Lebensdaten
1897 bis 1982
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Jerusalem
Beruf/Funktion
jüdischer Religionshistoriker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118610295 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Scholem, Gerhard (bis 1923)
  • Scholem, Gershom
  • Scholem, Gerhard (bis 1923)
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Zitierweise

Scholem, Gershom, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118610295.html [12.11.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Arthur (1863–1925), Drucker in B., S d. Siegfried Scholem (Solm) (1833–1901), Buchdrucker in B., u. d. Amalie Schlesinger;
    M Betty (1866–1946, s. W), T d. N. N. Hirsch, Synagogenvorsteher, Hausvater u. Waisenvater in Leobschütz (Schlesien),|Kaufm. in B.;
    B Reinhold (1891–1985), Erich (1893–1965), Werner (1895–1940 KZ Buchenwald, Emmy Wiechelt, emigrierte n. England), Redakteur in B., 1924-28 MdR (KPD) (s. L);
    1) Jerusalem 1922 1936 Elsa (Escha) Burchhardt, aus Hamburg, 2) Jerusalem 1936 Fania Freud.

  • Leben

    Obwohl S. in einer assimilierten Familie des dt.-jüd. Bürgertums aufwuchs, war ihm die polemische Wendung gegen all das, was „dt.-jüd. Symbiose“ verkörperte, zeit seines Lebens leitender Impuls. Seine ausgedehnten Lektüren bereits in jungen Jahren umfaßten die Werke der dt. Romantiker, insbesondere Novalis' und Jean Pauls, aber auch Paul Scheerbarts und Stefan Georges ebenso wie jüd.-religiöse Texte, Kants „Kritik der reinen Vernunft“, Cohens „Logik der reinen Erkenntnis“ und Husserls „Logische Untersuchungen“ sowie zionistische Schriften etwa Theodor Herzls und Martin Bubers. Im Mittelpunkt seiner Interessen stand die hebr. Sprache, die sich S. weitgehend autodidaktisch aneignete; das Erlernen des Hebräischen bildete auch das Zentrum seines bereits 1912 einsetzenden, sich 1914 verschärfenden radikalen Kulturzionismus und seiner Kritik am modernen Ästhetizismus, Psychologismus und Individualismus.

    Seit 1915 studierte S. Mathematik, Philosophie und Physik an der Univ. Berlin, u. a. bei Hermann Amandus Schwarz, Ernst Cassirer und Ernst Troeltsch. In der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ besuchte er zudem Vorträge Hermann Cohens (1842–1918), mit dem er sich wegen dessen Auffassung von Mathematik, Affirmation des „Deutschjudentums“ und Ablehnung des Zionismus in den folgenden Jahren kritisch auseinandersetzte. 1917/18 setzte er sein Studium in Jena fort, 1918/19 in Bern, wo er Altes Testament und Arabisch bei Karl Marti hörte. Mit dem Umzug nach München, dessen Staatsbibliothek die größte Sammlung kabbalistischer Handschriften in Deutschland besitzt, vollzog S. eine grundlegende Umorientierung seiner Universitätsstudien. Zwar führte er 1919-22 das Studium der Mathematik und Philosophie fort, konzentrierte sich nunmehr aber auf die wissenschaftlichphilologische Erforschung der Kabbala und sein neu begonnenes Studium der Semitistik, das er 1923 mit der Dissertation über „Das Buch Bahir“, den ältesten erhaltenen kabbalistischen Text, abschloß. Im Sept. 1923 wanderte S., der nun seinen Vornamen hebraisierte, nach Jerusalem aus, wo er bis 1927 die hebr. und judaist. Abteilung der Nationalbibliothek leitete. 1925 wurde er zum Dozenten am Institute of Jewish Studies der im April eröffneten Hebrew University in Jerusalem berufen, 1933 zum Professor für jüd. Mystik und Kabbala (1941 Dekan). 1938 folgte eine Gastprofessur am Jewish Institute of Religion in New York. 1946 unternahm S. Reisen nach Frankreich, England und Deutschland sowie in die Schweiz und Tschechoslowakei, um im Auftrag der Hebr. Universität nach von den Nationalsozialisten beschlagnahmten jüd. Bibliotheken und Buchsammlungen zu suchen. 1968-74 war er Präsident der Israel Academy for Sciences and Humanities.

    Bedeutsam für S.s intellektuelle Entwicklung waren auch persönliche Begegnungen. So bestärkte die 1915 beginnende Freundschaft zu Walter Benjamin (1892–1940) seine Distanz zur akademischen Philosophie und das Interesse für spekulative Geschichts- und Sprachphilosophie; gleichwohl blieb jener für S. auch Vertreter eines jüd. Tradition und Sprache entfremdeten Judentums. Frühe Anregung für seinen Zionismus empfing S. durch Martin Buber (1878–1965), doch dessen Bejahung des Weltkriegs führte ihn bereits 1915 zu vehementer Kritik an Bubers Auffassung von Zionismus und Orientierung am Begriff des „Erlebnisses“. Dessen Schriften über Chassidismus und Kabbala, seit 1916 auch die Gespräche mit ihm weckten S.s frühes Interesse am Studium der Originalquellen, aber auch seine Kritik an Bubers unwissenschaftlichem Vorgehen. Ist S.s frühe Beschäftigung bis hin zur Antrittsvorlesung „Hat Moses de Leon den Sohar verfaßt?“ (hebr. 1925) zum Teil noch von geschichts- und sprachmetaphysischen Voraussetzungen durchdrungen, so bilden die „Major Trends in Jewish Mysticism“ (1941; rev. Ausg. 1954; dt. 1957) die erste ideengeschichtlich verfaßte, auf philologisch fundierter Quellenkritik beruhende Geschichte der jüd. Mystik vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jh. Im Anschluß an den Aufsatz „Erlösung durch Sünde“ (hebr. 1937; dt. 1992) versteht die breit angelegte Monographie über den Pseudo-Messias „Sabbatai Zwi“ (hebr. 1957; dt. 1992) den von Isaak Lurja ausgehenden, häretischen Messianismus des 17. Jh. als zur Vorgeschichte der Moderne gehörig. Autobiographica wie „Von Berlin nach Jerusalem“ (dt. 1977, erweiterte hebr. Ausg. 1982. erweiterte dt. Ausg. 1994) und „Walter Benjamin – Geschichte einer Freundschaft“ (1957) reflektieren die frühen lebensgeschichtlichen und kulturellen Voraussetzungen eines mit beinahe 700 Aufsätzen und ca. 40 Monographien äußerst produktiven intellektuellen Wirkens, das die wissenschaftliche Erforschung der jüd. Mystik als akademische Disziplin inaugurierte und das Verständnis jüd. Geschichte revolutionierte; diese Erinnerungsbücher wollen aber auch Dokument des Scheiterns des „dt.-jüd. Gesprächs“ sein (Wider d. Mythos d. dt.-jüd. Gesprächs. 1964).

    Noch ein Vierteljahrhundert nach S.s Tod bedeutet wissenschaftliche Erforschung der jüd. Mystik immer auch Fortschreiben, Ergänzung oder Kritik seines Werkes. S.s Wirkung erstreckt sich jedoch nicht allein auf die Mystikforschung, sondern auch auf das Gebiet der jüd. Studien im allgemeinen, der Literaturwissenschaft, der jüd. Philosophie, der Religions- und Philosophiegeschichte sowie des Verhältnisses von Juden und Deutschen im 20. Jh.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Berliner Ak. d. Künste (1975); Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1981).

  • Werke

    Weitere W Ursprung u. Anfänge d. Kabbala, 1962, 22001;
    Von d. myst. Gestalt d. Gottheit, 1962;
    Judaica 1-6, 1963-97;
    Über einige Grundbegriffe d. Judentums, 1970;
    Zur Kabbala u. ihrer Symbolik, 1960;
    Kabbalah, 1974 (engl.);
    Tagebücher. 2 Bde., hg. v. K. Gründer, H. Kopp-Oberstebrink u. F. Niewöhner, 1995-2000;
    Briefe, 3 Bde., hg. v. I. Shedletzky, 1994-99 (P); Bibliogr.:
    Bibliogr. of the Writings of G. G. S., 1977 (hebr.);
    The Library of G. S. on Jewish Mysticism, 2 Bde., 1999 (hebr.);
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Nat.- u. Univ.bibl. d. Hebrew Univ. Jerusalem; – zu Betty: B. S. – G. S., Mutter u. Sohn im Briefwechsel 1917-1946, hg. v. I. Shedletzky, 1989 (P).

  • Literatur

    D. Biale, G. S. Kabbalah and Counter-History, 1982;
    J. Dan, G. S. and the Mystical Dimension in Jewish History, 1987;
    P. Schäfer u. J. Dan (Hg.), G. S.'s Major Trends in Jewish Mysticism – 50 Years after, 1993;
    P. Mendes-Flohr (Hg.), G. S., The Man and his Work, 1994;
    K. Davidowicz, G. S. u. Martin Buber, 1995;
    P. Schäfer (Hg.), G. S., Zw. d. Disziplinen, 1995;
    E. Hamacher, G. S. u. d. Allg. Rel.gesch., 1999;
    D. Weidner, G. S., Pol., esoter. u. historiograph. Schreiben, 2003;
    A. David, The Patron, A Life of S. S. 1877-1959, 2003 (W, L, P) (dt. 2007);
    Enc. Jud. 14;
    Killy;
    LThK3;
    TRE 30;
    Biogr. Enz. dt.sprachiger Philosophen, 2001;
    Metzler Lex. Jüd. Philosophen, 2003;
    Munzinger;
    zu Werner:
    H. Weber, Die Wandlung d. dt. Kommunismus II, 1969, S. 285-87 (P);
    Biogr. Lex. Arbeiterbewegung;
    Dt. Kommunisten (P);
    Schumacher, M. d. R.

  • Autor/in

    Herbert Kopp-Oberstebrink
  • Empfohlene Zitierweise

    Kopp-Oberstebrink, Herbert, "Scholem, Gershom" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 442-444 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118610295.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA