Winter, Eduard

Lebensdaten
1896 – 1982
Geburtsort
Grottau (Hrádek nad Nisou, Böhmen)
Sterbeort
Berlin(-Ost)
Beruf/Funktion
Historiker ; katholischer Theologe
Konfession
katholisch
Namensvarianten

  • Winter, Eduard Josef
  • Winter, Eduard
  • Winter, Eduard Josef
  • Winther, Eduard
  • Winter, Eduard Joseph

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Zitierweise

Winter, Eduard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142895.html [23.02.2026].

CC0

  • Winter, Eduard Josef

    | Historiker, katholischer Theologe, * 16.9.1896 Grottau (Hrádek nad Nisou, Böhmen), † 3.3.1982 Berlin(-Ost), ⚰ Berlin-Pankow.

  • Genealogie

    V Eduard (1861–1937), Schuhmacher, dann Grundbuchbeamter u. Kanzleiverw. in Böhm. Leipa (C ̌ eská Lípa, Böhmen), S d. Johann (1824–73), Häusler u. Weber in Nieder Erlitz (Dolní Orlice, Böhmen), u. d. Anna Hofmann (1827–1889) aus Grulich (Králíky, Böhmen);
    M Hermine (1867–1948) aus Seestadtl (Ervěnice, Böhmen), Verkäuferin, T d. Dominik Simm (* 1844), Bäcker aus Nickelsdorf, u. d. Bertha Amalia Chilik (* 1845) aus Seestadtl;
    2 B Paul (* 1901), Gustav (* 1901), beide Ing. u. Mittelschullehrer;
    Wien 1941 Maria Kögl (1910–1976) aus Eben/Achensee, Mitarb. v. W.;
    1 S Eduard (* 1945), 3 T Gunda (* 1940), Brigitte (* 1943), Renate (* 1944).

  • Biographie

    W. wuchs in kleinen nordböhm. Orten an der Grenze zum Dt. Reich auf und besuchte 1907–15 das Staatsgymnasium in Böhm. Leipa. Aus Gesundheitsgründen vom Kriegsdienst zurückgestellt, studierte er 1915–19 kath. Theologie an der Univ. Innsbruck. Im Juli 1919 wurde er zum Priester geweiht, setzte das Theologiestudium an der Dt. Univ. Prag fort und nahm hier später das Studium der Geschichte, Staats- und Rechtswissenschaft auf. 1921 wurde er in Prag mit einer Arbeit über den Eigentumsbegriff im Pentateuch zum Dr. theol. promoviert. 1922 folgte an der theol. Fakultät die Habilitation für christliche Soziologie mit besonderer Berücksichtigung der Sozialpflege. In seiner Studienzeit zählte W. zu den Gründern des dt. kath. „Bildungs- und Wanderbunds Staffelstein“ und organisierte Studienreisen zu den dt. Sprachinseln in der Slowakei, Karpatenukraine und in Ostgalizien. Im Anschluß an den Besuch von Kursen in scholastischer Philosophie an der Gregoriana in Rom erhielt W. eine ao. Professur für christliche Philosophie und Gesellschaftslehre an der Dt. Univ. Prag. Seine Biographien „Die geistige Entwicklung Anton Günthers und seiner Schule“ (1931) sowie „Bernard Bolzano und sein Kreis“ (1933, tschech. 1935) wurden besonders von Historikern positiv aufgenommen. Nach dem Tod August Naegles (1869–1932) folgte W. diesem als Professor für Kirchengeschichte und Patristik (o. Prof. 1934; Dekan 1935) in Prag und las 1934–39 als Privatdozent an der phil. Fakultät Religionsphilosophie und ihre Geschichte.

    W. zählte in den 1930er Jahren zu den führenden dt. kath. Intellektuellen der jungen Generation in der Tschechoslowakei. Er entwickelte national geprägte reformkath. Ideen und versuchte, Brücken zwischen kath. Christentum und nationalistischem Gedankengut, sowie zwischen Deutschen und Tschechen zu schlagen. Sein Werk „Tausend Jahre Geisteskampf im Sudetenraum, Das religiöse Ringen zweier Völker“ (1938), eine Geschichte des religiösen Lebens in Böhmen, wurde von der dt. wie der tschech. Öffentlichkeit rezipiert. Politisch stand W. der Sudetendt. Partei Konrad Henleins (1898–1945) nahe (1938 Mitgl.). 1940 trat er in die NSDAP ein (seit April 1939 Anwärter auf Mitgliedschaft).

    Nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren wurden W.s Vorlesungen an der phil. Fakultät von der Prager NS-Studentenschaft wegen ihrer „dogmatischen Gebundenheit“ abgelehnt. Im Sept. 1940 verließ W. die theol. Fakultät, was Anstoß im kath. Milieu erregte, und nahm seine Vorlesungstätigkeit an der phil. Fakultät wieder auf, seit Juli 1941 als o. Professor für europ. Geistesgeschichte. Auf W.s Heirat mit der Mutter seines Kindes 1941 folgte seine Exkommunikation.

    W. setzte sich 1938–40 mit kirchlichen Fragen der Ukraine auseinander und veröffentlichte 1942 den Band „Byzanz und Rom im Kampf um die Ukraine 955–1939“ (ukrain. 1944). Als Experte für religionsgeschichtliche Fragen Osteuropas arbeitete er mit dem Leiter der IV. Abteilung des RSHA, SS-Sturmbannführer Albert Hartl (1904–1982), zusammen. Im Juni 1942 wurde für W. mit Unterstützung Hartls ein Universitätsinstitut für osteurop. Geistesgeschichte an der Univ. Prag errichtet, das in die „Reinhard-Heydrich-Stiftung“ eingegliedert und um ein Archiv für osteurop. Geistesgeschichte erweitert wurde. 1943 veröffentlichte W. ein erstes Hauptwerk, „Der Josefinismus und seine Geschichte, Beiträge zur Geistesgeschichte Österreichs 1740–1848“ (²1962, tschech. 1945), in dem er Sebastian|Merkles (1862–1945) modernistische Auffassung übernahm und zuspitzte und den Josephinismus als Versuch einer grundlegenden Reform der kath. Kirche im 18. Jh. interpretierte. W.s Deutung wurde nach 1945 jahrzehntelang heftig diskutiert und im kath. Milieu, z. B. von dem Kirchenhistoriker Ferdinand Maaß (1902–1973) als geschichtliche Legitimation der NS-Kirchenpolitik kritisiert.

    Im Sommer 1945 mußte W. die wiedererrichtete Tschechoslowakei verlassen und ging nach Wien (österr. Staatsbürger 1946), wo er mit marxistischen Wissenschaftlern wie Leo Stern (1901–1982) 1946 das Institut für Wissenschaft und Kunst begründete. 1947 folgte er einem Ruf an die Univ. Halle/Saale als erster Professor für osteurop. Geschichte in der sowjet. Besatzungszone. Noch als Rektor in Halle 1948–51 nahm W., der nie der SED beitrat, einen Ruf an die HU Berlin an und baute hier 1950–62 (als kommissar. Leiter bis 1966) das seit dem Tod von Otto Hoetzsch (1876–1946) vakante Seminar für osteurop. Geschichte in das Institut für Geschichte der Völker der UdSSR um. Seit 1955 o. Mitglied der Dt. Akademie der Wissenschaften zu Berlin, leitete er 1959–65 eine Abteilung für Wissenschaftsgeschichte und dt.-slaw. wissenschaftliche Verbindungen.

    In der DDR publizierte W. zur Geschichte des Denkens in Ostmitteleuropa und zur Geschichte der dt.-slaw. Beziehungen sowie die umfangreiche Studie „Rußland und das Papsttum“ (3 Bde., 1960–72, russ. 1964–77); seit 1969 zählte er zum Herausgeberkreis des Gesamtwerks Bolzanos. Zu W.s Schüler zählen Felix-Heinrich Gentzen (1914–1969), Hubert Mohr (1914–2011), Hans-Joachim Seidowsky (* 1932) und Sigrid Wegner-Korfes (1933–2004).

  • Auszeichnungen

    |o. Mitgl. d. Dt. Ges. d. Wiss. u. Künste in d. Tschechoslowak. Rep. (1936–1945, seit 1941 Dt. Ak. d. Wiss. in Prag) u. d. Ac. internat. d’hist. des sciences, Paris (1967);
    Kriegsverdienstkreuz II. Kl. ohne Schwert (Vorschlag 1944);
    Mitgründer u. 1. Vors. d. Ges. f. dt.-sowjet. Freundschaft im Land Sachsen-Anhalt (1947), später Mitgl. d. zentralen Vorstands d. Ges. u. Vors. d. Gruppe an d. HU Berlin;
    Nat.preis d. DDR II. Kl. (1956);
    VVO in Silber (1961), in Gold (1981).

  • Werke

    |Ferdinand Kindermann, Rr. v. Schulstein (1740–1801), d. Organisator d. Volksschule u. Volkswohlfahrt Böhmens, 1926;
    Das positive Vernunftskriterium, Eine hist.-krit. Stud. zu d. phil.-dogmat. Spekulation Anton Günthers, 1928;
    Die europ. Bedeutung d. Frühhumanismus in Böhmen, in: Zs. f. dt. Geistesgesch. 1, 1935, S. 233–42;
    Halle als Ausgangspunkt d. dt. Rußlandkde. im 18. Jh., 1953;
    Die Pflege d. west- u. südslaw. Sprachen in Halle, 1954;
    Die tschech. u. slowak. Emigration in Dtld. im 17. u. 18. Jh., 1955;
    Frühhumanismus, Seine Entwicklung in Böhmen u. deren europ. Bedeutung f. d. Kirchenreformbestrebungen im 14. Jh., 1964;
    Frühaufklärung, Der Kampf gegen d. Konfessionalismus in Mittel- u. Osteuropa u. d. dt.-slaw. Begegnung, 1966;
    Frühliberalismus in d. Donaumonarchie, Rel., nat. u. wiss. Strömungen v. 1790 bis 1868, 1968;
    Romantismus, Restauration u. Frühliberalismus im österr. Vormärz, 1968;
    Rev., Neoabsolutismus u. Liberalismus in d. Donaumonarchie, 1969;
    Barock, Absolutismus u. Aufklärung in d. Donaumonarchie, 1971;
    Ketzerschicksale, Christl. Denker aus neun Jhh., 1979;
    Autobiogr.: Mein Leben im Dienst d. Völkerverständnisses, 1981 (P);
    Aus d. Tageb. e. alten Gel., in: Sinn u. Form 63, 1984, S. 962–75;
    Erinnerungen 1945–1976, hg. v. G. Oberkofler, 1994;
    Bibliogr.: G. Jarosch, Bibliogr. d. wiss. Arbb. E. W.s 1896–1982, in: E. W. u. G. Jarosch (Hg.), Wegbereiter d. dt.-slaw. Wechselseitigkeit, 1983, S. 413–48;
    Nachlaß: Archiv d. Berlin-Brandenburg. Ak. d. Wiss., Berlin;
    Bolzano-W.-Archiv, Kultur- u. Ges.wiss. Fak., Univ. Salzburg;
    Archiv hlavního města Prahy (Archiv d. Hauptstadt Prag).

  • Literatur

    |K. A. Huber, in: Archiv f. KGesch. Böhmens, Mährens u. Schlesiens 6, 1982, S. 7–37;
    G. Mühlpfordt, in: Славяноведение и балканистика в странах зарубежной Европы и СЩА, 1989, S. 113–19;
    C. Grau, in: Wegbereiter d. DDR-Gesch.wiss., 1989, S. 358–75;
    ders., E. W. als Osteuropahist. in Halle u. Berlin v. 1946 bis 1956, in: Berliner Jb. f. osteurop. Gesch. 1, 1995, S. 43–76;
    G. Gimpl, Die Jahre d. „Erfüllung“ ?, E. W. oder gelenkte Kulturforsch. im Geiste d. hist. Materialismus, in: ders. (Hg.), Mitteleuropa, 1996, S. 251–82;
    G. Oberkofler, Ein ungedr. gebliebener Vortr. v. E. W. über d. Gemeinsamkeiten v. Christus u. Lenin aus d. J. 1968, in: J. J. Hagen (Hg.), Querela iuris, Gedächtnisschr. f. Eduard Rabofsky (1911–1994), 1996, S. 221–34;
    ders., Aus d. Prager Milieu d. E. W., in: Topos 9, 1997, S. 115–27;
    J. Hemmerle, E. W., Architekt am Prinzip Hoffnung auf e. dt.slaw. Völkerverständigung, in: Jbb. f. sudetendt. Museen u. Archive (1995–2001), 2001, S. 78–99;
    J. Němec, E. W. (1896–1982), „Eine d. bedeutendsten Persönlichkeiten d. österr. Geistesgesch. unseres Jh. ist in Österr. nahezu unbekannt“, in: K. Hruza (Hg.), Österr. Hist. 1900–1945, Bd. 1, 2008, S. 619–75 (P);
    ders., in: Hdb. völk. Wiss.;
    ders., E. W. (1896–1982), Zpráva o originalitě a přizpůsobení se sudetoněmeckého historika, 2017 (P);
    I. Luft, Diesseits u. jenseits d. Amtskirche, E. W. (1896–1982), e. röm.-kath. Priester im 20. Jh., in: N. Jung u. a. (Hg.), Fides, Theologia, Ecclesia, Festgabe f. Ernst Ludwig Grasmück, 2012, S. 293–309;
    dies., E. W. zw. Gott, Kirche u. Karriere, Vom böhm. Jugendbundführer z. DDR-Hist., 2016 (P);
    F. L. Fillafer u. Th. Wallnig (Hg.), Josephinismus zw. d. Regimen, E. W., Fritz Valjavec u. d. zentraleurop. Historiogrr. im 20. Jh., 2016;
    Biogr. Hdb. SBZ/DDR;
    Wer war wer DDR;
    Österr. Gesch.wiss. 20. Jh.;
    Historikerlex.;
    Biogr. Lex. Gesch.wiss.;
    LThK³;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L).

  • Autor/in

    Jiří Němec
  • Zitierweise

    Nemec, Jirí, "Winter, Eduard Josef" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 257-258 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142895.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA