Lebensdaten
1562 bis 1625
Geburtsort
Markdorf bei Meersburg
Sterbeort
Ingolstadt
Beruf/Funktion
Jesuit ; Theologe ; Späthumanist ; Dramatiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118542087 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gretscher, Jakob
  • Gretser, Jakob
  • Gretscher, Jakob

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Zitierweise

Gretser, Jakob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118542087.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V wohl Veltin Grätscher d. Ä. ( 1575), Ratsherr, Bgm.

  • Leben

    G. besuchte seit 1576 das Jesuitenseminar Innsbruck; 1578 trat er in die Societas Jesu ein. Das Noviziat verbrachte er in Landsberg/Lech, die übliche Pilgerfahrt führte ihn nach Pont-à-Mousson im französischen Lothringen. 1580-84 in München, anschließend zwei Jahre als Lehrer der Humaniora in Freiburg/Schweiz, kam G. im Herbst 1586 nach Ingolstadt. 1588 erwarb er den Magistergrad in der Philosophie, 1589 wurde er zum Priester geweiht. Seit 1588, nach der Übertragung der philosophischen Fakultät an die Jesuiten, lehrte er als Professor der Metaphysik, war als Nachfolger seines Lehrers Gregor von Valencia Professor der Scholastik 1592-1605, dann 1609-16 Professor der Moral. 1605-09 und ab 1616 war er freigestellt für publizistisch-wissenschaftliche Arbeiten im Dienst der Gegenreformation.

    G. war ein grundgelehrter, äußerst vielseitiger, fruchtbarer und sprachgewandter Mann,|einer der bekanntesten Jesuiten Deutschlands. Seine gedruckten und ungedruckten Werke, über 300 einschließlich 23 Dramen und 43 Ersteditionen, zeigen ihn als wirksamen, freilich polternden, – vornehmlich in den deutschen Werken – derben und urwüchsigen Kontroversisten, aber auch als tiefinnerlichen, aszetischen Liturgiker, dessen Beschreibung des religiös-kirchlichen Brauchtums (Wallfahrten, Prozessionen, Kreuz- und Marienverehrung) eine hervorragende Quelle bildet für die religiöse Volkskunde. Das dramatische Werk G.s führte die Jesuitenbühne in ihrer Frühzeit zu einer Höhe, deren Scheitelpunkt durch Jakob Bidermann bezeichnet wird. G. gab in Form und Technik ein meisterhaftes Beispiel, und manche seiner Schriften späterer Jahre zeigen noch in der gelehrten Prosa dramatische Dialogform. Die Dramen, geschrieben und aufgeführt an süddeutschen und Schweizer Jesuitenbühnen besonders vor 1600, vor allem die großartige Trilogie „De regno humanitatis“ (Neuausgabe, 1. Teil, 1898, 2. und 3. Teil im Anhang bei Dürrwächter, 1912, s. Literatur), dienen wie seine griechischen und lateinischen Schulbücher und wie sein Wirken als Dogmatiker, Apologet und Seelsorger, als Gräzist, Byzantinist, Patrologe, Mediävist, Verteidiger des Kardinals Bellarmin und Prediger der zielbewußten Verwendung und Umformung humanistischer Bildung zu einem Mittel gegenreformatorischer religiöser Erziehung. Der eine Brennpunkt für dieses Vorhaben war die Universität Ingolstadt, der andere die Reichsstadt Augsburg. Kraft und Richtung des Wirkens empfingen beide vom bayerischen Herzogshaus, erst von Wilhelm V., dann von Maximilian I., zusammengehalten von der noch selbstverständlichen religiös-politischen Einheit des Lebens. G. gehört in die Mitte eines weiten Kreises feingebildeter, gläubig-katholischer Späthumanisten, zusammen mit seinen Freunden, dem Augsburger Stadtpfleger Marcus Welser und dessen Brüdern Paul (Übersetzer) und Anton (Dompropst in Freising) sowie dem Benediktiner Carl Stengel, Sankt Ulrich und Afra. Sie alle wandten sich bereits kritisch den Quellen zu, edierten griechische Handschriften der Kirchenväter, wobei die wissenschaftliche Zusammenarbeit über die Schranken der Konfession hinwegschritt, wie ja auch G. besonders beschlagen war in Fragen der ostkirchlichen und protestantischen Kultur.

    G. ist hervorgetreten als Historiker, er war der erste Geschichtsschreiber Eichstätts und hat Christoph Gewold die Edition des Chronicon Reicherspergense aufgetragen. Der Briefwechsel G.s mit ihm (seit 1617 lebte Gewold freilich in Ingolstadt) und mit Welser (Bayerische Staatsbibliothek München) gewährt einen Einblick in die umfassende Belesenheit und die innersten Antriebe G.s und dieses späthumanistischen Geistes. Der Weg des Humanismus, der folgerichtig von der Rückkehr zur heidnischen Antike in das christliche Altertum geführt hatte, wurde zur Rückwendung zu den alten Quellen des Glaubens; christlicher Inhalt wurde in antike Formen eingebunden, das humanistische Erbe verwandelt und durch den Glauben zum Sieg über die Antike geführt. Jakob Pontan, Matthäus Rader, G. und nach ihm Jakob Balde verdeutlichen dies auf Seite der Jesuiten wie der Kreis um den katholischen Marcus Welser in Augsburg. Demselben Ziel diente die Verherrlichung des bayerischen Herzogshauses, um die sich G. wie dieser gesamte Humanistenkreis bemühte; nicht nur aus politischen Gründen wollte man das Anrecht der bayerischen Linie auf die Kurwürde beweisen, sondern auch deshalb, weil dadurch die Führerstellung der bayerischen Wittelsbacher für die Gegenreformation noch besser nutzbar gemacht werden konnte. So beugte sich G. dem Wunsch Maximilians I. und nahm am dritten Religionsgespräch in Regensburg 1601 teil, allerdings mit wenig Erfolg. Klar hat er dort die Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramts ausgesprochen. G. verkörpert durch seine Tätigkeit das Bildungsideal der Gegenreformation, deren religiöse und politische Komponente noch unlöslich zu einer Einheit im Glauben verbunden sind.

  • Werke

    Weitere W Rudimenta linguae graecae, Ingolstadt 1593;
    Institutiones linguae graecae, ebd. 1593, zuletzt Barcelona 1887;
    De cruce Christi, Ingolstadt 1598, zuletzt dt. Regensburg 1886. - Opera omnia I-XVII, hrsg. v. C. Pez u. F. Bader, Regensburg 1734-41 (P in I).

  • Literatur

    ADB IX;
    B. Duhr, Die alten Dt. Jesuiten als Historiker, in: Zs. f. kath. Theol. 13, 1889;
    ders., Zur Gesch. d. Jesuitenordens, in: HJb. 25, 1904;
    Duhr I u. II;
    A. Hirschmann, J. G., Eichstätts erster Gesch.schreiber, in: Theol. Prakt. Mschr. 2, 1892;
    ders., J. G. als Apologet d. Ges. Jesu, ebd. 6, 1896;
    ders., G.s Schrr. üb. d. Kreuz, in: Zs. f. kath. Theol. 20, 1896;
    ders., Das Rel.gespräch zu Regensburg im J. 1601, ebd. 22, 1898;
    A. Dürrwächter, Christoph Gewold, Ein Btr. z. Gel.gesch. d. Gegenref. u. z. Gesch. d. Kampfes um d. pfälz. Kur, 1904;
    ders., J. G. u. s. Dramen, (= Erll. u. Ergg. zu J. Janssen, Gesch. d. dt. Volkes IX), 1912;
    W. Flemming, Gesch. d. Jesuitentheaters in d. Ländern dt. Zunge, 1923;
    E. Scherer, Das Bruder-Klausen-Spiel d. J. G. v. J. 1586, 1928;
    Joh. Müller, Das Jesuitendrama in d. Ländern dt. Zunge vom Anfang (1555) b. z. Hochbarock (1665), 2 Bde., 1930;
    F. Mack, Das rel.-kirchl. Brauchtum im Schrifttum J. G.s, theol. Diss. Freiburg/Br. 1949 (ungedr.);
    Th. Kurrus, Die liturgiewiss. Bestrebungen J. G.s nach Umfang, Quellen u. Motiven dargest., theol. Diss.|ebd. 1950 (ungedr.);
    ders., in: Oberrhein. Pastoralbl. 51, 1950, S. 258-64;
    H. König, in: Freiburger Diözesan-Archiv 77, 1957, S. 136-70;
    Sommervogel III, Sp. 1743-1809;
    LThK. |

  • Quellen

    Qu.: Bayer. Staatsbibl. München (Clm 617, 1613; Cod. ma Q 145).

  • Portraits

    Kupf. v. J. G. Preisler, in: J. G., Opera omnia I, Regensburg 1734.

  • Autor/in

    Leonhard Lenk
  • Empfohlene Zitierweise

    Lenk, Leonhard, "Gretser, Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 51-53 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118542087.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Gretser: Jacob G., geboren 1562 zu Markdorf in Schwaben, am 29. Januar 1625, der gelehrteste unter den deutschen Jesuiten seines Zeitalters, trat in seinem 17. Lebensjahre in den Jesuitenorden, lehrte durch 24 Jahre in Ingolstadt Philosophie und Theologie, wohnte dem Regensburger Colloquium 1601 bei und beendete sein durch eine unermüdliche Studirthätigkeit ausgefülltes Leben im 63. Lebensjahre. Die Gesammtzahl seiner Schriften füllt 17 Foliobände, welche als Gesammtausgabe seiner Werke zu Regensburg 1731—41 er schienen. Der Inhalt derselben ist zum weitaus größten Theile controversischer Natur und bezieht sich auf die theologischen Streitthemata des Reformationsjahrhunderts; G. verbindet indeß mit dem kirchlichpolemischen Interesse auch jenes der gelehrten geschichtlichen Forschung, und hat sich auch um die ältere kirchliche Litteratur durch Herausgabe verschiedener bis dahin noch nicht durch den Druck bekannt gemachter Werke älterer kirchlicher Schriftsteller verdient gemacht. Die Gesammtausgabe seiner Werke ordnet dieselben unter folgende Rubriken: „De sancta cruce“ (Opp. Tom. I—III, Polemisches, Archäologisches, Historisches, so wie ältere bis dahin inedirte kirchliche Schriftwerke über die Verehrung des hl. Kreuzes enthaltend). — „Defensio rituum ecclesiasticorum" (Tom. IV, V). — „Defensio Romanorum Pontificum" (Tom. VI, VII). — „Defensio operum Bellarmini" (Tom. VIII, IX). — „Defensae et illustratae Sanctorum vitae" (Tom. X). — „Defensio Societatis Jesu" (Tom. XI). — „Lutherus academicus et Waldenses“ (Tom. XII). — „Miscellanea polemica“ (Tom. XIII). — Inedita der griechischen patristischen Litteratur (Tom. XIV: einzelne Schriften des Gregorius Nyssenus, ferner der Hodegus und die Quaestiones et Responsiones des Anastasius Sinaita). — Lateinische Uebersetzungen griechischer Kirchenschriftsteller (Tom. XV: Georgius Codinus Curopalata, Theodor Abukara, Chronicon Hippolyti Thebani etc.). — Endlich Tom. XVI: „Grammaticae graecae libri tres“, ferner „Disputationes philosophicae et theologicae“ (Tom. XVII enthält ein Generalregister zu den vorausgegangenen 16 Foliobänden). Ein detaillirtes Verzeichniß seiner Schriften bei Backer, Ecrivains de la Compagnie de Jésus I, 345—364. Ein Abriß von Gretfer's Leben ist dem ersten Bande der Gesammtausgabe seiner Werke vorausgeschickt.

  • Autor/in

    Werner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Werner, "Gretser, Jakob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 644-645 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118542087.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA