfeld der prähistorischen Archäologie seiner Zeit werden. 1925/26 war W. kurzzeitig Mitglied der Marburger Ortsgruppe der NSDAP. Seit Anfang der 1930er Jahre suchte er im Nationalsozialismus nach Anknüpfungspunkten zu seinen Vorstellungen zur Reform von Gesellschaft und Religion. Mit Unterstützung durch die NS-Landesregierung Mecklenburgs gründete er 1932 in Bad Doberan ein „Forschungsinstitut für Geistesurgeschichte“, dem ein „vorgeschichtliches Riesenmuseum“ angeschlossen werden sollte. Das Unternehmen scheiterte, bildete aber die Vorlage für ähnliche Pläne in Michendorf bei Potsdam unter dem Namen „Freilichtschau und Sammlung für Geistesurgeschichte und Volkstumskunde“. Hierzu erfuhr W. Förderung durch den preuß. Unterrichtsminister →Bernhard Rust (1883–1945), der dem 1933 wieder in die NSDAP eingetretenen W. auch zu der Stellung als ao. Professor ohne Lehrbefugnis an der Univ. Berlin verhalf. Aufgrund von Kontakten zum Kreis um →Richard Walther Darré (1895–1953) und →Heinrich Himmler (1900–1945) wurde W. 1935 Mitinitiator der SS-Forschungsgemeinschaft „Ahnenerbe“, mit dem er seine Museumspläne und Reformideen umzusetzen hoffte. Auf zwei Skandinavienreisen 1935/36 formte er Felsbilder als Gipsnegativ ab, um aus diesen Abgüssen Replikate für sein Museumsprojekt in Originalgröße herstellen zu können. W.s selbstbezogene Arbeits- und Denkweise kollidierte jedoch mit den Plänen Himmlers, das „Ahnenerbe“ zu einer seinen eigenen Vorstellungen folgenden Wissenschaftsorganisation auszubauen. W. wurde zunächst in die einflußlose Rolle des Ehrenpräsidenten versetzt, bis er 1938 das „Ahnenerbe“ verlassen mußte.
Ohne Möglichkeiten zur Publikation lebte W. bis Kriegsende in Marburg von staatlichen bzw. universitären Forschungsbeihilfen. Nach 1945 versuchte er, in den Niederlanden Fuß zu fassen und ging 1948 nach Schweden, wo er zeitweise als Photograph arbeitete. 1954 kehrte W. nach Marburg zurück. Für seine Anhänger gründete er 1957 die „Europäische Sammlung für Urgemeinschaftskunde“ im Sinne einer Neubelebung der vom NS-Regime aufgelösten „H.-W.-Gesellschaft“ von 1928.
Anstelle seiner Museumspläne, für die er in ständiger Suche nach Geldmitteln war, konnte er lediglich kleine private Ausstellungen in Marburg, bei den Externsteinen am Teutoburger Wald und in Thallichtenberg bei Kusel realisieren. W.s Ideen werden bis heute in rechtsextremen Subkulturen rezipiert, z. B. im Verein „Ur-Europa“, dem organisatorischen Nachfolger der „Europäischen Sammlung für Urgemeinschaftskunde“.
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Werke
|Was heißt dt.?, Ein urgeistesgeschichtl. Rückblick z. Selbstbesinnung u. Selbstbestimmung, 1931;
Die Ura-Linda-Chron., 1933;
Um d. Ursinn d. Menschseins, Die Werdung e. neuen Geisteswiss., 1960;
Europ. Urrel. u. d. Externsteine, 1980. -
Literatur
|E. Baumann, H. W., Schrr., Vortrr., Mss. u. Sekundärlit., 1995 (P);
L. Löw, Gottessohn u. Mutter Erde auf bronzezeitl. Felsbildern, H. W. u. d. völk. Felsbildforsch., 2016 (P);
I. Wiwjorra, in: Hdb. völk. Wiss.;
A. H. Huusen, H. F. W. in Nederland, België en Duitsland, 2018 (P). -
Autor/in
Ingo Wiwjorra -
Zitierweise
Wiwjorra, Ingo, "Wirth, Herman (Hermann) Felix" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 283-285 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118633953.html#ndbcontent