Lebensdaten
1869 - 1956
Geburtsort
Rielingshausen (Württemberg)
Sterbeort
München-Solln
Beruf/Funktion
evangelischer Pfarrer ; Publizist ; Politiker ; Evangelischer Theologe ; Schriftsteller ; Pfarrer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119112418 | OGND | VIAF: 64175184
Namensvarianten
  • Traub, Gottfried Christoph
  • Traub, Gottfried
  • Traub, Gottfried Christoph
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Zitierweise

Traub, Gottfried, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119112418.html [05.08.2021].

CC0

  • Genealogie

    Aus württ. Pfarrerfam.;
    V Theodor, Pfarrer in Wendlingen/Neckar;
    M Emilie Sommer;
    Elberfeld 1900 Elma (1876–1941), aus Schönau, T d. Karl Heinersdorff (1836–1914), aus jüd. Fam. in Molthainen (Ostpreußen), ev. (Gefängnis-)Pfarrer, u. d. Wilhelmine Pieper (1835–1905);
    3 S Hans (s. 2), Hellmut (1904–94), ev. Pfarrer, Mitgl. d. Bekennenden Kirche, mehrfach v. d. Gestapo inhaftiert, 1975 Pfarrer in Württ., Doz. (s. L), Eberhardt (1906–2003), Dr.-Ing., Physiker in Stuttgart.

  • Leben

    Nach dem Besuch der Grundschule in Wendlingen und Privatunterricht durch den Vater durchlief T., wie damals für angehende württ. Theologen üblich, seit 1880 die Rektoratsklasse der Lateinschule in Göppingen und erhielt von 1883 an in den ev. Seminaren Maulbronn und Blaubeuren seine höhere Schulbildung. Seit 1887 studierte er als Stiftsstudent in Tübingen ev. Theologie (lic. theol. 1892). Im Anschluß an die Ordination in Wendlingen 1892 wirkte er bis 1895 hier und kurzzeitig in Ebingen als Hilfsprediger und unternahm noch 1895 Studienreisen nach Belgien, Holland sowie Norddeutschland, um diakonische und sozialkirchliche Einrichtungen kennenzulernen. 1895–1900 war T. Repetent am Stift in Tübingen. 1898 legte er seine 2. theol. Prüfung „pro ministerio“ in Stuttgart ab, trat 1900 in Schwäbisch Hall seine erste Pfarrstelle an und wurde ein Jahr später nach Dortmund berufen, wo er an der Reinoldikirche, der zentralen Stadtkirche mit einem theologisch liberalen Profil, wirkte.

    Von Friedrich Naumann nachhaltig geprägt, war T. sozialpolitisch aktiv, u. a. seit 1896 im „National-sozialen Verein“ (Vorstandsmitgl. 1900–03). 1904 publizierte er die erste neuere Wirtschaftsethik des Protestantismus „Ethik und Kapitalismus“ ( 2 1909). Während des Ruhrbergarbeiterstreiks 1905 spielte er in der Öffentlichkeit und innerkirchlich eine wichtige vermittelnde Rolle. T. avancierte zum Sprecher des liberalen Protestantismus im Rheinland und in Westfalen, war seit 1912 Direktor des „Dt. Protestantenbundes“, seit 1913 Präsidiumsmitglied im „Protestantenverein“ und seit 1905 Schriftleiter des „Ev. Gemeindeblattes für Rheinland und Westfalen“, das auf seine Initiative hin 1908 unter Beibehaltung des Traditionsnamens als Untertitel in „Christliche Freiheit“ umbenannt wurde. Regelmäßig publizierte er außerdem Andachten in Naumanns „Die Hilfe“. Größeres Aufsehen und Proteste konservativer Kreise erregte er durch seine kritische Schrift „Die Wunder im Neuen Testament“ (1905, 2 1907), durch den freien Umgang mit liturgischen Formen im Gottesdienst sowie durch eine Osterpredigt und Vorträge mit Anfragen an das Apostolicum. Als er 1911 im Rahmen eines Lehrbeanstandungsverfahrens den Kölner Pfarrer Carl Jatho (1851–1913) verteidigte, nach dessen Dienstentlassung zu Kundgebungen für ihn aufrief sowie den Fall in der „Christlichen Freiheit“ kritisch kommentierte, wurde auch gegen T. beim westfäl. Konsistorium ein Verfahren eröffnet. Nach einer von beiden Seiten angestrebten Revision des erstinstanzlichen Urteils, das auf Zwangsversetzung lautete, wurde T. vom preuß. Ev. Oberkirchenrat 1912 unter Verlust der Pensionsbezüge aus dem Pfarrdienst entlassen. Dieses Urteil führte zu einer breiten öffentlichen Protestbewegung; die Zürcher theol. Fakultät verlieh T. 1914 als Ausdruck ihrer Solidarität die theol. Ehrendoktorwürde. Bittgesuche der Biographien Dortmunder Reinoldigemeinde 1914, T. die Ordinationsrechte wieder zuzuerkennen, wurden abgewiesen. Erst 1920 wurde er wegen seines politischen Einsatzes für die Belange der Kirche in der Revolutionszeit rehabilitiert.

    T. wandte sich nach dem Verlust des Pfarramts verstärkt der Politik zu und vertrat seit 1913 die linksliberale Fortschrittspartei im preuß. Abgeordnetenhaus. Unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs entwickelte er zunehmend, insbesondere in den 1914–39 von ihm herausgegebenen „Eisernen Blättern“, nationalistisch-annexionistische Positionen und entfremdete sich zusehends von Naumann. 1917 trat er der „Dt. Vaterlandspartei“ und 1918 der DNVP bei (Vorstandsmitgl. 1919/20), für die er in die Nationalversammlung einzog. Im März 1920 beteiligte er sich als Informationschef am Kapp-Putsch, im Fall eines Gelingens des Putsches war er als Kultusminister vorgesehen. Als der Putsch scheiterte, floh T. nach Salzburg, konnte jedoch aufgrund einer Amnestie bereits Ende 1920 nach Deutschland zurückkehren und ließ sich in München nieder. Dort gab er 1921–34 die zum Hugenberg-Konzern gehörende „München-Augsburger Abendzeitung“ heraus.

    Kirchenpolitisch engagierte sich T. 1930 gegen die Berufung des religiösen Sozialisten Günther Dehn (1882–1970) an die theol. Fakultät in Heidelberg, indem er in der „Abendzeitung” polemisch an dessen Magdeburger Rede (Kirche u. Völkerversöhnung, 1928) gegen eine religiöse Verklärung der Kriegsgefallenen erinnerte. Dem Nationalsozialismus stand T. distanziert und schließlich ablehnend gegenüber. 1934 wandte er sich trotz theol. Bedenken der Bekennenden Kirche zu. Während des Kriegs näherte er sich dem Kreis der von Karl Ludwig Frhr. v. u. zu Guttenberg (1902–45) herausgegebenen „Weißen Blätter“ an und stellte seine Wohnung als Kontakt- und Anlaufstelle für Menschen aus dem Umfeld des bürgerlich-militärischen Widerstands zur Verfügung.

    T. gehört zu den maßgeblichen Theologen des liberalen Protestantismus am Anfang des 20. Jh. Wissenschaftlich profilierte er die Perspektive einer an der Gesinnung Jesu orientierten Ethik insbesondere mit Blick auf Fragen des sozialen Lebens und der Wirtschaft. Im Pfarramt wie als Redner und Publizist versuchte er, speziell die Vereinbarkeit von moderner Lebenswelt und christlichem Glauben zu zeigen, wobei er der kirchlichen Lehrtradition und Bekenntnisbindung immer kritischer gegenüberstand. Die nationale Ausrichtung seiner Weltanschauung radikalisierte sich unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs und führte zu einer aggressiv-nationalistischen Haltung, die das demokratische Ethos völlig verdrängte.

  • Werke

    W u. a. Bonifatius, 1894;
    Zur Kritik d. materialist. Gesch.auffassung, in: Zs. f. Theol. u. Kirche 9, 1899, S. 357–419;
    Organisation d. Arb. in ihrer Wirkung auf d. Persönlichkeit, in: Verhh. d. 15. Ev.Soz. Kongresses, abgehalten in Breslau am 25. u. 26. Mai 1904, 1904, S. 57–82;
    Aus suchender Seele, Andachten, 1906, 31921;
    Frohbotschaft, 1+21907;
    Der Pfarrer u. d. soz. Frage, 1907;
    Konfirmationsnot u. Apostol. Glaubensbekenntnis, Ein Mahnwort an besinnl. Eltern, 1911;
    Gott u. wir, Predigten, 1912;
    Ich suchte Dich, Gott!, Andachten, 1912, 21916;
    Meine Verteidigung gegen d. ev. Oberkirchenrat, Enthält zugleich sämtl. Akten d. Verfahrens, 1912;
    Gott u. Welt, Andachten, 1+21913;
    Kampf u. Frieden, 1914;
    Schwert u. Brot, 1915;
    Das Volk steht auf, 1915;
    Aus d. Waffenschmiede, 1915;
    Heimatsieg, 1916;
    Heimkrieger, 1917;
    Recht auf Obrigkeit, 1924;
    Die held. Weltanschauung, 1927;
    Das nat.sozialist. Kirchenprogr., Besprochen, 1932;
    Christentum u. Germanentum, 1936;
    Erinnerungen, 1. Kap. (Aus d. soz. Bewegung), 1949.

  • Literatur

    L H. Weinel, in: Die Christl. Welt 25, 1911, Sp. 1094–1110 u. 1120–23;
    M. Rade, Ein offener Brief T.s, ebd., Sp. 1110–13;
    A. v. Harnack, Die Dienstentlassung d. Pfarrers Lic. G. T., 1912;
    Th. Kappstein, Gegen d. Zwang! Eine prot. Anklageschr., 1912;
    G. Mehnert, Ev. Kirche u. Pol. 1917–1919, 1959;
    K.-W. Dahm, Pfarrer u. Pol., Soz. Position u. pol. Mentalität d. dt. ev. Pfarrerstandes zw. 1918 u. 1933, 1965;
    E. Brinkmann, Die Ev. Kirche im Biographien Dortmunder Raum 1815–1945, 1979, S. 107–26, 127–49 (P);
    F. W. Graf, Prot. Theologen in d. Gesch. d. Ks.reichs, in: ders. (Hg.), Profile d. neuzeitl. Protestantismus, Bd. 2/1, 1992, S. 12–117;
    W. Henrichs, G. T. (1869–1956), Liberaler Theol. u. extremer Nat.protestant, 2001 (P);
    T. Jähnichen, Personale Sittlichkeit als Grundprinzip wirtschaftl. Handelns, G. T.s kulturprot. Entwurf e. Wirtsch.ethik, in: Soz. Protestantismus im Ks.reich, hg. v. N. Friedrich u. T. Jähnichen, 2005, S. 197–230;
    S. Sato, Die hist. Perspektiven v. Ernst Troeltsch, 2007, S. 71–102;
    N. Friedrich u. T. Jähnichen, Kulturprotestantismus im Ruhrgebiet, Die Beispiele Dortmund u. Essen, in: B. Hey u. V. Wittmütz (Hg.), Ev.|Kirche an Ruhr u. Saar, 2007, S. 45–61;
    Biogr. Lex. Weimarer Rep.;
    RGG1–4;
    BBKL XII (W, L);
    Kosch, Lit.-Lex. 3 (W, L);
    Personenlex. Protestantismus;
    Munzinger;
    zu Hellmut: H. T. (1904–1994), Nachlaßverz., 2003;
    BBKL XII; Prot. Profile im Ruhrgebiet, hg. v. M. Basse u. a., 2009

  • Autor/in

    Traugott Jähnichen
  • Empfohlene Zitierweise

    Jähnichen, Traugott, "Traub, Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 361-363 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119112418.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA