Lebensdaten
1886 bis 1955
Geburtsort
Moskau
Sterbeort
Basel
Beruf/Funktion
Musikwissenschaftler ; Komponist
Konfession
reformierte Familie
Normdaten
GND: 11896979X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Handschin, Jacques Samuel
  • Handschin, Jacques
  • Handschin, Jacques Samuel
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Zitierweise

Handschin, Jacques, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11896979X.html [18.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Jacques, Inh. e. Seidenbandgeschäfts in M., S d. Jakob in Rickenbach Kt. Baselland, u. d. Maria Weibel;
    M Emilie, T d. Joh. Bohny u. d. Maria Kath. Fansel; Verwandter Eduard (s. 1);
    1) Moskau 1909 Helene, T d. Eduard Wilh. Moritz Agricola u. d. Alexandra Clementine v. Rehekampff, 2) Basel 1939 Anna, T d. Nikita Nikitin u. d. Vassa Menavski;
    2 S aus 1) (jung †).

  • Leben

    H.s außergewöhnliche Begabung zeigte sich früh: der Dreijährige konnte bereits lesen, der Zwölfjährige Zusammenhänge bei der Lektüre Kants erklären. Mit 4 Jahren trat er in die Schule ein. H. mußte auf Wunsch der Eltern seine Moskauer Gymnasialzeit unterbrechen und in Neuchâtel einen Handelsschulkursus absolvieren; sein Abitur holte er anschließend in Moskau nach. 1905 begann er in Basel mit dem Studium (Geschichte, Mathematik), das er in München und in Leipzig fortsetzte (Geschichte, Philologie, Nationalökonomie). Schon während seiner Moskauer Schulzeit hatte H. mit dem Orgelspiel begonnen; nun setzte er – was den Bruch mit dem Elternhaus und schwierigste finanzielle Verhältnisse zur Folge hatte – seine Ausbildung in München bei Max Reger, in Leipzig bei Karl Straube und in Paris bei Charles-Marie Widor fort; 1909 wurde er in Sankt Petersburg Orgellehrer (später Professor) am Konservatorium der kaiserlichen Musikgesellschaft. Auch neben seiner Forschertätigkeit blieb H. der Orgel sein Leben lang eng verbunden: Er hatte mehrere, zum Teil bedeutende Organistenstellen inne (1912 vorübergehend am Berner Münster, 1914-21 an der lutherischen Petri-Kirche in Sankt Petersburg, 1922-24 in Sankt Gallen, 1924-35 an Sankt Peter in Zürich, 1935 bis kurz vor seinem Tode an der Basler Martinskirche), trat als Orgelvirtuose auf (Zyklus sämtlicher Bachscher Orgelwerke unter dem|Patronat von Alexander Siloti) und regte mehrere russische Komponisten zur Komposition von Orgelwerken an (unter anderem Alexander Glasunow); auch in Bearbeitungen Bachscher Werke für die Orgel und in seiner wissenschaftlichen Arbeit hat sich bei H. diese Beziehung zur Orgel niedergeschlagen. – Das spezifisch musikwissenschaftliche Interesse trat bei ihm erst verhältnismäßig spät dominierend in den Vordergrund. Wenn man von einigen Vorlesungsbesuchen bei H. Riemann absieht, war er auf diesem Gebiet Autodidakt. Mit dem Mathematiker und Akustiker Valentin Kowalenkow gründete er 1920 ein akustisches Laboratorium. Nachdem ihm auf der Reise in die Schweiz, wohin er 1921 übersiedelte, ein fertiges Dissertationsmanuskript gestohlen worden war, wurde H. unter schwierigen materiellen Bedingungen im gleichen Jahr, mit einer neugeschriebenen musikwissenschaftlichen Arbeit bei Karl Nef in Basel promoviert. Dort habilitierte er sich auch (1924). 1924-30 war er als Privatdozent, 1930-35 als außerordentlicher Professor und von 1935 bis zu seinem Tode, als Nachfolger Nofs, als ordentlicher Professor in Basel tätig.

    In seinen letzten Jahren war H. von dem Wunsch erfüllt – der ihm versagt blieb –, sich noch einige Jahre ausschließlich seinen Forschungen widmen zu können. Eine seit langem vorbereitete Arbeit über die Mehrstimmigkeit der Sankt-Martial-Epoche konnte er nicht mehr vollenden (s. Werke). Als Mensch dieser Zeit eigenwillig-gelehrtenhaft, ja zuweilen schrullig wirkend, wohl auch als Folge der durch die politischen Verhältnisse halbwegs erzwungenen Emigration aus Rußland – das er mit Selbstverständlichkeit als geistig-kulturell zu Europa gehörig ansah – sich einsam und isoliert fühlend, war H. als Musikforscher einer der bedeutendsten Köpfe unseres Jahrhunderts. Sein Scharfsinn, der Umfang seiner Kenntnisse (auch Sprachkenntnisse) waren außerordentlich, ebenso die Weite seines Interessenbereiches; über das Musikalische hinaus war seine Aufmerksamkeit vor allem auf philologische, mathematische und (musik-)psychologische Fragen gerichtet. H.s Hauptarbeitsgebiet war die Musik des frühen und hohen Mittelalters (frühe Mehrstimmigkeit, Sankt-Martial-Zeit, Notre-Dame-Schule); seine Forschungsergebnisse erschienen fast immer in Form von inhaltsreichen, konzentrierten Aufsätzen. Die beiden 1948 erschienenen Bücher stellen in gewissem Sinne die Summe seiner Arbeit dar: die „Musikgeschichte im Überblick“ (21964, erweiterte Bibliographie) versucht, das gesamte Gebiet gleichsam aus der Vogelperspektive zu überschauen und allen Epochen in gleichem Maße gerecht zu werden (wobei allerdings die Schwerpunkte auf Antike und Mittelalter liegen); „Der Toncharakter“ (1948) ist eine Einführung in die Musikpsychologie („Tonpsychologie“). Den beiden auf außerordentlicher Stoff- und Wissensfülle basierenden Werken gemeinsam ist die Originalität und Eigenwilligkeit des Ansatzes, sowohl in der Gesamtkonzeption wie in der stets neue und unerwartete Aspekte eröffnenden Behandlung der Einzelfragen.

  • Werke

    Weitere W u. a. Das Zeremonienwerk Kaiser Konstantins u. d. sangbare Dichtung, Rektorats- progr. d. Univ. Basel f. d. J. 1940/41, 1942;
    Zur Gesch. d. Lehre vom Organum, in: Zs. f. Musik- wiss. 8, 1925/26, S. 321;
    Über Estampie u. Sequenz I u. II, ebd. 12, 1929, S. 1 u. 13, 1930/31, S. 113;
    Die Musikanschauung d. Johs. Scotus (Erigena), in: Dt Vjschr. 5, 1927, S. 316;
    Zur Gesch. v. Notre Dame, in: Acta Musicologica 4, 1932, S. 5, 49, 104;
    Aus d. alten Musiktheorie, ebd. 14, 1942, S. 1, u. 19, 15, 1943, S. 2, u. 16/17, 1944/45, S. 1;
    The Summer Canon and its Background I u. II, in: Musica Disciplina III, Rom 1949, S. 55, u. V, 1951, S. 65;
    Ausg. d. Mehrstimmigkeit d. St. Martial-Epoche durch B. Stäblein in Vorbereitung. - Mitarb.: The New Oxford History of Music u. MGG.

  • Literatur

    H. Oesch, in: MGG V, Sp. 1440-43;
    A. Geering, in: Acta Musicologica 28, 1956, S. 5 u. 57;
    Gedenkschr. J. H., Aufsätze u. Bibliogr., 1957 (P);
    In memoriam J. H., ed. H. Anglès u. a., Straßburg 1962 (P).

  • Portraits

    in: A. Staehelin, Professoren d. Univ. Basel aus 5 Jhh., 1960.

  • Autor/in

    Rudolf Bockholdt
  • Empfohlene Zitierweise

    Bockholdt, Rudolf, "Handschin, Jacques" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 611 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11896979X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA