Lebensdaten
1493 bis 1524
Geburtsort
Bruttig bei Cochem/Mosel
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Humanist ; Theologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118928171 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schade, Peter (eigentlich)
  • Mosellanus Protegensis, Petrus (auch)
  • Schade, Petrus (eigentlich)
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Zitierweise

Mosellanus, Petrus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118928171.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes Schade, Winzer in B., S d. Johann in Cochem;
    M Katharina N. N.; 13 Geschw.

  • Leben

    Als armer vagierender Scholar besuchte der an Statur kleine, dunkle M., ein „ingenium praecox“, „von ganz außerordentlichen Gaben für die Wissenschaft“ (Melanchthon), nach seiner Heimatschule zu Beilstein die Lateinschulen zu Luxemburg, Limburg und Trier, wo er Chorknabe am Dom war. 1512 konnte er sich an der Univ. Köln „ad artes“ einschreiben lassen, wo Johann Caesarius, dem er sein Griechisch verdankte, Hermann von dem Busch und Jacob Sobius lehrten. Von dort zog er im Winter 1513/14 mit seinem Freund Caspar Borner, dem späteren Rektor der Leipziger Universität und der Thomasschule, über Mainz nach dessen sächs. Heimat. Von Leipzig ging er nach Freiberg als Lehrer an die von Johann Rhagius Aesticampian geleitete Schule. Am 25.4.1515 in Leipzig immatrikuliert, vervollkommnete sich M. im Griechischen bei Richard Crocus, einem Engländer, wurde dessen Lieblingsschüler und erhielt 1517 als dessen Nachfolger die Professur der griech. Sprache. 1518 setzte er sich mit Begeisterung für Reuchlin ein; auf Befehl Hzg. Georgs eröffnete er Ende Juni 1519 mit einer richtungsweisenden Rede die Leipziger Disputation. Im Herbst 1519 sah er seine moselländische Heimat wieder. 1520 holte M. den Magister artium nach, wurde Mitglied des Professorenkollegiums und erwarb den theologischen Baccalaureus. Das Rektorat der Universität versah er 1520 und 1523. Vom Luthertum ließ sich M. nicht gewinnen, blieb vielmehr ausgesprochener Erasmianer und Gegner aller Streittheologie, was ihm Anfeindungen von beiden Seiten eintrug. Seinem Herzog und der Univ. Leipzig hielt er die Treue und lehnte eine Einladung nach England und Rufe nach Trier, Mainz und Erfurt ab. Daß er in seinem 31. Lebensjahr verstarb, traf die in Konkurrenz mit Wittenberg stehende Univ. Leipzig schwer. M.s große Bedeutung war humanistisch-pädagogischer Art und lag in seiner Lehrtätigkeit, in der er den Auf- und Ausbau des griech. Unterrichts und einen gereinigten und vereinfachenden Grammatikbetrieb mit der Behandlung der alten Schriftsteller als Stilmuster in formal-klassizistischem Sinne verband. Neben der Grammatiklehre pflegte er eine lebendige Interpretation der griech. und lat. Autoren, von denen er Catull, Tibull und Martial verwarf. Außer einigen kleinen|programmatischen Schriften brachte er parallel dazu zahlreiche Texte, Übersetzungen und Erklärungen antiken und frühchristlichen Schriftgutes heraus. An der Spitze seines literarischen Werkes steht seine weitverbreitete, an Terenz angelehnte „Paedologia“ (35+2 Scholarendialoge), die bis zum Ende des 16. Jh. 65 Ausgaben erlebte. Seine eigenen bitteren Erlebnisse als Scholar spiegeln sich in den Klagen der von Hunger und Kälte geplagten Knaben des Gesprächsbüchleins wider. Zu M.s Schülerkreis gehörten neben dem Vermittlungstheologen Julius v. Pflugk auch Joachim Camerarius, Caspar Cruciger und Valentin Trotzendorf. Sein Briefwechsel mit Erasmus, Hutten, Pirckheimer u. a. dokumentiert, daß M. mit Recht den Beinamen „Leipzigs Melanchthon“ verdient, insoweit sich dieser auf die rein wissenschaftliche Leistung bezog.

  • Werke

    Tabulae de schematibus et tropis, 1516;
    De variarum linguarurn cognitione, 1518 (Antrittsvorlesung v. 1517);
    Paedologia P. M. P. in puerorum usum conscripta, 1518 (Proctor 11 371), Neuausgg. v. H. Michel, 1906, sowie: Renaissance Student Life, The Paedologia of P. M., übers. v. R. F. Seybolt, 1927;
    De ratione disputandi praesertim in re theologica oratio, 1519 (Proctor 11 558, Rede z. Leipziger Disputation, 27.6.1519);
    P. M.s Brieff v. d. Leipziger Colloquio zw. Carlstadt, Luthern u. Eccio an Julius Pflug A(nno) 1519, in: Unschuldige Nachr. v. alten u. neuen theol. Sachen, 1702, S. 72-80, 107-12;
    Oratio de concordia, praesertim in scholis publicis litterarum professoribus tuenda, 1520 (Erwiderung an Heinrich Stromer-Auerbach);
    Praeceptiuncula de tempore studiis impartiendo, 1521;
    Schottenloher 48 346. – Hrsg.: Aristophanes, Plutos, 1517 (griech. Text, mit Vorwort v. J. Caesarius);
    Übers. e. Weihnachtspredigt d. Gregor v. Nazianz, 1518;
    Rede d. Isokrates üb. d. Vermeidung d. Krieges u. Erhaltung d. Friedens, 1518;
    2 Dialoge d. Lucian: Charon, Tysanus, interprete P. M., 1518;
    Die v. Priscianus Caesariensis besorgte Übers. d. Erdbeschreibung d. Dionysius v. Corinth, verbessert u. mit Randglossen versehen, 1518;
    Agapetus an Kaiser Justinian üb. d. Pflichten e. guten Fürsten, 1520;
    Hymnen d. Aurelius Prudentius auf bestimmte Tage u. Tageszeiten, 1522;
    Ausgg. v. Basilius u. Theokrits Idyllen.

  • Literatur

    ADB 22;
    P. Svavenius, Apologia pro M. P. praeceptore contra Ioh. Cellarium, o. J. (1519);
    J. Micyllus, Epicedia in P. M., 1524;
    Heinrich Schultz, Ausführl. Lebensbeschreibung P. M.s, 1724;
    J. H. Wyttenbach, Biogr. d. P. Schade, in: Treviris 2, 1835;
    K. E. Förstemann, Über Julius v. Pflug oratio funebris in mortem P. M., in: Neue Mitt. aus d. Gebiet d. hist.-antiquar. Forschungen, 1838/40, S. 177-79;
    Vlr. Hutteni Opera, ed. E. Böcking, Suppl. II, 1864, S. 200, 276;
    O. G. Schmidt, P. M., Ein Btr. z. Gesch. d. Humanismus in Sachsen, 1867;
    K. u. W. Krafft, Über P. M.s Studium in Köln 1512–14, in: dies., Briefe u. Dokumente aus d. Zeit d. Ref., 1875, S. 118-201;
    O. Clemen, M. contra Cellarius, in: Btrr. z. sächs. KG 26, 1902, S. 431-35;
    A. Bömer, Die lat. Schülergespräche d. Humanisten, 1897, S. 95-107 u. ö.;
    G. Wustmann, Der Wirt in Auerbachs Keller Dr. Heinrich Stromer v. Auerbach, 1902;
    H. Helbig, Die Ref. d. Univ. Leipzig im 16. Jh., 1953;
    R. Weier, Die Rede d. P. M. „Über d. rechte Weise, theol. zu disputieren, in: Trierer Theol. Zs. 83, 1974, S. 232-45;
    U. M. Kremer, M., Humanist zw. Kirche u. Ref., in: Archiv f. Ref.gesch. 73, 1982, S. 20-34;
    R. Schober, P. M. (1493-1524) – e. vergessener Moselhumanist, 1979;
    R. Schommers, P. M. aus Bruttig – z. 500. Geb.tag, in: Kreis Heimat-Jb. Cochem-Zell, 1993;
    Schottenloher 13 024, 13 740, 35 759 a, 35 843 a, 41 335, 43 740;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    BBKL.

  • Autor/in

    Heinrich Grimm
  • Empfohlene Zitierweise

    Grimm, Heinrich, "Mosellanus, Petrus" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 170 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118928171.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mosellanus: Petrus M., eig. Schade, Mosellanus, weil er aus der Moselgegend stammte, geb. in Bruttig (daher auch Protegensis) 1493, am 19. April 1524 in Leipzig. Er besuchte die Schulen in Beilstein, Luxemburg, Limburg, Trier und bezog, für jene Zeit verhältnißmäßig spät, die Universität Köln (immatriculirt am 2. Jan. 1512), wo besonders Joh. Caesarius und Jak. Sobius seine Lehrer waren. Schon damals lernte er griechisch; den schwereren und griechischen Studien bestimmte er den Vormittag, den leichteren den Nachmittag. (In Erfurt ist er nicht gewesen; dies gegen Böcking, opp. Hutt. VII, 422.) Obgleich ohne Titel, lehrte er ein Jahr in Freiberg und ging nach Leipzig, wo er am 25. April 1515 immatriculirt wurde. Durch den Engländer Richard Crocus (A. D. B. Bd. IV, S. 602) unterstützt, vervollkommnete er sich im Griechischen. Nach Crokus' Weggang, dessen Einladung nach England er ausschlug: me nondum Germaniae meae poenitet (ungedruckter Brief an Lange) erhielt er dessen Professur der griechischen Sprache, „gegen die Angriffe gehässiger Menschen“, wurde am 3. Jan. 1520 Magister, in demselben Jahre Mitglied des großen Fürstencollegiums und Baccalaureus der Theologie und bekleidete zweimal 1520 und 1523 das Rectorat. Er trat seine Professur mit der Rede an: „Oratio de variarum linguarum cognitione paranda“ (Leipzig 1518, mehrfach gedruckt, noch Jena 1634). Er setzte darin auseinander, daß man sich durch Sprachkenntniß Gott nähern könne, alle Wissenschaften erst durch die Sprachen gründlich betreiben könne z. B. die Theologie durch die Sprachen, in welchen die heiligen Urkunden abgefaßt seien. Gegen M. erschien eine Schrift des Latomus, gegen welche Erasmus die Vertheidigung des Angegriffenen übernahm. Als Rector wurde er von Heinr. Stromer Auerbach mit einem Sermo panegyricus begrüßt und erwiderte denselben mit einer „oratio de concordia, praesertim in scholis publicis litterarum professoribus tuenda“ (beide gedruckt Leipz. 1520), in welcher er sehr energisch den Vertretern der einzelnen Facultäten und Wissenschaften ins Gewissen redete. Mosellanus' Lehrthätigkeit war bedeutend. Er lehrte die Grammatik und interpretirte griechische und lateinische Autoren, von denen er aber Catull, Tibull und Martial verwarf. Für seine Schüler entwarf er eine practische und verständige Schrift über die Zeiteintheilung: „Praeceptiuncula de tempore studiis impartiendo“ (Leipz. 1521), gab eine tabellarische Zusammenstellung der Eigenthümlichkeiten der lateinischen Sprache: „Tabulae de schematibus et tropis“ (zuerst Frankf. 1516, häufig gedruckt) und veröffentlichte, nach dem Vorgange des Erasmus, Dialoge über Studien, Zeitbenutzung und Gegenstande des täglichen Lebens: „Paedologia in puerarum usum conscripta“ (Leipz. 1518). Er edirte Manches z. B. den Plutus des Aristophanes und übersetzte viel: Schriften des Basilius, des Gregor v. Nazianz, eine Rede des Isokrates, zwei Dialoge des Lucian u. a., zwei Idyllen Theokrit's; aus seinem Nachlasse wurden|Anmerkungen zu Gellius, Quintilian, Lorenzo Valla herausgegeben. Unter seinen Schülern sind namentlich Christoph v. Carlowitz und Julius v. Pflug zu nennen; von später bekannt gewordenen Gelehrten: Joachim Camerarius, Caspar Cruciger, Valentin Trotzendorf. Aber auch Gegner fand er durch seine Lehrthätigkeit; doch ist die Notiz eines Zeitgenossen (Epist. Zwinglii I, 136): expulsus aliquamdiu a Sophistis wol eine humanistische Uebertreibung. Die Gegnerschaft der „Sophisten“ zog er sich durch seine Stellung zum Reuchlinischen Kampf und zur Reformation zu. An Reuchlin richtete er einen begeisterten Brief 1518, in welchem er sich unbedingt auf seine Seite stellt und selbst seine kabbalistischen Studien bewundert. Auch mit anderen Häuptern des Humanismus: Erasmus, Hutten, Mutian, Pirckheimer stand er in brieflicher Verbindung. Er nahm in der Theologie eine freisinnige Stellung ein, sehnte sich daher aus Leipzig weg nach Wittenberg, konnte aber trotz Spalatins Empfehlung die dortige Professur des Griechischen nicht erhalten. Als Philologe nahm er 1518 an einem Streite zwischen Joh. Sylv. Egranus und Hieran. Dungersheim theil, auf Seite des erstem, indem er die kirchliche Tradition von der dreimaligen Verheirathung der heiligen Anna durch eine einfache sprachliche Erklärung vernichtete. Aber entschieden hat er für Luther nicht Partei genommen: theils war er Erasmianer, theils mußte er in Sachsen, unter dem reformationsfeindlichen Herzog Georg, sich vorsichtig verhalten. In der Prädestinationslehre dachte er wie Erasmus; in einem (ungedruckten) Briefe 1521 warnt er seinen Freund Joh. Lange aufs Dringendste davor, das Ordensgewand abzuwerfen und sich nicht durch solches Verfahren den Vorwurf der Unbeständigkeit und Undankbarkeit zuzuziehn. Sehr merkwürdig ist sein Verhalten in der Leipziger Disputation. Ursprünglich hielt er sie für ein Wortgefecht der Streittheologen, „über welche Zehn Demokrite genug zu lachen haben werden“. Später erkannte er ihre Bedeutung. Im Auftrage des Herzogs eröffnete er die Disputation mit einer Rede: „de ratione disputandi praesertim in re theologica“ (Leipz. 1519): der Zweck sei die Wahrheit ans Licht zu bringen, den Frieden zu bewirken; diesem hohen Zweck entsprechend müsse die Art fachlich, ernst, bescheiden sein. Mancherlei in der Rede konnte gegen Eck gedeutet werden und wurde gegen Eck gedeutet, aber auch die strengen Lutheraner waren nicht zufrieden, Joh. Cellarius schrieb gegen ihn und erhielt von Petrus Suavenius, einem Schüler Mosellan's eine Erwiderung. Auch in einem Brief an Pflug (Dec. 1519) über die Leipziger Disputation verfocht er den Satz, es sei am Besten, eine abwartende Stellung einzunehmen. Doch die Thatsache, daß er seitdem mit verdoppeltem Eifer sich der Theologie zuwendet und biblische Vorlesungen hält, der Umstand, daß er immer unzufriedner mit den Leipzigern wird und namentlich in den vertrauten Briefen an Mutian und Lange heftige Aeußerungen über die Wissenschaftsfeinde braucht, endlich die Thatsache, daß Luther und Melanchthon in einem guten persönlichen Verhältniß zu ihm sich befanden, beweisen, daß er den Anhängern der Reformation weit näher stand als ihren Gegnern. Melanchthon war bei seinem Tode zugegen; er schrieb tief betrübt: „Sein Tod ist ein schwerer Verlust für die Wissenschaft, denn seine Gaben waren ganz außerordentlich“.

    • Literatur

      O. G. Schmidt, Petrus M. Ein Beitrag zur Geschichte des Humanismus in Sachsen, Leipz. 1867, woselbst auch die älteren Biographieen angeführt sind, die keinen sonderlichen Werth beanspruchen. Götting. Gel. Anz. 1868, St. 39, S. 1535—1542. Ungedruckte Briefe an Mutian und Lange in der camerarischen Sammlung in München.

  • Autor/in

    Ludwig Geiger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Geiger, Ludwig, "Mosellanus, Petrus" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 358-359 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118928171.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA