Lebensdaten
1814 bis 1869
Geburtsort
Aschaffenburg
Sterbeort
Würzburg
Beruf/Funktion
Chemiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117218995 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Scherer, Johann Jakob Joseph von
  • Scherer, Johann Joseph von
  • Scherer, Johann Jakob Joseph von
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Zitierweise

Scherer, Johann Joseph von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117218995.html [20.06.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Christoph (1784–1820/27), Lehrerin A.;
    M Magdalena Theresia Bra(c)k (1787–1861);
    1) Würzburg 1842 Johanna Ro(si)na Maria Ludovica (1819–46), T d. Peter Aloys Schlereth (* 1780 ?), Rentamtmann in Hammelburg, u. d. Margaretha Theresia Müller (1782 ?-1828), 2) Würzburg 1847 Eva Franzisca Josepha (1827–1903), T d. Johann Adam Joseph Klinger (1795–1861), kgl. Stadtger.arzt in W., u. d. Franzisca Margaretha Englert (1797–1863);
    2 S aus 1), 1 S, 1 T aus 2).

  • Leben

    Nach dem Besuch des Gymnasiums und des Lyceums in Aschaffenburg studierte S. 1833-36 in Würzburg Medizin. Seine Dissertation (1838) behandelte die Wirkung von Giften auf verschiedene Tierklassen. Anschließend absolvierte er ein zweijähriges Praktikum als Badearzt in Wipfeld/Main. Der Naturforscher Ernst v. Bibra (1806–78) veranlaßte ihn zum Studium der Chemie. Nach zwei Studienjahren in München (1838–40) ging S. mit einem kgl. Staatsreisestipendium nach Gießen, um bei Justus v. Liebig (1803–73) eineinhalb Jahre als Assistent zu arbeiten. Er war an wichtigen Arbeiten zu Liebigs „Tierchemie“ (Die Thierchemie oder d. organ. Chemie in ihrer Anwendung auf Physiol. u. Pathol., 1842, 31847) beteiligt, der damals entstehenden Chemie tierischer Stoffe. Nach Würzburg zurückgekehrt, begann er im Juliusspital Blut, Urin und „pathologische Produkte“ von Patienten chemisch zu untersuchen. Eine von ihm entwickelte Methode zur quantitativen Analyse des Blutes fand allgemeines Interesse. 1843 stellte er erste Resultate seiner Untersuchungen für die ärztliche Diagnostik in einer Monographie zusammen, durch die er zu einem Mitbegründer des neuen Fachgebietes der „pathologischen“ oder „klinischen Chemie“ wurde (Chem. u. mikroskop. Unterss. z. Pathol.). 1842 berief die Univ. Würzburg S. als ao. Professor für Organische Chemie in der Med. Fakultät (1847 o. Prof., mehrfach Dekan, 1852 u. 1861 Rektor). In seiner Forschung wandte sich S. zunehmend der Suche nach neuen Stoffen in tierischen Materialien zu und entdeckte den Inosit (1850) und das Hypoxanthin (1850). Ferner analysierte er verschiedene bayer. Heilquellen. In seinem Laboratorium fand Max Pettenkofer (1818–1901) 1843/44 im menschlichen Urin das von Liebig später 1847 so bezeichnete Kreatinin, und Victor Hensen (1835–1925) entdeckte 1857 unabhängig von und nahezu gleichzeitig mit Claude Bernard (1813–1878) das Glykogen. S. veranstaltete intensive chemische Praktika mit bis zu 30 Wochenstunden. Unter seiner Leitung entstand 1865-68 ein großer Neubau für das Chemische Institut. Er gehörte 1849 zu den Begründern der heute noch bestehenden „Physikalisch-Medicinischen Gesellschaft“ zu Würzburg. 1843-67 referierte er als Mitherausgeber von „Canstatt's Jahresbericht über die Fortschritte der gesammten Medicin“ neue Ergebnisse der physiologischen und pathologischen Chemie.|

  • Auszeichnungen

    Rr.kreuz d. bayer. Verdienstordens (1866).

  • Werke

    Chem.-physiolog. Unterss., in: Ann. d. Chemie u. Pharmacie 40, 1841, S. 1-69;
    Über e. neue, aus d. Muskelfleische gewonnene Zuckerart, ebd. 73, 1850, S. 322-28;
    Über e. im thier. Organismus vorkommenden, d. Xanthicoxyd verwandten Körper, ebd. S. 328-34;
    Patholog.-chem. Unterss., in: Archiv f. d. gesammte Medicin 10, 1849, S. 121-36;
    Über d. Extractivstoffe d. Harns, in: Liebigs Ann. 57, 1846, S. 180-95.

  • Literatur

    ADB 31;
    J. R. Wagner, in: Verhh. d. physical.-med. Ges. in Würzburg [NF] 2, 1969, S. XXIII-XXXIX;
    J. Büttner, Die organ. Chemie auf Physiol. u. Pathol. anwenden, Liebigs Schüler J. J. S., Mitbegr. d. klin. Chemie, 1998 (P);
    ders., in: ders. u. W. Lewicki (Hg.), Stoffwechsel im tier. Organismus, Hist. Studien zu Liebigs „Thier-Chemie“, 2001, S. 177-217 (W-Verz., P);
    C. R. Grund, Der Würzburger Chemiker J. J. S., 2002 (P);
    Pogg. II, III, VII a Suppl.;
    BLÄ.

  • Autor/in

    Johannes Büttner
  • Empfohlene Zitierweise

    Büttner, Johannes, "Scherer, Johann Joseph von" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 691-692 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117218995.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Scherer: Johann Joseph v. S. wurde in Aschaffenburg am 14. März 1814 geboren. Sein Vater war Lehrer an einer der dortigen katholischen Schulen. Nachdem der junge S. das Gymnasium und das Lyceum seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, widmete er sich in Würzburg dem Studium der Medicin und daneben mit Vorliebe den anderen Naturwissenschaften, insbesondere der Chemie, Geologie und Mineralogie. Am 23. Juni 1836 wurde S. zum Doctor der Medicin und Chirurgie promovirt, worauf er zwei Jahre im Badeort Wipfeld in Unterfranken prakticirte. Hier lernte ihn der Naturforscher Ernst v. Bibra auf Schwebheim kennen, der ihn veranlaßte, die praktische Medicin zu verlassen und sich ausschließlich den Naturwissenschaften zu widmen. Das Jahr 1839 verbrachte S. in München unter Nepomuk v. Fuchs, Franz v. Kobell und Vogel sen. vorzugsweise mit anorganischer Chemie beschäftigt. Um sich in der organischen Chemie auszubilden, wendete sich S. Ostern 1840, von der bairischen Staatsregierung auf die liberalste Weise unterstützt, nach Gießen und wurde bald ein Lieblingsschüler des berühmten Darmstädters Justus Liebig, zu dem damals junge Forscher aus allen Culturländern der Welt strömten.

    S. widmete sich unter Liebig's Leitung der Thierchemie und bildete sich zu einem der tüchtigsten Mitarbeiter des großen Meisters auf diesem noch fast ganz unbekannten Gebiet aus. Er beschäftigte sich in Gießen unter Liebig's Leitung mit Untersuchungen über Blut- und Proteinkörper. Nach Vollendung seiner Studien kam S. als Lehrer der Naturwissenschaften an die königliche Gewerbeschule in Würzburg, wo er sich trotz der allerbescheidensten Mittel emsig mit chemischen Forschungen beschäftigte. Im Auftrage der großherzoglich hessischen Regierung wurde ihm 1842 durch Professor Liebig die neu zu errichtende Professur der physiologischen Chemie an der Universität Gießen angetragen. Er lehnte den Ruf ab, da er an der medicinischen Facultät in Würzburg eine außerordentliche Professur erhielt, ebenso 1846 den Ruf nach Dorpat. 1847 wurde S. zum ordentlichen Professor der organischen Chemie in der medicinischen Facultät in Würzburg ernannt. Nach dem Ableben der Inhaber der Professuren der allgemeinen, anorganischen und pharmaceutischen Chemie in Würzburg wurden allmählich alle diese Fächer von S. vertreten, er übernahm die Leitung des neu errichteten chemischen Instituts und schließlich das Lehrfach der Hygiene. In strenger Pflichterfüllung suchte S. den Aufgaben seines immer mehr an Ausdehnung gewinnenden Lehrberufes gerecht zu werden, bis die Bürde seiner Aemter selbst für seine Schultern zu schwer wurde. Am 12. Februar 1869 starb S. an den Folgen eines Brustleidens, einer der ausgezeichnetsten Lehrer damaliger Zeit an der Würzburger Hochschule, ein Mann von kurzem bündigen Wesen, schlichter Ausdrucksweise und klarem Gedankengang, ein zuverlässiger, wohlwollender Charakter. S. war mit Franziska Klinger, der Tochter des Gerichtsarztes Dr. Klinger in Würzburg auf das glücklichste verheirathet. Der Ehe entstammten zwei Söhne und eine Tochter. An äußeren Ehren hat es S. nicht gefehlt, es sei hier nur hervorgehoben, daß S. 1866 vom damaligen Könige von Baiern das Ritterkreuz des mit dem persönlichen Adel verbundenen Ordens der bairischen Krone in gerechter Anerkennung seiner Verdienste erhielt.

    Scherer's wissenschaftliche Arbeiten beziehen sich auf physiologische und pathologische Chemie, forensische, analytische und hygienische Untersuchungen. Außerdem gab S. 1859 den ersten Band eines unvollendet gebliebenen Lehrbuches der Chemie heraus, ein Werk, das unter vielen ähnlicher Tendenz einen ehrenvollen Rang einnahm. Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind niedergelegt in Liebig's Annalen der Chemie und Pharmacie, in Simon's Beiträgen zur physiologischen und pathologischen Chemie, Haeser's Archiv, Henle und Pfeufer's|Zeitschrift, Kölliker's Zeitschrift für Anatomie, den Verhandlungen der Physikal.-Medin. Gesellschaft zu Würzburg und in dem von ihm gemeinschaftlich mit Rudolf Virchow und Eisenmann redigirten Cannstatt'schen Jahresberichte über die Fortschritte der Medicin in allen Ländern.

    • Literatur

      Vgl. Gedächtnißrede auf Johann Joseph von Scherer von Johannes Rudolf Wagner. Verhandlungen der Physikal.-Medicin. Gesellschaft in Würzburg. Neue Folge 2. Band. Sitzungsberichte S. XXXIII—XXXIX.

  • Autor/in

    Anschütz.
  • Empfohlene Zitierweise

    Anschütz, Richard, "Scherer, Johann Joseph von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 31 (1890), S. 115-116 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117218995.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA