Lebensdaten
1490 bis 1547
Geburtsort
Nürnberg
Sterbeort
Breslau
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe ; Reformator von Breslau
Konfession
katholisch,lutherisch
Normdaten
GND: 116778474 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heß, Johannes
  • Hess, Johann
  • Heß, Johann
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Heß, Johann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116778474.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann (1460–1524), Kaufm., angebl. S d. Dr. med. Johann, kaiserl. Leibarzt, Arzt in N.;
    M Anna, T d. Kaufm. Ulrich Geiger in Pforzheim;
    Vt Ulrich Geiger gen. Chelius (1500–58), Arzt, Humanist, Politiker (s. BLÄ);
    - 1) Breslau 8.9.1525 Anna ( 1531), T d. Stephan Jopner gen. Spiegler ( 1534), Rats- u. Handelsherr in B., 2) 1533 Hedwig ( 1539), T d. Ratswagemeisters Peter Wahle in B.; Schwager Stephan Jopner gen. Spiegler, Rektor d. Domschule in B.;
    1 S, 2 T aus 1) Hans v. H. u. Stein (Reichsadel 1588, 1529-94), Dr. iur., Syndikus d. Stadt u. Oberlandschreiber d. Fürstentums Breslau, Kammerfiskal in Ober- u. Niederschlesien, Sara ( Joh. Aurifaber, 1568, ev. Theologe, s. NDB I), Anna ( Frdr. Staphylus, 1567, ev., dann kath. Theologe, s. ADB 35), 1 S, 2 T aus 2), u. a. Paul (1536–1603), Prof. d. Med. in Wittenberg, dann oels. Leibarzt;
    E Daniel v. H. u. Stein (1582–1648), kaiserl. Oberst, Kommandant v. B.

  • Leben

    H. studierte in Leipzig und Wittenberg die Freien Künste und Jurisprudenz. Der Humanismus lehrte ihn die Liebe zur Geschichte, zu den Kirchenvätern und zur Bibel und erschloß ihm die Freundschaft anderer Menschen, die gleich ihm von der Aufbruchstimmung jener Jahre erfaßt waren (Spalatin, Pirkheimer und andere). Besonders wichtig|wurde für ihn die Verbindung zum Wittenberger Augustinerkonvent, dem seit Sommer 1511 Johannes Lang und Luther angehörten. Sie riß auch nicht ab, als H. 1513 als Sekretär des Bischofs von Breslau, Johannes V. Thurzo, nach Neisse ging. 1518 zog H. zum Studium, nun der Theologie, nach Bologna (1519 Dr. theol.). Auf dem Rückweg nach Schlesien traf er in Wittenberg Melanchthon und gewann ihn zum Freunde. 1520 erhielt H. die Priesterweihe. Trotz seiner engen Verbindung mit den Wittenbergern hielt er sich kirchenpolitisch lange zurück. Auch als ihn der Rat der Stadt Breslau 1523 gewaltsam als Pfarrer der Stadtkirche Sankt Maria Magdalena eingesetzt hatte, mühte er sich – gut lutherisch – zunächst um die Einheit der Lehre unter den Predigern in der Stadt (Disputation April 1524) und leitete im Bunde mit dem Rat nur sehr allmählich gottesdienstliche Reformen ein; selbst das Verhältnis zum Bischof, seit 1521 Jakob von Salza, konnte normalisiert werden. Die Überlieferung schreibt H. besondere Aktivität in der Armenfürsorge zu; auch die Initiative zur Errichtung des Allerheiligenhospitals (1526) geht auf ihn zurück. Theologisch hält H. zusammen mit Ambrosius Moiban, seit 1525 Pfarrer an Sankt Elisabeth, die Breslauer Reformation an der Seite Wittenbergs (1526 Trennung von den Liegnitzern und Schwenkfeld). Rechtlich weitgehend ungesichert, noch ohne die Möglichkeit zu konfessioneller Verfestigung, stand H. wie der Breslauer Rat doch klar im lutherischen Lager. Die Böhmischen Brüder nahmen 1540 mit ihm Kontakt auf; 1541 nahm H. für kurze Zeit am Regensburger Religionsgespräch teil. Die Verbindung von theologischer Entschiedenheit mit schonsamem Vorgehen und Toleranz in Fragen der Ordnung blieb über H. hinaus ein Kennzeichen der Breslauer Reformation.

  • Werke

    Silesia Magna (nicht erhalten);
    Briefwechsel nicht geschlossen ed.

  • Literatur

    ADB XII;
    J. Köstlin, J. H., in: Zs. d. Ver. f. Gesch. u. Altertum Schlesiens 6, 1864, 12, 1874;
    P. Lehmann, Aus d. Bibl. d. Reformators J. H., in: Festgabe f. G. Leyh, = Zbl. f. d. Bibl.wesen, Beih. 75, 1950;
    G. Kretschmar, Die Ref. in Breslau I, 1960 (L);
    K. Engelbert, Die Anfänge d. luth. Bewegung in Breslau u. Schlesien, in: Archiv f. schles. KG 18, 1960, 19, 1961, 20, 1962. Julius Pflug, Correspondance, I, ed. J. V. Pollet, 1969 (P).

  • Portraits

    Epitaph (Tafelbild), ehem. i. d. Kirche St. Maria-Magdalenen in Breslau, Abb. in: Kunstdenkmäler d. Stadt Breslau, 1933, S. 57.

  • Autor/in

    Georg Kretschmar
  • Empfohlene Zitierweise

    Kretschmar, Georg, "Heß, Johann" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 7-8 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116778474.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Heß: Dr. Johann H., erster evangelischer Pfarrer in Breslau, 1490 im September von bürgerlichen Eltern in Nürnberg geboren, den 6. Jan. 1547. in Breslau, hatte auf der damals berühmten Schule in Zwickau den ersten gelehrten Unterricht empfangen und 1506—1510 in Leipzig vorzugsweise classische Studien betrieben. 1510 ist er in Wittenberg, dock war Luther damals auf seiner römischen Reise abwesend, auch sein Name noch wenig bekannt. Wie lange H. in Wittenberg geblieben ist und was ihn nach Schlesien geführt hat, ist unbekannt; 1513—1515 finden wir ihn als Notar der bischöflichen Kanzlei wegen seiner vorzüglichen historischen Kenntnisse hochgeschätzt am Hofe Bischof Thurzos in Breslau; 1517 im September in Oels bei Herzog Karl, dessen Sohn Joachim von ihm auf die Universität nach Prag begleitet wird. Schon 1515 in Besitz eines Canonicats in Neisse, zu welchem er später noch ein zweites an der Breslauer Kreuzkirche vom Bischof erhielt, unternahm H. 1518 zur Vollendung seiner Studien eine Reise nach Italien, von welcher er als Doktor zurückkehrte. Die Nachricht von seiner in Rom 1520 empfangenen Diaconatsweihe ist unbegründet: Ende 1519 ist Heß bereits auf der Heimreise in Wittenberg, wo er mit Luther in nähere Verbindung tritt und mit Melanchthon einen innigen Freundschaftsbund schließt. Nach Breslau zurückgekehrt trat H. dem Freundeskreise Crautwald's, in welchem Luthers Schriften begierig erwartet und noch begieriger studirt wurden, näher, ohne indeß entschiedene Stellung zu nehmen, ja die ihm 1520 am Tage vor Trinitatis ertheilte Priesterweihe und der Tod seines Gönners Thurzo, sowie Luthers Excommunication und offener Bruch mit Rom scheinen ihn in bedenkliches Schwanken versetzt zu haben. Melanchthon ist 1521 über seinen Mangel an Muth voll Sorge und Schwenckfeld mahnt ihn ernst zu entschiedenem Bekenntniß der Wahrheit. Um seinen Feinden in Breslau aus den Augen zu kommen, folgte H. 1521 im Herbste einem Rufe Herzog Karls nach Oels, und dort fand er im täglichen Verkehr mit dem Enkel Georg Podiebrads den innern Halt, der zu jedem Bruche mit der Vergangenheit unumgänglich nöthig ist: H. trat offen auf die Seite der Wittenberg. In mehreren Städten Schlesiens wurde bereits evangelisch gepredigt; auch in Breslau beschloß der Rath dem die ganze Bürgerschaft bewegenden neuen Geiste die Kirchen zu öffnen. Gelegenheit dazu bot die seit 1507 unbesetzte, nur durch Vicare verwaltete und zuletzt mit ihren Einkünften gar verpachtete Maria Magdalenenkirche. Ohne die wegen Uebertragung des Patronats angerufene Entscheidung des Papstes abzuwarten, berief der Rath im Einverständniß mit dem Bischof 1523 Mittwoch nach Eraudi unsern durch seine Canonicate der Breslauer Kirche zum Dienst verpflichteten Johann H., den damals auch die Königin Maria von Böhmen und Ungarn gern in ihren Dienst gezogen hätte, zum Pfarrer an die Magdalenenkirche und setzte ihn trotz des Widerspruchs des Domkapitels als solchen ein. Damit war der Sieg der Reformation in Breslau entschieden. Unter dem Schutze des Rathes ging H. an eine vorsichtige Abschaffung der Mißbräuche; Hauptsache blieb ihm Ausbreitung und Befestigung der Wahrheit durch die Predigt: was von alten gottesdienstlichen Ceremonien damit vereinbar war, blieb unangetastet, um die Schwachen nicht zu ärgern und den Bischof nicht ohne Noth noch mehr zu reizen. Mit den Schwenckfeldisch gesinnten Liegnitzern in nähere Verbindung zu treten hütete H. sich weislich; sie standen am Hofe zu schlecht angeschrieben. Besondere Sorge wurde den Schulen und der Armenpflege gewidmet. Heß Weigerung zu predigen, so lange er über seinen lieben Herrn Christus, (er meinte die vor der Kirchthüre liegenden Siechen und|Armen), hinwegschreiten müsse, gab dem Rathe 1526 Anlaß zur Stiftung des Allerheiligenhospitals, heut eines der ersten und größten Krankenhospitäler Deutschlands. Dem von ihm einst ausgesprochenen Satze, daß Theologen es wie Fuhrleute machen müssen, die nur so weit fahren, als sie mit Roß und Wagen kommen können, lebenslang treu bleibend, hat H. durch weises Maaßhalten und kluge Beschränkung auf das augenblicklich Erreichbare sich um die Sache der Reformation in Schlesien unsterblich verdient gemacht. Ihn zum Reformator Schlesiens hinaufschrauben zu wollen, zeugt von gänzlicher Verkennung der Verhältnisse; sogar für Breslau würde ihm dieses Prädicat nur mit großer Einschränkung zuzuerkennen sein: dennoch wird sein Name in Schlesien allezeit ein gefeierter und sein Gedächtniß ein gesegnetes bleiben.

    Sein Leben ist von Köstlin in der Zeitschrift für Geschichte und Alterthum Schlesiens VI. S. 97—131 und 181—265 ausführlich beschrieben. Ehrhardt, Presbyterologie I. 76 ff. 296 ff. Fischer, Denkschrift der 300jährigen Jubelfeier der Reformation in Breslau. 1817. Kolde, Johann Heß, der schlesische Reformator. Breslau 1846. Pol, Hancke, Fibiger ff.

    Schimmelpfennig.

    Schriften hat H. nicht hinterlassen, nur verdankt ihm die geistliche Liederpoesie die zwei bekannten noch heute in evangelischen Gesangbüchern erhaltenen Lieder „O Mensch, bedenk zu dieser Frist“ und „O Welt, ich muß dich lassen“ (nach der Melodie „Innsbruck ich muß dich lassen"). Das erstere erscheint schon zu seinen Lebzeiten 1540 gedruckt unter seinem Namen, das andere erst nach seinem Tode, zuerst in den Nürnberger Gesangbüchern 1569, 1571, 1579 und 1585, in dem Straßburgischen 1584 und in dem Dresden'schen 1597, zwar ohne beigesetzten Namen, jedoch nach den Forschungen älterer Hymnologen unzweifelhaft von ihm verfaßt.

    • Literatur

      Vergl. J. Chr. Olcarius, Remarques über das Sterbelied: O Welt etc. Arnst. 1716; Serpilius, histor. Untersuchung, wer des Sterbelieds .... Autor sei. Regensp. 1716: Wetzel, Hymnopoeogr. I. S. 423—429; Goedeke, Grundriß I. 217 und daselbst weitere Quellen.

  • Autor/in

    J. Franck.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schimmelpfennig, Adolf, "Heß, Johann" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 283-284 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116778474.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA