Lebensdaten
1624 bis 1704
Geburtsort
Erfurt
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Philologe ; Begründer der äthiopischen Sprachwissenschaft ; Orientalist
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 118817167 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Leutholf, Hiob
  • Ludolf, Hiob
  • Leutholf, Hiob
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Zitierweise

Ludolf, Hiob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118817167.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hiob (1583–1651), Waidhändler u. Biereige in E., S d. Hans, Biereige in E., u. d. Anna Gebhart;
    M Judith (1594–1665), T d. Konrad Brandt, Amtsschösser in Weißensee, dann Waidhändler in E., u. d. Christine Gerhard;
    1) Frankfurt/M. 1661 Emilie Maria (1639–76), T d. sachsen-gotha. Rats Joh. Jakob Dimpfel u. d. Anna Maria Rohner, 2) 1682 Anna Katharina (1642–85), T d. Hans Müller (1589–1643), Tuchhändler u. Ratsherr in Frankfurt/M., u. d. Anna Katharina Jeckel, 3) Frankfurt/M. 1694 Maria Catharina (1642–95), T d. Philipp Christian v. Lersner (1611–84), Ratsherr, Schöffe u. Bgm. in Frankfurt, u. d. Maria Margarete Baur v. Eysseneck;
    3 K, u. a. aus 1) Karl Christian (* 1664), kaiserl. Resident in F., Susanna Magdalena ( Adolf Christian Avemann, 1646–1738, sachsen-gotha. Hof-, Justiz- u. Kriegsrat, s. Zedler);
    N Heinrich Wilhelm (s. 2), Georg Melchior (s. Gen. 2);
    E Heinrich Ludwig v. Avemann gen. Letta (1696–1761), sachsen-gotha. Geh. Justiz- u. Oberkonsistorialrat.

  • Leben

    L. besuchte das Gymnasium und die Universität seiner Vaterstadt, studierte Medizin und Jura und promovierte 1645 zum Dr. iur. Schon damals begann er im Selbstunterricht Sprachen zu lernen; er soll insgesamt 25 beherrscht haben, vor allem orientalische, und hier besonders das Äthiopische (Ge'ez). 1645 ging L. zum Sprachstudium nach Leiden, der damals bedeutendsten Universität Europas 1647/48 folgten Kavaliersreisen nach Frankreich und England. 1649 unternahm er als Mitglied einer schwed. Gesandtschaft eine Reise nach Rom, die seinen weiteren Lebensweg bestimmen sollte. Dort traf er Äthiopier, Priestermönche, die im Collegium Aethiopicum lebten. Mit einem von ihnen, Abba Gregorius, trat er in besonders herzliche Beziehung. Gregorius wurde sein Lehrmeister; vieles von dessen Wissen ist später in die Werke L.s eingegangen. 1651 trat L. in die Dienste des Hzg. Ernst von Sachsen-Gotha. Auf seinen Wunsch hin lud der Fürst 1652 Gregorius nach Gotha ein, wo Monate engster Zusammenarbeit folgten. Die nächsten Jahre widmete L. neben seiner Verwaltungstätigkeit – er wurde 1675 gothaischer Kammerdirektor – und verschiedenen diplomatischen Missionen ganz der Weiterarbeit an den äthiop. Studien, von denen das erste Werk 1661 erschien. 1678 schied er aus den gothaischen Diensten aus und ließ sich in Frankfurt am Main nieder, um mehr Ruhe für seine Arbeiten zu haben. Ziemlich rasch nacheinander erschienen hier eine Reihe von bedeutenden Untersuchungen zur Geschichte und Sprache Äthiopiens, die bis in die Mitte des 19. Jh. Standardwerke blieben und auch heute ihren Wert als Quellen nicht verloren haben. Außerdem gab L. die „Schau-Bühne“ heraus, eine Zeit- und Weltgeschichte seit 1600.

    L. war ein genialer Universalgelehrter, der mit gleicher Meisterschaft Geschichte, Kulturgeschichte, Philologie und Linguistik beherrschte. Man muß dabei auch berücksichtigen, aus was für z. T. trüben Quellen er seine Daten schöpfen mußte. Seine Historia Aethiopica und noch mehr der unschätzbare Commentarius zeigten, mit welcher Akribie er alle nur in Frage kommenden Berichte und Notizen kritisch aufnahm und durch mündliche Befragungen sowie einen ausgedehnten Briefwechsel ergänzte. Das Gleiche gilt für seine sprachliche Begabung, die ihn befähigte, aus den wenigen ihm zugänglichen, oft sehr heterogenen Texten die erste Grammatik einer so komplizierten Sprache wie des Amharischen zu entwerfen.

    Häufig war L. als Bevollmächtigter für deutsche Fürsten diplomatisch tätig, so für den Kurfürsten v. d. Pfalz, die sächs. Herzöge und|den Kurfürsten von Sachsen. L. erhielt auch den Titel eines kaiserl. Rats. Er war einer der gebildetsten Männer des späten 17. Jh.; seine sprachlichen und historischen Arbeiten können für seine Zeit als vorbildlich gelten. L.s ausgedehnter und noch erhaltener Briefwechsel mit den geistigen Größen seiner Zeit, darunter auch Leibniz, belegt seine weiten Interessen. Seinem Ruf als Historiker verdankte er die ehrenvolle Ernennung zum Präsidenten des Collegium Imperiale Historicum. In seinem Versuch, eine Allianz zwischen Äthiopien und europ. Mächten gegen die Türken zustande zu bringen, zeigt sich die ganze Breite seiner Intentionen.

  • Werke

    Lexicon Aethiopico-Latinum, 1661, 21699;
    Grammatica Aethiopica, 1661, 21702;
    Sciagraphia historiae aethiopicae, 1676;
    Historia Aethiopica, 1681, 21687 (engl. u. franz. Überss. 1684);
    Commentarius ad suam historiam aethiopicam, 1691;
    Relatio nova de hodierno de Habessionorum statu etc. (Appendix prior), 1693;
    Dissertatio de locustis (Appendix secunda), 1694;
    Grammatica Linguae Amharicae, 1698;
    Lexicon Amharico-Latinum, 1698, 21699;
    Psalterium Davidis, 1698, 21699;
    Schau-Bühne, 2 Bde., 1699/1701. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Frankfurt/M., Stadt- u. Univ.bibl.

  • Literatur

    ADB 19;
    Chr. Juncker, Commentarius de vita, scriptisque ac meritis illustris viri Iobi Ludolfi, 1710;
    D. I. H. Michaelis, Sonderbarer Lebens-Lauff Herrn Peter Heylings, 1724;
    U. F. Chr. Matthiae, Einladungsschr. zu d. auf d. 24., 25., 26. u. 29.9. festgesetzten Oeffentl. Prüfungen u. Progressionsfeyerlichkeiten im Gymnasium zu Frankfurt am Mayn, Nachr. v. H. L.s noch vorhandenem Briefwechsel, nebst drey daraus zuerst vollst, mitgeteilten Schreiben d. Nicolaus Heinsius, 1817;
    ders., Probe e. neuen Ausg. d. Leibniz-L.schen Briefwechsels, Progr. Frankfurt a. M., 1820;
    H. E. Weijers, Iets over J. L., in: Nederlandsch Archief voor Kerkgeschiedenis 9, 1838;
    J. Flemming, H. L., in: Btrr. z. Assyriol. u. vgl. Sprachwiss. 1, 1890, S. 537-82, 2, 1894, S. 63-110;
    O. Ruppersberg, H. L.s Vermächtnis an die Stadtbibl., in: Frankfurter Btrr. Arthur Richel gewidmet, 1933, S. 40-43;
    K. Bauer, H. L., 1937 (P);
    E. Haberland, H. L., in: Proceedings of the 3rd Internat. Conference of Ethiopian Studies, 1969, 1, S. 131-36;
    J. T. Waterman, Leibniz and L. on Things Linguistic, Experts from Their Correspondence (1668–1703), 1978;
    S. Uhlig, H. L.s „Theologia Aethiopica“, 1983.

  • Portraits

    Gem. (Frankfurt/M., Stadt- u. Univ.bibl.), Abb b. Bauer, s. L;
    Gem. v. J. B. Clostermann, 1683 (Frankfurt/M., Senckenbergsche Stiftung).

  • Autor/in

    Eike Haberland
  • Empfohlene Zitierweise

    Haberland, Eike, "Ludolf, Hiob" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 303-304 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118817167.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Ludolf: Hiob L. (Leutholf), geb. am 15. Juni 1624 zu Erfurt, ward schon auf der Schule durch seinen Lehrer Bartholomäus Elsner dem Studium der orientalischen Sprachen zugeführt und es erwachte früh in ihm ein selbständiges Interesse für das Aethiopische. Sein Lehrer gab ihm den von Johann Potken, Propst zu Köln, 1513 herausgegebenen äthiopischen Psalter und eine von Karnrad hieraus abgeleitete Grammatik nebst einem Lexikon. In seinem 20. Jahre bereits (1644) war L. über diese dürftigen Hülfsmittel hinaus und schuf sich selbst eine neue Grammatik und ein besseres Lexikon. 1646 ging er nach Leyden, wo er die namhaften Orientalisten Golius und Constantin L'Empereur zu Lehrern hatte. Größere wissenschaftliche Reisen durch Frankreich, England und Italien, später durch Schweden und Dänemark vervollständigten seine Ausbildung. Von besonderem Werth für ihn war die Bekanntschaft des Abtes Gregorius, eines gelehrten Habessiniers, welche er zu Rom machte, da dieser ihm über die zu seiner Zeit in Habessinien herrschende Aussprache des Aethiopischen Auskunft geben konnte (Ueber den freilich einigermaßen bedingten Werth dieser Angaben vgl. Dillmann, Grammatik der äthiop. Sprache, 1857. S. 10). Nach seiner Rückkehr in das Vaterland ward L. von Herzog Ernst dem Frommen zu Gotha zum Lehrer des Erbprinzen ausersehen und er fand an jenem zugleich einen großmüthigen Förderer seiner Studien. Später zum Hofrath ernannt ward er auch zu diplomatischen Sendungen verwendet. Nach dem Tode des Herzogs 1678 nahm er seine Entlassung und ließ sich, um ganz den Studien zu leben, zu Frankfurt a. M. nieder. Indessen ward er auch hier, 1681 vom Kurfürsten Karl von der Pfalz zum Kammerdirector ernannt, mit Staatsgeschäften betraut. 1683 unternahm er eine zweite Reise nach Holland, England und Frankreich. Neben dem etwas abenteuerlichen politischen Zwecke, den er hierbei verfolgte, eine Coalition dieser Mächte mit Habessinien gegen die Türken zu Stande zu bringen, ließ er die aussichtsvollere Arbeit in den Bibliotheken dieser Länder nicht aus den Augen. 1684 erlangte er seine ersehnte Muße wieder, welche er wiederum in Frankfurt verbrachte, von den sächsischen Herzögen durch die Ernennung zum Geheimen Rath geehrt. Er starb, reiche Früchte gediegensten wissenschaftlichen Strebens zurücklassend, am 8. April 1704 (Christ. Juncker, Commentarius de vita scriptisque ac meritis illustris viri Jobi Ludolfi etc., Lips. et Frf. 1710. Meyer, Gesch. d. Schrifterklärung, Bd. 3, S. 25 ff.). Die erste Veröffentlichung der Studien Ludolf's, sein „Lexicon aethiopicum“ ward durch die ungeschickten Hände des Editors, seines Schülers, Joh. Michael Wansleben verunstaltet. Ebenso erging es der „Grammatica aethiopica“. Beide erschienen London 1661 (s. den vollständigen Titel bei Meyer a. a. O. Bd. 3, S. 53). Die zweite von L. selbst veranstaltete Ausgabe des Lexikons erschien Frankfurt a. M. 1699, die ebenfalls von ihm selbst besorgte der Grammatik ebenda 1702 (s. die ausführlichen Titel beider Werke bei Meyer a. a. O. Bd. 3, S. 54). Es ist allgemein anerkannt, daß L. durch diese beiden Werke eine genauere und umfassendere Kenntniß der äthiopischen Sprache begründet hat. Er hatte keine nennenswerthen Vorarbeiten, sondern entnahm fast alles aus den Handschriften. Das Lexikon ist reichhaltig an Material, klar in seiner Anordnung, scharf und bestimmt in der Angabe der Wortbedeutungen, instructiv durch die Menge der Belege und durch gelegentliche Erörterung besonders schwieriger Stellen. Außerdem ist Anweisung über die Auffindung der Wortstämme und Erklärung der Suffixen und Präfixen gegeben. Daneben findet sich ein Verzeichniß sämmtlicher Handschriften und Drucke, welche der Verfasser benutzt hat und eine Uebersicht über die Entwickelung der äthiopischen Studien. — Die Grammatik ist sehr methodisch und mit vielen sprachvergleichenden Erörterungen versehen. Mag nun immerhin gesagt werden müssen, daß auf dem Standpunkte der gegenwärtigen orientalischen Sprachwissenschaft Ludolf's Aufstellungen nicht mehr genügen, daß ihm namentlich der Blick fehlt für die inneren Veränderungen, welche der äthiopische Dialekt in seiner geschichtlichen Entwickelung erlitt (vgl. Dillmann a. a. O. S. 9): immer wird dem genialen und ausdauernden Manne der Ruhm bleiben, der Bahnbrecher für die äthiopischen Studien gewesen zu sein und dieser Wissenschaft ihre Grundlagen geschaffen zu haben. Das erkennt ihm auch der ruhmvolle Erneuerer der äthiopischen Grammatik in unfern Tagen, August Dillmann a. a. O. S. 10 zu. — Auch das Amharische, den in Aethiopien gegenwärtig verbreitetsten Volksdialekt, bearbeitete L. — Es erschienen 1698 zu Frankfurt a. M. „Grammatica Amharicae linguae“ und „Lexicon Amharico-latinum“. Um auch das Verständniß des Schauplatzes dieser sprachlichen Erscheinungen zu erweitern, schrieb L. seine „Historia aethiopica“, Frankfurt a. M. 1681, der später 1691 ein „Commentarius“ folgte (die ausführlichen Titel beider Schriften s. b. Meyer a. a. O. Bd. 3, S. 89. 90). Er behandelte hier ausführlich die Geographie Habessiniens, die Geschichte seiner Bewohner, die politischen und kirchlichen Einrichtungen des Landes und gab einen Ueberblick über die äthiopische Litteratur (L. IV, 2 de libris et eruditione Aethiopum). Sehr werthvoll war auch seine Ausgabe des äthiopischen Psalters, die nach 2 Drucken und 3 Handschriften von ihm veranstaltet und mit einem kritischen Apparat sowie mit philologischen Anmerkungen versehen wurde. Das 1701 zu Frankfurt a. M. erscheinende Werk (s. d. vollständigen Titel bei Meyer a. a. O. Bd. 3, S. 263) enthielt auch einige Lieder und andere Stücke des A. und N. Testamentes und das Hohelied. Die beigefügte lateinische Uebersetzung ist von Joh. Heinr. Michaelis. Ueber die Geschichte dieser Ausgabe, besonders über eine anonym 1699 erschienene Probe derselben s. Rosenmüller, Handb. f. d. Litt. der bibl. Krit. Bd. 3, S. 68—70. — Noch ist zu erwähnen das von Bruns (s. Bd. III, S. 452) publicirte samaritanische Schreiben der Sichemiten an L., herausgegeben unter dem Titel: „Epistolae Samaritanae Sichemitarum ad Jobum Ludolphum“, Cizae 1688. Es finden sich in demselben allerlei schwindelhafte Angaben der Sichemiten über eine alte Abschrift des Gesetzbuches, die in ihrem Besitze sich befinde und angeblich im 13. Jahre der Niederlassung der Israeliten in Kanaan von dem Aaroniden Abisua verfertigt worden sei, worüber von diesem selbst in der Handschrift ein Certificat beigefügt sei. Man vgl. über diesen albernen Handel: Eichhorn. Einl. in das A. T. 4. Aufl. Bd. 2, S. 598 ff. Repertorium für bibl. und morgenl. Litt. Thl. 9, S. 1—46. Thl. 13, S. 257—277 und besonders S. 277—292.

    • Literatur

      Zur allgemeinen Würdigung Ludolfs vgl. noch Diestel, Gesch. des A. Testamentes S. 456 und vor Allem Dillmann a. a. O. S. 10 und 11.

  • Autor/in

    Siegfried.
  • Empfohlene Zitierweise

    Siegfried, "Ludolf, Hiob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 394-395 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118817167.html#adbcontent

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