Lebensdaten
1910 bis 1978
Geburtsort
Zehden/Oder (Neumark)
Sterbeort
Kochel am See (Oberbayern)
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118786814 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Oestreich, Gotthold Herbert Gerhard
  • Oestreich, Gerhard
  • Oestreich, Gotthold Herbert Gerhard
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Zitierweise

Oestreich, Gerhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118786814.html [21.05.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Franz (1864–1912), Pfarrer in Z., S d. Färbers Hermann (1833–97), aus Neuruppin;
    M Emmy (1876–1949), Lehrerin, T d. Rechnungsrats Emil Müller (1838–1918) u. d. Ida Liederwald (1875–1932);
    4 Geschw;
    Berlin 1949 Brigitta (* 1925), kaufm. Ang., T d. Max Rieger (1887–1949), Malermstr., u. d. Clara Wollschläger (1890–1983); kinderlos.

  • Leben

    Nach dem frühen Tod des Vaters übersiedelte die Familie nach Berlin, wo O. 1929 das Realgymnasium mit dem Abitur abschloß. Anschließend studierte er Geschichte, Deutsch, Philosophie und Religionswissenschaften in Berlin und – im Sommersemester 1935 - in Heidelberg. Nach eigener Aussage wurde er am meisten beeinflußt durch die Historiker Fritz Hartung, Robert Holtzmann, Hermann Oncken und den Philosophen Nicolai Hartmann. Bei Hartung promovierte er 1935 mit einer für die deutsche Verwaltungsgeschichte wichtigen Arbeit über den „brandenburg-preuß. Geheimen Rat“. Die vorausgegangene, noch heute grundlegende Abhandlung „Das persönliche Regiment der deutschen Fürsten am Beginn der Neuzeit“ (1935, Neudr. 1969) verschaffte ihm frühes Ansehen. Als Stipendiat der DFG arbeitete er 1935-39 an einer Edition der Briefe des preuß. Heeresreformers Scharnhorst, die 1945 verlorenging. Gleichzeitig Assistent am „Wehrpolitischen Institut“ der Univ. Berlin, wandte er sich der neuen Disziplin der „Wehrgeschichte“ zu. In einem programmatischen Aufsatz verteidigte O. diesen Ansatz in einer Kontroverse zwischen Hartung und Paul Schmitthenner gegenüber einer nationalsozialistischen Erziehungszielen verpflichteten „wehrpolitischen Geschichte“. Am 2. Weltkrieg nahm er als Gefreiter, dann als Leutnant teil. Im Juli 1945 aus amerik. Gefangenschaft nach Berlin zurückgekehrt, wurde aus dem „Zimmermann-Umlerner“ (1945-47) der wiss. Mitarbeiter an der „Deutschen Literaturzeitung“ bei der Deutschen Akademie der Wissenschaften (1947–49), dann der Leiter der wiss. Redaktion des de Gruyter Verlags. Ein Stipendium der DFG ermöglichte die Habilitation an der FU Berlin mit einer weit über die „Wehrverfassungsgeschichte“ der frühen Neuzeit hinausgreifenden Studie über „Antiker Geist und moderner Staat bei Justus Lipsius (1547–1606), Der Neustoizismus als politische Bewegung“ (hg. u. eingel. v. N. Mout, 1989; vgl. hierzu M. Stolleis, in: ZHF 20, 1993, S. 234-36). Indem O. angesichts eines schwankend gewordenen Deutschland- und Preußenbildes den Einfluß der Staatstheorie und Regierungspraxis der Antike über die oran. Heeresreform und den ital.-niederländ. Späthumanismus auf die Ausbildung des brandenburg.-preuß. Machtstaats nachwies, war die Arbeit auch ein Versuch, gleichzeitig mit der Hinwendung zur Europaidee nach 1945 auf „respektable europ. Ahnen“ (Mout) für den diskreditierten preuß. Militarismus zu verweisen. 1954 wurde O. Privatdozent, 1958 apl., 1960 ao. Professor auf einem neu errichteten Lehrstuhl für Geschichte der politischen Theorien an der FU Berlin, 1961 persönlicher Ordinarius. Seit 1962 lehrte er als o. Professor für mittlere und neuere Geschichte in Hamburg, seit 1966 nach Ablehnung eines Rufes nach Gießen bis zu seiner Emeritierung 1975 in Marburg.

    Seine Arbeiten nahmen ähnlich umfassend wie seine Vorbilder Otto Hintze, Gustav Schmoller und Max Weber durch NS-Staat und Krieg unterbrochene Verbindungslinien auf. Sie verknüpften verfassungs- und sozial-, geistes- und rechtsgeschichtliche Ansätze und umspannten schließlich die gesamte europ. Verfassungs-, Struktur- und Ideengeschichte der Frühen Neuzeit. Hintzes Werk hat O. durch die Neuedition der von Hartung herausgegebenen „Gesammelten Abhandlungen“ (3 Bde., 1962–67) unter Aufnahme der im Dritten Reich verbotenen Schriften für die Forschung aktualisiert und kommentiert. In seinem Beitrag zu Gebhardts „Handbuch der deutschen Geschichte“ (Bd. 2, 21955, S. 317-65) wagte O. die Synthese einer „Verfassungsgeschichte vom Ende des Mittelalters bis zum Ende des alten Reiches“ (auch selbständig 1974, 41982). In zwei Monographien verfolgte er über 2000 Jahre die Geschichte der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ (1968, 21978). Weithin beachtete Abhandlungen zur neueren Historiographie wie sein Vortrag auf dem Freiburger Historikertag 1967 über „Die Fachhistorie und die Anfänge der sozialgeschichtlichen Forschung in Deutschland“ (HZ 208, 1969, S. 320-63) führten in der Theoriediskussion der 70er Jahre zu einer Rückbesinnung auf die deutschen Wurzeln einer überwiegend aus westeurop. Denken entwickelten Sozialgeschichte. O. führte Hintzes Ansätze zu einer Geschichte der sozial verfaßten Ordnung weiter und betonte die Bedeutung des Ständetums für die Entwicklung des „frühmodernen Staates“. Dadurch gab er der Frühneuzeit-Forschung neue Impulse und verhalf dieser Teildisziplin zu ihrer inhaltlichen Ausformung. Der in Auseinandersetzung mit soziologischen Erklärungsmodellen Max Webers (moderner Rationalismus), Karl Mannheims (militärische Disziplinierung), Werner Sombarts (Mechanisierung) von O. entwickelte, von Norbert Elias mit anderem Material und aus anderer Perspektive gestützte Begriff der „Sozialdisziplinierung“ hat sich als ein fruchtbares Deutungskonzept des frühneuzeitlichen Verstaatlichungsprozesses erwiesen, das in Geschichts- und Rechtswissenschaft, Soziologie, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte sowie vor allem in der Germanistik (Barockforschung) zunehmend Anwendung findet.

  • Werke

    u. a. Der brandenburg.-preuß. Geheime Rat v. Reg.antritt d. Gr. Kf. bis zu d. Neuordnung v. 1651, Eine behördengeschichtl. Studie, 1937;
    Vom Wesen d. Wehrgesch., in: HZ 162, 1940, S. 231-57, ebd. 163, 1941, S. 316-27, 562-68;
    Die Idee d. Menschenrechte in ihrer geschichtl. Entwicklung, 1951, 51974;
    Dreißig J. Historiker, Wandel d. Wissenschaft aus d. Sicht e. Generation (1966), in: Strukturprobleme … (s. u.), 1980, S. 19-33;
    Das Reich – Habsburg. Monarchie – Brandenburg-Preußen v. 1648 bis 1803, in: Hdb. d. europ. Geschichte, IV, 1968, S. 378-475;
    Geist u. Gestalt d. frühmodernen Staates, Ausgew. Aufss., 1969 (W-Verz.), überarb. engl. Fassung u. d. T.: Neostoicism and the early modern state, hg. v. Brigitta Oestreich u. H. G. Koenigsberger, 1982;
    Strukturprobleme d. europ. Absolutismus, 1969 (finn., ital., japan., engl. u. portugies. Überss.);
    Friedrich Wilhelm, Der Gr. Kf., 1971;
    Ständ. Vfg., in: Sowjetsystem u. dem. Ges., 1972, erneut in: Strukturprobleme … (s. u), 1980;
    Friedrich Wilhelm I., Preuß. Absolutismus, Merkantilismus, Militarismus, 1977;
    Strukturprobleme d. Frühen Neuzeit, Ausgew. Aufsätze, hg. v. Brigitta Oestreich, 1980;
    Btrr. in:
    NDB, u. a. zu Otto Hintze, ebd. 9, 1972, S. 194-96;
    Hg.:
    Kürschner, Gel.-Kal. 1954;
    O. Hintze, Ges. Abhh., I: Staat u. Vfg., 1962, 31967; II: Soziol. u. Gesch., 1964; III: Reg. u. Verw., 1967;
    ders., Feudalismus – Kapitalismus, 1970;
    C. Hinrichs, Preußen als hist. Problem, Ges. Abhh., 1964. – Mithg.:
    Kürschner, Gel.-Kal. 1950;
    Minerva, Jb. d. Gel. Welt, 341952;
    Forschungen zu Staat u. Vfg., Festgabe f. F. Hartung, 1958;
    Hist. Stud., 1959 ff.;
    Der Staat, 1962-78.

  • Literatur

    Th. Klein, in: Oberhess. Presse, Marburg, v. 14.2.1978, S. 6 (P);
    J. Garber, in: Wolfenbütteler Barock-Nachrr. 5 v. Mai 1978, S. 150-52;
    P. Baumgart, in: HZ 227, 1978, S. 251-56, auch in: ZHF 5, 1978, S. 129-38 u. in: Neue Forschungen z. Brandenburg.-Preuß. Geschichte 1, 1979, S. 355-60;
    Brigitta Oestreich, in: G. O., Strukturprobleme, 1980 (s. W), S. 7-15, 403-29 (W-Verz., Rezz. u. betreute Diss.);
    W. Schulze, G. O.s Begriff d. „Sozialdisziplinierung in d. frühen Neuzeit“, in: ZHF 14, 1987, S. 265-302;
    N. Mout, in: Der Neustoizismus, 1989 (s. W), S. 10-35;
    G. Chaix, in: Bull. d'Information de la Mission Historique Française en Allemagne No. 21, 1990, S. 125-49;
    L. Schorn-Schütte, in: Historiker-Lex., 1991.

  • Autor/in

    Bernhard vom Brocke
  • Empfohlene Zitierweise

    Brocke, Bernhard vom, "Oestreich, Gerhard" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 463 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118786814.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA