Lebensdaten
1855 bis 1931
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Freudenstadt
Beruf/Funktion
Reformpädagoge
Konfession
Dissident
Normdaten
GND: 119178737 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gurlitt, Georg Remi Ernst Ludwig
  • Gurlitt, Ludwig
  • Gurlitt, Georg Remi Ernst Ludwig
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Zitierweise

Gurlitt, Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119178737.html [16.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Louis (s. 5);
    Ov Cornelius (s. 1);
    B Cornelius (s. 2), Fritz (s. 3); | 1890 Helene (* 1863), T d. Porträtmalers Franz Schrotzberg (1811–89, s. ThB) u. d. Eleonore Stohl;
    3 S.

  • Leben

    Nach altphilologischem Universitätsstudium in Göttingen und Berlin war G. als Gymnasiallehrer in Hamburg und Berlin tätig, zuletzt in Berlin-Steglitz. Hier erwuchs aus seiner Klasse und seinen Schülern die Wandervogel-Bewegung. Seit 1902 vertrat er radikale Reformtendenzen, die 1907 seinen frühzeitigen Ruhestand veranlaßten. Zur Verwirklichung und Verbreitung seiner Reformpläne begründete er mehrere kurzlebige Erziehungsheime.

    In unmittelbarer Nachfolge von Max Stirner und Ellen Key lehrte G. in Mißdeutung der Vernunft-Autonomie Kants einen absoluten Individualitäts- und Menschheitskult. Nach ihm ist das Individuum an sich, als „Naturprodukt“ heilig, unantastbar souverän. Wegen der vollkommenen „Hoheit des Kindes“ erklärte er es als das „größte Verbrechen“, die freie, das heißt naturgegebene Entwicklung des Kindes irgendwie, etwa durch sittliche oder gar religiöse Forderungen, einschränken und lenken zu wollen. Aus dem gleichen Grund bestritt er Recht und Möglichkeit eines allgemein gültigen Erziehungszieles, insbesondere lehnte er das Existenz- und Wirkungsrecht der christlichen Erziehung ab.

    Angeregt durch Julius Langbehn (Rembrandt als Erzieher) und vor allem durch Paul de Lagarde (Deutsche Schriften) verband er seine extreme Individualitätspädagogik mit betont nationaldeutschen Ergießungen linksliberalistischer Art aus der Nachzeit der Reichsgründung. Ziel sollte sein „der körperlich und geistig gesunde, starke, freie, zuchtvolle und heitere Deutsche“. Als ideales Leitbild hierfür galt G. die „gesunde, natürliche“ englische Erziehung.

    Philosophisch-weltanschaulich erscheint G. als leidenschaftlicher Verfechter des einseitig materialistisch-biologischen Naturalismus am Ausgang des 19. Jahrhunderts. In der pädagogischen Theorie vollzog er die äußerste Konsequenz in dem Bestreben, die Pädagogik von den Geisteswissenschaften zu trennen und rein als naturwissenschaftliche Disziplin zu betreiben. Didaktisch führte er die Pädagogik „vom Kinde aus“ ad absurdum im Sinne eines letztentwickelten didaktischen Rousseauismus. Obwohl in der Reformperiode viel gelesen und diskutiert, hat G. die Weiterentwicklung der pädagogischen Theorie kaum beeinflußt, wohl aber dient sein Schrifttum bis heute als Arsenal für antibürgerliche, antikapitalistische und antireligiöse Bestrebungen.

  • Werke

    Der Deutsche u. s. Vaterland, 1902, 81909;
    Der Deutsche u. s. Schule, 1905, 81912;
    Pflege u. Entwicklung d. Persönlichkeit, 1905;
    Erziehung z. Mannhaftigkeit, 1906, 71923;
    Schule u. Gegenwartskunst, 1907;
    Schülerselbstmorde, 1908;
    Pflege d. Heimatsinnes, 1909;
    Die Erziehungslehre, 1909, *1925;
    Selbstdarst. in: E. Hahn, Die Päd. d. Gegenwart in Selbstdarst. II, 1927 (P).

  • Literatur

    G.s Päd., in: W. Münch, Zukunftspäd., 31913;
    K. Kesseler, Päd. Charakterköpfe, 51929;
    - aus d. zahlr. päd. Abhh. bes.:
    F. Rommel, G. als Erzieher, in: Päd. Archiv, 1912, S. 208 ff.;
    M. Lechner, Das Problem d. Persönlichkeit in d. Päd. G.s, in: Pharus 1, 1912, S. 481 ff.;
    M. Lechner, G.s Stellung z. Schulreform, ebd. 2, 1912, S. 193 ff.;
    Lex. d. Päd. II, 1953.

  • Autor/in

    Heinrich Kautz
  • Empfohlene Zitierweise

    Kautz, Heinrich, "Gurlitt, Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 330 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119178737.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA