Lebensdaten
1865 bis 1950
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Genf
Beruf/Funktion
Komponist ; Musikpädagoge
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118711873 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jaques, Emil (bis circa 1886)
  • Dal'kroz, Emil' Zhak-
  • Dalcroze, E. Jaques-
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Zitierweise

Jaques-Dalcroze, Emile, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118711873.html [09.12.2016].

CC0

Jaques-Dalcroze (Doppelname seit circa 1886), Emile

Komponist und Musikpädagoge, * 6.7.1865 Wien, 1.7.1950 Genf. (reformiert)

  • Genealogie

    V Jules Jaques (1827–1904), aus Sainte-Croix, Repräsentant schweizer. Uhrenfabriken in W. u. G., aus waadtländ. Pastorenfam. (generationenlange intensive Musikpflege); M Julie Jaunin (1835–1903) aus Yverdon; 1899 Maria-AnnaStarace (1877–1946) aus Neapel, Sängerin (Künstlername: Nina Faliero); 1 S.

  • Leben

    Sein erstes Lebensjahrzehnt verbrachte J. in Wien. 1875 übersiedelte die Familie nach Genf. Schon 1883 schrieb J. Lieder und wurde Mitglied der „Société de Belles-Lettres“. In den nächsten Jahren (Paris 1884–86) teilte er seine Studieninteressen noch zwischen Musik (Gabriel Fauré, Leo Delibes u. a.) und dramatischer Kunst, im Herbst 1886 ließ er sich als 2. Kapellmeister an das Théatre des Nouveautes in Algier verpflichten. Das Theater ging zwar nach einer Saison in Konkurs, aber die Begegnung mit arab. Musik gewann entscheidenden Einfluß auf J. Zum ersten Mal lernte er „die Bedeutung des Rhythmus“ kennen.

    1887-89 studierte J. an der Wiener Musikakademie Klavier, Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition bei H. Graedener, A. Prosnitz, Rob. Fuchs und Anton Bruckner; 1889-90 empfing er in Paris von dem schweizer. Musiker Mathis Lussy wesentliche Anregungen für rhythmische Studien. 1892 erhielt J. eine Berufung als Lehrer für Solfège und Harmonielehre an das Genfer Konservatorium. 18 Jahre blieb er in dieser Stellung und durchformte während dieser Zeit – aufgrund seiner Lehrerfahrungen – theoretisch wie praktisch seine Methode „La Rythmique“ („Rhythmische Gymnastik“) zur Entfaltung möglichst restloser Kommunikation zwischen Geist und Körper. J. war bei seinen Studien und Versuchen nur auf sich gestellt, erhielt durch das Konservatorium weder moralische noch praktische Unterstützung – um so eindrucksvoller war der erste große Erfolg, welchen er mit der Darlegung seiner Methode und mit Vorführungen durch eine Schülergruppe auf dem Kongreß Schweizer Musiker in Solothurn (1905) hatte. Zahlreiche Vorträge und Demonstrationen schlossen sich an, die vor allem in Deutschland und in nord. Ländern Verständnis fanden. Aus Deutschland kam 1909 das Angebot der Brüder Wolf und Harald Dohrn, in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden ein Institut nach Intentionen von J. (stark beeinflußt vom befreundeten Adolphe Appia) zu errichten: die „Bildungsanstalt“ Hellerau.

    Vom Tage der Eröffnung an (Okt. 1911) fanden „Bildungsanstalt“ und Festspielhaus Hellerau (Architektur: H. Tessenow; Innenausstattung: A. v. Salzmann, wiederum unter Einfluß Appias) internationales Interesse und ungeteilte Zustimmung führender Künstler und Wissenschaftler. Die „Schulfeste“, 1912 („Echo et Narcisse“ v. J., Fragmente aus „Orpheus“ v. Gluck) und 1913 („Orpheus“ v. Gluck mit Emmi Leisner in der Titelpartie, „Verkündigung“ v. Claudel) wurden zu weitwirkenden künstlerischen Ereignissen. Im Sommer 1914 war J. in Genf, um das Festspiel „Fête de Juin“, zu dem er die Musik geschrieben hatte, herauszubringen. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges unterzeichnete er im Sept. 1914 mit Ferd. Hodler, E. Ansermet, E. Bloch u. a. den sog. „Reimser Protest“ gegen die Beschießung der Kathedrale durch deutsche Truppen – die Verbindung mit Deutschland war unterbrochen, die „Bildungsanstalt“ Hellerau wurde vorübergehend Lazarett. J. blieb in Genf, lehnte ein Angebot des Konservatoriums ab und eröffnete im Okt. 1915 mit Unterstützung durch Genfer Freunde das „Institut Jaques-Dalcroze“. Dieses Institut blieb bis zum Tode seines Gründers Arbeitszentrum der „Rhythmischen Gymnastik“ und wird in seinem Sinne weitergeführt. Im Gefolge der Auslandsreisen (Unterricht, Vorträge, Vorführungen), welche J. während der nächsten Jahrzehnte unternommen hat, sind in zahlreichen Ländern Ausbildungsstätten entstanden. Sie stehen in enger Verbindung mit der Genfer Zentrale, wo auch die „Union Internationale des Professeurs de Rythmique J.“ ihren Sitz hat.

    In Deutschland war die Arbeit in Hellerau seit 1914 bzw. nach dem 1. Weltkrieg in der „Neuen Schule für angewandten Rhythmus“ weitergeführt worden (Aufführungen 1922 und 1923); 1925 übersiedelte die Schule nach Schloß Laxenburg bei Wien. Auch auf heilpädagogischen Gebieten leistete „Rhythmische Gymnastik“ zunehmend wertvollere Hilfen, wie denn J. das gesamte Arbeitsgebiet in ständiger Bewegung hielt. Bis 1948 unterrichtete er im Institut.

    In den vielfältigen Ausstrahlungen der „Rhythmischen Gymnastik“ spiegeln sich die vielfältigen Anlagen ihres Initiators J.: Musik, Theater, Literatur, Tanz, Pädagogik – überall konnte er auf persönlich geprägte Leistungen verweisen. Seine Lebensleistung aber bestand in Konzentration jener Anlagen auf eine pädagogische Idee, die um ihres künstlerischen Einschlags willen, durch Ausgleich zwischen rationalen und emotionalen Kräften vor Dogmatik bewahrt und in ständiger Entwicklung geblieben ist. Aus Beobachtung der Natur und instinktiver Fähigkeiten des Menschen gewann J. die Überzeugung, daß körperliche Erfahrung und Vervollkommnung physischer Mittel zur Klärung intellektueller Wahrnehmungen beitragen können Vom Taktschlagen zu Gehörübungen (unmittelbares körperliches Verhältnis zur Musik) war ein langer Weg bis zur Durchbildung des „Muskelsinnes“ und des „inneren Hörens“, in deren Zusammenwirken, basierend auf Grunderfahrungen von Zeit, Raum, Kraft, formmusikalische Elemente zu körperlichen und räumlichen Entsprechungen finden sollten. Sein Ziel sah J. in physischer und psychischer Harmonisierung individueller Gaben und Funktionen zur Entfaltung der Persönlichkeit. Befähigt dazu wurde er durch psychologischen Scharfblick, durch unerschöpfliche Phantasie in der Erfindung immer neuer Übungen, durch die einhellig bewunderte Gabe der Improvisation. Solche Fähigkeit zur Präsenz, zur Reaktion im Augenblick, erklärt auch Vielzahl und Verschiedenheit seiner Werke, unter denen neben ironisierenden Kabarettliedern schlichte Kinderlieder (insgesamt etwa 600 Lieder), neben intimen Vokal- und Instrumentalkompositionen große Festspiele für Tausende von Mitwirkenden stehen. Als Grundkraft galt J. jederzeit die Musik, auch in der „Rhythmischen Gymnastik“ – dialogische Beziehung zwischen Musik und Bewegung sollte das Musikerlebnis klären und intensivieren. Aus diesem Leitgedanken hat er für seine Zeit pädagogisch wie künstlerisch neue Wirkungsfelder erschlossen. Über seine Zeit hinaus wirkt seine pädagogische Idee in mannigfachen Anregungen und zeitbezogenen Wandlungen weiter bis in die Gegenwart.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Univ. Genf 1910), goldene Medaille d. Konservatoriums Genf.

  • Werke

    10 Bühnenwerke, u. a. Riquet à la Houpe, 1883; Les Jumeaux de Bergame, 1908; 5 Festspiele; zahlr. Orch-werke; Konzerte, Stücke f. Violine u. Klavier, f. Violoncello u. Klavier, f. Violine, Flöte, Violoncello u. Klavier; Klaviermusik; Oratorien u. Kantaten; Gesang (Solo) mit Orch. od. Klavier; Lieder f. Kinder. - Zahlr. Werke f. d. Unterricht u. a. 30 leçons mélodiques de solfège, 1936. - Schrr. u. a. Vorschläge z. Reform d. musikal. Schulunterrichts, 1905; Methode J.-D., 6 T., 1906; La Musique et Nous, notes sur notre double vie, 1945; Notes bariolées, 1948.

  • Literatur

    P. Boepple, Der Rhythmus als Erziehungsmittel f. d. Leben u. d. Kunst, 6 Vorträge v. J.-D. z. Begründung s. Methode, 1907; W. Dohrn, Die Bildungsanstalt E. J., 1912; K. Storck, E. J.-D., s. Stellung u. Aufgabe in unserer Zeit, 1912; H. Brunet-Lecomte, J.-D., sa vie - son oeuvre, 1950; A. Epping, ABC d. Improvisation, 1954; W. Tappolet, Der Begründer d. rhythm. Gymnastik E. J.-D., in: Musica, 1959, Juli/Aug.; E. Feudel, In Memoriam Hellerau, J.-D., Wolf Dohrn, 1960; Martin, Franck, Tibor Dénes, A. Berchtold, H. Gagnebin, B. Reichel C.-L. Dutoit u. E. Stadler, E. J.-D., L'homme, le compositeur, le créateur de la Rythmique, 1965 (W, L); O. Blensdorf, Praxis d. Rhythmik u. Körpertechnik in Schule u. Haus, 1965; G. Bünner, Rhythmik, Rhythmisch-musikal. Erziehung, 1971; dies., Grundlagen u. Methoden rhythm. Erziehung, 1971 (mit P. Röthig u. a.; ausführl. L); MGG VI (W, L).

  • Autor

    Willibald Götze
  • Empfohlene Zitierweise

    Götze, Willibald, "Jaques-Dalcroze, Emile" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 350-352 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118711873.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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