Lebensdaten
1893 bis 1929
Geburtsort
Boskowitz (Mähren)
Sterbeort
Prag
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118763687 | OGND | VIAF: 51712818
Namensvarianten
  • Réveille (Pseudonym)
  • Ungar, Hermann
  • Réveille (Pseudonym)
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Zitierweise

Ungar, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118763687.html [06.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Emil (1860–1942), Spirituosenfabr., Schankwirt, 1903–05 Bgm. d. jüd. Gde. in B., S d. Hermann (um 1812–90), Spirituosenfabr., Schankwirt, Kultusvorsteher d. jüd. Gde. in B., u. d. Jetty Biach (1823–1914), aus B.;
    M Jeanette (1867–1942 vermutl. Auschwitz), zuletzt in Theresienstadt u. Warschau, T d. Samuel Kohn (1835–1911), Kultusvorsteher d. jüd. Gde. in Jamnitz (Mähren), u. d. Katharina Schnabl;
    Ov Max (1850 –1930), PD d. Math. in Wien, Vf. v. Erinnerungen (s. L);
    1 B Felix (1894–1942 vermutl. Auschwitz, Marianne Knöpfelmacher, 1903–42 vermutl. Auschwitz, aus B., zuletzt in Theresienstadt u. Warschau), Spirituosenfabr. in B., zuletzt in Theresienstadt u. Warschau;
    1 Schw Gertrud (Gerta) (1895–1946 vermutl. Freitod, ⚭ Rudolf Kleiner-Zair, im 2. Weltkrieg), Kinderärztin, emigrierte 1926 n. Palästina, zunächst im Kibbuz En Harod, etwa seit 1933 in Tel Aviv; – 1912–17 Blanka (1895–1984, um 1919 Vilo Haas, * 1887, Ing. in Brünn), T d. Wilhelm Totis, RA, u. d. Fanny Ungar (1856–1926), Tante-v v. U.;
    Prag 1922 Margarete (n. 1945 Unwin) (1895–1978, 1] Rudolf Weiß, Kaufm. in P.), emigrierte 1939 n. England, seit 1945 in Vancouver (Kanada), T d. Heinrich Stránský, Kohlengroßhändler in P., u. d. Paula Gehorsam;
    2 S Michael Thomas (seit 1943 Tom Unwin) (1923–2012), emigrierte 1938 n. England, studierte Landwirtsch. in London, im brit. Kolonialdienst, seit 1965 im Entwicklungsprogr. d. UN tätig, 1981 Flüchtlingshochkommissar, 1983 Dir. im UN-Hauptquartier in Genf, Alexander Matthias (n. 1945 Alexander Unwin) (1929–2000), emigrierte 1939 n. England, 1945 in Kanada, Luftfahrtphysiker in Seattle (Washington, USA).

  • Leben

    Im jüd. Ghetto geboren, besuchte U. die dt. Volksschule in Boskowitz und – nach zweijährigem Privatunterricht – seit 1905 das II. dt. Staats-Gymnasium in Brünn. 1911 legte er die Reifeprüfung ab und begann in Berlin ein Studium der Orientalistik und Philosophie, das er auf Drängen des Vaters nach einem Semester abbrach, um Nationalökonomie und Rechtswissenschaften in München, seit 1913 Rechts- und Staatswissenschaften an der dt. Univ. Prag zu studieren. Noch 1913 legte er die rechtshistorische Staatsprüfung ab und wurde 1914 Präses der zionistischen Studentenverbindung „Barissia“. Zu Kriegsbeginn als Einjährig-Freiwilliger einberufen, wurde U. 1915 in Galizien verwundet und war danach u. a. im Kanzleidienst in Königgrätz eingesetzt. 1917/18 bestand er die judizielle und staatswissenschaftliche Staatsprüfung und wurde zum Dr. iur. promoviert. Anschließend arbeitete U. in einer Prager Anwaltskanzlei, als Dramaturg und wohl auch als Schauspieler am Stadttheater Eger sowie als Bankangestellter. Seit 1921 war er in der Handelsabteilung der tschechoslowak. Botschaft in Berlin als Konsularattaché, zuletzt als Legationssekretär beschäftigt. 1928 wurde er Ministerialkommissar im Prager Außenministerium. Nach einjähriger Beurlaubung und bald nach dem Entschluß, als freier Schriftsteller zu leben, starb er an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs.

    Erste dichterische Versuche unternahm U. als Lyriker und Dramatiker. Unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs wandte er sich der Prosa zu. In literarischen Kreisen beachtet wurde bereits sein erster Erzählungsband „Knaben und Mörder“ (1920). Thomas Mann lobte daran die Kunst, „das seelisch Extreme, Exzentrische, ja Groteske als das eigentlich Menschliche empfinden zu lassen“. Auch in U.s Hauptwerken, den Romanen „Die Verstümmelten“ (1923, recte 1922) und „Die Klasse“ (1927, Fernsehbearb. v. G. A. Schaafs,|Regie: W. Staudte, 1968), leiden kleinbürgerliche Helden an traumatischen Erlebnissen, neurotischen Verhaltensweisen und sexuellen Ängsten, die U. in sachlichem Stil schildert. Größere Resonanz beim zeitgenössischen Publikum fanden zwei späte Theaterstücke, die 1928/29 in Berlin uraufgeführt wurden. Zu dem postum erschienenen Erzählungsband „Colberts Reise“ (1930, franz. 1989, ²1998, ital. 1990) verfaßte Thomas Mann das Vorwort.

    Die neuere Forschung hat die literarische Nähe U.s zu Ernst Weiß (1882–1940) und Franz Kafka (1883–1924) betont. U.s Werk wird daher der Prager dt. Literatur zugerechnet, obwohl er nur wenige Jahre in Prag verbrachte und kaum Kontakte zur dortigen Literaturszene hatte. Zu seinen engsten Freunden zählten der Lyriker Camill Hoffmann (1878–1944), der zionistische Publizist Gustav Krojanker (1891–1945) und der 1921 nach Palästina emigrierte Agronom Ludwig Pinner (1890– 1979), die U. allesamt in Berlin kennenlernte.

  • Auszeichnungen

    A Silberne Tapferkeitsmedaille II. Kl. (1916).

  • Werke

    Weitere W Knaben u. Mörder, 1920, 21922, zahlr. Neuausgg., tschech. 1926, 1990, franz. 1927, 1987, 1993, ital., portugies. 1990, span. 1991, 2012, katalan. 1991, engl. 2006;
    Die Verstümmelten, 1923, recte 1922, Neuausgg. 1981, 1987, 2001, franz. 1928, 1987, 1995, 2005, ital., katalan. 1989, span. 1989, 2012, niederl. 1991, ²1994, engl. 2002;
    Die Ermordung d. Hptm. Hanika, 1925, franz. 1990, ²1998, tschech. 1993;
    Die Klasse, 1927, zahlr. Neuausgg., tschech. 1929, franz. 1989, ital. 1990, ²2011, span. 1991, engl. 2004;
    Der rote General, 1928, in: H.-J. Weitz (Hg.), Drei jüd. Dramen, 1995, S. 21–64, 273–96 (UA Berlin 1928);
    Die Gartenlaube, 1930, franz. 1993 (UA Berlin 1929;
    Fernsehbearb. v. W. Berson u. W. Staudte, Regie: W. Staudte, 1969);
    Gesch. e. Mordes, Erzz., hg. v. J. Schreck, 1987;
    Das Gesamtwerk, mit e. Nachwort v. J. Serke, 1989 (P);
    Der Kalif u. andere Kurzprosa, hg. v. D. Sudhoff, 1986 (P);
    Der Bankbeamte u. andere vergessene Prosa, hg. v. dems., 1989 (P);
    Krieg, Drama aus d. Zeit Napoleons, hg. v. dems., 1990;
    Sämtl. Werke, 3 Bde., hg. v. dems., 2001/02, 2. Aufl. v. Bd. 1 u. 2, 2011/12 (W, L, P);
    Die Romane, hg. v. W. Jens u. M. Reich-Ranicki, 1993;
    Ein Mann u. e. Magd, 1997;
    Werke, 2 Bde., tschech. 2001/05.

  • Literatur

    L Th. Mann, Knaben u. Mörder [-Rez.], in: Vossische Ztg. Nr. 248 v. 29. 5. 1921, Beilage Lit. Umschau, S. 1;
    E. Pátková, H. U. (1893–1929), Skizze e. Biogr., in: Germanistica Pragensia 4, 1966, S. 85–101;
    N. Klemenz, H. U., e. Monogr., Diss. Freiburg (Uechtland) 1966, u. d. T. H. U., Leben u. Werk, 1971;
    M. Linke (Hg.), H. U., e. Einf. in sein Werk u. e. Auswahl, 1971;
    H. H. Hahnl, Vergessene Literaten, Fünfzig österr. Lebensschicksale, 1984, S. 183–86 (P);
    J. Serke, H. U., Ein Spion im höchsten Dienst, in: ders., Böhm. Dörfer, Wanderungen durch e. verlassene lit. Landschaft, 1987, S. 230–45;
    H. J. Schütz, „Ein dt. Dichter bin ich einst gewesen“, 1988, S. 276–81, 331 (W, P);
    D. Sudhoff, H. U.s Prager Roman „Die Verstümmelten“, Gültigkeit u. Aktualität e. Parabel, in: H. Binder (Hg.), Franz Kafka u. d. Prager dt. Lit., 1988, S. 107–25; ders., H. U., Leben, Werk, Wirkung, 1990 (W, L
    , P), engl. 2012 (EBook);
    C. Lehnen, Krüppel, Mörder u. Psychopathen, H. U.s Roman „Die Verstümmelten“, 1990;
    R. Schmieschek, Der Aspekt d. Angst als zentrales Element im Werk H. U.s, 1994;
    A. Bucher, Repräsentation als Performanz, Stud. z. Darst.praxis d. lit. Moderne, 2004;
    S. Suhr, Neusachliche Blicke auf d. Rolle d. Frau als Verbrecherin, 2005;
    M. Schöning, Soziol.abstinenz u. Diskurshygiene, H. U.s Kriminol., in: Wirkendes Wort 59, 2009, H. 2, S. 275–89;
    C. Jäger, Mediale Räume im Feuilleton v. Ernst Weiß u. H. U., in: S. Schönborn (Hg.), Grenzdiskurse, Ztgg. dt.sprachiger Minderheiten u. ihr Feuilleton […], 2009, S. 181–92;
    P. Porto, Sexuelle Norm u. Abweichung, Aspekte d. lit. u. d. theoret. Diskurses d. Frühen Moderne (1890–1930), 2011, S. 316–46 (zu „Die Verstümmelten“);
    Lex. dt.-jüd. Autoren;
    Metzler Lex. dt.-jüd. Lit. (P);
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    Killy1+2;
    KLL;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    zur Fam.: H. Gold u. H. Flesch, Gesch. d. Juden in Boskowitz, in: H. Gold (Hg.), Die Juden u. Judengemeinden Mährens in Vergangenheit u. Gegenwart, 1929, S. 123–36; M. Hengerer (Hg.), ZUG u. Entfremdung, Die Lebenserinnerungen d. jüd. PD Max U. (1850–1930), 2011.

  • Portraits

    P Zeichnung v. L. Meidner, Abb. in: H. U., Sämtl. Werke, 3. Bd., 2002, S. 389; 3 Zeichnungen v. B. F. Dolbin, 1929, Abb. in: ders., Der Kalif u. andere Kurzprosa, u. in: H. J. Schütz, „Ein dt. Dichter […]“, S. 278 (s. L); Gedenktafel mit Porträtrelief am Geb.haus in Boskowitz

  • Autor/in

    Thomas Diecks
  • Empfohlene Zitierweise

    Diecks, Thomas, "Ungar, Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 627-628 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118763687.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA