Lebensdaten
1715 – 1777
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Musiker ; Komponist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118770616 | OGND | VIAF: 54334130
Namensvarianten
  • Wagenseil, Georg Christoph
  • Vagenseil, Cristoforo
  • Vagenzail
  • mehr

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Zitierweise

Wagenseil, Georg Christoph, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118770616.html [21.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Rudolf Matthias (1678–1740), Handelsmann, übersiedelte aus Regensburg n. W., ksl. Niederlagsverwandter, S d. Rudolf (1646–1710), Kanzleisubstitut, Ger.- u. Stadtschreiber in Kaufbeuren, flüchtete n. Regensburg;
    M Anna Maria (1685–1746), T d. Christoph Maus ( 1720), ksl. Hof-Keller-Binder;
    2 B (1 früh †) Johann Nepomuk Ignaz Jakob (1721–84), Jesuit in W. u. Siebenbürgen, 2 Schw Anna Eleonora Klara (* 1713), Maria Theresia Polixena (1719–62), beide Ordensfrauen in W.;
    Verwandte Johann Christoph (s. 1), Christian Jakob (1756–1839), Schriftst. (s. ADB 40; Augsburger Stadtlex.; Killy), S d. Philipp Jakob (II), Kattunfabr., Weinhändler in Kaufbeuren.

  • Biographie

    Seine musikalische Ausbildung begann W. bei dem Organisten der Wiener Hofpfarrkirche St. Michael, Johann Adam Wöger (auch Weger, v. 1690–n. 1755). Schon früh erkannte Hofkapellmeister Johann Joseph Fux (1660–1741) W.s musikalisches Talent; neben dem Hoforganisten Gottlieb Muffat (1690–1770) und dem Hofkomponisten für Gesangskunst a capella Matteo Palotta (1688–1758) erteilte er ihm Unterricht in Klavier, Orgel, Kontrapunkt und Komposition. 1736 wurde W. auf Fürsprache von Fux, dem er zeitlebens eng verbunden blieb, als unbesoldeter „Hofscholar in der Composition“ am Wiener Kaiserhof aufgenommen; dem Wunsch seiner Eltern nach einem Studium der Rechte entsprach er nicht. Seine Bemühungen um eine Anstellung am Dresdner Hof 1738 anläßlich der Hochzeit Prn. Maria Amalias mit Kg. Karl von Sizilien blieben erfolglos. 1739 erhielt W., wiederum auf Betreiben von Fux, die – erstmals besoldete – Position des Hofkompositors in Wien. Seit März 1741 war er zudem mit einem Jahresgehalt von 600 fl. als Organist der neu gegründeten Hofkapelle von Elisabeth Christine (1691–1750), der Witwe Ks. Karls VI., tätig, die jedoch mit deren Tod aufgelöst wurde. Als Mitglied der Hofkapelle nahm W. im Okt. 1745 an der Kaiserkrönung Franz I. in Frankfurt/M. teil. Im selben Jahr reiste er zur Aufführung (UA?) seiner Oper „Ariodante“ nach Venedig, 1749 / 50 nach Mailand zur Aufführung von „Demetrio“, wo er auch die Bekanntschaft mit Johann Christian Bach (1735–82) machte. Seit Nov. 1749 unterrichtete W. als „Hofklaviermeister“ die „gesamten durchlauchtigsten ertzhertzog. jungen Herrschaften“ und erhielt dafür weitere „Instructions-Gelder“. Ein Zeugnis dieses Unterrichts sind vier gedruckte Divertimentosammlungen op. 1–4, die W. den Erzherzoginnen Maria Anna, Maria Christina, Maria Elisabeth und Maria Amalie widmete (1753, 1755, 1761 u. 1764). Die letzten Lebensjahre W.s waren von Krankheit geprägt. Spätestens seit seiner einseitigen Lähmung 1765 zog er sich als Klaviervirtuose und Komponist zurück, arbeitete aber weiterhin als Pädagoge.

    W., der als 18jähriger erste Klavierstücke verfaßt hatte, wandte sich am Wiener Hof vornehmlich der Kirchenmusik zu: Als junger Hofscholar erlebte er 1736 in der Laxenburger Schloßkapelle die Aufführung (UA?) seiner „Missa spei“, der im folgenden Jahr weitere acht Aufführungen von Kirchenkompositionen im traditionellen Stil seines Lehrers Fux folgten. Mit seinem Aufstieg als Hofkomponist erschien sein erstes gedrucktes Werk, die „sechs Suiten und Partien“ für Cembalo (1740); gleichzeitig wandte er sich auch der Oper zu. Hier übte er bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung des dt. Singspiels aus. Sein Ruf als Pädagoge zeigt sich auch darin, daß seine Beispielsammlung „Suavis artificiose concentus musicus“ als Anhang des „Tractatus musicus“ des Musiktheoretikers Meinrad Spieß (1683–1761) veröffentlicht wurde (1745); sein „Fondamento per il Clavicembalo“ entstand etwa zur selben Zeit und war ein Vorreiter von Klavierschulen für Anfänger im Kindesalter. Die noch vor Leopold Mozart, ebenfalls im Augsburger Verlag Lotter 1751 veröffentlichte Violinschule „Rudimenta panduristae, Oder: Geig-Fundamenta“ stammt wohl nicht von W.; Leopold Mozart verwendete jedoch Stücke von W. für seinen heimischen Instrumentalunterricht.

    W. gilt als bedeutendster Vertreter der Wiener Vorklassik. Seine Kirchenmusikkompositionen sind eher konservativ; hier folgte er der Kontrapunktik von Fux und setzte Zinken sowie solistische Instrumente ein, die in der weltlichen Musik am Wiener Hof längst nicht mehr verwendet wurden. In den musikdramatischen Werken, welche die Zeit zwischen 1745 und 1755 dominierten und vornehmlich für Namenstage und andere Festivitäten des Hofes bestimmt waren, fungierte W. als Wegbereiter der Reformen Christoph Willibald Glucks (1714–87). Zwar folgte er hinsichtlich der Orchesterbesetzung auch hier der Tradition von Fux und Caldara (regelmäßiger Einsatz von Trompeten und Pauken), der Orchestersatz ist jedoch durch seine galante Oberstimmenführung, Tonrepetitionen und dynamische Differenzierungen eher neapolitan. geprägt. In der Gestaltung der Vokalpartien wandte er sich vom traditionellen Modell (Da capo-Arie, Rezitativ) ab, führte eine volkstümliche Arie nach Art des Singspiels ein und entwickelte eine einzigartige große Form von Arie, Ensemble, Rezitativ|und Chor (Euridice, 1750). Seine frühen Sinfonien entstammten zunächst vornehmlich aus den Opern, entwickelten sich seit 1755 aber zu größeren eigenständigen Konzertstücken mit drei Sätzen für eine drei- oder vierstimmige Streicherbesetzung, die durch Oboen, Flöten, Hörner, Trompeten und Pauken ergänzt werden konnten. Auch hier läßt sich v. a. die Verwendung von dynamischen Kontrasten verfolgen. Zwischen 1755 und 1765 avancierte W. durch die offensive Kunst-, Wissenschafts- und Kulturpolitik des Staatskanzlers Wenzel Anton Fürst Kaunitz-Rietberg (1711–94) zum Hauptrepräsentanten der österr. Musik im Pariser Konzert- und Musikverlagswesen mit Instrumental- und Kammermusik; seine Werke wurden in den Pariser Salons und Concerts spirituels gespielt. In seinen Klavierwerken, die sein gesamtes musikalisches Œuvre begleiten und zu den wichtigsten Bestandteilen seines Schaffens zählen, vollzog W. den Stilwandel von barocken Suiten (Fux, Händel) bis zur klassischen Sonatenform des jungen Haydn.

    W. genoß großes Ansehen bei seinen Zeitgenossen, so bei Abbé Maximilian Stadler (1748–1833) und Christian Schubart (1739–91). Seine auf Fux basierenden Lehrmethoden lebten durch seine zahlreichen Schüler fort, darunter Franz Xaver Duschek (1731–99), Leopold Hofmann (1738–93) und der Beethoven-Lehrer Johann Baptist Schenk (1753–1836). Seine Bedeutung findet sich v. a. in der Vermittlung zwischen dem Generalbaßzeitalter, in dem er durch seinen Lehrer Fux verwurzelt war, und der Wiener Klassik Haydns, Mozarts und Beethovens, die er durch seine Kompositionen und Lehrmethoden indirekt oder direkt prägte.

  • Auszeichnungen

    | W.gasse in Wien-Meidling (1912).

  • Werke

    Weitere W u. a. Vokalmusik: Messen;
    Requiem;
    Oratorien (Gioas, re di Giuda, Text: P. Metastasio, 1755;
    La redenzione;
    Text: P. Metastasio, 1755;
    Il roveto di Mose, Text: A. Pizzi, 1756);
    liturgische Gesänge u. geistl. Arien (Marienantiphonen, Offertorien, Hymnen, Gradualia, Sequenzen, Introitus u. Cantica);
    Kantaten, Duette, Arien;
    Bühnenwerke: La Clemenza di Tito, Text: P. Metastasio, 1746;
    Alessandro nell’Indie, Text: P. Metastasio, 1748;
    Il siroe, Text: P. Metastasio, 1748;
    L’Olimpiade, Text: P. Metastasio, 1749;
    Antigone, Text: P. Metastasio, 1750;
    Vincislao, Text: A. Zeno, 1750;
    Andromeda, Pasticcio mit Galuppi, Hasse, Bernasconi, Händel, Jommelli, Abos u. Saro, 1750;
    Armida placata, Pasticcio (?), 1750;
    Euridice, Pasticcio (?), 1750 (Faks.: Italian Opera 1640–1770, Bd. 75, hg. v. H. M. Brown, 1983);
    Le cacciatrici amanti, Festa teatrale, Text: G. Durazzo, 1755;
    Prometeo assoluto, Serenata, Text: G. Migliavacca, 1762;
    Instrumentalmusik: ca. 100 Symphonien (Hss., zeitgenöss. Drucke sowie Anthologien);
    3 Konzerte f. Flöte, 2 Violinen, Violine, Violoncello (1752, 1763), Fagott, Posaune, 7 Konzerte f. 2 Cembali;
    ca. 100 Konzerte f. Cembalo, Konzert-Arrangements für 2 / 4 Cembali;
    Kammermusik: Divertimenti, Partiten, Streichquartette, -trios, Sonaten;
    Klaviermusik: Divertimenti, Sonaten, Partiten.

  • Literatur

    |ADB 40;
    Ignaz de Luca, Nekrolog, in: Ksl.-Kgl. (…) Realztg. d. Wiss., Künste u. Kommerzien, Wien v. 23. 9. 1777 (erste biogr. Würdigung);
    J. B. Schenk, Autobiogr., in: Stud. z. Musikwiss. 11, 1924, S. 78;
    W. Vetter, Ital. Opernkomponisten um G. C. W., in: FS Fr. Blume, 1963, S. 363–74;
    H. Scholz-Michelitsch, Das Klavierwerk v. G. C. W., Themat. Kat., 1966;
    dies., Das Orch.- u. Kammermusikwerk v. G. C. W., Themat. Kat., 1972;
    dies., G. C. W., Hofkomp. u. Hofklaviermeister d. Ksn. Maria Theresia, 1980;
    Gerber;
    Wurzbach;
    Eitner;
    Riemann mit Erg.bd.;
    MGG (W-Verz.);
    MGG² (W-Verz.);
    New Grove;
    New Grove²;
    Kosch, Theater-Lex.;
    ÖML.

  • Autor/in

    Ulrike Aringer-Grau
  • Zitierweise

    Aringer-Grau, Ulrike, "Wagenseil, Georg Christoph" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 200-201 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118770616.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Biographie

    Wagenseil: Georg Christoph W., Clavierspieler und Componist, geboren zu Wien am 15. Januar 1715, ebenda am 1. März 1777, war ein Schüler von Wöger, Fux und Palotta, wurde Hofcomponist und Musikmeister der kaiserlichen Familie und galt zu seiner Zeit für einen der hervorragendsten Tonkünstler Wiens. In seinen Compositionen, von denen nur ein kleiner Theil gedruckt wurde, zeigt er sich als Nachahmer von Hasse, Scarlatti und Rameau. Bedeutender war er als Clavierspieler, als welcher er sich eine feurige und glänzende Virtuosität bis in seine letzten Lebensjahre bewahrt hatte.

  • Autor/in

    E. Mandyczewski.
  • Zitierweise

    Mandyczewski, E., "Wagenseil, Georg Christoph" in: Allgemeine Deutsche Biographie 40 (1896), S. 481 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118770616.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA