Lebensdaten
1902 bis 1990
Geburtsort
Landsberg/Warthe
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe ; Bischof von Berlin-Brandenburg
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118606514 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Scharf, Kurt Franz Wilhelm
  • Scharf, Kurt
  • Scharf, Kurt Franz Wilhelm
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Zitierweise

Scharf, Kurt, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606514.html [13.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit d. Ref. nachweisbarer Theologenfam., zu der u. a. Johann(es) Scharff (Scharfius) (1595–1660), o. Prof. d. Theol. in Wittenberg, Rektor d. Univ., Propst an d. Stiftskirche ebd. (s. ADB 30; L), gehört;
    V Johannes (1874–1951), Buchhändler in L., S d. Carl Curt Moritz (1838–97), Pfarrer in Groß-Treben b. Torgau u. Schneidlingen b. Magdeburg, u. d. Julie Louise Böving (1844–1926);
    M Margarethe (1876–1956), T d. Franz Rüdel (1849–1910), sächs. Zollrat in Weimar, u. d. Minna Hahn (1847–1919);
    1 B Friedrich (1904–62), Buchhändler in L., seit 1945 in Lemgo, seit 1951 in Bielefeld;
    1) Kiel (?) 1928 Ingeborg (1905–29), Apothekerin, T d. Wilhelm Sommerwerck (1866–1937), prakt. Arzt in Kiel, u. d. Elfriede Brinkmann (1868–1937), Hauslehrerin, 2) Berlin-Dahlem 1933 Renate (1909–92, Cousine), Kindergärtnerin, T d. Curt Scharf (1870–1929, Ov), Gen.major in B., u. d. Hildegard v. Kersting (1882–1978);
    1 T aus 1) Ingeborg (1929–80), Pastorin in Potsdam, 3 T aus 2) Christiane (* 1934), Postdir. in Hamburg, Brigitte (* 1936, Hans-Joachim Straube, * 1935, Bibl. in B.), Erzieherin. Martina (* 1944, Beat Tschanz, * 1920, o. Prof. d. Zool. in Bern, s. Kürschner, Gel.-Kal. 2003), Dr. rer. nat., Ethologin, Katechotin, 1 S aus 2) Kurt (* 1940, Mercedes San Roman de Pina, * 1947, Sozialarbeiterin in B., Moses-Mendelssohn-Preis d. Landes Berlin 1998), Leiter d. Goethe-Inst. in Lissabon; Gvm d. 2. Ehefrau Anton v. Kersting (1849–1922), Gen. d. Art., 1903-12 Dir. d. Mil.techn. Ak. (s. Wi. 1922; DB) IV. Tl.).

  • Leben

    Vom Elternhaus liberal-humanistisch geprägt, studierte S. nach dem Abitur in Landsberg 1921-25 ev. Theologie in Tübingen, Jena und Halle, wobei er anfangs mit dem Religiösen Sozialismus sympathisierte. Nach dem Vikariat in Berlin-Dahlem amtierte er 1928-33 als Pfarrer in Friesack (Kr. Rathenow) und 1933-45 in Sachsenhausen b. Oranienburg. S. gehörte dem „bruderrätlichen“ Flügel der Bekennenden Kirche an. Vertrauensmann der „Jungreformatorischen Bewegung“ (gegr. Mai 1933) sowie Mitbegründer (u. a. mit Martin Niemöller, 1892–1984) des „Pfarrernotbundes“ (Sept. 1933), dessen Vorsitzender in der Kurmark er war, wirkte er an der Bildung eigenständiger Leitungsorgane der Bekennenden Kirche mit: seit 1935 als Präses des Bruderrates und der Bekenntnissynode in Brandenburg und seit 1938 als Vorsitzender der Landesbruderräte in Deutschland. Sein engagierter Widerspruch gegen die NS-Herrschaft in der Kirche, sein Einsatz für Verfolgte, auch für Juden, und sein Versuch, im KZ Sachsenhausen seelsorgerlich zu wirken (Besuch Niemöllers 1938), brachten S. zahlreiche Ermittlungsverfahren durch die „gleichgeschaltete“ Kirchenbehörde und 1938 eine Suspension ein; die Gestapo belegte ihn mit Schreib-, Rede- und Aufenthaltsverboten und nahm ihn mehrfach in „Schutzhaft“. 1941 zur Wehrmacht einberufen, aber von hohen Militärs geschützt, wurde er an das Berliner Kommandanturgericht, 1944 nach Italien abgestellt, wo er in US-Gefangenschaft geriet (bis 1945).

    1946-61 amtierte S. als Propst von Brandenburg; daneben war er Vorsitzender des Rates der Ev. Kirche der Union (1957–60; 1955-57 u. 1960-66 stellv. Vors.). Dabei war er bestrebt, die Verbindung zwischen Ost- und Westdeutschland aufrechtzuerhalten sowie die Eigenständigkeit der Kirche gegenüber dem SED-Regime zu stärken, und setzte sich für politische Häftlinge ein. Nach Errichtung der Berliner Mauer 1961 wurde er aus der DDR „ausgesperrt“. 1961-67 war er Ratsvorsitzender der Ev. Kirche in Deutschland (1967–73 stellv. Vors.), wobei er 1965 die „Ostdenkschrift“ mitverantwortete, die der auf Entspannung bedachten westdt. Ostpolitik den Boden bereitete. Auch als Bischof von Berlin-Brandenburg (1966–76, seit 1972 auf Westberlin beschränkt) nahm er – unterstützt von Helmut Gollwitzer (1908–93) und Heinrich Albertz (1915–93) („die Dreierbande“) – gesellschaftlich-politische Verantwortung wahr, indem er u. a. während der Studentenunruhen vermittelnd wirkte und im Okt. 1974 die inhaftierte RAF-Terroristin Ulrike Meinhof (1934-76) besuchte, was zu öffentlicher Kritik und zum „Berliner Kirchenstreit“ führte. Zudem engagierte er sich in der Friedensbewegung und in humanitären Organisationen (u. a. Amnesty Internat., Ges. f. christl.-jüd. Zus.arbeit). Als Vorsitzender der „Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste“ (1980-84) richtete er im Juni 1982 vor der UN-Vollversammlung in New York einen Abrüstungsappell an die Großmächte (in: K. S. u. a., Ohne Rüstung leben, 1981, 21983). Ausgehend von einer liberal-theol. Position, gründete sein Denken seit der Mitgliedschaft|in der Bekennenden Kirche weitgehend in der dialektischen Theologie. Die Kirche müsse das Gewissen des Staates sein und eine „politische Diakonie“ betreiben. S., der 1968-75 auch dem Zentralausschuß des Ökumenischen Rats der Kirchen in Genf angehörte, zählt zu den führenden Gestalten des dt. Protestantismus im 20. Jh.Dr. theol. h. c. (HU Berlin 1952; Eden Theol. Seminary 1966; Christl. Ak. d. Univ. Warschau 1985); Goldenes Kreuz v. Athos (v. Ökumen. Patriachen v. Istanbul) u. Kopt. Kreuz v. Alexandria (1966); Auszeichnung f. hervorragende Dienste um d. Bibelverbreitung durch d. United Bible Societies (1969 als 1. Träger); Buber-Rosenzweig-Medaille d. Ges. f. Christl.-Jüd. Zus.arbeit (1971); Kopernikus-Medaille d. Volksrep. Polen (1973); Kreuz d. Hl. Augustin v. Canterbury (1978); Ernst-Reuter-Plakette d. Stadt Berlin-West (1976); Gustav-Heinemann-Bürgerpreis (1977 als 1. Träger); Leopold-Lucas-Preis d. Univ. Tübingen (Fachbereich Theol.) (1978); Ehrenvors. d. Ökumen. Rats Berlin (seit 1979); Vizepräs. d. Weltbundes d. Bibeiges. (bis 1969).

  • Werke

    u. a. Rundbriefe d. Bekennenden Kirche, 1933 ff. (Hg.;
    seit 1935 illegal);
    Für e. pol. Gewissen d. Kirche, Aus Reden u. Schrr. 1932-1972, hg. v. W. Erk, 1972;
    Brücken u. Breschen, Biogr. Skizzen, hg. v. W.-D. Zimmermann, 1977, Neudr. 1980;
    Streit mit d. Macht, 1983;
    Widerstehen u. Versöhnen, Rückblicke u. Ausblicke, 1987, 21988;
    J. Müller-Kent, Vermächtnis f. d. Zukunft, Gespräche mit H. Gollwitzer u. K. S., 1989;
    Bewährung u. Versagen, Die Bekennende Kirche im Kirchenkampf, Jugendliche im Gespräch mit K. S. [u. a.], hg. v. H. W. Grosse, 1991;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Landeskirchl. Archiv Berlin-Brandenburg u. Fam.besitz.

  • Literatur

    H. Vogel u. a. (Hg.), Männer d. Ev. Kirche in Dtld., FS z. 60. Geb.tag, 1962;
    R. Weckerling, Jenseits vom Nullpunkt?, Christsein im westl. Dtld., FS z. 70. Geb.tag, 1972;
    H. Albertz u. a., Pfarrer, die d. Terror dienen?, Bf. S. u. d. Berliner Kirchenstreit, 1975;
    ders. u. a., Zumutungen d. Friedens, FS z. 80. Geb.tag, 1982;
    H. Walsdorff, Schalom, K. S., Ein friedenspol. Lesebuch, FS z. 80 Geb.tag, 1983;
    Bruder S., 1902 bis 1990, hg. v. W. Brinkel, 1990 (Nachrufe, Texte v. S.);
    W.-D. Zimmermann, K. S., Ein Leben zw. Vision u. Wirklichkeit, 1992 (P);
    Ev. Bildlingswerk Berlin, Eine Welt d. offenen Grenzen, Seminar […] z. 90. Geb.tag v. Bf. D. K. S., Dok., Nr. 95, 1993;
    J. Rau u. a., Seelsorger u. Visionär, Gedenkfeier anläßlich d. 100. Geb.tags v. D. K. S., 2002 (P);
    Aktion Sühnezeichen Friedensdienste u. a. (Hg.), K. S., Ein Leben f. Gerechtigkeit u. Frieden, o. J. [2003] (P);
    Demokratische Wege;
    Biogr. Hdb. SBZ/DDR;
    Wer war wer in d. DDR, 22001;
    BBKL 14;
    LThK3;
    EKL;
    RGG4;
    Munzinger;
    zur Fam.:
    Der Scharff'schen Fam. Geschl.register circa ab anno 1600, o. J. (Typoskript, im Nachlaß).

  • Portraits

    Zeichnung v. W. Groß, 1938 (in Fam.bes.).

  • Autor/in

    Werner Raupp
  • Empfohlene Zitierweise

    Raupp, Werner, "Scharf, Kurt" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 569-570 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606514.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA