Lebensdaten
1903 bis 1946
Geburtsort
Ried (Innkreis, Oberösterreich)
Sterbeort
Nürnberg
Beruf/Funktion
SS-Führer
Konfession
katholisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 119017202 | OGND | VIAF

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Zitierweise

Kaltenbrunner, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd119017202.html [26.09.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Hugo (1875–1938), Dr., Rechtsanwalt, S d. Rechtsanwalts Dr. Karl u. d. Maria Josefa Augustin; M Therese (1875–1943), T d. Hutmachers Ferdinand Josef Udwardy in Eferding/Oberösterreich u. d. Barbara Listner (aus Böhmen); Ur-Gvv Karl (s. 2); - 1939 Elisabeth Eder (* 1908) aus Linz; K.

  • Leben

    K. studierte in Graz Rechtswissenschaft. Geprägt von einem romantischen Nationalismus und als Mitglied einer waffenstudentischen Verbindung war er 1924/25 Sprecher der nationalistischen Studenten. Den Lebensunterhalt verdiente er sich 2 Jahre lang als Kohlenarbeiter. 1926 wurde er zum doctor iuris promoviert. Referendar und Rechtsanwaltsanwärter war er in Salzburg und Linz, dort seit 1929 Anwalt. 1932 wurde er Mitglied der NSDAP und der SS und schon nach einjähriger Tätigkeit als Gauredner und Rechtsberater Führer einer Standarte (= Regiment). Januar – April 1934 war er im Lager Kaisersteinbruch in Haft. Am Putsch der Wiener SS im Juli 1934 offenbar unbeteiligt, bemühte er sich mit um eine Verständigung zwischen Schuschnigg und den Nationalsozialisten. Unter der Anklage des Hochverrats erneut verhaftet, wurde er 1935 jedoch nur wegen Geheimbündelei zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Er verlor die Zulassung als Anwalt und widmete sich ausschließlich der SS. Als Kommandeur der gesamten österreichischen SS wurde er am 11.3.1938 Staatssekretär für öffentliche Sicherheit in der Regierung Seyß-Inquart. Diese Funktion behielt er zugleich mit der Leitung des SS-Oberabschnitts Donau bis zur Auflösung der Landesregierung 1939; er war so mitverantwortlich für den Aufbau der Gestapo in Österreich, ihre Maßnahmen gegen die Gegner der NS-Herrschaft und die Verfolgung der Juden. Als Höherer SS- und Polizeiführer für Wien, Ober- und Niederösterreich führte er anschließend weiter die Aufsicht über Gestapo und Sicherheitsdienst, Ordnungspolizei, Kriminalpolizei und Einheiten der allgemeinen SS; er inspizierte das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz, dessen Häftlinge unter besonders schweren Bedingungen zu leiden hatten, und war unterrichtet über die Ermordung der russischen Juden durch Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD).

    Am 30.1.1943 wurde K., inzwischen SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, zum Chef der Sicherheitspolizei und des SD ernannt. Er trat damit an die Spitze des Reichssicherheitshauptamtes und wurde der Vorgesetzte für mehr als 50 000 Angehörige von Gestapo, Kriminalpolizei und SD in Deutschland und den besetzten Gebieten. Allerdings wurde seine Macht zweifellos durch unmittelbare Eingriffe Himmlers beeinträchtigt, der verhindern wollte, daß Heydrichs Nachfolger seine eigene Stellung erschütterte; er dürfte darum auch den Leitern der Gestapo und der Kriminalpolizei, Heinrich Müller und Arthur Nebe, eine|gewisse Selbständigkeit zugestanden haben. K. widmete sich besonders dem politischen Nachrichtendienst, den er durch die Angliederung der militärischen Abwehr Anfang 1944 nach dem Sturz von Canaris konzentrierte. In seinem Auftrag ergingen auch die Schutzhaftbefehle, mit denen die Einlieferung in ein Konzentrationslager angeordnet wurde; die Lager unterstanden ihm nicht, aber in ihren Politischen Abteilungen quälten Gestapobeamte viele Häftlinge zu Tode. K. konnte „Sonderbehandlung“ anordnen, das heißt die Hinrichtung von Häftlingen ohne Gerichtsverfahren und Urteil. In seine Amtszeit fiel die Erschießung entflohener Kriegsgefangener nach der Wiederergreifung, unter anderem von 50 englischen Offizieren aus dem Lager Sagan, und die Ermordung des französischen Generals Mesny. Als Vorgesetzter Adolf Eichmanns (1906–62, s. Literatur), den er aus Linz kannte, war K. an der Vernichtung der Juden beteiligt, so an der Deportation der ungarischen Juden 1944, von denen mindestens 200 000 ermordet und 12 000 von ihm persönlich zur Zwangsarbeit bestimmt wurden; schon Anfang 1943 hatte er vorgeschlagen, 5 000 Juden aus dem Lager Theresienstadt (nur dieses unterstand ihm) nach Auschwitz zu schicken. Nach dem 20. Juli 1944 legte er die Berichte über die Verfolgung der am Attentat auf Hitler beteiligten Offiziere und Politiker vor, hielt aber selbst den Krieg schon für verloren und duldete die Bemühungen Schellenbergs um eine Verständigung mit den Westmächten. Im Frühjahr 1945 suchte K. Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst und verhandelte mit dem Internationalen Roten Kreuz über die Freilassung von Gefangenen. – Im Mai 1945 wurde K. in Österreich verhaftet und als Hauptkriegsverbrecher vor dem Nürnberger Internationalen Militärgerichtshof angeklagt. Er berief sich auf Pflicht und Gehorsam, bestritt jeden Anteil an den ihm vorgeworfenen Verbrechen, für die er Himmler, Müller und das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt verantwortlich machte, und sogar die Echtheit seiner Unterschrift auf belastenden Dokumenten. Am 1.10.1946 wurde er wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt. – Gewiß war K. für die Verbrechen der Gestapo nicht in dem Umfange verantwortlich wie Himmler und Heydrich, deren fanatische Energie ihm fehlte. Aber er setzte seine Fähigkeiten in der Ausführung von Befehlen, aber auch selbständigen Entscheidungen gewissenlos ein, um den Terrorapparat im Gang zu halten, den andere konzipiert und aufgebaut hatten.

  • Literatur

    Die Dt. Polizei 11, 1943, S. 167 (P); Der Großdt. Reichstag, IV. Wahlperiode, 1943, S. 261; Der Prozeß gegen d. Hauptkriegsverbrecher vor d. Internat. Militärgerichtshof, Nürnberg 14.11.1945-1.10.1946, 1947 ff., Bd. 4, S. 324 ff., Bd. 11, S. 259 ff., Bd. 31 (P), Bd. 40, S. 305 ff.; W. Hagen (= W. Höttl), Die geh. Front, 1950, S. 82 ff.; C. Haensel, Das Gericht vertagt sich, 1950, S. 150 ff.; W. Schellenberg, Memoiren, 1959, S. 286; Spiegelbild e. Verschwörung, Die K.-Berr. an Bormann u. Hitler üb. d. Attentat v. 20.7.1944, 1961; G. M. Gilbert, Nürnberger Tagebuch, 1962, S. 248 ff.; ÖBL. - Zu Eichmann: H. Arendt, Eichmann in Jerusalem, 1964.

  • Autor

    Heinz Boberach
  • Empfohlene Zitierweise

    Boberach, Heinz, "Kaltenbrunner, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 72 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119017202.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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