Wilser, Ludwig

Lebensdaten
1850 – 1923
Geburtsort
Karlsruhe
Sterbeort
Heidelberg
Beruf/Funktion
Arzt ; Publizist
Konfession
evangelisch
Namensvarianten

  • Wilser, Ludwig Johann Daniel
  • Wilser, Ludwig
  • Wilser, Ludwig Johann Daniel

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Zitierweise

Wilser, Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142883.html#indexcontent [29.06.2026].

CC0

  • Wilser, Ludwig Johann Daniel

    | Arzt, Privatgelehrter, Publizist, * 5.10.1850 Karlsruhe, † 19.11.1923 Heidelberg, Heidelberg, Bergfriedhof. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Ludwig (1817–80), Kaufm., Fabr. in K., S d. Philipp Jacob u. d. Philippine Männle;
    M Lydia (1820–97), aus Pforzheim, T d. Johannes Baeuerle ( v. 1897), Wund- u. Hebarzt in K., u. d. Katharina Seemann ( v. 1897);
    1885 Marie (Maria) ( zw. 1943 u. 1947) (s. L), T d. Karl Knies (1821–1898), Prof. f. Nat.ök. in H. (s. NDB XII), u. d. Louise Braun (1830 – n. 1898);
    2 S Wolfgang (1887–1915 ⚔), Oberlt., Richard (1889–1909, Unfall), Soldat, 2 T Edith (* 1892, Karl Rudolf Wilhelm Gulden,1882 – n. 1934, Dr. med., 1928 Chefarzt d. Landeskindersolbades, Bad Dürrheim), Bertha (* 1896).

  • Biographie

    Nach dem Abitur an einem Gymnasium in Karlsruhe 1869 studierte W. Naturwissenschaften am dortigen Polytechnikum, immatrikulierte sich noch im selben Jahr für Medizin an der Univ. Heidelberg (Mitgl. d. Burschenschaft Allemannia) und setzte dieses Studium – unterbrochen von einer Verwendung als „einjähriger Mediziner“ im Kriegslazarett 1870 – in Leipzig und Freiburg (Br.) fort, wo er Vorlesungen zur vergleichenden Anatomie, Anthropologie und Geschichte besuchte und v. a. von Heinrich v. Treitschke (1834–96), Rudolf Leuckart (1822–1898) und Alexander Ecker (1816–1887) geprägt wurde.

    Vom Tod seines geistig behinderten „Pflegebruders“ während seiner Studienzeit erschüttert, wandte er sich der Psychopathologie und deren erblichen Komponenten zu.

    Sie wurden Gegenstand seiner Dissertation, mit der er 1875 bei dem Gynäkologen Alfred Hegar (1830–1914) in Freiburg zum Dr. med. promoviert wurde. 1876 ließ sich W. als praktizierender Arzt in Karlsruhe nieder und zählte zudem 1876–78 zum Kollegium der Heil- und Pflegeanstalt Illenau. Nach bestandener Prüfung zum Staatsarzt 1880 wurde er 1888 zum Karlsruher Stadtarzt ernannt. Parallel war W. bis 1890 als Stabsarzt der bad. Landwehr tätig. 1897 gab W. seine Tätigkeit auf, übersiedelte als Privatgelehrter nach Heidelberg und widmete sich verstärkt seinen wissenschaftlichen Interessen. Seit seiner Studienzeit beschäftigte er sich mit prähistorischen und anthropologischen Fragestellungen, war seit 1881 im Karlsruher Altertumsverein engagiert und publizierte hierzu in der lokalen Presse. W. entfaltete eine rege Vortragstätigkeit etwa in der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, der Gesellschaft Dt. Naturforscher und Ärzte, der Dt. Gesellschaft für Vorgeschichte, des Historisch-philosophischen Vereins und des Naturhistorisch-Medizinischen Vereins zu Heidelberg, deren Mitglied er z. T. war. Als 2. Vorsitzender der Dt. Naturwissenschaftlichen Gesellschaft fungierte er seit 1909 als Mitherausgeber von deren Halbmonatsschrift „Natur“.

    Ambitionen zu einer Habilitation in Heidelberg scheiterten 1896/97 an formalen Voraussetzungen.

    W.s Hauptthema war das german. Altertum, für dessen Erforschung er sich besonders der Anthropologie zuwandte. W. gilt als Urheber der These von einer nordeurop. oder sogar polaren Urheimat der als überlegene Rasse definierten Germanen bzw. Indogermanen, die er in seinem Werk „Die Herkunft der Deutschen“ (1885) und zahlreichen Aufsätzen in Fach- und populärwissenschaftlichen Zeitschriften wie etwa „Globus“ entfaltete.

    Viele dieser Periodika – z. B. die „Politischanthropologische Revue“ seines Freundes Ludwig Woltmann (1871–1907) – waren völkisch ausgerichtet. Durch Beiträge zur Runen- und Schriftgeschichte wollte W. eine von Norden ausgehende Kulturentwicklung beweisen und brachte sich mit hunderten Rezensionen in die wissenschaftliche Debatte ein. Bei W.s Hauptwerk „Die Germanen“ (1903, erw. auf 2 Bde. 1913/14, ³1920, Nachdrr. bis 1923) sowie dem Band „Deutsche Vorzeit, Einführung in die germanische Altertumskunde“ (1917, ⁶1933) handelte es sich um Kompilationen seiner Vorträge und zuvor publizierter Beiträge. Während Fachgelehrte wie Rudolf Virchow (1821–1902) und Hermann Klaatsch (1863–1916) W.s Thesen entschieden zurückwiesen, erfuhren diese v. a. im alldt. gesinnten völkischen Milieu große Zustimmung, so bei Autoren der „Politisch-Anthropologischen Revue“ wie Woltmann, Otto Ammon (1842–1916), Theobald Bieder (1876–1947), Christian Mehlis (1850–1933) und Hans Wolfgang Behm (1890–1973). W., der mit Ausnahme seiner Mitgliedschaften im Gesamtvorstand des Alldt. Verbands und im Dt. Schriftbund nicht politisch aktiv war, unterstützte den Sozialanthropologen Ammon 1887/88 bei dessen Reihenuntersuchung an 4800 bad. Wehrpflichtigen. Durch Fokussierung auf eine vermeintlich typisch „germanische“ Schädelform unterlegte er seinen Messungen eine rassengeschichtliche Tendenz. Während des 1. Weltkriegs leitete er in Heidelberg ein Lazarett.

    W. wurde bis in die NS-Zeit von völkischen Autoren rezipiert. Seine Schrift „Das Hakenkreuz nach Ursprung, Vorkommen und Bedeutung“ (1917, ⁵1922) erschien nach W.s Tod in einer von dem Publizisten Dietrich Bernhardi (1883–1982) erweiterten (⁶1932, ⁸1936) und in das Schwedische übersetzten Ausgabe (1933).

  • Werke

    Weitere W Ueber e. Fall v. ausgedehnter Thrombose der Sinus u. Venen d. Gehirns in Folge v. Insolation, 1875 (Diss.);
    Herkunft u. Urgesch. d. Arier, 1899;
    Dürfen Geisteskranke heiraten?, in: Allg. Ztg. (München) Beil., Nr. 140 v. 18.6.1905, S. 507 f.;
    Allemannia sei’s Panier! FS z. fünfzigj. Jubiläum, Gesch. d. Burschenschaft Allemannia zu Heidelberg 1856–1906, hg. v. L. W. u. F. Müller, 1906;
    Überss.: Germanien, 1915, ⁵1923 (Übers. v. Tacitus’ „Germania“).

  • Literatur

    |H. W. Behm, L. W. u. sein Werk, in: Pol.-Anthropol. Mschr. 19, 1920, S. 360–65;
    ders., L. W., Ein bad. Gel., in: Volk u. Heimat 18 v. 3.5.1925,|S. 71 f.;
    O. Schmidt-Gibichenfels, Zu L. W.s 70. Geb.tag, in: Pol.-Anthropol. Mschr. 19, 1920, S. 327 f.;
    (anonym), in: Heimdall 29, 1924, S. 6;
    F. H. Reimesch, in: Dt. Leben in Rußland 2, 1924, H. 5/6, S. 72;
    Maria Wilser, in: Dt. Bauern-Hochschule 6, 1926, F. 2/3, S. 107;
    H. O. Kleine, in: Ziel u. Weg 8, 1938, S. 542–44;
    L. Ruuskanen, Der Heidelberger Bergfriedhof, 1992, S. 247 f.;
    M. M. Burkhardt, Krank im Kopf, Patienten-Geschichten d. Heil- u. Pflegeanstalt Illenau 1842–1889, 2003;
    A. Daum, Wiss.popularisierung im 19. Jh., ²2002;
    W. Reinbach, Max Weber u. d. Burschenschaft Allemannia zu Heidelberg, ⁴2014, S. 70, 85, 88 u. 134 f.

  • Autor/in

    Ingo Wiwjorra
  • Zitierweise

    Wiwjorra, Ingo, "Wilser, Ludwig Johann Daniel" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 208-210 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142883.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA