Wiskemann, Erwin
- Lebensdaten
- 1896 – 1941
- Geburtsort
- Mühlhausen (Elsaß)
- Sterbeort
- Berlin
- Beruf/Funktion
- Wirtschaftswissenschaftler
- Konfession
- evangelisch
- Namensvarianten
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- Wiskemann, Erwin Fritz August
- Wiskemann, Erwin
- Wiskemann, Erwin Fritz August
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Wiskemann, Erwin Fritz August
| Wirtschaftswissenschaftler, * 20.4.1896 Mühlhausen (Elsaß), † 19.4.1941 Berlin, ⚰ Berlin-Grunewald (Grab aufgelöst). (evangelisch)
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Genealogie
V →Max(imilian) (1851–1937), Dr. med., Sanitätsrat in M., 1916 in Marburg, zeitweise in Bari, S d. →Georg (1818–91), Stiftssyndikus v. Oberkaufungen, zuletzt in Kassel, u. d. Eugenia v. Bodenhausen (1829–1904), aus Witzenhausen;
M Ottilie (Otty) (1860–1936), T d. →Justus Schmidt (1817–1891), Dr. med., Geh. Med.rat in Kassel, u. d. Friederike Potente (1827–1874);
Ur-Gvv →Justus Albert (1769–1844), Pfarrer in Röhrda u. Rockensüß, 1827 Metropolitan in Witzenhausen;
Gr-Ov →Heinrich (1810–75, ⚭ Emilie Huray, aus B., Pianistin, Sängerin), Dr. phil., ev. Theol., klass. Philol., 1836 Gymn.lehrer in Hersfeld, 1870 Prof., 1872–75 Abg. d. kurhess. Kommunal-LT, Schriftst. (s. ADB 43; Lengemann, MdL Hessen; Hess. Biogr.);
Ov →Hugo (1860–1932?, ⚭ Emily Myra Burton, 1963–1918), Kaufm. in London;
1 B →Max Hugo Ernst (1887–1971, ⚭ Marie, T d. →Eugen Emil Arthur Kulenkamp, 1860–1933, RA, Notar, Senator in Lübeck), Dr. iur., Vorstandsmitgl. d. Tretorn AG in Hamburg, 2 Schw Friederike Eugenie Mathilde Gerda (* 1880, ⚭ →Caesar Heusch, 1880–1914, Hptm.), Hedwig (Maidi) (1883–1945, ⚭ →Otto Schorer,* 1874, aus Lübeck, RA);
– ⚭ 1921 Martha-Luise (Trudel) (1898–1996), aus Brieg (Niederschlesien), T d. Karl Paßkowski (* 1867) u. d. Rosina Frantzke (1869–1924);
3 S (1 früh †) →Jürgen Max Odomar (1922–2008, ⚭ Helga Schorer, 1922–2009), Dir. d. Carl-Jacob-Burckhardt-Gymn. in Lübeck, →Gerd Walter (* 1929, ⚭ Karin Anna Luise Wilhelmine Bondardt,* 1933), Dr. iur., Vors. Richter am Truppendienstger. in Düsseldorf, 1 T Rosemarie Otti Elfriede|(1933–2020);
Cousine →Elizabeth (1899–1971), Master of Letters (Cambridge 1927), Agentin, Hist., Journ., 1958–61 Montague Burton Prof. of International Relations an d. Univ. of Edinburgh, 1961–64 Tutor in Modern Hist. an d. Univ. of Sussex, 1965 Dr. h. c. (Univ. of Oxford), Vf. e. Autobiogr. „The Europe I Saw“, 1968 (s. Oxford DNB). -
Biographie
Nach dem Abitur 1914 in Mühlhausen zog W. als Freiwilliger in den 1. Weltkrieg. Zuletzt Pilot der Fliegertruppe, erlitt er 1918 bei einem Abschuß eine schwere Verletzung. 1918–21 studierte er Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten Breslau und Marburg und wurde 1921 – wie →Wilhelm Röpke (1899–1966) – bei →Walter Troeltsch (1866–1933) in Marburg zum Dr. rer. pol. promoviert. Ab 1922 arbeitete er in der Presseabteilung der Handelskammer Hamburg, zuletzt als deren Leiter und Mitbegründer des Aufklärungsauschusses Hamburg. 1924 kehrte er als Assistent Troeltschs nach Marburg zurück und habilitierte sich 1927 mit einer Schrift über Hamburgs Stellung in der Welthandelspolitik für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft. 1932 leitete W. die neugeschaffene Pressestelle der Univ. Marburg und erhielt einen Lehrauftrag für „Fragen der Arbeitsbeschaffung, des Arbeitsdienstes und der Siedlung“.
Während Röpke sich im Febr. 1933 am Grab Troeltschs gegen den Nationalsozialismus aussprach und – in Marburg suspendiert – noch 1933 das Land verließ, wurde W. zum nichtbeamteten ao. Professor befördert und trat am 1.5.1933 der NSDAP bei (Mitgl. d. Bunds Nat.sozialist. Dt. Jur. 1935, d. NS-Dozentenbunds u. d. Nat.sozialist. Lehrerbunds).
Zum 1.9.1933 wechselte er auf ein Ordinariat an die Univ. Königsberg, folgte im Nov. 1934 einem Ruf an die Handelshochschule (ab 1935 Wirtsch.hochschule, WH) Berlin (1935–37 Prorektor, 1937–39 Rektor) und wurde nach der Zusammenlegung des volkswirtschaftlichen Unterrichts von WH und Univ. Berlin 1936 auch o. Professor an der Univ. Berlin.
W.s Beiträge verfolgten eine wirtschaftsgeschichtliche und praktisch-politische Problemstellung. Einfluß auf seine Entwicklung nahm – neben Troeltsch – der Marburger Historiker und Hansespezialist →Rudolf Häpke (1884–1930). Nach Häpkes Tod führte W. dessen Wirtschaftsgeschichte (T. I: Mittelalter u. Merkantilismus, 1922, ²1928) fort. Der „II. Teil: 1800–1933“ (1933) nennt zwar Häpke noch als Ko-Autor, ist aber W.s Werk. Es feierte eingangs Adolf Hitler und schloß nach einer scharfen Kritik an der Wirtschaftspolitik der Weimarer Republik mit einem euphemistischen Ausblick auf die „Volkswirtschaft im Dritten Reich“. Damit lieferte W. ein frühes Zeugnis nationalsozialistischen Gedankenguts im wirtschaftswissenschaftlichen Unterricht.
Der klassischen Ökonomik stand W. ablehnend gegenüber: „Jüdisch-liberalistische Elemente“ hätten den Niedergang der Wirtschaftswissenschaft befördert, nach deren Auffassung der Staat nur ein „Störenfried“ sei, wenn er in den Wirtschaftskreislauf eingreife. Dennoch müsse die Wirtschaft „staatlichen Gesamtzwecken“ dienen, die dt. Volkswirtschaftslehre „auf das Volk und das Völkische gegründet“ sein und die Fragen von Raum, Völkern und Rassen im Zusammenhang der Wirtschaft neu klären. W. empfahl, auf das Erbe der dt. romantischen und historischen Schulen zurückzugreifen und stellte in einflußreichen dogmenhistorischen Beiträgen den „Weg der deutschen Volkswirtschaftslehre“ (1937, japan. 1938) dar, auch in der Absicht, die NS-Wirtschaftslehre historisch zu legitimieren. Seine besondere Verehrung galt →Friedrich List (1789–1846). 1931 hatte W. mit →Friedrich Lenz (1885–1968) den Band 7 der List-Gesamtausgabe ediert, 1935 stilisierte er List zu einem „Vorläufer des Nationalsozialismus“. Unter den moderneren Ökonomen sympathisierte W. mit →Othmar Spann (1878–1950) und →Werner Sombart (1863–1941). Als deren Stern Mitte der 1930er Jahre sank, kritisierte W., daß Spanns und Sombarts Lehren nicht auf dem Boden der NS-Rassenlehre stünden und orientierte sich verstärkt an →Friedrich Gottl v. Ottlilienfelds (1868–1958) völkisch grundierter Gebildelehre.
W. gehörte neben →Jens Jessen (1895–1944) zu den wichtigsten Vertretern einer völkisch-nationalsozialistisch geprägten akademischen Wirtschaftslehre und wirkte im Frühjahr 1935 maßgeblich an der Ausarbeitung der neuen amtlichen Richtlinien für das Studium der Wirtschaftswissenschaften mit. Im Vorfeld der Studienreform kam es 1933/34 im „deutschen Volkswirt“ zu einer Kontroverse mit dem Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik, Werner Sombart. Dieser wehrte sich gegen W.s Ablehnung einer objektiven und wertfreien Wissenschaft und gegen den von W. verlangten wissenschaftlichen Kotau vor den politischen Zielen des Nationalsozialismus. 1936 schlugen NS-Funktionäre W. als Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik vor, er lehnte jedoch aus gesundheitlichen Gründen ab. Nach Auflösung des Vereins gehörte W. dem Präsidium der nachfolgend gegründeten Dt. Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft an. 1938 stellte er seine Lehrtätigkeit aus gesundheitlichen Gründen ein.
Nach 1945 spielten W.s Werke in der dt. Volkswirtschaftslehre keine Rolle mehr.
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Werke
|Volkswirtsch. Betrachtungen über d. Entwicklung d. Luftfahrt, Typoskr. 1921 (Diss.);
Hamburg u. d. Welthandelspol. v. d. Anfängen bis z. Gegenwart, 1929 (erw. Fassung d. Habil.schr.);
Exportpropaganda als Form d. Exportförderung, in: Weltwirtschaftl. Archiv 34, 1931, S. 165–94;
Zur Psychol. d. Weltwirtsch. u. ihrer Krisis, ebd. 39, 1934, S. 231–55;
Die Gesch. d. Reparationsfrage, in: Vergangenheit u. Gegenwart 22, 1932, S. 21–46;
Marburg als pol. Univ., in: Marburg, die Univ. in d. Gegenwart, Sonderh. d. Univ.bundes Marburg, 1933, S. 9 f.;
Mitteleuropa, Eine dt. Aufgabe, 1933;
Nat.sozialist. Volkswirtsch.lehre, in: Volk im Werden 1, 1933, H. 4, S. 35–45;
Wiss. u. Praxis in d. Volkswirtsch.lehre I u. II, in: Der Dt. Volkswirt 7, 1933, S. 1163–65 u. 8, 1933, S. 11–16;
Der dt. Osten als Aufgabe, in: Zs. f. d. gesamte Staatswiss. 95, 1935, S. 365–82;
Vorläufer d. NS, in: Zs. f. Pol. 25, 1935, S. 312–28;
Die Neuordnung d. volkswirtsch. Studiums, Referat, gehalten auf d. Tagung d. Hochschullehrer am 28. März 1935, in: K. A. Eckhardt (Hg), Das Studium d. Wirtsch.wiss., 1935, S. 34–46;
Die neue Wirtsch.wiss. 1936;
– Hg.: Friedrich List, Die pol.-ökonom. Nat.einheit d. Deutschen, Aufss. aus d. Zollver.bl. u. andere Schrr. d. Spätzeit, 1931 (mit F. Lenz);
Grundzüge d. Rechts- u. Wirtsch.wiss., Reihe B: Wirtsch.wiss., 1935 ff. (mit J. Jessen);
Neue dt. Forschungen, 1935–41;
Die Rechtswiss. im neuen Staat, 1938 (mit C. A. Emge u. P. Ritterbusch);
Gegenwartsfragen d. Wirtsch.wiss., Friedrich v. Gottl-Ottlilienfeld z. 70. Geb.tag zugeeignet, 1939 (mit H. Hunke);
– Autobiogr.: Aus d. Tageb. e. Mülhauser Kriegsfreiwilligen, 1915. -
Literatur
L W. Sombart, Alte u. neue Nat.ök., Antwort an W. I, in: Der dt. Volkswirt 8, 1934, S. 2009–11;
ders., Vom prakt. Nutzen d. theoret. Wissens, Antwort an W. II, ebd., S. 2055–57;
Th. Pütz, Zum Tode E. W.s, in: Berliner Börsen-Ztg. v. 13.5.1941;
W. Krause, Wirtsch.theorie unter d. Hakenkreuz, 1969;
H. Woll, Die Wirtsch.lehre d. dt. Faschismus, ²1994;
Die Philipps-Univ. Marburg im NS, hg. v. A. Ch. Nagel u. U. Sieg, 2000;
U. Czech, Von d. Wirtschaftl. Staatswissenschaften z. modernen Wirtsch.wiss., in: H.-E. Tenorth (Hg.), Gesch. d. Univ. Unter d. Linden 1810–2010, Bd. 5, 2010, S. 275–302;
H. Janssen, Nat.ök. u. NS, Die dt. Volkswirtsch.lehre in d. 1930er J. d. 20. Jh., ⁴2012;
Die wirtsch.wiss. Hochschullehrer an d. reichsdt. Hochschulen u. an d. TH Danzig, hg. v. Inst. f. angew. Wirtsch.wiss., 1938;
Prof.kat. d. Philipps-Univ. Marburg (P) (Internet);
–Mitt. v. Karin Wiskemann, Harsefeld. -
Porträts
|Photogrr. (Fam.bes.).
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Autor/in
Hauke Janssen -
Zitierweise
Janssen, Hauke, "Wiskemann, Erwin Fritz August" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 296-298 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142909.html#ndbcontent