Lebensdaten
1859 – 1931
Geburtsort
Meran
Sterbeort
Valkenburg aan de Geul (Niederl.)
Beruf/Funktion
Jesuit ; Tierpsychologe ; Entomologe ; Entwicklungsbiologe
Konfession
-
Namensvarianten
  • Wasmann, Erich Friedrich August
  • Wasmann, Erich
  • Wasmann, Erich Friedrich August

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Zitierweise

Wasmann, Erich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz139134.html [13.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Rudolf Friedrich (1805–86, luth., 1835 kath.), Maler, Schüler v. F. Overbeck (s. Hamburg. Biogr. VI; L), S d. Johann Christian Friedrich ( 1849), Kolonialwarenhändler in Hamburg, u. d. Anna Maria Schröder;
    M Marie Emilie (1821–1904, luth., 1847 kath.), T d. Friedrich Erich August Krämer (1785–1845), luth. Theol., Dir. d. Realschule d. Johanneums in Hamburg;
    Ov Adolph (1807–53), Apotheker, Arzt, studierte mit M. J. Schleiden b. J. Müller, C. H. C. Burmeister u. C. G. Ehrenberg;
    1 B (früh †), 4 Schw (1 früh †) Elisabeth (* 1857), Schwester im Orden Sacré-Coeur, Anna (1864–1930), Franziska (1866–n. 1931).

  • Biographie

    Nach dem Besuch des Jesuitenkollegs Stella Matutina in Feldkirch (Vorarlberg) trat W. 1875 im niederl. Exaten in den Orden dt. Exil-Jesuiten ein. Er studierte 1877–79 klassische Sprachen und Literatur im Kolleg zu Wijnandsrade, 1879–82 Philosophie auf Schloß Blyenbeck, u. a. bei Tilmann Pesch (1836–99), der ihn zu der naturphilosophischen Instinktstudie „Der Trichterwickler“ (1884) anregte. Ein Lungenleiden nötigte ihn 1885–90 zum privaten Theologiestudium (Priesterweihe 1888). Auf Basis von Studien im Freiland und anhand selbst entwickelter künstlicher Nester (W.-Nest) verfaßte W. nach dem Vorbild John Lubbocks 1891 „Die zusammengesetzten Nester und gemischten Kolonien der Ameisen“. Dies trug ihm 1890 die lebenslange Schriftleitung für die biologische Sektion der Zeitschrift „Stimmen aus Maria-Laach“ (seit 1914 „Stimmen der Zeit“) ein. Von April 1890 bis Ende Juli 1891 studierte er Zoologie an der Univ. Prag. In Exaten folgte 1893 die Profeß.

    Durch sein „Kritisches Verzeichnis der myrmekophilen und termitophilen Arthropoden“ 1894 begründete der nun international bekannte Ameisenspezialist den Forschungszweig der Myrmeko-/ Termitophilie und regte William Morton Wheeler, Horace Donisthorpe und Wladimir Karawajew zu entsprechenden Studien an. W. lieferte 834 Erstbeschreibungen biologischer Spezies und nutzte frühzeitig die gerade entwickelte Mikrophotographie zur Artbestimmung und Dokumentation. W. prägte die Fachterminologie, z. B. gehen die Biozönosentypenbezeichnungen „Symphilie“, „Synechthrie“, „Synökie“ und „Trophobiose“ sowie der Begriff „Amikalselektion“ auf W. zurück. Seine lebendige Darstellung inspirierte auch Literaten, wie Hanns H. Ewers (Ameisen, 1925) und Antonia S. Byatt (Morpho Eugenia, 1994, dt. Die Verwandlung d. Schmetterlings).

    Als Tierpsychologe verteidigte W. in seinem Buch „Die psychischen Fähigkeiten der Ameisen“ (1899, ²1909) mit dem neuscholastischen Konzept eine zur Sinnesempfindung fähige, aber von der Menschenseele wesensverschiedene Tierseele gegen reflexologische (Albrecht Bethe, 1872–1954), tropistische (Max Verworn, 1863–1921), mechanistische (Jacques Loeb, 1859–1924) und neurophysiologische (Jakob v. Uexküll, 1864–1944) Objektivierungen sowie gegen monistische Vereinnahmung (Auguste Forel, 1848–1931). Dies brachte ihn in freundschaftliche Nähe zu dem Phänomenologen Fredrik J. J. Buytendijk (1848–1931), zu Neovitalisten wie Hans Driesch (1867–1941) und Johannes Reinke (1849–1931) und dem neuthomistischen Kölner Kreis um Hans André (1899–1966). Zugleich verwahrte er sich gegen vermeintliche Intelligenzleistungen von Tieren (Instinkt u. Intelligenz d. Thiere, 1897, ³1905).

    1899 arbeitete sich W. in Zytologie, Genetik und Abstammungslehre ein. In seinen von der Univ. Montpellier preisgekrönten Schriften zur Aufklärung des Sklaverei-Instinkts der Ameisen – zeitgleich mit Wheeler – zeigte W. die Notwendigkeit entwicklungstheoretischer Betrachtung, inklusive einer modifizierten Selektionstheorie. Wegen seines erfolgreichen Lehrbuchs „Die moderne Biologie und die Entwicklungstheorie“ (²1904, ³1906) geriet er zwischen die Fronten des kirchlichen Antimodernismus und des antiklerikalen Darwinismus, weil er für den menschlichen Körper eine evolutionsbiologische Erklärung einräumte, für die Herkunft der Menschenseele jedoch auf einem diskreten Schöpfungsakt beharrte. Dies führte zu international beachteten Auseinandersetzungen mit dt.sprachigen Entwicklungsbiologen unter Federführung Ernst Haeckels (1834–1919): Die von Haeckel 1905 in Berlin öffentlich gehaltenen Vorträge (Der Kampf um d. Entwicklungs-Gedanken, 3 Vortrr., gehalten am 14., 16. u. 19. April 1905 im Saale d. Sing-Ak. z. Berlin, 1905) parierte W. ebenda im Febr. 1907. Seine Vorträge dokumentierte er im selben Jahr unter dem auch weltweit beachteten Titel „Der Kampf um das Entwicklungs-Problem in Berlin“ (1907; engl. 1907, ²1912; dän. 1908; niederl. 1909); sie riefen ein monatelanges internationales Presseecho hervor. W. setzte Haeckels materialistischem Monismus einen „Monismus der Wahrheit“ entgegen. Wohl anläßlich der Gründung des „Deutschen Monistenbundes“ 1906 regte W. mit Max Ettlinger (1877–1929) im selben Jahr die Gründung einer naturwissenschaftlichen Sektion in der 1876 von einer Gruppe kath. Forscher und Publizisten gegründeten „Görres-Gesellschaft“ an. 1911 lehnte W. das Angebot einer Zoologieprofessur an der Univ. Frankfurt/M. ab und kehrte in das Jesuitenkolleg in Valkenburg zurück, wo er seine wissenschaftliche, schriftstellerische und Vortragstätigkeit fortführte.

  • Auszeichnungen

    |u. a. Ehrenmitgl. d. Inst. Grandducal de Luxembourg, d. Niederl. Entomol. Ges. (1901), d. Soc. scientifique de Bruxelles (1906), d. Soc. entomologique de Belgique (1910, gestrichen 1914), d. Entomological Soc. of London (1911), d. span. Entomol. Ges. (1919), d. dt. Entomol. Ges. (1919), d. brasilian. Entomol. Ges. (1922), d. Zool.-Botan. Ges. Wien (1926), d. allg. Entomol. Ges. (1926), d. Soc. Normande d’Entomologie (1926), d. Ges. Luxemburger Naturfreunde (1926), d. naturwiss. Ges. Freiburg/ Ueberlingen (1926) u. d. botan. Ges. z. Luxemburg;
    Dr. phil. h. c. (Freiburg, Uechtland, 1921);
    Gedenktafel am Geb.haus in Meran;
    – The W. Journ. of Biology (seit 1936).

  • Werke

    Weitere W ca. 750 Publl.;
    Entwicklungstheorie u. Monismus, d. Innsbrucker Vortrr. v. E. W. am 14., 16. u. 18. Okt. 1909, 1910;
    Die Ameisenmimikry, e. exakter Btr. z. Mimikryproblem u. z. Theorie d. Anpassung, in: Abhh. z. theoret. Biol. 19, hg. v. J. Schaxel, 1925;
    Pater W. erz. seinen Lebenslauf (1859–1929), in: Aus d. Stella Matutina 45, 1929, S. 462–66;
    Jugenderinnerungen, in: Stimmen d. Zeit 123, 1932, S. 110–19, 191–99, 258–268, 327–34 u. S. 407–13;
    Die Ameisen, d. Termiten u. ihre Gäste, vgl. Bilder aus d. Seelenleben v. Mensch u. Tier, 1934 (postum hg. v. H. Schmitz);
    W-Verz.: H. Schmitz, in: Tijdschrift voor Entomol. 25, 1932, S. 1–57;
    Nachlaß: Hochschule f. Philos. München;
    Präparateslg. im Naturkundemus. in Maastricht.

  • Literatur

    |J. K. A. van Boven, Synopsis d. v. P. Dr. E. W. S. J. (1859–1931) als neu beschriebenen Tierformen, in: Publicaties van het Natuurhist. Genootschap Limburg 9, 1956, S. 113–41;
    H. S. Boudier, Jesuit op de Hei, Uit het Leven van een Mierenkenner, E. W. (1859–1931), in: Natuurhistorisch Maandblad 78, 1989, H. 3, S. 43–47;
    ders., Mier en Slang, Correspondentie van F. J. J. Buytendijk met E. W. S. J., 1990;
    R. Koltermann, Naturwiss. u. Glaube, Die Kontroverse zw. E. W. S. J. u. Ernst Haeckel um Evolutionstheorie u. Schöpfungsglaube, in: M. Sievernich u. G. Switek (Hg.), Ignatianisch, Eigenart u. Methode d. Ges. Jesu, 1990, S. 444–61;
    H. Baranzke u. E. Prieth, Zwei vergessene Meraner Söhne, Auf d. Spuren d. Malers Friedrich W. u. seines berühmten Sohnes E., in: Der Schlern 70, 1996, S. 347–55 (P);
    H. Baranzke, Grenzprobleme d. Tierpsychol. u. Entwicklungsbiol. b. d. Zoologen E. W. S. J., in: Verhh. z. Gesch. u. Theorie d. Biol. 1, 1998, S. 189–201;
    dies., E. W., Jesuit u. Zool. in Personalunion, in: Jb. f. Gesch. u. Theorie d. Biol. 6, 1999, S. 77–139;
    A. J. Lustig, E. W., Ernst Haeckel and the Limits of Science, in: Theory of Bioscience 121, 2002, S. 252–59;
    R. Richards, Ernst Haeckel and the Struggels over Evolution and Rel., in: Ann. of the Hist. and Philosophy of Biology 10, 2005, S. 89–115 (P);
    K. Schatz, Pater E. W. u. d. Humanevolution, in: Theol. u. Philos. 85, 2010, S. 81–86;
    LThK³;
    Biogr. Enz. Naturwiss.

  • Porträts

    |Photogr., 1894 (Müncheberg, Senckenberg Dt. Entomol. Inst.).

  • Autor/in

    Anne Heike Baranzke
  • Zitierweise

    Baranzke, Anne Heike, "Wasmann, Erich" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 443-445 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz139134.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA