Lebensdaten
um 1553 bis 1606
Geburtsort
im Etschtal (Südtirol)
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Komponist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118890638 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lechner, Leonhard
  • Ahtesinus, Leonhard Lechner
  • Athesinus, Leonhard Lechner
  • mehr

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Zitierweise

Lechner, Leonhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118890638.html [18.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    Nürnberg 1576 Dorothea (* 1549), Wwe d. Stadtpfeifers Friedrich Kast ( 1573), T d. Gewandschneiders Franz Lederer in Nürnberg u. d. Dorothea Groß;
    1 S.

  • Leben

    Über L.s Herkunft und seine Jugend ist nichts bekannt; nur durch den Beinamen „Athesinus“ wissen wir, daß er aus dem Stromgebiet der Etsch stammt. Urkundlich erwähnt ist er 1570 bei seiner Entlassung als Kantoreiknabe der Hofkapelle des Erbprinzen Wilhelm in Landshut, die in diesem Jahr aufgelöst wurde; vorher diente er in der von Orlando di Lasso geleiteten Hofkapelle in München. Über sein Leben zwischen 1570 und 1575 berichtet er selbst (1581) nur, daß er „weit und breit verschiedene Gebiete durchstreift habe“; vermutlich war er damals auch in Italien, da schon in seinen frühen Tonsätzen ital. Einflüsse festzustellen sind. Bereits 1575 erschien in Nürnberg seine erste Veröffentlichung, eine Sammlung lat. Motetten. In der Vorrede schreibt L., daß er Kollaborator an der Schule bei St. Lorenz, der damals größten Lateinschule in Nürnberg, sei, doch wolle er nicht als Schulmeister, sondern als Musiker und Komponist angesehen und beurteilt werden. In 10 Jahren erschienen in rascher Folge zahlreiche Sammlungen L.s mit geistlichen und weltlichen Werken zu latein. und deutschen Texten im Druck, einige in mehreren Auflagen. Er gewann führende Männer der Stadt zu Gönnern und Freunden und wurde bald weit über Nürnberg hinaus als bedeutender Komponist bekannt. Obwohl L. vom Rat der Stadt als „gewaltiger Componist und Musicus“ geschätzt, mit dem Titel eines Archimusicus geehrt und in der Besoldung dem Cantor gleichgestellt wurde, war er auf die Dauer mit der untergeordneten Stellung eines Schulgehilfen nicht zufrieden. 1584 trat er als Hofkapellmeister in den Dienst des Gf. Eitel Friedrich von Hohenzollern in Hechingen, verließ jedoch – wahrscheinlich wegen konfessioneller Differenzen – den kath. Hof und suchte im nahen Tübingen Zuflucht. Obwohl der Graf mit allen Mitteln versuchte, ihn zurückzuholen, fand L. bei Hzg. Ludwig von Württemberg Schutz und wurde als Tenorist in die Hofkapelle zu Stuttgart aufgenommen. Seit 1586 war er württ. Hofkomponist. Die Leitung der Kapelle wurde ihm 1594 übertragen; er hat diese trotz mancher Schwierigkeiten und auch durch Krankheit behindert zu hohen Leistungen geführt und bis zu seinem Tode zahlreiche Kompositionen geschaffen, von denen jedoch nur wenige im Druck erschienen, viele handschriftliche verlorengegangen sind.

    Von L.s Werken lagen bis 1926 nur sehr wenige, und nicht seine bedeutendsten, in Neuausgaben vor. Erst als dann seine Sammlung deutscher Liedmotetten von 1582 und seine Passionsmusik von 1593, bald darauf das „Hohelied Salomonis“ und die „Deutschen Sprüche von Leben und Tod“ aus der postumen Handschrift von 1606 erschienen waren, erkannte die Musikwissenschaft L.s überragende Bedeutung. Diese Werke wurden auch sogleich von Singkreisen und anderen Chören aufgeführt, allen voran die Figuralpassion nach dem Evangelisten Johannes durch den Thomaschor in Leipzig am 26.3.1926; zahlreiche Schallplattenaufnahmen haben in den letzten Jahrzehnten diese Werke weiter bekannt gemacht. 1954 begann eine auf 14 Bände veranschlagte Gesamtausgabe der Werke L.s.

    In seinen Spätwerken hat L. einen ganz persönlichen Stil entwickelt, indem er die Feierlichkeit der Motette mit der Beweglichkeit und Ausdruckskraft des Madrigals verschmolz; dieser ganz ihm eigene, abgeklärte und gereifte Altersstil war seiner Zeit weit voraus und in der Form ohne Parallele. L. war auch der erste Meister, der in den „Deutschen Sprüchen“ einen ganzen Zyklus von Texten in deutscher Sprache komponiert hat. Sein nun fast vollständig erschlossenes Opus bezeugt seinen hohen Rang als bedeutendster deutscher Komponist der Generation zwischen Orlando di Lasso und Heinrich Schütz.

  • Werke

    Lat. Chorwerke: Motetten, Messen, Magnificat u. Introituskompositionen;
    dt. geistl. u. weltl. Lieder: 3stg. „n. Art d. welschen Villanellen“, 4stg. „n. Art d. welschen Canzonen“, 4- u. 5stg. Liedmotetten;
    Werke zu 2 u. mehr Chören: 24stg. Epitalamium f. d. Hochzeit d. Patriziers Sebald (I.) Welser, 1582;
    Hochzeitsmusik zu 15 Stimmen f. d. Hochzeit d. Prn. Sibylle Elisabeth v. Württemberg mit Hzg. Johann Georg v. Sachsen (1604). Ges.ausg. d. Werke v. K. Ameln, 1954 ff.

  • Literatur

    ADB 18;
    J. Neyses, Stud. z. Gesch. d. dt. Motette d. 16. Jh., Diss. Bonn 1927;
    M. Schreiber, L. L. Athesinus, Diss. München 1932;
    U. Martin, Hist. u. stilkrit. Stud. z. L. L.s Strophenliedern, Diss. Göttingen 1957;
    K. Ameln, in: Lb. aus Schwaben u. Franken VII, 1960, S. 70-91;
    Grove 1980, 10;
    MGG VIII (W-Verz., L);
    Riemann (W, L).

  • Autor/in

    Konrad Ameln
  • Empfohlene Zitierweise

    Ameln, Konrad, "Lechner, Leonhard" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 31-32 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118890638.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lechner: Leonhard L., ein fleißiger Tonsetzer des 16. Jahrhunderts, über den wir neuerdings vortreffliche Quellenarbeiten in den Monatsheften für Musikgeschichte erhalten haben. Er war in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. im Etschthal geboren und scheint einer gelegentlichen Aeußerung gemäß in der Cantorei des Herzogs Wilhelm von Baiern in München Sängerknabe gewesen zu sein, wo er unter Orlandus de Lassus' Direction seine Studien gemacht hat. 1570 treffen wir ihn als Schullehrer in Nürnberg, wo er bereits als Componist Motetten und deutsche Lieder herausgibt, auch — wol nur des Verdienstes halber — eine Motetten-Sammlung seines einstigen Meisters Orlandus de Lassus, nebst Messen desselben, sowie die dreistimmigen, damals sehr beliebten Lieder Jacob Regnart's fünfstimmig setzt und in Nürnberg veröffentlicht. Diese rege Thätigkeit verschasste ihm bald die Anerkennung seiner Zeitgenossen und der Graf Eitel Friedrich von Hohenzollern ließ ihn durch seinen Rath und Rechtsanwalt Johann Drezel zu sich auf sein Schloß zum Besuche einladen, wo er ihn gastfrei aufnahm und reich beschenkt entließ, wie uns L. in seinen Messen von 1584 selbst mittheilt. Aus diesem Besuche entspannen sich Unterhandlungen, ihn als Capellmeister nach Hechingen zu gewinnen und Lechner's lebhafter Geist, der an der Schulmeisteret in Nürnberg wol wenig Gefallen fand, ging schnell darauf ein, so daß er bereits in demselben Jahre (1584) als „wohlbestallter Capellmeister“ des Grafen Eitel Friedrich fungirt. Doch Lechner scheint hier nicht gefunden zu haben, was er erwartete, oder er ließ sich in der damals sehr abhängigen und einem Diener gleichkommenden Stellung zu Ungehörigkeiten hinreißen, kurz, nach Ablauf kaum eines Jahres entfernte er sich heimlich vom Schlosse Hechingen und suchte eine anderweitige Stellung. Da damals in Dresden die kurfürstliche Capellmeisterstelle erledigt war, so bewarb er sich zunächst um diese, suchte aber vor Allem mit Weib und Kind beim Herzog von Württemberg in Tübingen Schutz. Hier ließ ihn der Graf durch einen gewissen Peter Gadmeyer, Stadtschreiber, aussuchen und zur Rückkehr bewegen. Das Schreiben, welches Gadmeyer dem L. vom Grafen überreichte, ist in einem freundlichen, fast bittenden Tone abgefaßt (s. Monatsh. f. Musikg. I, S. 185, sowie man die folgenden Schreiben ebenfalls dort abgedruckt findet). Lechner's Antwort aber,|was sehr zu seinen Ungunsten spricht, ist hochfahrend und setzt alle Rücksicht gegen seinen hochgestellten Herrn bei Seite; ohne einen triftigen Grund seines Entweichens anzugeben, besteht er nur darauf, daß er nicht nöthig habe, um seinen Abschied einzukommen. Der Graf griff nun zu Gegenmitteln, unterrichtete den Kurfürst von Sachsen von dem Entweichen Lechner's und bewog jenen, den ihm sonst so gut empfohlenen L. — der Herzog von Württemberg, der Herzog Wilhelm von Baiern und Orlandus de Lassus waren beim Kurfürsten zu Gunsten Lechner's eingetreten und hatten ihn schriftlich empfohlen — nicht anzustellen. Auch ein Schreiben des Grafen an den Markgrafen von Brandenburg in derselben Angelegenheit bewahrt das königlich sächsische Hauptstaatsarchiv auf. L. sah sich so von allen hochfliegenden Plänen verdrängt und mußte zufrieden sein, daß ihn der Herzog von Württemberg in Diensten behielt. Hier läßt sich seine Thätigkeit bis in's Jahr 1590 verfolgen, von da ab verschwindet aber jegliche Spur, so daß man nicht irre gehen wird, wenn man seinen Tod in diese Zeit setzt. L. hat in allen Musikformen Werke hinterlassen, von der Messe bis zum kleinen Liede und wenn er auch nicht die höchste Staffel des Ruhmes erreicht hat, so sind seine Werke mehrfach aufgelegt und vielfach verbreitet gewesen, wovon jetzt noch die auf öffentlichen Bibliotheken vorhandenen Exemplare Kunde geben, die in ganz Deutschland, vom höchsten Norden bis zum tiefsten Süden, in Ost und West zu finden sind. Die Monatshefte für Musikgeschichte geben im 10. Bande ein Verzeichniß seiner Drucke mit Angabe des Inhaltes und der Fundorte; man erkennt daraus am besten die einstige Beliebtheit Lechner's. Auch in der jüngsten Zeit sind einige seiner Gesänge wieder von Neuem herausgegeben, darunter befindet sich auch die sechsstimmige Gelegenheitscomposition an den Kurfürsten von Sachsen, die ihm helfen sollte, den sächsischen Capellmeisterposten zu erlangen: „Saxoniae Princeps Augustissime salve“ (M. f. M. I, Nr. 12), die aber trotz ihrer vortrefflichen Arbeit den Zweck nicht erreichte. Besonders interessant und lehrreich finde ich aber die fünfstimmige Bearbeitung der Regnart'schen dreistimmigen Lieder, von denen die Monatshefte, Bd. VIII, Beilage zu S. 56, einen Satz neben dem Regnart'schen des Vergleiches halber bringen: „Ohn dich muß ich aller Freuden maßen“. Das ist nicht nach heutigem Begriffe ein Arrangiren des dreistimmigen Satzes in einen fünfstimmigen, sondern eine vollständig neue Bearbeitung. Es ist als wenn zwei dasselbe Thema bearbeiten und Jeder einen vollkommen neuen Eindruck seiner Arbeit erzielt. Man erkennt daraus am Besten, wie gewandt die Alten in Behandlung ihrer Motive waren und daß ihre Stärke nicht in der Erfindung neuer und reizvoller Themas bestand, sondern in der Behandlung und Benützung eines Motivs.

  • Autor/in

    Rob. Eitner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Eitner, Robert, "Lechner, Leonhard" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 106-107 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118890638.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA