Lebensdaten
erwähnt 18.-21. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Verleger
Konfession
jüdisch,evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 128354305 | OGND | VIAF: 30586517
Namensvarianten
  • Ullmann
  • Ulman
  • Uhlmann
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Objekt/Werk(nachweise)

Zitierweise

Ullstein, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd128354305.html [01.10.2020].

CC0

  • Leben

    Die Familie U. führte vor dem 19. Jh. den Familiennamen Ullmann (auch Ulman, Uhlmann) und war im 18. Jh. in Bamberg, später auch in Fürth ansässig. Der Sohn des Jacob Ullmann in Bamberg, Moses Jacob Ullmann, war Kaufmann, der 1715–17 die Leipziger Messe besuchte. Dessen Sohn Jechiel Ulman (1719–1807) ist in Urkunden der Stadt Fürth verzeichnet. Er hatte den Papierhändler Moses Ullmann (1748–1829) zum Sohn, dieser|war der Vater von Hajum Hirsch Uhlmann (1792–1875). Letzterer betrieb in Fürth den Papiergroßhandel „H. H. Ullstein“ und führte seit 1816 den neuen Familiennamen Uhlstein bzw. Ullstein. Er war verheiratet mit Hannah (1794–1858), einer Tochter des Spiegelglasfabrikanten Wolf Berlin. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor: Isaak (1820–62), Julius (* 1823), Sophie (1824–92), Leopold (früher Löb) (1826–99) und Max Wilhelm (1836–95).

    Wenige Jahre nach dem Rückzug ihres Vaters in den Ruhestand (um 1848) verlegten Isaak und Julius die Firma nach Leipzig wegen des hauptsächlich dort ansässigen Buchhandels. Leopold übersiedelte nach Berlin, wo er zunächst die Geschäfte des Familienunternehmens betrieb, 1862 aber ein eigenes Papiergroßhandelsunternehmen gründete, zu dessen Kunden u. a. die „Vossische Zeitung“ gehörte. 1871 verkaufte er seine Firma und beteiligte sich bis 1873 an einer Aktiengesellschaft für Papierfabrikation in Schlesien. 1871–76 war Leopold als „Freisinniger“ Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Die Geschichte des Verlagshauses Ullstein beginnt mit dem Kauf des „Druckerei- und Zeitungs-Verlags-Geschäft[s] Stahl & Assmann“ in der Berliner Zimmerstraße 94 durch Leopold am 24. 7. 1877. Zu diesem Betrieb gehörte die Zeitung „Neues Berliner Tageblatt“, die seit Okt. 1877 unter dem Titel „Deutsche Union“ erschien, aber bereits im Mai 1878 wieder eingestellt wurde. 1878 erwarb Leopold die 1877 gegründete „Berliner Zeitung“ (1904–43 „B. Z. am Mittag“, seit 1953 „B. Z.“), 1887 gründete er die „Berliner Abendpost“ und 1889 die „Berliner Presse“. 1894 kaufte Leopold die 1892 gegründete „Berliner Illustrirte Zeitung“, die sich vom Ende des 1. Weltkriegs bis in die 1940er Jahre zum größten dt. Wochenmagazin entwickelte. Seine letzte Gründung war die „Berliner Morgenpost“ 1898, die Ende der 1920er Jahre eine tägliche Auflage von mehr als 600 000 Exemplaren hatte. Aus Leopolds erster Ehe mit Mat(h)ilda Be(h)rend (1830–71) entstammen die Kinder Hans (1859–1935), Anne Lucie Catherine (Käthe) (1860–1931), Else (1862– 1959), Louis Ferdinand (1863–1933), Alice (1866–1938), Franz Edgar (1868–1945) und Mathilde (1871–1933). In zweiter Ehe war er verheiratet mit Elise Pintus (1850–1923), mit der er die Kinder Rudolf (1874–1964), Hermann (1875–1943) und Antonie (Toni) (1877– 1946) hatte. Nach dem Tod Leopolds, der auf dem Berliner Jüd. Friedhof Schönhauser Allee beerdigt wurde, übernahmen seine fünf Söhne die Verantwortung für das Unternehmen, das zu dieser Zeit 1632 Mitarbeiter beschäftigte und in Konkurrenz zu den Verlagshäusern Rudolf Mosse und August Scherl GmbH stand.

    Hans war nach dem Studium der Rechtswissenschaft in Berlin zunächst Justiziar und redaktioneller Mitarbeiter der „Berliner Zeitung“, seit 1889 Gesellschafter der Firma „Ullstein & Co. Druckerei und Zeitungsverlag, Berlin“ und wurde nach dem Tod seines Vaters 1899 „Seniorchef“ der Firma. Er übernahm als Rechtsanwalt die Zuständigkeit für die juristischen Angelegenheiten des ganzen Hauses und die Leitung der „Berliner Zeitung“ bzw. der „B. Z. am Mittag“. Später verantwortete er gemeinsam mit seinem Bruder Franz die verlegerischen und redaktionellen Aspekte aller Tageszeitungen des Unternehmens, zu denen seit 1914 auch die „Vossische Zeitung“ gehörte, die, wie alle Blätter des Hauses, liberal bis liberal-konservativ ausgerichtet war. Mit Umwandlung der OHG in eine AG 1921 wurde Hans Vorsitzender des Aufsichtsrats, 1930–33 dessen Ehrenvorsitzender. Wie schon sein Vater betätigte er sich neben seinem Beruf politisch: Als Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei war er 1904–11 und 1912–19 Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Sein Sohn Karl (1893–1964) trat 1920 in die Firma ein, seit 1923 als Leiter der Druckerei, später bis zu seinem Austritt 1934 als Chef des gesamten technischen Betriebs. Sein Schwiegersohn Fritz Ross (1889–1964), verheiratet mit seiner Tochter Hilda (1890–1973) und seit 1918 bei Ullstein beschäftigt, leitete bis 1934 den Buch- und Zeitschriftenvertrieb. Deren Tochter Helga Ross (1920–95) war mit dem späteren Generaldirektor des Creditanstalt-Bankvereins Wien, Heinrich Treichl (1913–2014), verheiratet.

    Hans’ Bruder Louis lernte 1881–86 im väterlichen Unternehmen und anderen in- und ausländischen Betrieben den Beruf des Verlags- und Druckereikaufmanns und war anschließend einer der engsten Mitarbeiter seines Vaters Leopold; 1889 wurde er als Gesellschafter im Handelsregister eingetragen. Zu seinen Aufgaben gehörte die technische und kaufmännische Leitung der Druckerei. Gemeinsam mit seinem Bruder Hans entwickelte er 1904 aus der „Berliner Zeitung“ die „B. Z. am Mittag“ und etablierte damit in Berlin die Boulevardpresse. Er organisierte im Verlag den gesamten Vertrieb, die Werbung, die Anzeigenverwaltung und die geschäftliche Zentralverwaltung, teilweise nach modernem US-amerik. Vorbild. Dem Aufsichtsrat der AG gehörte er 1921–30 als stellv. Vorsitzender, danach bis zu seinem Tod als Ehrenvorsitzender an. Er war in erster Ehe verheiratet|mit Else Landsberger (1873–1919). Sein Sohn Heinz (1893–1973) war seit 1925 im Verlag tätig, 1928 als Vorstandsmitglied, 1929–34 als Aufsichtsrat.

    Franz, drittältester Sohn Leopolds, trat 1894 als promovierter Jurist in die väterliche Firma ein, deren Mitinhaber er 1897 wurde. Zunächst betreute er die „Berliner Illustrirte Zeitung“, die nach dem 1. Weltkrieg zu einem wichtigen Forum für den modernen Fotojournalismus ausgebaut wurde, seit 1900 als Chefredakteur. Als seine verlegerisch-redaktionelle Zuständigkeit auch auf die anderen Blätter des Hauses ausgedehnt wurde, widmete er sich v. a. der „Berliner Morgenpost“, zudem hatte er maßgeblichen Anteil an der Bündelung der verstreuten Buchaktivitäten des Hauses in einem eigenen Buchverlag 1903, dem von 1919 an der „Propyläen-Verlag“ an die Seite trat, in dem neben Klassikerausgaben und Kunstbänden auch Texte u. a. von Carl Zuckmayer, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger und Erich Maria Remarque verlegt wurden. Als Vorsitzender des Vorstands (1921–33) war Franz der eigentliche „Verleger“ unter den fünf Brüdern; 1933 übernahm er kurzzeitig den Aufsichtsratsvorsitz der AG. 1934 schied er, wie seine noch lebenden Brüder, aus dem an die „Cautio GmbH“, eine Tochterfirma des NS-Parteiverlags „Franz Eher Nachf.“, zwangsverkauften, damals mit mehr als 10 000 Mitarbeitern größten dt. Verlag aus und emigrierte 1938 in die USA, wo er 1945 an den Folgen eines Verkehrsunfalls starb. Franz’ Schwiegersohn Kurt Saalfeld (1893–1962) gehörte dem Haus 1926–33 als Vorstandsmitglied der „Ullstein Druckerei GmbH“ an.

    Rudolf, zweitjüngster Sohn Leopolds, trat 1894 als gelernter Schriftsetzer und Buchdrucker in die väterliche Firma ein, arbeitete dann aber bei verschiedenen in- und ausländischen Unternehmen. 1901 kehrte er als Gesellschafter der Firma „Ullstein & Co.“ und als Chef der Technischen Betriebsleitung zurück. Er hatte zahlreiche Ehrenämter in Fachvereinigungen des Druckgewerbes, aber auch in der Vereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände inne. 1921–30 war er Aufsichtsratsmitglied der Ullstein AG, 1930–33 stellv. Vorsitzender dieses Gremiums, bis 1934 sein Austritt aus dem Unternehmen erzwungen wurde. 1938 emigrierte er nach Großbritannien, wo er in Maschinenfabriken, Autowerkstätten und Druckereien arbeitete. 1945 übersiedelte er in die USA und kehrte 1949 nach Berlin zurück, um für die Familie die Restitution der 1934 zwangsverkauften Ullstein AG zu betreiben und anschließend als Vorstand die Verlagstätigkeit der Firma wiederzubeleben. Mit erfolgter Restitution 1952 nahm er unter Mithilfe v. a. seines Neffen Karl erfolgreich die Herausgabe der „Berliner Morgenpost“ (1952) und der „B. Z.“ (1953) wieder auf. 1952–60 war er Aufsichtsratsvorsitzender des Ullstein Verlags, 1960 bis zu seinem Tode 1964 Ehrenvorsitzender. 1956–59 erfolgte aufgrund finanzieller Schwierigkeiten der schrittweise Verkauf des Unternehmens an den Verleger Axel Springer (1912–85).

    Hermann, jüngster Sohn Leopolds, machte zunächst eine Ausbildung als Getreidekaufmann in Berlin und arbeitete in dieser Branche mehrere Jahre im russ. Odessa. Er trat 1899 in den väterlichen Verlag ein und wurde 1902 Teilhaber der Firma. Hier bildeten die Zeitschriften sowie die Werbung seinen Arbeitsschwerpunkt. So erwarb Hermann für den Verlag einige Modezeitschriften, regte die Herausgabe der „Ullstein-Schnittmuster“ (1910) an, baute sie zu einem Markenartikel aus und war maßgeblich an der Gründung der Magazine „Die Dame“ (1912) und „Uhu“ (1924) beteiligt. 1921 wurde Hermann Vorstandsmitglied der „Ullstein AG“, 1924–27 stellv. Vorstandsvorsitzender. 1927–33 war er Mitglied des Aufsichtsrats, 1934 mußte er aus dem zwangsverkauften Unternehmen ausscheiden. 1939 emigrierte Hermann zunächst zu seinem bereits in Großbritannien lebenden Sohn Fritz (später Frederick) (1909–88), später zu seiner Tochter Edit(h) (1905–64) in die USA, wo er in seinem Todesjahr 1943 das Buch „The Rise and Fall of the House of Ullstein“ veröffentlichte, das 2013 unter dem Titel „Das Haus Ullstein“ in dt. Übersetzung des Urenkels von Hans, Geoffrey Layton (* 1952) erschien.

    Nach Abschluß der schrittweisen Übernahme der „Ullstein AG“ Ende 1959 gehörten zu Axel Springer die Tagezeitungen „Berliner Morgenpost“ und „B. Z.“, die Zeitschrift „Radio Revue“, Der „Ullstein Buchverlag“ mit dem „Propyläen Verlag“, dem Verlag „Ullstein“, dem „Ullstein Taschenbuchverlag“ sowie dem „Ullstein Fachverlag“, ferner das „Ullstein Reisebüro“ und der „UBO Mode- und Schnittmusterverlag“. Nach Verkäufen einiger kleinerer Bereiche in den folgenden Jahren wurde 2003 die gesamte Buchsparte an „Random House“ veräußert. 2014 erfolgte schließlich der Verkauf der „Berliner Morgenpost“ an die Essener „Funke Medien Gruppe“. Die „B. Z.“ erscheint weiterhin als eigenständiger Titel auf dem Berliner Zeitungsmarkt, wurde redaktionell jedoch 2013 der „Bild“ angegliedert.|

  • Auszeichnungen

    A zu Leopold: U.-Str. u. U.-U-Bahnhof, Berlin Tempelhof (1927).

  • Werke

    W zu Hermann: Wirb u. werde!, Ein Jb. d. Reklame, 1935.

  • Quellen

    Qu Untern.archiv d. Axel Springer AG, Berlin.

  • Literatur

    L N. N., 50 J. U. 1877–1927, 1927;
    N. N., Der U. Verlag z. Weltreklamekongreß Berlin 1929, 1929;
    P. de Mendelssohn, Zeitungsstadt Berlin, 1959;
    W. J. Freyburg u. a. (Hg.), Hundert J. U. 1877–1977, 1977;
    Axel Springer Verlag AG, Presse- u. Verlagsgesch. im Zeichen d. Eule, 2002;
    S. Nadolny, U.roman, 2003;
    A. Enderlein u. a. (Hg.), U.-Chronik, 1903–2011, 2011;
    E. Bannehr u. a. (Hg.), Die Eule läßt Federn, 2 2012;
    Ernst Fischer u. a., Gesch. d. dt. Buchhandels im 19. u. 20 Jh., Die Weimarer Rep. 1918–1933, II/2, 2012; W. Wippermann, Eule u. Hakenkreuz, U. u. Dt. Verlag im „Dritten Reich“ 1933 bis 1945, in: Verlage im „Dritten Reich“, hg. v. K. G. Saur, 2013, S. 61–78.

  • Portraits

    P zu Leopold: Gem. v. O. Begas, 1882; Büste v. J. Goetz 1902; – Fünf Brüder U.: Gem. v. H. Häuser, 1958, nach verschollenem Orig. v. W. Jaeckel, 1927; – zu Louis: Gem. v. M. Liebermann, 1913; – zu Rudolf: Büste v. E. F. Reuter, um 1960; - zu Hermann: Gem. v. M. Slevogt, um 1927 (alle Berlin, Axel Springer AG)

  • Autor/in

    Rainer Laabs
  • Empfohlene Zitierweise

    Laabs, Reiner, "Ullstein" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 575-578 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd128354305.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA