Lebensdaten
1866 – 1925
Geburtsort
Bamberg
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Mediziner ; Chemiker ; Immunologe ; Bakteriologe ; Leiter des Kaiser Wilhelm-Instituts für experimentelle Chemie ; Geheimer Medizinalrat ; Arzt
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 117149209 | OGND | VIAF: 47532498
Namensvarianten
  • Wassermann, August Paul von
  • Wassermann, August (bis 1910)
  • Wassermann, August von
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Zitierweise

Wassermann, August von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117149209.html [15.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Angelo (1834–1914, bayer. Adel 1910), Teilh. d. Bankhauses A. E. Wassermann in Bamberg, bayer. Hofbankier (s. Einl.), S d. Samuel (Amschel) W. (1810–84), aus Wallerstein (Bayer. Schwaben), Tuchhändler, dann Bankier, übersiedelte 1850 n. Bamberg, Gründer d. Bank A. E. Wassermann, Kab.bankier v. Kg. Otto v. Griechenland, u. d. Karoline Eger (1809–91), aus Bamberg;
    M Dora (1841–1912), aus Augsburg, T d. David Bauer (1806–76), aus Buttenwiesen (Bayer. Schwaben), u. d. Minna Maier (um 1817–44);
    Ov Emil W. (1842–1911), Bankier in Bamberg;
    4 B (2 früh †) Max (1863–1934), Bankier in Berlin, KR, Eugen (1870–1925), Bankier in Brüssel, Bamberg u. Berlin, Kunstsammler (s. Kunstslg. d. Herrn Eugen v. W., Berlin, Kat., Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus, 1920);
    Wien 1895 Alice (1874–1943), T d. Theodor Rr. v. Taussig (1849–1909), Bankier, Finanzfachmann (s. NDB 25), u. d. Sidonie Schiff (1855–1936);
    2 S Robert (1897–1943 SS-Sammellager Mechelen), Dr., Vf. v. „Volkswirtschaftliche Betrachtungen z. Steigerung d. Tuberkulose-Sterblichkeit während d. Krieges“, Diss. Greifswald 1920 (s. Gedenkbuch NS-Verfolgung d. Juden), Franz (* 1898);
    Vt Oscar (s. 2).

  • Biographie

    Nach dem Abitur am Humanistischen Gymnasium in Bamberg begann W., 1884 / 85 an der Univ. Erlangen Medizin zu studieren. Während des Wintersemesters 1886 / 87 leistete er seinen Militärdienst in München. Nach der ärztlichen Vorprüfung in Erlangen wechselte er an die Univ. Straßburg, wo er 1888 mit der Arbeit „Ueber die Wirkung des Sulfonals“ zum Dr. med. promoviert wurde (Approbation 1889). Im Sommersemester 1889 studierte W. in Wien, um sich bei Ernst Ludwig (1842–1915) in physiologischer Chemie fortzubilden. Danach diente er als Freiwilliger in Berlin (preuß. Oberarzt). 1890 trat er eine Praktikantenstelle bei Bernhard Proskauer (1851–1915) an Robert Kochs Hygiene-Institut in Berlin an und wechselte im Sept. 1891 als unbezahlter Assistent zu Kochs neuem „Institut für Infektionskrankheiten“. Seit 1901 besoldeter Assistent, wurde W. im April 1902 zum Abteilungsleiter befördert. In den Labors von Koch (1843–1910) und Paul Ehrlich (1854–1915), der ebenfalls an Kochs Institut arbeitete, forschte W. u. a. über die Immunität bei Cholera, das Tetanus-Toxin, die Spezifität tierischer und humaner Eiweiße sowie die Serumtherapie gegen Schweineseuche. Mit Ehrlich arbeitete er an einem Serum gegen Diphtherie. 1894 wurde W. als Kontroll-Beamter in die neue „Staatliche Controllstation für das Diphtherie-Heilserum“ berufen und war als Oberarzt an der Abteilung für Infektionskrankheiten der Charité klinisch tätig (Prof.titel 1898).

    1901 in Berlin für Innere Medizin habilitiert, wurde er 1902 mit einem Lehrauftrag für experimentelle Therapie zum ao. und 1911 zum o. Honorarprofessor für Hygiene ernannt. Seit 1906 leitete er die selbständige Abteilung für experimentelle Therapie und Serumforschung am „Institut für Infektionskrankheiten“. Dem Rat Ehrlichs folgend, befaßte er sich mit Fragen der Bindung von Toxin und Antitoxin im Blut. Mit Wilhelm Kolle (1868–1935) entwickelte er 1905–06 ein Serum zur Behandlung der Meningokokken-Meningitis und ein Verfahren zur Prüfung des Serums. W. schuf mit Albert Neisser (1855–1916) und Carl Bruck (1879–1944) ein serologisches Nachweisverfahren für Syphilis; der 1906 von ihnen vorgestellte komplizierte Test beruhte auf einer Komplementbindungsreaktion, die sowohl Syphilis-Antigene wie -Antikörper nachweisen sollte. Es stellte sich jedoch heraus, daß ihre theoretischen Annahmen über die Antigen-Antikörper-Reaktion und über die Spezifizität der Reaktion unzutreffend waren. Damit blieb lange unklar, was das Verfahren genau nachwies. Während Neisser und Bruck den Test nur für ihre Forschungen verwenden wollten, überzeugte W. und sein Mitarbeiter Julius Citron Venerologen wie Alfred Blaschko (1858–1922), das Verfahren in der klinischen Praxis bei der Diagnose der Syphilis einzusetzen, obgleich das Ergebnis zunächst unzuverlässig oder uneindeutig war. W. verbesserte den Test bis in die 1920er Jahre, als zwischen ihm und Bruck ein erbitterter Streit über die Urheberschaft an dem als „Wassermann-Reaktion“ bezeichneten Verfahren ausbrach. Dieser Nachweis setzte sich zur Syphilisdiagnostik, insbesondere in der latenten Phase, und zur Therapiekontrolle durch. Erst in den 1940er Jahren waren Details der W.-Reaktion geklärt, und der Test wurde zuverlässiger.

    Seit 1910 interessierte sich W. auch für Chemo- und Bestrahlungstherapie von Tumoren und für Komplement-Bindungs-Reaktionen bei Tuberkulose. 1913 wechselte er als Direktor an das für ihn gegründete KWI für Experimentelle Therapie nach Berlin-Dahlem. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde W. als Militärhygieniker zur Seuchenbekämpfung an die Ostfront abkommandiert und später als Leiter des Amts für Hygiene und Bakteriologie an das preuß. Kriegsministerium berufen, wo er sich vornehmlich mit der Bekämpfung von Infektionskrankheiten sowie der Behandlung von Seuchenkranken beschäftigte. Nach der Reorganisation des Dahlemer Instituts als KWI für Experimentelle Therapie und Biochemie Ende 1922 arbeitete W. weiter zur Diagnostik und Behandlung von Infektionskrankheiten, insbesondere der Serodiagnostik der Tuberkulose, sowie an der Klärung der Funktionsweise der W.-Reaktion. Sein sich verschlechternder Gesundheitszustand führte seit 1924 zu Einschränkungen seiner Tätigkeit. W. der 1906 die Freie Vereinigung für Mikrobiologie mitbegründete und mehrfach für den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin nominiert wurde, zählt zu den führenden Immunologen seiner Zeit und war ein Pionier der Serodiagnostik.

  • Auszeichnungen

    |Geh. Med.rat (1907);
    45 Nominierungen f. Nobelpreis f. Physiol. oder Med. (1910–24);
    E. K. 1. Kl. (1916);
    Hans-Aronson-Preis (1921);
    Vors. d. Ak. f. d. Wiss. d. Judentums, Berlin.

  • Werke

    Weitere W u. a. Über Immunität u. Giftfestigung, in: Zs. f. Hygiene u. Infektionskrankheiten 12, 1892, S. 137–82 (mit L. Brieger u. S. Kitasato);
    Weitere Mitt. über d. Nachweis spezif. luetischer Substanzen durch Komplementverankerung, ebd. 55, 1906, S. 451–77 (mit A. Neisser, C. Bruck u. A. Schucht);
    Über Gewinnung u. Verwendung d. Diphtherieheilserums, in: Dt. Med. Wschr. 20, 1894, S. 353–55 (mit P. Ehrlich u. H. Kossel);
    Versuche z. Gewinnung u. Wertbestimmung e. Meningococcenserums, ebd. 32, 1906, S. 609–12 (mit W. Kolle);
    Eine serodiagnost. Reaktion b. Syphilis, ebd. S. 745 f. (mit A. Neisser u. C. Bruck);
    Über Immunisierungsversuche gegenüber Schweineseuchebacterien, in: Mhh. f. prakt. Tierheilkde. 12, 1902, S. 466–76 (mit R. Ostertag);
    Neue experimentelle Forsch. über Syphilis, in: Berliner klin. Wschr. 58, 1921, S. 193–97;
    Hg.: Hdb. d. pathogenen Mikroorganismen, 6 Bde., 1902–09, 8 Bde., ²1912–13 (mit W. Kolle).

  • Literatur

    |L. Fleck, Entstehung u. Entwicklung e. wiss. Tatsache, Einf. in d. Lehre v. Denkstil u. Denkkollektiv, 1935, hg. v. L. Schäfer u. T. Schnelle, 1980;
    I. Löwy, Testing for a Sexually Transmitted Disease, 1907–1970, the Hist. of the W. Reaction, in: V. Berridge u. P. Strong (Hg.), Aids and Contemporary Hist., 1993, S. 74–92;
    dies., „A River Cutting its Own Bed”, the Serology of Syphilis between Laboratory, Soc. and the Law, in: Studies in Hist. and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 35, 2004, S. 509–24;
    P. Krause, A. v. W., 1866–1925, Leben u. Werk unter bes. Berücksichtigung d. W.schen Reaktion, Diss. Mainz 1998 (W-Verz.);
    L. Sauerteig, Krankheit, Sexualität, Ges., Geschlechtskrankheiten u. Gesundheitspol. in Dtld. im 19. u. frühen 20. Jh., 1999;
    P. Mazumdar, In the Silence of the Laboratory, the League of Nations Standardizes Syphilis Tests, in: Social Hist. of Med. 13, 2003, S. 439–59;
    H. van den Belt, The Collective Construction of a Scientific Fact, a Re-Examination of the Early Period of the W. Reaction, 1906–1912, in: Social Epistemology 25, 2011, S. 311–39;
    Complete DSB;
    Fischer;
    Ärztelex.;
    Qu Archiv d. HU.

  • Porträts

    |Photogr. (Archiv z. Gesch. d. MPG, Berlin), Abb. in: J. Ellwanger, Forscher im Bild, T. 1, wiss. Mitgl. d. KWG z. Förderung d. Wiss., 1989, S. 169.

  • Autor/in

    Lutz Sauerteig
  • Zitierweise

    Sauerteig, Lutz, "Wassermann, August von" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 446-447 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117149209.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA