Lebensdaten
1878 – 1956
Geburtsort
Schwäbisch Gmünd
Sterbeort
Tübingen
Beruf/Funktion
Indologe ; lateinischer Dichter
Konfession
katholisch
Namensvarianten
  • Weller, Hermann Anton
  • Weller, Hermann Antonius
  • Lindach, Hans (Pseudonym)
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Zitierweise

Weller, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz140300.html [23.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Leonhard (1850–90, ev.), aus Lindach b. Sch. G., Ind.kaufm.;
    M Johanna Leins (1849–90, kath.), aus Sch. G., T e. Bäckers;
    8 Geschw (2 früh †);
    Schussenried 1912 Anna (1877–1939), T d. Valentin Feßler (1851–89), Bierbrauer in Schussenried, zuletzt in Aulendorf, u. d. Maria Magdalena Bammert (* 1853), beide aus Schussenried.

  • Biographie

    Nach dem Besuch der Volksschule und höherer Schulen in Schwäb. Gmünd, Mergentheim und Ehingen studierte W. 1897–99 und 1900–02 in Tübingen, 1899 / 1900 in Berlin Klassische Philologie und Indologie. Er legte 1902 die Erste, 1904 die Zweite württ. Dienstprüfung in Griechisch, Latein und Französisch ab – dazu 1906 die in Hebräisch – und kam nach kurzzeitigen Anstellungen in Rottenburg, Stuttgart, Schwäb. Gmünd, Spaichingen und Ehingen 1913 an das Gymnasium in Ellwangen. Dort wirkte er – mit Unterbrechung 1916–18 durch Kriegsdienst als Funker an der Westfront – als Oberpräzeptor bzw. Studienrat bis zur Frühpensionierung 1930.

    1901 wurde W. in Tübingen bei Richard (v.) Garbe (1857–1927) mit einer Dissertation über Sühnezeremonien in altindischer Literatur promoviert. 1931 habilitierte er sich bei dessen Nachfolger Jakob Wilhelm Hauer (1881–1962) mit einer Arbeit über den Rhythmus der rigvedischen Verse. Anschließend lehrte W. – bis 1945 unter dem Direktor Hauer, 1945 / 46 als kommissarischer Direktor, ab 1946 unter dem Direktor Helmuth v. Glasenapp (1891–1963) – am Indologischen, zeitweise ‚Arischen‘ Institut der Univ. Tübingen, zunächst als Privatdozent, ab 1938 als apl. Professor (1939 beamtet), 1946–52 als Honorarprofessor. Literarisch anspruchsvolle Nachdichtungen altindischer Lyrik (Amaru 1908, Anthologien 1950 u. 1952) und Dramen (sog. Bha¯ sa 1922, 1924, 1926 u. 1933) sowie| altindische und -iranische Metrik (1938) bildeten die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.

    Darüber hinaus trat W. als Schöpfer eigener lat. Dichtung hervor. Mit seiner schon während der Schul- und Studienzeit gepflegten Kunst, sprachlich und metrisch klassische Verse zu schreiben, gewann er 1918–44 im „Certamen Hoeufftianum“, dem jährlich in den Niederlanden veranstalteten internationalen Wettbewerb in lat. Dichtung, zwölfmal den ersten Preis und ebensooft einen weiteren, zudem in dem gleichartigen Wettbewerb in Italien, dem „Certamen Locrense“, je einmal den ersten und einen weiteren Preis: ein Erfolg, den kein anderer neulat. Dichter je erreicht hat; W. wurde in der Presse als ‚der Horaz des 20. Jh.‘ gefeiert. Die – meist jedoch an Ovid orientierten – Preisgedichte, epische oder elegische Kompositionen zu je etwa 100 bis 300 Versen, setzen vielfach die im 19. Jh. zur Blüte gekommene Gattung der ‚neulat. Versnovelle‘ fort. Sie bekunden W.s konservative Weltanschauung und einen aus antiker Philosophie bereicherten, kath. geprägten christl. Humanismus: Warnungen vor Materialismus und Technikgläubigkeit, Demagogie und Hybris einerseits, Lob der Heimat-, Nächsten- und Gottesliebe andererseits. Fast alle prämierten Gedichte wurden zunächst einzeln, danach zusammen mit einer Auswahl anderer Gedichte (Oden, Epigramme u. a.) unter dem Titel „Carmina Latina“ (²1946) veröffentlicht. Daneben dichtete W. auch in dt. Sprache.

    Dem Ziel, Latein wieder als internationale Zweitsprache zu etablieren, diente die in München ansässige „Societas Latina“, deren Erster Vorsitzender W. während ihres gesamten Bestehens (1932–55) war. In der gleichnamigen Vereinszeitschrift erschienen 1935–43 unverhüllt Beiträge von und über den jüd. Klassischen Philologen Julius Stern (1865–1942). W. selbst bestärkte während des Kirchenkampfes in einem lat. Epigramm (1937, gedr. 1946) den Rottenburger Bischof Johann Baptist Sproll (1870–1949) in seiner Haltung gegenüber dem NS-Regime; v. a. aber ist seine 1937 verfaßte, 1938 in Amsterdam prämierte und publizierte lat. Elegie „Y“ ein einzigartiges Zeitdokument: Allegorisch verschlüsselt entlarvt und verdammt sie in scharfer Analyse und klarer Prognose die Verfolgung und drohende Vernichtung der Juden.

    W. stand v. a. mit schwäb. Künstlern in Verbindung, so dem Dichter Wilhelm Schussen (1874–1956), dem ‚Malerpoeten‘ Karl Stirner (1882–1943), dem Bildhauer Josef Retzbach (1888–1960), dem Maler Jokarl Huber (1902–95), zeitweise auch mit Hermann Hesse (1877–1962) und Carl Orff (1895–1982). Nach Herkunft und Bekenntnis Schwabe, lebenslang innerhalb Württembergs wirkend, erfaßte W. geistig Jahrtausende und Kontinente.

  • Auszeichnungen

    |12 Goldmedaillen d. Certamen (poeticum) Hoeufftianum d. Niederl. Ak. d. Wiss. (1922–42);
    Goldmedaille d. Certamen Locrense (1926);
    stellv. Vorstand d. Ellwanger Gesch.- u. Altertumsver.;
    – H.-W.-Str. in Ellwangen (1931);
    H.-W.-Weg in Schwäb. Gmünd (1961);
    Ehrenmitgl. d. K. St. V. Alamannia, Tübingen.

  • Werke

    |Die Lehre v. den Prayascitas oder Sühneceremonien n. den Srautasutras, Diss. masch. Tübingen 1901 (Verbleib unbek.);
    Der Rhythmus d. rigved. Verse mit Parallelen u. Gegensätzen in verwandten Gebieten, Habil.schr. Tübingen 1931;
    zur Indologie: (Ps. Hans Lindach) Im Lande d. Nymphaeen, Bilder aus Indiens Liebesleben n. Amaru, 1908;
    (Hg.) Balacarita (Die Abenteuer d. Knaben Krischna), Schausp. v. Bhasa, 1922;
    (Übers.) Die Abenteuer d. Knaben Krischna, Schausp. v. Bhasa, 1922;
    (Übers.) Awimaraka, Schausp. v. Bhasa, 1924;
    (Übers.) Wâsawadattâ, e. Schausp. n. Bhâsa, 1926;
    Entwicklungsgang d. ind. Poetik, 1926;
    Eine ind. Tragödie? Durjodhanas Ende, e. Bhasa zugeschriebener Einakter, verdeutscht, 1933;
    Anahita, Grundlegendes z. arischen Metrik, Yašt V metr. hg., übers. u. erklärt, 1938 (überarb. Fassung d. Habil.schr.);
    Indische Lebensweisheit u. Lebenskunst, aus Quellen zus.gestellt, übers. u. mit e. Nachw. versehen, 1950;
    W. Gundert, A. Schimmel u. W. Schubring (Hg.), Lyrik d. Ostens, 1952 u. ö. (Indisches meist v. W. übers.);
    Hg.: Kalidasa, Sakuntala, Drama, übertr. v. C. Cappeller, neue Ausg. hg. v. H. W., 1939;
    lat. Dichtung: Carmina Latina, 1938, ²1946, Nachdr. 1966;
    dt. Dichtung: Meister Hartmuths Traum, Vier dramat. Bilder, 1921 (Ms.).

  • Literatur

    L Nachrufe: E. Kaiser, in: Mitt. d. Vereinigung d. Freunde d. Ellwanger Gymn. 1956 / 57, S. 3–5;
    H. R., in: Ellwanger Jb. 17, 1956 / 57, S. 177–80;
    A. Deibele, in: Gmünder Heimatbll. 18, 1957, S. 89–91;
    A. Schall, In memoriam H. W. [1957], 1981;
    – E. Häussinger, Der Latinist H. W. u. d. Komp. Carl Orff, in: Ellwanger Jb. 28, 1979 / 80, S. 284–88;
    U. Dubielzig, Die neue Königin d. Elegien, H. W.s Gedicht ‚Y‘, in: Germania latina, Latinitas teutonica, hg. v. E. Keßler u. H. C. Kuhn, 2003, S. 855–78 (Qu, L);
    ders., Latein als Tarnung, Gedichte H. W.s gegen NS-Kirchenkampf u. -Judenverfolgung, in: P. Müller (Hg.), Acta d. ‚Lat. Kulturmonats‘ (9. Nov.–8. Dez. 2007), 2008, S. 68–80;
    H. Brückner, U. Dubielzig u. K. Plieninger, Weite Horizonte, H. W. 1878–1956, Klass. Indologe, Lat. Dichter, Christl. Humanist, 2006 (W, L, P);
    V. Fera, Giuseppe Morabito e H. W., in: D. Sacré u. J. Tusiani (Hg.), Musae saeculi XX Latinae, 2006, S. 133–209;
    D. Absch, Die Fabel v. Stadthund u. Landwolf, Bemm. zu H. W.s Gedicht Psittacus et Passer, in: K. Herrmann u. K. Geus (Hg.), Dona sunt pulcherrima, FS f. R. Rieks, 2008, S. 463–78;
    S. Weise, Lydia, dormis? Horaz in H. W.s ‚Y‘, in: Gymnasium 118, 2011, S. 157–77;
    M. Lobe, Lux verae humanitatis effulgeat, Zum sechzigsten Todesj. d. schwäb. Horaz H. W. |(1878–1956), in: Forum Classicum 59, 2016, S. 196–205;
    Der gr. Brockhaus, 151935;
    Qu Archiv d. Univ. Tübingen (Personalakte);
    Nachlaß: Schriftgutarchiv Ostwürttemberg, Heubach-Lautern (Korr., unveröff. Gedichte u. a.).

  • Porträts

    |Gips-Medaillon v. J. Retzbach, um 1920, Abb. in: Brückner/ Dubielzig/ Plieninger (s. L), S. 10;
    2 Tempera v. K. Stirner, 1924 (Privatbes.), Abb. in: H. Hauber, Karl Stirner 1882–1943, Werkverz., CD-ROM, 2007, u. Brückner / Dubielzig/ Plieninger (s. L), Umschlag;
    Photogr. in: W. Rau, Bilder 135 dt. Indologen, ²1982, S. 102.

  • Autor/in

    Uwe Dubielzig
  • Zitierweise

    Dubielzig, Uwe, "Weller, Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 737-739 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz140300.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA