Lebensdaten
1748 bis 1833
Geburtsort
Melk (Niederösterreich)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Benediktiner ; Komponist ; Musikhistoriker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11875243X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Abbé Stadler (genannt)
  • Stadler, Johann Karl Dominik (Taufname)
  • Stadler, Maximilian
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Zitierweise

Stadler, Maximilian, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11875243X.html [23.05.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl (1725–1801), Bäcker u. Marktrichter;
    M N. N.;
    Ov (?) Joseph (1724–77), Hofkapellsänger u. Kapellmeister d. Oberen Jesuiten in W. (s. Mozart-Jb. 1964, S. 172); 8 Geschw.

  • Leben

    Nach zwei handschriftlich überlieferten Autobiographien erhielt S. ersten Musikunterricht bei Johann Leitner, Bassist in Melk, wurde 1758 Sängerknabe im Zisterzienserstift Lilienfeld und vertiefte den Orgel- und Generalbaßunterricht durch Studien beim damaligen Melker Stiftsorganisten Johann Georg Albrechtsberger. 1762–65 besuchte S. die lat. Schule der Jesuiten in Wien, half als Organist am Dom St. Stephan aus und trat 1766 als Novize in das Stift Melk ein. 1772 zum Priester geweiht, lehrte er 1775–83 Theologie in Melk, war 1783 Kaplan an der Stiftspfarrkirche Wullersdorf und 1784–86 Prior in Melk.

    Im Zuge der josephin. Klosterreformen wurde S. 1786 vom Kaiser persönlich zum Komendatarabt in Lilienfeld ernannt und 1789 in gleicher Funktion an das Stift Kremsmünster berufen, wo er die Verlegung der Astronomiestudien nach Linz verhinderte und sich mit Aufführungen von Opern, Oratorien und Kammermusik um die Musikpflege verdient machte.

    1791 ging S. als Konsistorialrat des Bf. Joseph Anton Gall (1748–1807) nach Linz. Seit 1796 lebte er in Wien, wo er sich als Privatier für einige Zeit ganz der Musik widmete. Für Hauskonzerte arrangierte er Stücke aus Opern W. A. Mozarts und Ch. W. Glucks für Streichsextett; 1798 wurde er von Constanze Mozart und Georg Nikolaus Nissen bei der Ordnung von Mozarts Nachlaß hinzugezogen. 1803 übernahm S. die Pfarrstelle in Altlerchenfeld in der Wiener Vorstadt, 1810 diejenige von Böhmischkrut (Großkrut, Niederösterr.), bat aber 1815 aus gesundheitlichen Gründen um seine Entlassung. Nach Wien zurückgekehrt, erholte er sich und lebte bis zu seinem Tod hochangesehen als Musiker und Musikgelehrter.

    Zu S.s Bekanntenkreis gehörten viele namhafte Musiker und Musikgelehrte der Zeit, wie z. B. Albrechtsberger, Haydn, Beethoven, Schubert, Ignaz v. Mosel oder Simon Sechter. Mit Mozart, den er schon als 10jährigen in Melk kennengelernt hatte, pflegte S. in Wien nach eigenen Angaben freundschaftlichen Umgang. Das unvollendet gebliebene Projekt seiner „Materialien zur Geschichte der Musik unter den österr. Regenten“ stellt den ersten Ansatz einer nationalen Musikgeschichte Österreichs dar. Im Zusammenhang mit seinen Studien fertigte S. Transkriptionen von Werken des 15. und 16. Jh. an (u. a. von Josquin de Prez, Jacob Obrecht u. Johannes Ockeghem), die teilweise in der Wiener „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ gedruckt wurden.

    Als Komponist erzielte S. seinen größten Erfolg mit dem Oratorium „Die Befreyung von Jerusalem“, das in Wien uraufgeführt und in mehreren Städten wie z. B. Prag, Dresden|und Zürich nachgespielt wurde. Bekannt als hervorragender Kontrapunktiker, wurde er als Organist und Pianist gleichermaßen geschätzt. Im Zuge seiner Beschäftigung mit Mozarts nachgelassenen Werken hat S. einige Fragmente Mozarts ergänzt (u. a. Kyrie KV 296 a, Violinsonaten KV 402 u. 403), vermutlich bot ihm Constanze auch die Vollendung des Requiems an, bevor sie schließlich F. X. Süßmayr (1766–1803) mit der Aufgabe betraute. Es existieren insgesamt drei Teil-Abschriften des Requiems von S.s Hand, darunter eine Kopie des Offertorium-Fragments, in der S. die fehlenden Instrumentalstimmen ergänzt hat. Auf den von Gottfried Weber 1825 erhobenen Vorwurf, das Werk stamme nicht von Mozart, reagierte S. mit drei Verteidigungsschriften.

  • Auszeichnungen

    A u. a. Titularkanonikus (Linz 1804); Ehrenmitgl. d. Ges. d. Musikfreunde in Wien (1826) u. d. Musikver. f. Steiermark; Diplom d. Schweizer Musikver. (1829); – Gedenktafel am Geb.haus in Melk.

  • Werke

    Weitere W u. a. Komp.:4 Messen, Requiem F-Dur u. Requiem c-Moll, Te Deum, Klaviermusik (u. a. Fugen, Sonatinen u. Würfelmenuette); – W-Verz.
    in MGG2, Grove2 u. in Autobiogrr.: Verz. musikal. Schmierereien (Ms., Ges. d. Musikfreunde Wien);
    2. Autobiogr. (Musik-Archiv d. Benediktinerabtei Göttweig, vgl. G. Croll, s. L); – Schrr.:
    Vertheidigung d. Echtheit d. Mozartischen Requiem, 1826;
    Nachtrag z. Vertheidigung d. Echtheit d. Mozart`schen Requiem, 1827;
    Zweyter u. letzter Nachtrag z. Vertheidigung, 1827;
    Materialien z. Gesch. d. Musik unter d. österr. Regenten (Ms., Österr. Nat.bibl., Wien).

  • Literatur

    L ADB 54;
    I. Mosel, Nekr. d. gr. Tonsetzers Herrn Abbé M. S., in: Zs. f. Kunst, Lit., Theater u. Mode, Nr. 149 u. Nr. 150, 1833, S. 1213–16 u. 1221–27;
    H. Sabel, M. S. u. W. A. Mozart, in: Neues Mozart-Jb. 3, 1943, S. 102–12;
    R. Haas, Abt S.s vergessene Selbstbiogr., in: Mozart-Jb. 1957, 1958, S. 78–84;
    L. Finscher, M. S. u. Mozarts Nachlaß, ebd. 1960/61, 1961, S. 168–72;
    G. Croll, Eine zweite, fast vergessene Selbstbiogr. v. Abbé S., ebd. 1964, 1965, S. 172–84;
    W. Senn, Abbé M. S., Mozarts Nachlaß u. d. Unterrichtsheft KV 453b, ebd. 1980/83, 1983, S. 287–98;
    Karl Wagner, Abbé M. S., Seine Materialien z. Gesch. d. Musik unter d. österr. Regenten, 1974 (Bibliogr., P);
    Requiem, W. A. Mozart 1791/ 1991, Ausst.kat d. Musikslg. d. Österr. Nat.bibl., bearb. v. G. Brosche, J. Gmeiner u. Th. Leibnitz, 1991, bes. S. 271 ff. (P);
    J. P. Prominczel, M. S. u. seine Kirchenmusik, Dipl.arb. Wien 2005 (W-Verz. d. geistl. Werke);
    H. Hein, in: Das Mozart-Lex., hg. v. G. Gruber u. J. Brügge, 2006;
    Wurzbach;
    Riemann;
    MGG (P);
    MGG2;
    New Grove;
    New Grove2;
    Hist. Lex. Wien;
    ÖBL;
    ÖML.

  • Portraits

    P 2 Kupf. v. J. B. Pfitzer, 1813 u. 1818 (Wien, Bildarchiv d. Österr. Nat.bibl.), d. Kupf. v. 1818 abgedr. in: Wagner (s. L);
    Ölgem. e. zeitgenöss. Malers (Wien, Ges. d. Musikfreunde), Abb. in MGG, Tafel 51.

  • Autor/in

    Marion Brück
  • Empfohlene Zitierweise

    Brück, Marion, "Stadler, Maximilian" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 10-11 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11875243X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Stadler: Maximilian St. (kurz "Abbé Stadler" genannt), hervorragender österreichischer Tonsetzer, geboren am 4. August 1748 zu Melk, zu Wien am 8. November 1833. Er war der Sohn eines Bäckers und zeigte|schon als Knabe vortreffliche musikalische Anlage. Mit zehn Jahren kam er als Chorsänger in das Stift Lilienfeld, wo er in den classischen Sprachen Unterricht erhielt und Gelegenheit hatte, sich im Violin-, Clavier- und Orgelspiel zu üben, hierbei mehr seinem eigenen Talent als besonderer Anleitung folgend. Seit 1762 setzte er seine wissenschaftlichen Studien in Wien bei den Jesuiten fort und gewann in kurzer Zeit einen bedeutenden Ruf als Orgelspieler. Mit achtzehn Jahren trat er als Novize in das Stift Melk ein, studirte Philosophie und Theologie, erhielt 1772 die Priesterweihe und wurde 1775 Professor der Theologie (Moral, Kirchengeschichte und Kirchenrecht). Dabei galt er als einer der größten Clavier- und Orgelspieler der Zeit. 1786 ernannte ihn Kaiser Joseph II. zum Abbé commendataire des Stifts Lilienfeld, 1789 des Stiftes Kremsmünster. Nach Kaiser Joseph's Tode wurde er 1791 vom Bischof Gall als Consistorialrath nach Linz berufen. Seit 1796 lebte er in Wien, zunächst mit Studien zu einer "Geschichte der Tonkunst in Oesterreich" beschäftigt, dann aber (seit 1803) als Seelsorger der Pfarre Altlerchenfeld. Im J. 1810 wurde er auf die Pfarre Böhmischkrut (Niederösterreich) berufen, von der er sich nach sechs Jahren in den Ruhestand zurückzog. Diesen verbrachte er bis an sein Lebensende in Wien. Zu einer Ausarbeitung seines musikhistorischen Planes konnte er sich nicht entschließen. Unwillkürlich gewann er aber Bedeutung als Musikschriftsteller durch seine Schrift "Vertheidigung des Mozartischen Requiem" (Wien 1826, mit zwei Nachträgen von 1827), zu der er durch Gottfried Weber's Aufsätze über Mozart's Werk veranlaßt wurde. Er war Mozart's Freund, Berather der Wittwe Mozart in Beziehung auf den musikalischen Nachlaß und "dankte Gott, daß er ihn so lang leben ließ, um als 78jähriger Greis noch Zeuge der Wahrheit sein zu können".

    Das Bedeutendste leistete St. für seine Zeit als Componist. Er ist einer der hervorragendsten Zeitgenossen von Haydn, Mozart und Beethoven. Mit elf Jahren sing er zu componiren an, seine besten Werke schrieb er zwischen dem 62. und 84. Lebensjahr. Gute Vorbilder, langsam vorschreitende ruhige Entwicklung, langjährige Uebung und angeborenes, durch allgemeine Bildung wesentlich gefördertes Talent haben ihn zu einem Meister des Satzes gemacht. Seine Werke standen bei seinen Zeitgenossen im höchsten Ansehn; gleichwohl haben sie nicht die Kraft gehabt, ihn zu überleben. Denn bei aller Gediegenheit, technischen und formalen Schönheit fehlt ihnen die Genialität. Drei große und mehrere kleine Messen, ein großes und ein kleineres Requiem, drei Litaneien, zwei Te Deum, drei Magnificat, viele Graduale, Offertorien, Salve regina, Miserere, Regina coeli, Antiphonen, Responsorien u. dergl. schrieb er für die Kirche, Sonaten, Sonatinen, Präludien und Fugen sür Clavier und Orgel, eine Sonate für das Waldhorn, drei Streichquartette und andere kleinere Kammermusik; den größten Erfolg hatten seine Cantaten, Hymnen, Oden, Psalmen, Arien und Lieder (darunter die Cantate "Die Frühlingsfeier" und die Hymne "Gott"), allen voran aber sein Oratorium "Die Befreiung von Jerusalem", das als sein größtes Werk betrachtet und den Oratorien von Händel und Haydn an die Seite gestellt wurde. Diese auf einen Text der Brüder Collin gesetzte Composition wurde in Wien 1813 zum ersten Mal aufgeführt und 1816 bei einem großen Musikfeste von einem Chor und Orchester von achthundert Personen wiederholt. In einer Prachtausgabe veröffentlicht, wurde es Kaiser Franz gewidmet und bis zum Jahre 1846 in vielen größeren deutschen Musikstädten aufgeführt, so in Prag, Dresden, Berlin, Königsberg, Braunschweig, Nürnberg u. a. Stadler's Verdienste um die Tonkunst wurden durch persönliche Ehrungen aller Art vielseitig anerkannt|1780—1801 lebte er in Wien und Graz. In Wien eröffnete er eine Buch- und diese kamen aus Anlaß seines 85. Geburtstages in rührender Art zum Ausdruck. Der Nekrolog, den ihm J. F. v. Mosel in der Wiener "Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode" (December 1833) schrieb, und der die ausführlichsten Nachrichten über sein Leben nebst einem genauen Verzeichniß seiner Werke bringt, schließt mit den Worten: "Der erhabene Priesterstand verlor in ihm ein würdiges Mitglied, die Tonkunst einen ihrer vorzüglichsten Eingeweihten, seine Freunde einen gefühlvollen Theilnehmer an ihren Leiden und Freuden, die Jugend einen wohlwollenden Leiter, die Armen einen hilfreichen Vater und die gebildete Welt einen liebenswürdigen Gesellschafter".

  • Autor/in

    E. Mandyczewski.
  • Empfohlene Zitierweise

    Mandyczewski, E., "Stadler, Maximilian" in: Allgemeine Deutsche Biographie 54 (1908), S. 429-431 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11875243X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA