Lebensdaten
erwähnt getauft 1624 , gestorben 1677
Sterbeort
Breslau
Beruf/Funktion
religiöser Schriftsteller ; Mystiker
Konfession
lutherisch,katholisch
Normdaten
GND: 118503111 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Scheffler, Johannes (eigentlich)
  • Silesius
  • Angelus, Johannes (seit 1653)
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Angelus Silesius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118503111.html [17.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Stenzel (Stanislaus) Scheffler (1562–1637), Herr zu Borwicze im damaligen Königreich Polen, aus Krakau, von König Sigismund III. 1597 geadelt, als Protestant 1618 nach Breslau übergesiedelt;
    M Maria|(1600–39), T des Breslauer Hofmedikus Dr. Johann Hennemann ( 1614);
    Schw Magdalene (getauft 30.12.1626, Dr. Tobias Brückner, fürstlich Bernstädtischer Hofmedikus);
    B Christian von Scheffler (getauft 17.11.1630).

  • Leben

    A. besuchte das Elisabethgymnasium zu Breslau unter dem Rektorat Elias Majors dem Älteren, wo Christoph Köler, der barocke Dichter, auf ihn einwirkte und ihn zu ersten poetischen Versuchen anregte. Seit 1643 studierte er Medizin und Geschichte in Straßburg, seit 1644 in Leiden. Hier in Holland beschäftigte er sich stark mit theologischen Fragen, las Jakob Böhme, Johann van Ruysbroeck und andere Mystiker und bewegte sich in separatistischen Zirkeln. 1647 ging er nach Padua, wo er am 9.7.1648 zum Dr. phil. et med. promoviert wurde. Darauf kehrte er in die Heimat zurück und wurde erneut durch den Kreis um die mystischen Dichter und Theologen Daniel Czepko und Johann Theodor von Tesch beeinflußt, die ihn besonders auf die Lehren und Schriften Valentin Weigels hinlenkten. Am 3.11.1649 wurde er fürstlicher Leibarzt in Oels. Als solcher machte er die folgenschwere Bekanntschaft mit dem Mystiker Abraham von Franckenberg und erfuhr von dieser religiösen Persönlichkeit in innigem Umgang tiefste Eindrücke; von neuem versenkte er sich in die Schriften der mittelalterlichen und zeitgenössischen Mystiker. Als er ein aus dieser Lektüre hervorgegangenes Büchlein mit Gebeten herausgeben wollte, versagte der Oelser Hofprediger Freitag als theologischer Zensor die Druckerlaubnis; es kam zu einem heftigen Zusammenstoß. Dazu starb Franckenberg im Juli 1652; all dies verleidete A. den weiteren Aufenthalt in Oels, er gab die Stelle auf und kehrte im Dezember 1652 nach Breslau zurück.

    Am 12.6.1653 trat er in der dortigen St. Matthias-Kirche öffentlich zum katholischen Bekenntnis über und erhielt dabei die Namen Johannes Angelus; um der Verwechslung mit einem gleichnamigen Theologen jener Zeit vorzubeugen, fügte er die Bezeichnung Silesius auf seinen Schriften bei. Die Konversion erregte ungeheueres Aufsehen, und A. sah sich genötigt, sie öffentlich in einer Schrift zu verteidigen und zu begründen. Dadurch war er überhaupt in die konfessionellen Streitigkeiten hineingeworfen, in denen er sich Zeit seines Lebens bewegt hat; in wenig originellen Kontroversen suchte er immer neu die Rechtmäßigkeit der katholischen Lehre zu erweisen und die Ketzer zu verdammen. 1654 wurde er ehrenhalber kaiserlicher Hofmedikus. Kirchliche Stiftungen bezeugen seinen frommen Sinn, doch ist er weder Minorit noch Jesuit geworden, wie angenommen wurde. Dagegen empfing er am 29.5.1661 die Priesterweihe in Neisse und erzwang durch seine Beziehungen zum Wiener Hofe die Erlaubnis zur öffentlichen Fronleichnamsprozession in Breslau, die dort seit 1525 verboten gewesen war. Auch sonst beteiligte er sich rege an Wallfahrten. 1664 trat er in den Dienst des Fürstbischofs und Oberhauptmanns Sebastian von Rostock, schied jedoch 1666 aus dieser Hofstellung wieder aus. Vereinsamt und verbittert lebte er bis zu seinem frühen Tod im Kreuzherrnstift St. Matthias in seiner Vaterstadt.

    Der erste Anlaß zu seiner Konversion war die grenzenlose Enttäuschung durch die verknöcherte lutherische Orthodoxie, die dem religiösen Gefühl starre Dogmen statt lebendigen Glaubenslebens bot; ein überkonfessionelles Christentum hatte er zunächst gesucht, wie es in den Kreisen der Czepko und Franckenberg lebte; Jakob Böhme, unter dessen Bildnis er schöne Verse setzte („Und Gottes Herz ist Böhmens Element“), hatte ihn dahin geleitet. Das Wesen von A. drängte auf Verinnerlichung, auf gefühlsmäßige Jesusliebe. Die damalige Restauration des Katholizismus kam dieser mystischen Gottesversenkung entgegen. Auf ein stilles, der Beschauung und Gottesforschung geweihtes Leben hatte er sich gefaßt gemacht, statt dessen mußte er seinen neugewonnenen Standpunkt gegen Angriffe und Verleumdungen wahren. So wurde aus dem Bekenntnisfernen ein Bekenner, aus dem mystischen Sinner ein katholischer Kämpe. In einer Fülle von Streitschriften (er selbst hat am Lebensabend 1677 in der „Ecclesiologia“ 39 gesammelt, aber nicht alle) schlug er sich mit den protestantischen Gegnern herum und verlor in dieser Arena die geistige und stilistische Selbständigkeit. Das religiöse Moment verschwindet, und es bleibt nur noch unflätige Beschimpfung auf beiden Seiten. In diesen Zänkereien bietet A. kein erfreuliches Bild.

    Aus der Zeit vor dem Übertritt stammen dagegen die Epigramme, die er 1657 als „Geistreiche Sinn- und Schlußreime“, in der 2. Auflage 1674 als „Der Cherubinische Wandersmann“ in Druck gab. In der Form, religiöse Erfahrungen und Erlebnisse in knappe Zwei- oder Vierzeiler zusammenzudrängen, war ihm Czepko vorangegangen, von ihm hatte A. gelernt, aber bald hatte der Schüler den Lehrer übertroffen. Nun denkt A. daran, eine christliche Frömmigkeit oberhalb der streitenden Bekenntnisse zu gewinnen, unabhängig von zugespitzten Satzlehren. Von Jakob Böhme läßt er sich hinführen zum theosophischen Einsinken in die Natur und schafft sich eine kosmische Grundstimmung. Wer|diese Verse unbefangen liest, wird auf einen vitalen Pantheismus stoßen, der von Meister Eckhart und Valentin Weigel genährt und verstärkt worden ist. Mit mystischen Denkmitteln beantwortet sich A. die ewige Frage nach dem Bestreben des verleiblichten Menschen im Kosmos. Ein Wille zur Schau des Höchsten, zur Erkenntnis des Tiefsten, zur Aussage des Letzten macht sich geltend. Diese mystisch-religiösen Weistümer werden auf die unabdingbare Form des barocken Sinnspruchs gebracht, wie sie dem nach Prägnanz suchenden Sinn der Zeit (man denke an Logau) so recht entsprach. Das Spiel mit Paradoxen und Antithesen führt aber über bloße sprachliche Gestaltung hinaus zu den religiösen Abgründen alles Menschentums und übersteigt jede bekenntnismäßige Schranke. Das innere Ziel aller Gottgläubigkeit ist ein für allemal hier erfaßt und wird durch das in der 2. Auflage beigefügte 6. Buch rechtgläubiger Verse nicht abgeschwächt, sondern nur gesteigert. Im Gegensatz zu den allgemein religiösen Sinnsprüchen steht A. in der “Heiligen Seelenlust“ (1657, 21668) auf katholisch dogmatischem Boden. Er will die Lieder der „Welt-Verliebten, welche von ihrer schnöden und blinden Liebe so viel singen und sagen“ ersetzen durch geistliche Gesänge „der Braut Christi zu ihrem Bräutigam“, also die religiöse Allegorie des Mittelalters. Er wählte Motive und Einkleidungen aus der Gesellschaftslyrik, aus dem modischen Schäferspiel und der galanten Liebesdichtung, ebenso aus dem volkläufigen Lied, auch die lateinische Hymnik, das Kirchenlied beider Bekenntnisse verwertet er. Aber diese äußere Gestalt darf nicht hinwegtäuschen über den Ernst des inneren Anliegens. Die Seele, das innerste Ich des Menschen, tritt aus ihrer Abgeschiedenheit hervor; ihr Suchen, ihre Stimmungsvielfalt wird ausgemalt auf dem Wege zur göttlichen Vereinigung. An den weltlichen Formen entzündet sich des Dichters Leidenschaft und schwingt aus in religiös kühnen Bogen. Der Gott-Liebende steht im Mittelpunkt und spricht von sich, von seinem Sehnen, von seiner Trostlosigkeit, von seinem Jubel und Glück. Mittelalterliche Jesusmystik und Nonnenliebe ist zu barockem Leben erwacht. Eine schwärmerisch gesteigerte Christlichkeit, eine Gottleidenschaft macht sich in den sorgfältig ziselierten, verzierlichten Liedern Luft und schlägt die Brücke zu Stil, Wortwahl und Empfindsamkeit des Pietismus und der Herrnhuter, bis hin zu Johann Sebastian Bachs Kantaten.

    A. gehörte anfangs nach Neigung und Umgebung zu den Stillen im Lande. Nach dem Übertritt, im ständigen Verkehr mit Jesuiten, wird er durch deren Grundsätze und Erfolge tief beeindruckt. Ihm wird klar, daß eine Verwirklichung des Gottesreiches in dieser Welt möglich ist in der Gestalt der katholischen Kirche. Mit der väterlich ererbten Heftigkeit ergreift er nun dies Ziel: die Welt wieder katholisch zu machen. Seine vorher jenseits gerichtete Inbrunst wird damit zum kämpfenden katholischen Weltwollen. Bewußt tritt er ein in die Reihen der ecclesia militans. Aus dieser Richtung ist sein letztes dichterisches Werk zu erklären: die „Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge“ (1675). Bewußt greift er zum volkstümlichen Vers, zur grotesk-drastisch-übertreibenden, gräßlich-realistischen Schilderung in der Ausmalung von Hölle und Qualen, denen die sinnlich-heitere, handfeste Freude des Himmels und seiner Gaben gegenübersteht. Hier wird Ewigkeitssehnsucht säkularisiert. Im zeitgenössischen Drama, im Roman, in der Malerei sehen wir die gleichen Erscheinungen. Allerdings bedeutet dies letzte Werk A.' formal wie gehaltlich ein Absteigen von den geistigen Höhen, die einst der junge begeisterungsfreudige Alliebende Gottmensch im „Cherubinischen Wandersmann“ erklommen hatte.

    Im Tiefsinn und in der Gotterfülltheit wird A. fortleben als einer der edelsten Vertreter einer Religiosität, die Höheres erkennt als Dogmengerechtigkeit. Von der Jesusliebe beseelte Lieder, wie „Mir nach, spricht Christus unser Held“, dauern in den Gesangbüchern beider Bekenntnisse fort; tiefer griff er in das Herz des deutschen religiösen Menschen mit den Sinnsprüchen des „Cherubinischen Wandersmanns“, in denen er ort- und zeitlose Göttlichkeit in sprachlicher Unbedingtheit zum Ausdruck brachte: „Wenn Gott sich mit mir Mensch vereinigt und verbindt, So sieht der Anbeginn, daß er sein Ende findt“.

  • Werke

    Sämtl. poet. W u. eine Ausw. aus seinen Streitschrr. mit einem Lehensbild hrsg. v. G. Ellinger, 2 Bde., 1923;
    Sämtl. poet. W., hrsg. v. H. L. Held, 3 Bde., 1922–23, 31949-52;
    Cherubin. Wandersmann, hrsg. v. W. Bölsche, 1905, hrsg. v. W. E. Peukert, 1939.

  • Literatur

    ADB I;
    A. Kahlert, A. S., Eine lit.-hist. Unters., 1853;
    Goedeke III, 1887, S. 197 f.;
    Knoblich, Ein Nachtrag z. d. Biogrr. d. schles. Dichters Dr. J. Scheffler, gen. A. S., …, in: Ztschr. d. Ver. f. Gesch. u. Altertum Schlesiens, Bd. 8, 1867, S. 191 bis 195;
    R. v. Kralik, A. S. u. d. christl. Mystik, 1902;
    ders., J. Sch. als kath. Apologet u. Polemiker, 1913;
    G. Ellinger, A. S., Ein Lebensbild, 1927;
    ders., Zur Frage nach d. Qu. d. „Cherubin. Wandersmanns“, in: ZDP, Bd. 52, 1927, S. 127 ff.;
    ders., Zur Beurteilung d. “Cherubin. Wandersmanns“, in: Ztschr. f. dt. Bildung, Bd. 5, 1929, S. 80 ff.;
    H. Gies, Ein Dichter u. Mystiker d. Barock, in: Lit. wiss. Jb. d. Görresges. 3, 1928, S. 129 ff.;
    ders., Eine lat. Qu. z. Cherubin Wandersmann“ d. A. S., 1929;
    W. Köhler, A. S., 1929;
    M. L. Wolfskehl, Die Jesusminne in d. Lyrik d. dt. Barock, 1934;
    Frels, 1934;
    R. Neuwinger, Die dt. Mystik unter bes. Berücksichtigung d. „Cherubin. Wandersmanns“, 1937;
    M. H. Godecker, A. S.s personality through his Ecclesiologia, Washington 1938; s. a.
    Körner.

  • Portraits

    Gem. v. unbek. Künstler, nach 1677 (Kloster Grüssau/Schlesien).

  • Autor/in

    Wolfgang Stammler
  • Empfohlene Zitierweise

    Stammler, Wolfgang, "Angelus Silesius" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 288-291 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118503111.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Angelus Silesius, mit seinem Vaternamen Johann Scheffler, eine der interessantesten Persönlichkeiten unter den mystischen Dichtern und Convertiten, geb. 1624 zu Breslau, wohin sein Vater, Stanislaus Scheffler, Herr zu Borwicze im Königreich Polen, gezogen war, und 9. Juli 1677. Der Knabe besuchte das St. Elisabeth-Gymnasium, an welchem die litterarisch und poetisch bekannten Lehrer Elias Major und Christoph Coler wirkten. Verschiedene seiner Gelegenheitsgedichte sind aus dieser Zeit erhalten, zeichnen sich aber höchstens durch einen gewissen Fluß der Sprache aus. In der sonderbaren Aufführung von Coler's „Maienlust“ vom 22. Mai 1642, die Coler selbst in langem Programm beschrieben hat, hatte Scheffler die Nachtigall, Andreas Scultetus die Waldlust übernommen; Andere stellten die Flora, den Garten, die Rose, Lilie u. s. w. dar. 1643 bezog Scheffler als Mediciner die Universität Straßburg. Von den nächsten Jahren verbrachte er seiner eigenen Aussage gemäß zwei Jahre in Leyden. Ob schon von Kindheit an mystische oder sonst sectirerische Einflüsse auf ihn gewirkt haben, steht dahin. Wahrscheinlich ist er erst in Holland durch den schlesischen Theosophen Abraham von Franckenberg zum Studium der von Franckenberg in Abschrift nach Holland gebrachten Werke Jak. Böhme's und in die mystische Strömung gekommen. Böhme nennt er später „Ursache, daß er zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen und sich zur katholischen Kirche bekannt habe“. 1647 ging er der Sitte der schlesischen Mediciner gemäß nach Padua wo er im nächsten Jahre den Doctorgrad „mit höchsten sonderlichen Ehren“ erlangte. In die Heimath zurückgekehrt, wurde er 1649 Leibarzt bei dem streng lutherischen Herzog Sylvius Nimrod von Würtemberg-Oels zu Oels. Als 1650 Franckenberg nach Schlesien zurückkehrte und in der Nähe von Oels seinen Wohnsitz nahm, entspann sich wieder zwischen den alten Freunden der regste geistige Verkehr. Doch starb Franckenberg schon 1652. Scheffler dichtete ihm das „Ehrengedächtniß“, sein erstes Gedicht, das für die spätere Richtung bedeutsam ist. Ende des Jahres gab er seine Stellung als Oels'scher Leib- und Hof-Medicus auf; im Juni 1653 trat er zur katholischen Kirche über. Dabei nahm er nun den Namen Angelus an und nannte sich in der Folge in seinen Dichtungen Johann Angelus Silesius (der Schlesier). Der Mystiker fühlte sich von dem damals herrschenden starren, harten, dogmatischen Protestantismus in tiefster Seele abgestoßen und erbittert. Er sah in ihm „Abgötterei der Vernunft", einen Satzglauben, den Jeder sich anders auslegte. Seinem schwärmerischen, zur mystischen Versinnlichung drängenden Wesen kam dagegen in jeder Weise der damalige Neukatholicismus entgegen. In den „Gründlichen Ursachen und Motiven“ 1653 läßt Scheffler uns die wirkenden Beweggründe seines Uebertritts erkennen; nur muß man vielleicht noch dazu die Empörung und den brennenden Eifer eines mystisch „Begnadeten“ rechnen, dem die Censur der protestantischen Geistlichkeit jede ungetrübte Wirkung versagte. Ein Motiv seines Austritts aus der lutherischen Kirche ist „die freventliche Verwerfung der ihnen (den Lehrern insgemein) ganz unerkannten, geheimen, mit Gott gemeinschaft — Kunst (Theologiae mysticae), welche doch der Christen höchste Weisheit ist". Die Lehre von der Verwerfung der Askese, des beschaulichen Lebens, der guten Werke etc. widersteht ihm bei den Protestanten. Die katholische Kirche, „die nicht allein mit den Heiligen im Gebet communicirt, sondern auch der persönlichen Erscheinung und Besuchung geneust“, ist ihm „der Leib des heiligen Geistes“, der nur aus seinem eigenen Leibe reden könne. Es war die Blüthezeit der Proselytenmacherei, namentlich in Schlesien, wo sie von Wien aus in jeder Weise durch Anstellungen, Beförderungen etc. der Bekehrten unterstützt wurde. Auch Joh. Scheffler erhielt 1654 zur Entschädigung für seine niedergelegte Leibarzt-Stelle den Titel und die Privilegien eines Hofmedicus des Kaisers. Doch lagen ihm grob-äußerliche Motive fern, wie er denn in dieser Beziehung durch seinen Uebertritt seine Stellung eher verschlechterte, als verbesserte. 1657 erschienen, vielleicht früher von der lutherischen Cenfur beanstandet, seine Hauptdichtungen, beide mit Erlaubniß der katholischen Censur: „Geistreiche Sinn und Schlußreime", bekannter unter dem Namen der 2. vermehrten Auflage als „Cherubinischer Wandersmann“ und: „Heilige Seelenlust oder Geistliche Hirtenlieder der in ihren Jesum verliebten Psyche“, Dichtungen, die zum Bedeutendsten in ihrer Art gehören. Dort ist es die theosophische Versenkung der Seele in das göttliche Wesen als Allheit, hier verzückt sich die Seele in Christus hinein. Mit specieller Beziehung auf den Cherubinischen|Wandersmann hat schon Leibnitz auf den Parallelismus hingewiesen, der in den Mystikern der Monopsychiten und in Spinoza's Lehre sich finde. Bei jenen die All-Seele, der Ocean gleichsam des einen göttlichen Wesens, aus dem die Einzelseelen gleich Tropfen kämen, in den sie zurückkehrten und mit dem sie wieder verschmölzen, in jedem Tropfen, dem Theil des Alls, das All sich spiegelnd. Bei Spinoza die eine Weltensubstanz und die individuellen Seelen nur deren vorübergehende Modificationen. Hier die philosophisch mathematische, dort die psychisch-mystisch gefaßte Einheit. Im „Cherubinischen Wandersmann“ fesselt bei überraschend schöner, präciser Sprache dieser Spruchdichtung die Milde, Ruhe und Tiefe des darin zu immer neuen poetisch-krystallinischen Formen wie von selbst zusammenschießenden Pantheismus. Gedanke um Gedanke in Formung um Formung wächst empor, löst sich ab: es giebt kaum Tiefsinnigeres und Interessanteres auf diesem Gebiete. Dagegen herrscht in der Psyche das verzückte Drängen und Sehnen vor, bald inbrünstige, weiblich süße, bang zitternde Verquickung, dann wieder eine jubilirende, in brausendem Sturm gleichsam durch die Himmel reißende Seligkeit, der das Wort kaum genügt und die zu Musik werden will. Neben wunderbar Schönem, wie es nur dem echtesten Dichtergeist entströmen kann, finden sich freilich auch alle Mängel dieses poetischen (italienischen und Jesuiten-) Barockstils. Sie zeigen dann den Dichter so süßlich, widerlich geschmacklos, hysterisch liebesbrünstig, auch schwülstig und hohl wie die Meisten seiner Genossen. Die einfacheren Lieder erinnern in Ton und Bild (auch in Einzelheiten) an Paul Fleming. Selbst die beiden später hinzugefügten Bücher mit ihrem Heiligen- und Maria-Inhalt treten nicht sehr aus dem allgemein christlichen Rahmen und Katholiken und Protestanten konnte die Psyche Gemeingut sein. Letztere behaupteten, daß sie wie der Cherub. Wandersmann noch vor dem Uebertritt zum Katholicismus gedichtet sei. Je nach der herberen oder weicheren Richtung im Protestantismus sind Scheffler's Lieder der Psyche fortan mißgünstig oder günstig angesehen und aus protestantischen Gesangbüchern entfernt oder für dieselben benützt worden.

    Im Febr. 1661 wurde Scheffler Minorit; im Mai erhielt er die Priesterweihe. 1664 wurde er von seinem Gönner, dem Fürstbischof von Breslau und Neiße Sebastian von Rostock (einem Bürgerssohn aus Grottkau) zum fürstbischöflichen Marschall oder obersten Hofmeister und Rath ernannt. Aus dem tiefsinnigen, weihevollen Mystiker ward nun der fanatische, wie von innerlicher Streit- und Bekehrungs-Gluth und Wuth umgetriebene Feind des Protestantismus, der weitgehendste Eiferer und sophistische Vertreter des Papstthums der jesuitischen Auffassung, dessen Art und Folgerungen einige in heutiger Zeit vielleicht interessante Sätze zeigen mögen:

    „Daß aber der Papst ein Gott sei und mit Recht so genannt werde, bezeugt die Schrift, welche die Obrigkeit Götter nennt ..... Weil dann nicht erwiesen worden, daß sich ein einiger Papst einen Gott genannt hat, ob er zwar einer ist und auch von Kaiser und Königen dafür gehalten worden etc.“

    Gleich seine erste große Streitschrift „Türkenschrift“ 1663 zog ihm durch den Reichsfiscal eine Anklage beim römischen Reich als Meutemacher, Friedensstörer, Majestät-Lästerer, blutdürstiger Geist etc. zu (auf Leib und Leben, wie er an einer Stelle sagt). Seine Hauptbeschäftigung blieb fortan die litterarische Fehde, sodaß er in 12 Jahren 55 zum Theil sehr umfangreiche Streitschriften herausgab, von denen er später auf des Abts Bernhard Rosa Antrieb 39 auswählte, die 1677 gesammelt in der „Ecclesiologia“ erschienen und uns einen tiefen Einblick in Scheffler, den Fanatiker und zelotischen Proselyten, wie in die ganze, nach diesen Richtungen bewegte Zeit geben. Wunderbarer Weise ist in den vermehrten Ausgaben des „Cherubinischen Wandersmanns“ und der „Psyche“,|so wie in der „Evangelischen Perle“ 1675, einer Uebersetzung der „Margarita evangelica“ der alte Gekst dieser Dichtungen rein erhalten. Anders freilich ist die „Sinnliche Beschreibung der 4 letzten Dinge“ 1675, ein so rohes, geschmackloses, bis zum Ekelhaften gehendes poetisches Machwerk, daß man den früheren Dichter darin nicht wiedererkennen kann. Doch ward dieser rohsinnliche Bänkelsängerstil in der Jesuitendichtung augenscheinlich oft mit Vorbedacht angewandt, wo man auf die Wirkung bei der großen, stumpfen und dumpfen Masse speculirte.

    Wenn Scheffler in den Streitschriften oft die tiefen Gegensätze trifft und für seine Glaubens- und Weltanschauung in der rhetorischen und sophistischen Weise jener Zeit oder mit populärer Geschicklichkeit in einer Weise kämpft, daß sein Wissen wie seine brennende Ueberzeugung ihn auch hierin höchst bedeutend erscheinen lassen, so zeigt er sich andererseits wieder so unduldsam gefährlich, so krankhaft verrannt, so bis zum Unbegreiflichen läppisch (z. B. in der „Christenschrift"), daß es nicht Wunder nimmt, daß seiner eigenen Aussage gemäß die gemäßigten Katholiken selbst ihn scheel ansahen und er „durch eine ganze Völkerschaft als der ärgste Schelm und Bube ausgetragen und durchgezogen“ wurde, auch der Spott und die Grobheit und Gemeinheit der groben Zeit sich über ihn als „Phantasten, Mamelucken, Idioten und Narren“ ergoß.

    Scheffler zog sich, nachdem er seine Stelle als Hofmeister und Rath niedergelegt hatte, in den letzten Jahren seines Lebens ganz ins Stift der Kreuzherren zu Mathias zurück. Nach jahrelangen Leiden starb er daselbst 9. Juli 1677. (Die beste Satire gegen ihn, die reine Mephistopheles-Scene Scheffler's mit einem Schüler, ist wohl der „Gülden-Griff.")

    Die Identität von Scheffler und Ang. Silesius war weder seiner Zeit noch später Allen bekannt. Die geistige Verschiedenheit in den Streitschriften und den schönen Poesien ist in der That oft kaum zusammenzureimen. Darauf hin suchte Dr. W. Schrader 1853 ("Ang. Silesius und seine Mystik") den Beweis anzutreten, daß Ang. Silesius und Scheffler nicht identisch sein. Sonderbarer Weise übersah er wie des Ang. Silesius Biograph Kahlert in der Widerlegung das eigene Zeugniß Scheffler's: „Daß ich auch ... mit großer Gewalt aus der anmuthigen Innigkeit (von welcher die in ihren Jesum verliebte Psyche und der Cherubinische Wandersmann sambt andren Zeugen) habe herausziehn müssen und wirken können ..“

    • Literatur

      C. Fr. Gaupp: Die römische Kirche etc. 1840. Dr. Patricius Wittmann: Ang. Sil. als mystischer Dichter und Polemiker 1842. A. Kahlert: Angelus Silesius. Eine litterarhistorische Untersuchung 1853. Dazu als Ergänzung: Hoffmann v. F. Weimarsche Jahrb. I. Das Verzeichniß der Werke, Auflagen, Ausgaben etc.: Goedeke, Grundriß, Buch V. §. 188.

  • Autor/in

    Lemcke.
  • Empfohlene Zitierweise

    Lemcke, Ludwig, "Angelus Silesius" in: Allgemeine Deutsche Biographie 1 (1875), S. 453-456 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118503111.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA