Lebensdaten
1898 bis 1944
Geburtsort
Teschen
Sterbeort
Auschwitz
Beruf/Funktion
Komponist ; Dirigent ; Pianist ; Musikschriftsteller ; Schriftsteller
Konfession
katholisch,evangelisch,Christengemeinschaft
Normdaten
GND: 119065193 | OGND | VIAF: 46953474
Namensvarianten
  • Ullman, Viktor Josef
  • Tannfels, Josef (Pseudonym)
  • Ullmann, Viktor
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Zitierweise

Ullmann, Viktor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119065193.html [15.04.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Maximilian U. Edler v. Tannfels (1861–1938, österr. Adel 1918, jüd., 1896 kath.), aus Pirnitz b. Iglau, k. k. Oberst (s. Biogr. Judaica Bohemiae), S d. Josef U., Fabr. in Pirnitz b. Iglau, u. d. Jeanette Suchy;
    M Malwine (1873–1940, jüd., 1896 kath.), T d. Adalbert Billitzer (1845–1929), Dr. iur., Hof- u. Ger.advokat in Wien, u. d. Sidonie Ehrenfeld (1850–1914), beide aus Nitra (Slowakei);
    1) Prag 1919 1931 Martha (1894–1942 Treblinka), aus Prag, T d. Eduard Koref (1850–1916), k. k. Insp. d. Staatseisenbahnen, u. d. Emilie Schick (Schück) (* 1856), 2) Prag 1931 1941 Anna (1907–44 Auschwitz), T d. Rudolf Winternitz (1859–1942 Theresienstadt), aus Prag, ao. Prof. f. Haut- u. Geschlechtskrankheiten an d. Dt. Univ. in Prag (s. Fischer), u. d. Martha Grossmann (1878–1943 Theresienstadt), 3) Prag 1941 Elisabeth (1900–44 Auschwitz, 1] Alois Meissl, 1896–1944 Auschwitz), T d. Emil Frank (1864–1928), in Prag, u. d. Ida Jerusalem (1879–1942), 3 S aus 2) Maximilian Rudolf (1932–44 Auschwitz), Johannes Markus (1934–2012), wurde 1938 mit „Kindertransport“ aus Prag n. England gebracht, Paul (1940–43 Theresienstadt), 1 T aus 2) Felicia Christine (1936–2004), wurde 1938 mit e. „Kindertransport“ aus Prag n. England gebracht.

  • Leben

    U.s Eltern entstammten jüd. Familien, waren jedoch zwei Jahre vor seiner Geburt zum Katholizismus konvertiert. 1909 übersiedelte seine Mutter mit U. aus der Garnisonsstadt Teschen in die Metropole Wien. Nach „Kriegsabitur“ 1916 und Dienst als „Einjährig Freiwilliger“ nahm er im Okt. 1917 an der 12. Isonzoschlacht teil (Leutnant 1918). Seine frühe musikalische Ausbildung war während der letzten Gymnasialjahre im musiktheoretischen Unterricht bei Josef Polnauer (1888– 1969) vertieft worden. Entscheidende Prägung erfuhr U. durch die Bekanntschaft mit Arnold Schönberg (1874–1951) in dessen „Kompositionsseminar“ und „Verein für musikalische Privataufführungen“, sowie mit Franz Schreker (1878–1934) und Alban Berg (1885–1935).

    Im Herbst 1920 trat U. sein erstes Engagement als Chordirektor und Korrepetitor am Neuen Dt. Theater in Prag an, dessen musikalischer Leiter Alexander v. Zemlinsky (1871–1942) seine weitere Entwicklung als Kapellmeister und Komponist förderte.

    Mit dem Zyklus „Sieben Lieder für Klavier“ fand U. 1923 erste Beachtung beim Prager Musikfest der „Internationalen Gesellschaft für neue Musik“ (IGNM). Die „Variationen und Doppelfuge über ein kleines Klavierstück von Schönberg“ (op. 19, 4) waren als Hommage zu Schönbergs 50. Geburtstag gedacht, stellten jedoch zugleich eine Absage an dessen Methode der „Komposition mit 12 nur aufeinander bezogenen Tönen“ dar. Unter Hans Wilhelm (William) Steinberg (1899– 1978) wurde U.s „Konzert für Orchester“ 1929 in Prag und 1930 in Frankfurt/M. aufgeführt. Zum größten Erfolg dieser Jahre geriet die zweite Version der „Schönberg-Variationen“ beim Genfer Musikfest der IGNM 1929.

    1929–31 war U. Leiter der Bühnenmusik am Züricher Schauspielhaus; bis Mitte 1933 führte er, sich einen alten Wunsch erfüllend, die Buchhandlung des Goetheanums in Stuttgart. Nachdem er diese aus finanziellen Gründen hatte aufgeben müssen, kehrte U. nach Prag zurück, wo er den Schwerpunkt seiner|nunmehr ausschließlich freiberuflichen Arbeit auf die Komposition legte. Erneut war er mit einer Bearbeitung der „Schönberg-Variationen“ für mittleres Orchester (1934) erfolgreich; neue Wege beschritt er mit der Oper „Der Sturz des Antichrist“ (1935). In der musikalischen Gestaltung des anthroposophischen Librettos (Albert Steffen, 1884–1963) dokumentierte U. seine Hinwendung zum Stil Bergs, insbesondere zu dem von ihm seit der Uraufführung bewunderten „Wozzek“. War U. bis zum Beginn der 1930er Jahre dem expressiven (vordodekaphonen) Stil Schönbergs gefolgt, so orientierte er sich zwar weiter an den Quarten- und Großterz-Akkorden sowie deren Kombination mit aus der Ganztonleiter abgeleiteten harmonischen Modellen, wie Schönberg sie in seiner „Harmonielehre“ (1911) dargestellt hatte; darüber hinaus suchte er nun die „unerschöpften Bereiche der tonal funktionellen Harmonik zu ergründen“ oder „die Kluft zwischen der romantischen und der ‚atonalen‘ Harmonik auszufüllen“, wie er selbst seinen „neuen“ Stil im Blick auf die 1935/36 unter dem Eindruck von Bergs Tod entstandene 1. Klaviersonate charakterisierte (Brief an K. Reiner v. 25. 8. 1938).

    Bis 1942 entstanden noch drei jeweils dreisätzige Solowerke für Klavier und ein Klavierkonzert. Zudem entfaltete U. eine rege publizistische Tätigkeit (u. a. umfangreicher Essay zu Schönbergs 60. Geburtstag), verfaßte eine Reihe von Rundfunksendungen und hielt Vorträge im Rahmen der Erwachsenenbildung. Sein 2. Streichquartett, bereits 1936 in Prag uraufgeführt, wurde in das Programm des Londoner Musikfests der IGNM 1938 aufgenommen.

    Während der Protektoratszeit konnte U. unter dem Schutz der Prager Jüd. Kultusgemeinde 1939 die letzte – dem Violinisten Rudolf Kolisch (1896–1978) gewidmete – Bearbeitung der „Schönberg-Variationen“ für Streichquartett vollenden. Weitere Werke, darunter die 1942 entstandene Oper „Der zerbrochene Krug“ (n. Kleist), ließ er im Selbstverlag drucken. Bevor U. am 8. 9. 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, übergab er seinem Freund und Schüler Alexander Waulin ein Konvolut seiner gedruckten Werke, die so den Krieg überdauerten. In Theresienstadt bot die „Freizeitgestaltung“ U. die Möglichkeit zu weiterer künstlerischer Tätigkeit. Er komponierte und dirigierte die Bühnen-Musik zu einem Spiel nach Versen von François Villon, hielt Vorträge, gab Musikunterricht und schrieb Werke für unterschiedliche Besetzungen. Es entstanden die Klaviersonaten 5–7 (1943–44), das 3. Streichquartett (1943), die Oper „Der Kaiser von Atlantis“ (1943–44) und das Melodram „Die Weise von Liebe und Tod“ (1944) nach Rilke. Bis auf die BühnenMusik blieben alle Werke als Manuskripte erhalten, weil U. sie Emil Utitz (1883–1956), dem unter Prominentenschutz stehenden Leiter der Theresienstädter Bibliothek, zur Aufbewahrung anvertraute; dieser übergab sie nach der Befreiung an H. G. Adler (1910–88), den Verfasser der ersten Theresienstadt-Monographie. Am 16. 10. 1944 wurde U. in einen Transport nach Auschwitz „eingereiht“, wo er zwei Tage später in der Gaskammer ermordet wurde.

    Die Wirkungsgeschichte seiner Werke begann erst Ende 1975 mit der Amsterdamer Uraufführung des „Kaiser von Atlantis“, die sich der Initiative Adlers in London verdankte. Um 1990 folgte schließlich die von breitem Interesse begleitete Wiederentdeckung der übrigen erhaltenen Kompositionen (seit 1993 hg. v. Verlag Schott). Inzwischen sind alle Werke U.s (ausgenommen op. 3c) z. T. in mehreren Einspielungen auf Tonträgern zugänglich.

  • Auszeichnungen

    A Preise d. Wiener Emil Hertzka-Gedächtnisstiftung (1934 u. 1936).

  • Werke

    W umfassendes chronol. u. systemat. W-Verz. in: I. Schultz, V. U., Leben u. Werk, 2008, S. 254–67.

  • Literatur

    L u. a. V. Helfert, u. E. Steinhard, Die Musik in d. Tschechoslovak. Rep., 1936, 21938 (P);
    H. G. Adler, Theresienstadt 1941–1945, Das Antlitz e. Zwangsgemeinschaft, 1955, 21960;
    J. Ludvová, in: Hudební věda 16, 1979, S. 99–122;
    dies., Německý hudební život v Praze, 1880–1939 (Dt. Musikleben in Prag), in: Uměnovědné studie IV, 1983, S. 51–183;
    J. Karas, Music in Terezín 1941–1945, 21990;
    H.-G. Klein, V. U., Materialien, 1992, 21995;
    ders. (Hg.), „… es wird der Tod zum Dichter“, Die Referate d. Kolloquiums z. Oper Der Kaiser v. Atlantis v. V. U. in Berlin am 4./5. Nov. 1995, 1997;
    „Lebe im Augenblick, lebe in der Ewigkeit“, Die Referate d. Symposiums aus Anlaß d. 100. Geb.tags v. V. U. in Berlin am 31. Okt./1. Nov. 1998, hg. v. dems., 2000;
    I. Schultz, „… ich bin schon lange ein begeisterter Verehrer Ihres ‚Wozzek‘ …“, V. U. u. Alban Berg, in: Musiktheorie 7, 1992, S. 113–28;
    ders. (Hg.), U. V., 26 Kritiken über musikal. Veranstaltungen in Theresienstadt mit e. Geleitwort v. Th. Mandl, 1993 (P);
    ders., Verlorene Werke V. U.s im Spiegel zeitgenöss. Presseberr., Bibliogr. Stud. z. Prager Musikleben in d. Zwanziger J., 1994;
    ders., Literar. Motive in V. U.s Opernschaffen, Mit e. Exkurs z. Harmonik im „Kaiser v. Atlantis“, in: Kontexte, Musica iudaica 1996, Ber. über d. internat. Konf. Praha, 30./31. Okt. 1996, hg. v. V. Benetková u. J. Ludvová, 1997, S. 159–73;
    ders., Die „Schönberg-Variationen“ v. V. U., 1925–1929–1933/39, in: V. U., Btrr., Programme, Dok., Materialien, Sommerak. Johann Sebastian Bach 1998/Internat. Bachak., Red. Ch. Eisert u. U. Prinz, 1998, S. 36–43;
    ders., Komponiert|u. geprobt in Theresienstadt, Der Kaiser v. Atlantis oder Die Tod-Verweigerung v. V. U., in: Musiktheater im Exil d. NS-Zeit, Ber. üb. d. internat. Konf. am Musikwiss. Inst. d. Univ. Hamburg, 3.–5. 2. 2005, hg. v. P. Petersen u. C. Maurer Zenck, 2007, S. 323–39;
    ders., V. U., Leben u. Werk, 2008 (W-Verz., P);
    M. Kuna, Musik an d. Grenze d. Lebens, 1993;
    I. Vojtěch, Ver. f. musikal. Privataufführungen in Prag, Versuch e. Dok., in: Miscellanea musicologica 36, 1999, S. 9–128;
    E. Jirgens, Der Dt. Rundfunk d. 1. Tschechoslowak. Rep., 2 T., Diss. Frankfurt/M. 2005;
    Kosch, Theater-Lex.;
    MGG2;
    Lex. d. Klaviers;
    Lex. z. Musikkultur Böhmen-Mähren-Sudeten-Schlesien, 2000;
    Lex. verfolgter Musiker u. Musikerinnen d. NS-Zeit (seit 2007 im Internet; Qu, W, L).

  • Autor/in

    Ingo Schultz
  • Empfohlene Zitierweise

    Schultz, Ingo, "Ullmann, Viktor" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 569-571 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119065193.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA