Lebensdaten
1494 bis 1555
Geburtsort
Glauchau
Sterbeort
Chemnitz
Beruf/Funktion
Mineraloge ; Philologe ; Arzt ; Naturwissenschaftler ; Techniker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118501062 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Bauer, Georg
  • Pawer, Georg
  • Agricola, Georg
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Zitierweise

Agricola, Georgius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118501062.html [25.04.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gregor Bauer (Pawer, zwischen 1518 und 1532), wahrscheinlich Tuchmacher und Färber in Glauchau, muß wohlhabend gewesen sein, da er 3 Söhne die Universität besuchen ließ;
    M 1533;
    1) um 1527 vermutlich Anna ( etwa 1540), Witwe des um 1523 verstorbenen Zehntners Matthäus Meyner aus Schneeberg, 2) 1542 Anna ( nach 1580);
    2 S, 3 T aus 2).

  • Leben

    A. gehört zu den Gelehrten vom Ausgang des Mittelalters, die zur unmittelbaren Beobachtung der Natur übergehen und die philosophische Betrachtung der Dinge zurücktreten lassen. Er war Schulmann, dann Arzt und als solcher Begründer der Bergwissenschaften, vornehmlich der Mineralogie und der Geologie, ausgezeichneter Darsteller des Maschinenwesens und der Berg- und Hüttentechnik des 16. Jahrhunderts. Seine Werke beherrschen die montanistischen Wissenschaften bis 1800 und sind für viele Gebiete der Technik eine der besten Quellen ihrer mittelalterlichen und älteren Geschichte. Seine Erkenntnisse enthalten sogar viele neuzeitlich anmutende Gedanken.

    Georg Bauer, später latinisiert A., besuchte wahrscheinlich in Zwickau die Lateinschule, studierte etwa 1514-17 in Leipzig Theologie, Philosophie und Philologie. 1518-22 wirkte er, befreundet mit Stephan Roth, in Zwickau zunächst als Konrektor der Stadtschule, dann auch der neuen griechisch-lateinischen Schule und schließlich als Rektor beider vereinigten Anstalten. 1520 erschien seine lateinische Grammatik mit pädagogischen Darlegungen. 1522-23 war er an der Universität Leipzig Lektor bei Petrus Mosellanus (Schade). Etwa 1523-26 war er in Italien, und zwar in Bologna, Venedig und wahrscheinlich Padua zum Studium von Medizin, Philosophie und Naturwissenschaften. In Italien erwarb er den Grad eines Doktors der Medizin (Universität nicht bekannt); er war bereits Doktor der Philosophie. In Venedig war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Druckerfamilie Manutius, insbesondere bei der Herausgabe der Werke des griechischen Arztes Galen. 1527-33 finden wir A. zunächst als Stadtarzt in Joachimsthal, Mittelpunkt eines reichen Silbererzbergbaues. Hier wurde er Mineraloge und Geologe sowie Berg- und Hüttenkundiger. Reiche Kenntnisse und Anregungen verdankte er dort dem Hüttenschreiber Lorenz Bermann, dem Stadtschreiber Bartholomäus Bach und dem Schulmeister Petrus Plateanus. Auch Johann Mathesius lernte er kennen und schätzen, der 1532 Schulmeister in Joachimsthal, später dort protestantischer Pfarrer wurde. Sein Amt als Stadtarzt hat A. bereits 1530 aufgegeben. Sein Buch „Bermannus“ machte ihn als mineralogischen und bergbaulichen Gelehrten berühmt. In den letzten Jahren seiner Joachimsthaler Zeit scheint er eine Reihe Studienreisen in bedeutende Bergbaugebiete (Thüringen, Schlesien, Mähren, Harz) gemacht zu haben, wohl verschiedentlich als bergbaulicher Berater geholt. In dieser Zeit erschienen sein Aufruf zum Kampf wider die Türken und ein Werk über Maße und Gewichte.

    Die Jahre 1533-55 verbrachte er in Chemnitz. Er war dort ebenfalls Stadtarzt, außerdem Landeshistoriograph für das sächsische Fürstenhaus. 1546 wurde er Bürger und Ratsmitglied; viermal - 1546, 1547, 1551, 1553 - war er regierender Bürgermeister. Während des Schmalkaldischen Krieges wurde er vom Herzog Moritz mehrmals mit staatsmännischen Funktionen betraut. Diese Doppelstellung zwischen Stadtregiment und Fürstenhaus und die Bedrängung der Stadt durch die Kriegsereignisse, sowie ein Verbleiben in der katholischen Kirche brachten ihn in scharfe Gegensätze zur Chemnitzer Bürgerschaft. Er pflegte einen regen persönlichen Verkehr mit Gelehrten, Bergleuten und Kaufleuten selbst in entfernten Ländern und einen ausgedehnten, leider nur teilweise und zerstreut veröffentlichten Briefwechsel mit Gelehrten aller Fachrichtungen. Sein ständiger Helfer und Freund war Georg Fabricius, Schulmann und Dichter in Chemnitz, später in Meißen. - A.s Name wurde 1873 durch Dr. A. Frenzel in Freiberg verewigt im „Agricolit, seltenem Kieselwismut von Johanngeorgenstadt und Schneeberg“.

  • Werke

    u.a. Libellus de prima ac simplici institutione grammatica, Leipzig 1520;
    Oration, Anred u. Vermahnung v. Kriegsrüstung und Heerzug wider den Türken, Übers. aus dem Lat. von L. Bermann, Nürnberg u. Dresden 1531;
    Oratio de bello adversus Turcam suscipiendo, Basel 1538;
    De mensuris et ponderibus, Basel u. Paris 1533, erweiterte Ausg. Basel 1550;
    De peste, ebenda 1554;
    Gesamtausg. d. montanist. W: ebenda 1557, darin: Bermannus sive de re metallica dialogus (ebenda 1530); De ortu et causis subterraneorum; De natura eorum quae effluunt ex terra; De natura fossilium; De veteribus et novis metallis (Basel 1546); De animantibus subterraneis (Basel 1549);
    De re metallica (Basel 1556), mehrfach übers. ins Ital., Engl. u. Dt., zuletzt: Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen, hrsg. v. d. Agricola-Ges. beim Dt. Museum, München, 1928 (P); Von d. hochlobl. Sippschaft d. chur. u. fürstl. Hauses zu Sachsen (1555, Ms. R 98 u. R 99 d. Landesbibl. Dresden), lat. Bearb.v.G. u. J. Fabricius: Origines Saxonicae, Jena 1598; s. a. Bibliogr. bei E. Darmstaedter u. W. Pieper (s. L).

  • Literatur

    ADB I;
    P. Albinus, Meißn. Land- u. Berg-Chronica, Dresden 1589/90;
    A. D. Richter, Chronica der Stadt Chemnitz II, Annaberg-Zittau-Leipzig 1753–67, S. 343-71;
    Roscher, 1874, S. 49-52, 100-103;
    A. Scholtze, Die oriental. Frage in d. öffentl. Meinung d. 16. Jh.s, 1880, S. 15-20;
    L. Beck, Die Gesch. d. Eisens in techn. u. kulturgesch. Beziehung II, 1893/95, S. 22-46;
    A. Schrauf, Über d. Einfluß d. Bergsegens auf d. Entstehung d. mineralog. Wiss. im Anfang d. 16. Jh.s, 1894;
    Th. Beck, Btrr. zur Gesch. d. Maschinenbaus, 1899, S. 127-62;
    R. Hofmann, Dr. G. A., Ein Gelehrtenleben aus d. Zeitalter d. Ref., 1905;
    F. M. Feldhaus, Dt. Techniker u. Ingenieure, 1912, S. 55-62;
    G. Sommerfeldt, Aus G. A.s Schriftstellertätigkeit im letzten Lebensjahre z. Chemnitz 1555, in: Mitt. d. Ver. f. Chemnitzer Gesch., Bd. 22, 1921, S. 37-40;
    E. Darmstaedter, G. A. 1494-1555, Leben u. Werk, 1926 (P);
    W. Fischer, Mineralogie in Sachsen v. A. bis Werner, 1939 (P);
    ders., Zum 450. Geburtstag A.s, d. Vaters d. Mineralogie u. Pioniers d. Berg- u. Hüttenwesens, in: Neues Jb. f. Mineral., Geol. u. Paläontol., 1944 (mit Stammtafel v. F. Resch);
    C. Schiffner, Die Männer d. Metallhüttenwesens, 1942, S. 1 f.;
    W. Pieper, Dr. G. A., Zur 450. Wiederkehr seines Geburtstages am 24.3.1944, in: Mitt. d. Ver. f. Chemnitzer Gesch., Bd. 31, Jg. 1938/44, S. 3-20;
    ders., Die Holzschnitte im Bergwerksbuch d. G. A., ebenda, S. 21 bis 40, u. in: Ztschr. f. Metall u. Erz, 1944, S. 49 bis 56;
    S. Sieber, G. A. als Arzt u. Apotheker, in: Pharmazie, Jg. 3, 1948, S. 379-81.

  • Portraits

    Kupf. v. unbek. Künstler in Joan Sambucus, Icones veterum aliquot ac recentium medicorum philosophorumque, Antwerpen 1574; Neudruck ebenda 1901, Tafel 38.

  • Autor

    Wilhelm Pieper
  • Empfohlene Zitierweise

    Pieper, Wilhelm, "Agricola, Georgius" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 98-100 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118501062.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Agricola: Georg A. (Bauer), der Vater der Mineralogie, geb. 24. März 1490 zu Glauchau in Sachsen, 21. Nov. 1555 zu Chemnitz. Ueber seine Jugend ist wenig bekannt, erwähnenswerth aus seiner Knabenzeit ist nur der tiefe Eindruck, den der damals schon großartige Brand des Planitzer Kohlenflötz bei Zwickau auf ihn machte. Er muß sich einer vorzüglichen Erziehung erfreut haben. Denn schon mit 20 Jahren ward er als Rector extraordinarius der griechischen Sprache an der sog. großen Schule zu Zwickau angestellt, trat auch damals schon als philologischer Schriftsteller auf. Der Drang nach Erweiterung seiner Kenntnisse trieb ihn aber nach 2 Jahren weiter nach Leipzig, wo er als Rector bei dem ihm durch Briefverkehr bereits befreundeten Professor der classischen Sprachen Pet. Mosellanus kräftige Unterstützung fand. Hier betrieb er neben seinen philologischen Studien aufs eifrigste jene der Medicin und der damals mit dieser engverbundenen Physik und Chemie. Nach Mosellanus' Tode machte er nach damaliger Sitte eine Reise nach Italien, und erlangte daselbst während eines zweijährigen Aufenthaltes den Doctorgrad. Nach seiner Rückkehr glaubte er seinen Wissensdrang am besten dadurch befriedigen zu können, daß er sich in|dem damals so erzreichen Joachimsthal inmitten zahlreicher Bergwerke und Hüttenanlagen als Arzt niederließ. Hier konnte er nicht nur "die Lücken in der Heilkunde ausfüllen", wie er selbst sagt, sondern auch ohne Aufsehen zu erregen die Natur beobachten und sich bei seinem Berufe von den Berg- und Hüttenbauten eine Menge der sonst schwer zu erwerbenden, oft mit dem Deckmantel des Geheimnisses verschleierten Kenntnisse aneignen. Unermüdlich studirte er die aus den Bergwerken gewonnenen Erze, die Art ihres natürlichen Vorkommens und ihrer Gewinnung, beobachtete mit richtigem Verständnisse und großem Scharfblicke, wie die in dem Bergbau gewonnenen Erze durch hüttenmännische Processe zu Gut gemacht wurden und verglich Alles, was er selber beobachtet hatte, mit dem, was die Gesammtlitteratur seit den ältesten Zeiten über diese Gegenstände mittheilte. Wohl geschult durch seine gründlichen philologischen und philosophischen Studien war er an strenge Logik und Systematik gewöhnt und so gelang es ihm bei einem scharfen und kritischen Geist, indem er das selbst beobachtete mit dem seit Alters her bekannten zu verbinden strebte, ein wissenschaftliches System aufzustellen, dem er seit 1528 durch eine Reihe von Publicationen Geltung zu verschaffen suchte. Zuerst veröffentlichte er gleichsam als Einleitung zu seinen späteren Werken: "Bermannus, sive de re metallica dialogus" 1528, in der classischen Form des Dialogs das erste derartige Werk der neueren Zeit über mineralogische Gegenstände, in welchen A. das reiche, aber wirre Wissen der bergmännischen Erfahrung in ein System zu bringen wußte. Im J. 1530 siedelte er, von Kurfürst Moritz mit einem Jahresgehalt bedacht und zum Historiographen ernannt, nach Chemnitz über, um sich immer tiefer in das ihm lieb gewordene Studium der Bergbaukunde zu versenken. Die Stadt Chemnitz ehrte ihn durch die Wahl zum Stadtphysicus und zum Bürgermeister. Doch scheint ihm im Laufe der Jahre sein von den damals herrschenden religiösen Ansichten abweichendes Verharren beim Alten viele Unannehmlichkeiten zugezogen zu haben; denn seiner Stelle als Bürgermeister wurde er später wieder entsetzt. Diese Wirren veranlaßten ihn, sich vom öffentlichen Leben ganz zurückzuziehen und ausschließlich der Wissenschaft zu leben. Sein Hauptaugenmerk war und blieb auf das Mineralreich gerichtet; doch streifte sein reger Geist auch vielfach das medicinische, ja sogar das historische, theologische und mathematische Gebiet. Von seinen historischen Schriften ist als die hauptsächlichste zu nennen: "Dominatores Saxonici a prima origine ad hanc aetatem", Fribergae. Als reife Früchte seiner Lieblingsstudien erschienen nach einander mehrere Werke, welche, zumal da sie ein bis dahin fast unberührtes Feld behandelten, das Staunen und die Bewunderung der Zeitgenossen in hohem Grade erregten. So 1544 "De ortu et causis subterraneorum", in welcher Schrift er die ersten Grundzüge einer physikalischen Geologie niedergelegt und die Ansichten der Philosophen des Alterthums mit einschneidender Kritik zu berichtigen versucht hat; 1545 "De natura eorum, quae effluunt e terra" und 1546 "De natura fossilium", die erste systematische und nach den damaligen Kenntnissen vollständige Beschreibung der Mineralien, welche er nach ihrer äußeren Beschaffenheit in Farbe, Durchsichtigkeit, Geschmack, Geruch, Härte, Schwere, äußerer Gestalt, nach ihrem chemischen und physikalischen Verhalten, in einfache und zusammengesetzte, die einfachen wieder in Erden, Concretionen, Steine und Metalle eintheilte; zugleich besprach er ihren ökonomischen Gebrauch und gab ihr Vorkommen an verschiedenen Fundorten an. Auch in dieser Schrift finden wir viele kritische Untersuchungen über die von den Alten aufgestellten und benannten Mineralien. Der Basalt des Plinius (durch einen Schreibfehler für Basanites) wird in dem schwarzen Stein des Schloßbergs von Stolpen wieder erkannt und dieser Name für alle Zeit in die Wissenschaft eingeführt, wie denn überhaupt das von A. aufgestellte System lange Zeit hindurch als das herrschende sich erhielt und im 17. Jahrhundert bei vielen Beschreibungen von Mineralien zu Grunde gelegt wurde. Kentmann, Geßner und Cäsalpien folgten in ihren Schriften dem Vorgange Agricola's. Weiter folgten 1546 "De veteribus et novis metallis", 1548 "De animantibus subterraneis" und 1549 bis 1550 mehrere kleinere Schriften über Gewicht, Maaß und Werth der Metalle etc. (vgl. Jöcher. Adelung). Sein Hauptwerk "De re metallica libri XII" war 1550 gleichfalls bereits vollendet, erschien aber erst 1556 nach des Verfassers unerwartet rasch erfolgtem Tode und wurde lange als eine Art mineralogische Pandecten betrachtet. Es ist mit vortrefflichen Holzschnitten des Basilius Wehring in Joachimsthal ausgestattet, deren Herstellung jedoch, wie es heißt, Agricola's ganzes Vermögen verschlang. In der That war es bahnbrechend auf dem Gebiete der Bergbau- und Hüttenkunde. Werner selbst erklärte A. "für den Vater aller Bergwerksgelehrten und für den Schöpfer aller mineralogischen Kritik, dem er selbst sein mineralogisches Streben und Wissen verdanke". Eine Gesammtausgabe seiner Werke erschien 1550 und 1558 in 2 Theilen zu Basel. Obwol A. in früheren Jahren manche Beweise einer kirchlich-freisinnigen Denkungsweise und duldsamer Gesinnung gegeben hatte, hielt er doch später unerschütterlich am katholischen Glauben fest, selbst nachdem fast die ganze Stadt sich zur neuen Lehre bekannt hatte. Ein heftiger Wortwechsel mit einem Anhänger der neuen Lehre soll die Ursache des Schlaganfalls gewesen sein, der seinen Tod zur Folge hatte. Bei der fanatisch erregten Stadt war er so verhaßt, daß sogar seine Beerdigung in Chemnitz verweigert wurde. Erst 5 Tage nach seinem Tode konnte seine Leiche nach dem 7 Meilen entfernten Zeitz gebracht werden, wo ihm der Bischof eine Grabstätte in der Domkirche einräumte.

    • Literatur

      Dr. F. L. Becher, Die Mineralogen G. Agricola und Werner, Freiberg 1819. Fr. Aug. Schmid, Georg Agricola's Bermannus mit einer Einleitung, Freiberg 1806.

    • Korrektur

      Korrektur: Eine Biographie G. Agricola's gibt E. Herzog im 4. Heft der Mitteilungen des Altertumsvereins Freiberg 1866.

  • Autor

    Gümbel.,
  • Empfohlene Zitierweise

    Gümbel, Wilhelm von, "Agricola, Georgius" in: Allgemeine Deutsche Biographie 1 (1875), S. 143-145 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118501062.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA