Schwarzschild, Leopold
- Lebensdaten
- 1891 – 1950
- Geburtsort
- Frankfurt am Main
- Sterbeort
- Santa Margherita Ligure bei Genua (Italien)
- Beruf/Funktion
- Journalist ; Publizist ; Herausgeber ; Schriftsteller
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 118612093 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Argus / Pseudonym (1920, 1942–1950)
- Considerator / Pseudonym (1920)
- Leopold Rothschild / Pseudonym (1923)
- Schwarzschild, Leopold
- Argus / Pseudonym (1920, 1942–1950)
- argus / pseudonym
- Considerator / Pseudonym (1920)
- considerator / pseudonym
- Leopold Rothschild / Pseudonym (1923)
- leopold rothschild / pseudonym
- Miles
- Argus
- Shṿartsshild, Liʾopold
- b6
- b7
- Konsiderator / Pseudonym (1920)
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Schwarzschild, Leopold
Pseudonyme: Argus (1920, 1942–1950); Considerator (1920); Leopold Rothschild (1923)
1891 – 1950
Leopold Schwarzschild war v. a. als Herausgeber und zentraler Autor der Zeitschriften „Das Tage-Buch“ (Berlin), seit 1933 „Das Neue Tage-Buch“ (Paris), ein viel beachteter Publizist der Weimarer Republik und des deutschen Exils in der NS-Zeit. Seine Hauptthemen waren zunächst Ökonomie, dann innerdeutsche und internationale Politik sowie der Kampf gegen den Nationalsozialismus. Bis ca. 1936 politisch freiheitlich-liberal orientiert, wurde Schwarzschilds Publizistik später konservativer und war im Exil in New York City seit 1940 dezidiert antikommunistisch ausgerichtet.
Lebensdaten
Leopold Schwarzschild, Leo Baeck Institute (InC) -
Autor/in
→Markus Behmer (Bamberg)
-
Zitierweise
Behmer, Markus, „Schwarzschild, Leopold“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118612093.html#dbocontent
Herkunft, Ausbildung und journalistische Anfänge
Schwarzschild entstammte einer angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie in Frankfurt am Main, wo er die Realschule der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft besuchte und bis 1913 eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Danach begann er ein Studium an der Frankfurter Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften, das von 1914 bis 1918 durch seinen Kriegsdienst als Frontsoldat unterbrochen wurde. Sein nach dem Ersten Weltkrieg fortgesetztes Studium beendete er 1920 ohne Abschluss.
Nach der Veröffentlichung seines 1920 in Leipzig uraufgeführten und auf zahlreichen Bühnen inszenierten Dramas „Der Sumpf“ (1919) über das Scheitern eines idealistischen Revolutionärs am Widerstand alter gesellschaftlicher Eliten und dem Gegensatz von Idealismus und Egoismus während der Novemberrevolution 1918/19 wandte sich Schwarzschild dem Journalismus zu. 1920 als Wirtschaftsredakteur des „General-Anzeigers der Stadt Frankfurt“ tätig, übersiedelte er Ende desselben Jahres nach Berlin, wo er Leiter des Wirtschaftsteils der von Stefan Großmann (1875–1935) geführten, bürgerlich-liberalen Zeitschrift „Das Tage-Buch“ wurde. Schwarzschilds Beiträge zeichneten sich durch akribische Analysen aktueller Wirtschaftsdaten aus; er begleitete kritisch die Wirtschaftspolitik nach der Währungsreform Ende 1923, die er schon früh gefordert hatte, sah in den Reparationen weniger eine nur-wirtschaftliche als eine psychologische Belastung und begrüßte die Neuregelungen im Dawes-Plan (1924) und Young-Plan (1929). Die Finanzpolitik des Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht (1877–1970) kritisierte Schwarzschild wiederholt scharf.
Herausgeber von „Das Tage-Buch“
1927 übernahm Schwarzschild für den erkrankten Großmann die alleinige Herausgeberschaft des „Tage-Buchs“. Unter seiner Leitung stieg es mit einer Auflage von maximal 16 000 Exemplaren zu einer führenden politisch-literarischen Zeitschrift der Weimarer Republik auf und galt zeitgenössisch als Pendant zu Siegfried Jacobsohns (1881–1926), dann Carl von Ossietzkys (1889–1938) ähnlich konzipierter, politisch aber wesentlich weiter linksstehender „Weltbühne“. Neben dem „Tage-Buch“ leitete Schwarzschild u. a. von 1923 bis 1931 die populäre Berliner Wochenzeitung „Der Montag Morgen“, zu deren Mitarbeitern u. a. Erich Kästner (1899–1974), Heinrich Mann (1871–1950) und Thomas Mann (1875–1955) zählten.
In seinen zahlreichen Leitartikeln wandte sich Schwarzschild, von der Ökonomie ausgehend, bald mehr und mehr allgemeinpolitischen Fragen zu und zeigte sich stets als Anhänger der liberalen Demokratie. Er begleitete kritisch die Krisen der Parteien-Demokratie, erarbeitete selbst Gesetzesvorschläge (u. a. für die Einführung eines konstruktiven Misstrauensvotums, um Regierungsstürze zu erschweren) und warnte vor der NSDAP bereits vor deren Aufstieg zur Massenpartei. Seit Herbst 1931 war dann der Kampf gegen den Nationalsozialismus das beherrschende Thema im „Tage-Buch“. Für den Niedergang der Weimarer Republik machte Schwarzschild auch die demokratischen Parteien und ihre Führungspersonen verantwortlich, denen er Unfähigkeit zu grundlegenden Reformen, Unwille zu Kompromissen und Versagen vor den Problemen der Wirtschaft vorwarf.
In der trügerischen Hoffnung, der bayerisch-katholische Partikularismus böte Schutz gegen die aufsteigende NSDAP, verlegte Schwarzschild die Redaktion des „Tage-Buchs“ im Frühsommer 1932 nach München. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme akut gefährdet, floh er im März 1933 mit seiner Ehefrau nach Wien und übersiedelte kurz darauf nach Paris. Er zählte zu den 24 Personen, denen der NS-Staat im August 1933 in seiner ersten Ausbürgerungsliste die deutsche Staatsbürgerschaft entzog.
Exil in Paris: „Das Neue Tage-Buch“
Dank finanzieller Unterstützung des niederländischen Anwalts und Kaufmanns Hans Warendorf (1902–1987) konnte Schwarzschild seine Zeitschrift in Paris u. d. T. „Das Neue Tage-Buch“ fortsetzen. Sie sticht unter den zahlreichen, meist kurzlebigen deutschen Exilperiodika deutlich hervor: Durchgehend bis Mai 1940 veröffentlicht, fand „Das Neue Tage-Buch“ Mitarbeiter aus allen Kreisen der Emigration – neben den Gebrüdern Mann u. a. Egon Erwin Kisch (1885–1948), Joseph Roth (1894–1939) und Arnold Zweig (1887–1968) – und wurde stärker als alle anderen Exilperiodika im europäischen Ausland, v. a. in der britischen und französischen Presse, rezipiert. 1935 zitierte Winston Churchill (1874–1965), von dem 13 Beiträge im „Neuen Tage-Buch“ erschienen, in einer Rede vor dem britischen Unterhaus aus der Zeitschrift. Deren zentrales Ziel war die Aufklärung über die Gefahren des Nationalsozialismus, dem nicht durch Polemik, sondern durch nüchterne, gründliche Analysen, etwa über die Aufrüstung und Kriegsvorbereitung, begegnet wurde.
1935 engagierte sich Schwarzschild in Paris als Vorstandsmitglied in dem Verband deutscher Journalisten in der Emigration und beteiligte sich an Diskussionen bürgerlich-konservativer, sozialistischer sowie kommunistischer Gruppen über die Schaffung einer antifaschistischen Volksfront. Unter dem Eindruck der Moskauer Schauprozesse sowie Verwerfungen innerhalb der deutschen Exilanten distanzierte er sich seit 1936 von allen überparteilichen Einigungsbestrebungen, schlug einen immer rigideren antikommunistischen Kurs ein und betonte Parallelen zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus, u. a. im Hinblick auf die von ihm abgelehnte staatliche Planwirtschaft, die massive Einschränkung von Freiheitsrechten und die gewaltsame Verfolgung Andersdenkender. Als er seit 1937 vormalige Vertraute wie Lion Feuchtwanger (1884–1958) und Klaus Mann (1906–1949) mit teils maßlosen Vorwürfen überzog, isolierte sich Schwarzschild zunehmend, obwohl seine Zeitschrift nach wie vor große Beachtung fand.
Exil in den USA
Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich wurde Schwarzschild im Mai 1940 interniert und diente kurzzeitig in einer Ausländerkompagnie der französischen Armee. Nach der französischen Kapitulation am 22. Juni 1940 setzte er sich in den Süden des Landes ab und konnte dank eines Emergency Visums mit seiner Frau über Lissabon nach New York City ausreisen, wo er am 12. September 1940 ankam.
Zwar scheiterte Schwarzschilds Versuch, das „Neue Tage-Buch“ weiterzuführen, nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 war aber sein Wissen als Deutschlandexperte gefragt. 1942 schrieb er 59 Kommentare für die deutschsprachige Radio-Propagandasendung „Voices of America“, verfasste bis Mai 1945 eine wöchentliche Kolumne für die renommierte Zeitschrift „The Nation“ und reüssierte als Buchautor, u. a. mit einer z. T. polemischen Biografie über Karl Marx (1818–1883) u. d. T. „The Red Prussian“ (1947), die mehrfach übersetzt wurde. Vehement antikommunistisch waren auch 39 Beiträge, die Schwarzschild von Juli 1948 bis Mai 1950 in Isaac Don Levines (1892–1981) Magazin „Plain Talk“ veröffentlichte. In der deutsch-amerikanischen Exilszene weiterhin isoliert, starb Schwarzschild im September 1950 während einer Europareise an der italienischen Riviera.
| 1930–1933 | Mitglied des Vorstands der Deutschen Liga für Menschenrechte |
| 1935–Januar 1936 | Mitglied des Vorstands der Association des Journalistes Allemands Emigrés [Verband deutscher Journalisten in der Emigration] |
| 1937–1939 | Mitgründer und Mitglied des Vorstands des Bunds Freie Presse und Literatur. Verband unabhängiger deutscher Schriftsteller und Journalisten im Exil |
Nachlass:
Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, N 2277.
Leo Baeck Institute, New York City, AR 7 043 / MF 571. (Leopold Schwarzschild Collection, Box I–IV) (Onlineressource)
Weitere Archivmaterialien:
Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde. (Sammlung „Das Neue Tagebuch, Paris“)
Deutsches Exilarchiv 1933–1945, Frankfurt am Main, EB 70/117, EB 75/175. (Korrespondenz)
Archiv des Federal Bureau of Investigation, Washington DC, File 77-23 025. (FBI-Bericht über Schwarzschild v. Mai 1942)
Monacensia im Hildebrandhaus. Literaturarchiv und Bibliothek, München, Handschriftensammlung, Klaus-Mann-Archiv, KM 855/73. (Korrespondenz)
Monografien:
Sumpf. Drama in einem Vorspiel und drei Akten, 1920. (Onlineressource)
Das Ende der Illusionen, 1934, engl. 1934.
World in Trance. From Versailles to Pearl Harbour, 1942, 31944, Nachdr. 1945, span. 1943, portugies. 1943, schwed. 1943, norweg. 1945, franz. 1946, niederl. 1947, dt. u. d. T. Von Krieg zu Krieg 1947.
Primer of the Coming World, 1944 (Onlineressource), Nachdr. 1946, schwed. 1944, norweg. 1945, franz. 1946, niederl. 1946. (keine dt. Ausg.)
The Red Prussian. The Life and Legend of Karl Marx, 1947, schwed. 1947, norweg. 1948, , franz. 1950, dt. 1954, span. 1956.
Herausgeberschaften:
Der Montag Morgen, 1923–1931. (Wochenzeitung)
Magazin der Wirtschaft, 1925–1929. (Wochenzeitschrift)
Das Tage-Buch, 1927–1933. (Wochenzeitschrift) (Mithg. 1922–1927). (Onlineressource)
Das Neue Tage-Buch, 1933–1940. (Exil-Wochenzeitschrift)
Postume Editionen von Artikeln Schwarzschilds:
Die Lunte am Pulverfass. Aus dem „Neuen Tagebuch“ 1933–1940, hg. v. Valerie Schwarzschild mit e. Vorw. v. Kurt Sontheimer, 1965.
Die letzten Jahre vor Hitler. Aus dem „Tagebuch“ 1929–1933, hg. v. Valerie Schwarzschild mit e. Vorw. v. Golo Mann, 1966.
Chronik eines Untergangs. Deutschland 1924–1939, hg. v. Andreas Wesemann, 2005, engl. 2010.
Kurt Sontheimer, Vorwort, in: Leopold Schwarzschild, Die Lunte am Pulverfass. Aus dem „Neuen Tagebuch“ 1933–1940, hg. v. Valerie Schwarzschild, 1965, S. 7–13.
Golo Mann, Leopold Schwarzschild, in: Der Monat 18 (1966), Nr. 218, S. 42–50.
Philip Evan Rohrbough, An Exile’s View of the Third Reich. Leopold Schwarzschild and the „Neue Tage-Buch“, 1972.
Bernd Sösemann, Das Ende der Weimarer Republik in der Kritik demokratischer Publizisten. Theodor Wolff, Ernst Feder, Julius Elbau, Leopold Schwarzschild, 1976.
Fritz J. Raddatz, Das Tage-Buch. Porträt einer Zeitschrift, 1981.
Lieselotte Maas, Verstrickt in die Totentänze einer Welt. Die politische Biographie des Weimarer Journalisten Leopold Schwarzschild. Dargestellt im Selbstzeugnis seiner Exil-Zeitschrift „Das Neue Tage-Buch“, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch 2 (1984), S. 56–85.
Sven Papcke, Deutsche Soziologie im Exil. Gegenwartsdiagnose und Epochenkritik 1933–1945, 1993, S. 13–37. (Kap. „Zur Soziologie der Illusion. Leopold Schwarzschild über Schwächen der Realpolitik (1934)“)
Markus Behmer, „Wo nicht Freiheit die Basis ist, lässt sich nichts konstruieren“. Vor 100 Jahren wurde der Publizist Leopold Schwarzschild geboren, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 282 v. 7./8.12.1991, S. 3.
Markus Behmer, Von der Schwierigkeit, gegen Illusionen zu kämpfen. Der Publizist Leopold Schwarzschild. Leben und Werk vom Kaiserreich bis zur Flucht aus Europa, 1997.
Markus Behmer, „Der Tag danach“. Eine Exildebatte um Deutschlands Zukunft, in: ders. (Hg.), Deutsche Publizistik im Exil 1933 bis 1945, 2000, S. 223–244.
Markus Behmer, Leopold Schwarzschild, in: John Spalek/Konrad Feilchenfeldt/Sandra H. Hawrylchak (Hg.), Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, Bd. 3/2, 2001, S. 440–467.
N. N., Art. „Schwarzschild, Leopold“, in: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Bd. 19, hg. v. Archiv Bibliographia Judaica, 2012, S. 159–185.
Brigitte Baetz, Leopold Schwarzschild. Aufklärung aus dem Exil, in: Deutschlandfunk v. 10.9.2020. (Onlineressource)
Zeichnung (Karikatur) v. Benedikt F. Dolbin (1883–1971), Abbildung in: Die Literarische Welt 4 (1928), Nr. 40, S. 5.
Fotografie, ca. 1930, Abbildung in: So sehen wir aus. Vierzig Jahre Presseball, 1930, o. S.
Zeichnung (Karikatur) v. Rudolf Grossmann (1882–1941), Abbildung in: Simplicissimus 37 (1932), Nr. 30, S. 350.
Fotografie, ca. 1930, Abbildung in: N. N., Volksverräter ausgestoßen aus der deutschen Volksgemeinschaft!, in: Illustrierter Beobachter, Nr. 36 v. 9.9.1933, S. 1176.
Zeichnung (Karikatur) v. Benedikt F. Dolbin (1883–1971), ca. 1950, Abbildung in: Aufbau, Nr. 40 v. 6.10.1950, S. 10. (Onlineressource)