Wilm, Ernst

Lebensdaten
1901 – 1989
Geburtsort
Reinswalde (Złotnik) bei Sorau (Żary, Lausitz)
Sterbeort
Lübbecke (Ostwestfalen)
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe
Konfession
evangelisch
Namensvarianten

  • Wilm, Julius Ewald Ernst
  • Wilm, Ernst
  • Wilm, Julius Ewald Ernst

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Zitierweise

Wilm, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142880.html [21.01.2026].

CC0

  • Wilm, Julius Ewald Ernst

    | evangelischer Theologe, * 27.8.1901 Reinswalde (Złotnik) bei Sorau (Żary, Lausitz), † 1.3.1989 Lübbecke (Ostwestfalen), ⚰Mennighüffen bei Löhne (Ostwestfalen).

  • Genealogie

    V Hermann (1865–1942), ev. Theol., Pfarrer, u. a. Vorsteher d. Diakonenanstalt Witten 1915–25 u. Leiter d. Kandidatenkonvikts Bethel 1925–35, S d. Jacob (1829–95), Kaufm. in Barmen-Dörnen, u. d. Paulina (1840–1912), T d. Johann Friedrich Langenbeck, aus Unterbarmen, u. d. Maria Helene Wildförster;
    M Anna (1872–1961), T d. Heinrich Julius Eggeling (1842–1918), Sanskritübers., Prof. f. Indol. an d. Univ. Edinburgh, Sekr. d. Kgl. Asiat. Ges. in London, u. d. Margarethe Homann (* 1844);
    Ur-Grvm Sebastian Eggeling (1808–1842), Gutsbes. in Hecklingen, Wilhelm Homann, Insp. in Gänsefurth b. Hecklingen;
    9 Geschw;
    Halle/Saale 1927 Ilse (1906–92), T d. Otto Köneke, Dir. d. städt. Fortbildungsschule in Halle/Saale, u. d. Marie Tiede (1877–1955), aus Lauenburg;
    1 S Klaus (1928–81, Elisabeth Dorothea,* 1937, T d. Hans Fischer, 1906–70, ev. Pfarrer in Amsterdam u. 1940 in Rotterdam), ev. Theologe, Pfarrer in Edinburgh, Berlin u. Herford;
    1 Pflege-S Jürgen (* 1934), 1935 v. W. aufgenommen, 1 Pflege-T Annemarie Garbe gen. W. (* 1927, N. N. Walther), 1932 v. W. aufgenommen.

  • Biographie

    W. lebte seit 1915 in Witten, erhielt hier 1918 das Abitur und studierte anschließend – durch Elternhaus und Schülerbibelkreise geprägt – ev. Theologie in Bethel (Bielefeld), Tübingen, Greifswald und Halle/Saale. Auf die theol. Examina und die pfarramtliche Ausbildung, v. a. bei Friedrich von Bodelschwingh d. J. (1877–1946) in Bethel, folgte 1927 die Ordination durch Generalsuperintendent D. Wilhelm Zoellner (1860–1937).

    Danach wirkte W. als Pfarrer in Bethel, 1929 in Lüdenscheid und seit 1931 in Mennighüffen.

    Seit 1933 trat W. im Kirchenkampf für die Freiheit der Kirche und gegen Zwangsmaßnahmen der NSDAP ein und wurde 1937 kurzzeitig inhaftiert. An Silvester 1940 und 1941 predigte er gegen die Ermordung „geisteskranker“ Menschen durch das NS-Regime, weswegen er 1942 in das KZ Dachau eingeliefert wurde, wovon er in seinem Buch „So sind wir nun Botschafter, Zeugnisse aus dem Kirchenkampf und dem KZ Dachau“ (1953, 2. gekürzte Aufl. 1979) eindrücklich berichtete. 1945 entlassen und als Soldat an die Ostfront geschickt, kehrte er im Herbst 1945 nach kurzer russ. Gefangenschaft in sein Pfarramt zurück (1946 Synodalassessor im Kr.synodalvorstand d. Kirchenkr. Herford). 1949–69 war W. als Nachfolger von D. Karl Koch (1876–1951) Präses der Ev. Kirche von Westfalen in Bielefeld und damit Vorsitzen|der der Landessynode, der Kirchenleitung und des Landeskirchenamts. Er verband diese Funktionen durch seinen Schwerpunkt der Geistlichen Leitung als „pastor pastorum“, als Prediger des Evangeliums und Seelsorger in Kirche und Welt. W. betrieb den inneren und äußeren Wiederaufbau der Kirche (u. a. durch umfangreichen Kirchenneu- u. wiederaufbau) und initiierte 1953 eine entsprechende neue Kirchenordnung. Er förderte die Gründung des Ludwig-Steil-Hofs (Vorstandsvors. 1948–83, danach Ehrenvors.) sowie der „Flüchtlings-Stadt“ in Espelkamp (beides 1948) und weihte 1956 ein neues Landeskirchenamt in Bielefeld ein.

    Während des Kalten Kriegs bezog W. Stellung gegen Wiederbewaffnung und Westintegration der Bundesrepublik. Mit Gustav Heinemann (1899–1976), Martin Niemöller (1892–1984) und Heinrich Grüber (1891–1975) setzte er sich für Friedenspolitik und die dt. Wiedervereinigung ein. In Auseinandersetzung mit dem Berliner Bf. Otto Dibelius (1880–1967) betrieb er 1953 die Neuordnung der Ev. Kirche der Altpreuß. Union zur Ev. Kirche der Union in Ost und West. 1954 gründete er mit den Berliner Bibelwochen ein Forum der Begegnung auch für DDR-Bürger.

    Auf europ. Ebene gehörte W. 1955 in Brüssel und 1957 in Liselund (Dänemark) zu den Gründern der Konferenz Europ. Kirchen (KEK; Vors. d. Präsidiums u. d. Beratenden Ausschusses 1971; Ehrenpräs. 1974), die ökumenische Begegnungen im Geist der Versöhnung ermöglichte. Er knüpfte Beziehungen zur Russ.-Orthodoxen Kirche, um auch politisch eine Tür nach Osten zu öffnen. W. besuchte England, Indonesien, Länder in Südamerika sowie 1959 und 1962 Israel, für dessen diplomatische Anerkennung (1965) er sich mit Bf. Kurt Scharf (1902–1990) einsetzte.

    Neben seiner Präsestätigkeit wirkte W. in zahlreichen weiteren Ämtern: So war er 1952–68 Vorsitzender des Verbandsausschusses des Ev. Presseverbandes für Westfalen und Lippe, 1957–73 Mitglied des Rats der EKD und des Rats der Ev. Kirche der Union (Ratsvors. 1963–66). Über nationale Grenzen hinaus wirkte W. durch seine Teilnahme 1954 an der 2. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Evanston (Illinois, USA), 1968 an deren 4. Vollversammlung in Uppsala (Schweden) sowie 1959 an der 1. Vollversammlung der KEK in Nyborg (Dänemark).

    Nach seiner Pensionierung als Präses 1968 wurde er 1970 vom Rat der EKD und von der Dt. Bischofskonferenz mit der Seelsorge an den dt. Kriegsverurteilten beauftragt. Seine politische Orientierung in Richtung Sozialdemokratie (Mitgl. d. SPD 1982) verstand W. als Ausdruck christlicher Weltverantwortung und politischer Diakonie im Einsatz für die Ostverträge, gegen zu starke Westbindung und Pläne atomarer Aufrüstung in der Bundesrepublik. Ihm ging es um Öffnung nach Osteuropa, um Solidarität der Menschen im Geist der Versöhnung und des Friedens in ganz Europa.

  • Auszeichnungen

    |D. theol. h. c. (Münster 1951);
    BVK (1971, abgelehnt);
    Ehrenbürger v. Espelkamp (1981).

  • Werke

    |u. a. Dachau, Ber. auf d. Gde.verslg. Sonntag, d. 28. Okt. 1945 in d. ev. Kirche zu Mennighüffen, hg. v. Ev. Vortr.dienst in d. Mark, 1948;
    Mehr Seelsorge!, Ber. auf d. Tagung d. Landessynode 1953, 1953;
    Die Bekennende Gde. in Mennighüffen, 1957;
    20 J. pastor pastorum, Ein Wort an d. Amtsbrüder als Weltweisung u. Zuspruch, in: Nachrr. aus d. Ev. Pfarrerver. in Westfalen, 1968, Nr. 4, S. 50–58;
    Wir sind Gottes Mitarb., Ber. über 20 J. Dienst in d. Ltg. d. Ev. Kirche v. Westfalen, erstattet vor d. Landessynode in Bethel am 30. Sept. 1968;
    Der bes. Btr. d. Konf. Europ. Kirchen zum Geschehen d. ökumen. Bewegung, Sonderdr. 1974, S. 34–46;
    Erfahrungen als Präses e. Landeskirche, in: Jb. f. westfäl. KGesch. 73, 1980, S. 157–69;
    Bekennende Gde. in Mennighüffen, Vom Kirchenkampf im „Dritten Reich“, in: Btrr. z. Heimatkde. d. Städte Löhne u. Bad Oeynhausen 12, 1987, S. 123–65;
    Abendmahlsfeiern in Nürnberg, Anstiftung z. Weitermachen?, in: Wiss. u. Praxis in Kirche u. Ges. 69, 1980, H. 10, S. 470–78 (mit G. Kugler);
    Hörbuch: Eine Stimme, d. nicht schwieg, 2009;
    Qu Landeskirchl. Archiv d. Ev. Kirche v. Westfalen, Bielefeld;
    Archiv d. Ev.-Luth. Kirchengde. Mennighüffen.

  • Literatur

    |Ev. Kirche v. Westfalen (Hg.), Kirche im Aufbau, Aus 20 J. westfäl. Kirche, Präses D. E. W. gewidmet z. Abschluß seines Dienstes im Amt d. Präses, 1969 (P);
    Stadt Espelkamp (Hg.), Verleihung d. Ehrenbürgerrechts Präses i. R. D. E. W., o. J. [1981];
    K. Nowak, „Euthanasie“ im NS-Staat, Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, 1983;
    Präses E. W. z. Gedächtnis, hg. v. d. Leitung d. Ev. Kirche v. Westfalen u. d. Ev.-Luth. Gde. Mennighüffen, o. J. [1989] (P);
    E. Brinkmann, in: Jb. f. westfäl. KGesch. 82, 1989, S. 11–28;
    Th. Kleinknecht, Neue Formen d. ev. Flüchtlingsarb. in Westfalen, „Das Modell Espelkamp“, in: P. Leidinger (Hg.), Dt. Ostflüchtlinge u. Ostvertriebene in Westfalen u. Lippe n. 1945, 2011, S. 159–74;
    Ch. Windhorst, KGesch. in Löhne, in: 1000 J. Löhne, hg. v. d. Stadt Löhne,1993, S. 323–46 (P);
    B. Hey u. I. Osterfinke, „Drei Kutscher auf einem Bock“, Die Inh. d. kirchl. Ltg.ämter im ev. Westfalen (1815–1996), hg. v. Landeskirchl. Archiv d. Ev. Kirche v. Westfalen, 1996 (P);
    J. Kampmann, Von d. altpreuß. Provinzial- z. westfäl. Landeskirche (1945–1953), Die Verselbständigung u. Neuordnung d. Ev. Kirche v. Westfalen, 1998;
    ders., Pastor E. W., Sein Wirken in Mennighüffen, in: Jb. f. westfäl. KGesch. 97, 2002, S. 253–68;
    ders., Hölle u. Himmel in Dachau, Der erste Ber. d. Mennighüffer Pfarrers E. W. über seine Gefangenschaft im Konzentrationslager vor seiner Gde. [ … ], in: Jb. f. westfäl. KGesch. 100, 2005, S. 487 –|523;
    G. Besier u. E. Lessing (Hg.), Die Gesch. d. Ev. Kirche d. Union, Bd. 3, 1999;
    U. Möller, Im Prozeß d. Bekennens, Brennpunkte d. kirchl. Atomwaffendiskussion im dt. Protestantismus 1957–1962, 1999;
    B. Hey u. M. Rickling, Das Kreuz ging mit, E. W. (1901–1989), Pastor u. Kirchenführer, Botschafter u. Zeuge, 2001 (P);
    „Verleih uns, Herr, Beständigkeit“, Pastor E. W. z. 100. Geb.tag, hg. v. d. Ev.-Luth. Kirchengde. Mennighüffen, o. J. [2001] (P);
    B. Hey, E. W. (1901–1989), Ein pol. Präses, in: Protestantismus in Preußen, Lb. aus seiner Gesch., hg. v. A. Beutel u. a., Bd. 5, hg. v. W. Hüffmeier, 2009, S. 189–208 (P);
    M. Greschat, Der Westfäl. Präses E. W. u. d. Anfänge d. Berliner Bibelwochen, in: ders. u. W. Hüffmeier (Hg.), Ev. Christen im geteilten Dtld., Die 50er J., FS f. Ch. Stache, 2013, S. 118–41;
    Personenlex. Protestantismus;
    Munzinger.

  • Autor/in

    Christof Windhorst
  • Zitierweise

    Wildhorst, Christof, "Wilm, Julius Ewald Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 201-203 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142880.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA