Wilhelm, Kurt
- Lebensdaten
- 1900 – 1965
- Geburtsort
- Magdeburg
- Sterbeort
- Stockholm
- Beruf/Funktion
- Rabbiner
- Konfession
- jüdisch
- Namensvarianten
-
- Wilhelm, Ja'akov David
- Wilhelm, Kurt
- Wilhelm, Ja'akov David
- Wilhelm, Curt
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Wilhelm, Kurt (Ja’akov David)
| Rabbiner, * 9.5.1900 Magdeburg, † 19.5.1965 Stockholm, ⚰Jerusalem.
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Genealogie
V →Hugo (1866–1942 Ghetto Theresienstadt), Kaufm. in M., S d. Nathan, Kaufm. in Raudten (Niederschlesien), u. d. Carolina Choyke;
M Paula (Pauline) (1875–1944 KZ Auschwitz), T d. →Benno Basch (1851–1932), Kaufm. in Burg b. Magdeburg, u. d. Cäcilie Israel (1853–1922), beide aus Wolmirstedt;
⚭ 1927 Ilka (1906–2005), aus Braunschweig, T d. →Julius Frank (1867–1925), aus Barby, Dr. med., in Braunschweig (s. R. Bein, Ewiges Haus, Jüd. Friedhöfe in Stadt u. Land Braunschweig, 2004), u. d. Margareta Rothgiesser (* 1883), aus Hannover;
2 S Nathan (* v. 1933), Israel (* n. 1933), 1 T Jessica Finkel;
E Werner Simon John, in Santiago (Chile). -
Biographie
Nach dem Abitur an einem Magdeburger Gymnasium studierte W. 1919–23 am Rabbinerseminar und an der Universität in Breslau, danach am Jewish Theological Seminary in New York, wo er 1925 sein Rabbinerdiplom erhielt. 1923 war er an der Univ. Würzburg mit der Arbeit „Berufe und Gewerbe bei den Assyrern“ zum Dr. phil. promoviert worden. 1925 wurde W. Rabbiner in Braunschweig, 1929 übernahm er die Jüd. Gemeinde Dortmund. W., der in dieser Zeit, u. a. in „Menorah“, der „Jüdischen Liberalen Zeitung“ und im „Israelitischen Familienblatt Hamburg“ über Themen der jüd. Geschichte und Kultur zu publizieren begann, galt als zionistischer, aber liberaler Rabbiner, der für seinen erstgeborenen Sohn in Berufung auf Lessing den hebr. Vornamen „Nathan“ wählte.
Im Herbst 1933 emigrierte W. nach Palästina und gründete 1936 in Jerusalem Emet ve-Emunah, die erste nicht-orthodoxe Gemeinde des Landes, besonders für dt. Flüchtlinge.
Mitglieder waren u. a. →Martin Buber (1878–1965), →Hugo Bergmann (1883–1975) und →Ernst Simon (1899–1988). Als Rabbiner in Jerusalem zelebrierte W. 1942 die Hochzeit von →Shalom Ben Chorin (1913–1999) und 1945 die Beerdigung von →Else Lasker-Schüler (1869–1945), die ihr Gedicht „Der alte Tempel in Prag“ 1943 „dankerfüllt unserm hebräischen Bischof“ gewidmet hatte. Bekannt wurde W. durch zahlreiche Predigten und Vorträge in seiner Synagoge, die er auch für Vorträge von Buber und gemeinsame Veranstaltungen mit christlichen Theologen öffnete. W. war Sekretär der 1942 gegründeten pazifistischen Ichud-Gruppe um den Jerusalemer Universitätsgründer Rabbi →Judah L. Magnes (1877–1948) und besuchte die Vorlesungen von →Julius Guttmann (1880–1950) und →Gershom Scholem (1897–1982). 1945–48 war er zudem wiss. Herausgeber in der Jerusalemer Zweigstelle des New Yorker Schocken-Verlags. Einen offenen Eklat provozierte er 1946, als er einen Gedenkgottesdienst für die Opfer des jüd. Anschlags auf das King David-Hotel feierte. 1948 nahm W., der während des israel. Unabhängigkeitskriegs mit seiner Familie nur knapp eine Explosion überlebte und seine ganze Habe verlor, in der Nachfolge von →Markus Ehrenpreis (1869–1951) einen Ruf als Oberrabbiner von Schweden an. Von Stockholm aus, wo er auch als Dozent an der Universität lehrte, besuchte er 1956 als erster Rabbiner die vom „Eisernen Vorhang“ abgeschnittenen jüd. Gemeinden von Bukarest und Prag. Es folgten ausgedehnte Reisen durch Nord- und Südamerika. 1959–65 lehrte er zudem auf Vermittlung →Max Horkheimers (1895–1973) als Honorarprofessor für die „Wissenschaft des Judentums“ an der Univ. Frankfurt/M. und war Mitglied im wiss. Beirat des Leo Baeck Institute, London.
W. hatte bereits seit Mitte der 1930er Jahre für die Entwicklung des Zionismus und jüd. Gemeindewesens bedeutsame Dokumentenbände ediert (Wege n. Zion, Reiseberr. u. Briefe aus Erez Jissrael in drei Jhh., 1936, engl. 1948; Von jüd. Gde. u. Gemeinschaft, Aus Gde.büchern, Satzungen u. Verordnun|gen, 1938). Auch aus Schweden vermittelte er mit der von ihm übersetzten kommentierten theol. Textsammlung „Jüdischer Glaube, Eine Auswahl aus zwei Jahrtausenden“ (1961) und der Anthologie „Wissenschaft des Judentums im deutschen Sprachbereich“ (2 Bde., 1967) einem dt.sprachigen Publikum Texte zur Geschichte und Kultur des Judentums.
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Auszeichnungen
|D. D. h. c. (Jewish Theological Seminary, New York, 1957);
Dr. h. c. (Hebrew Union College, Cincinnati, 1957);
Mitgl. d. Komm. z. Erforsch. d. Gesch. d. Frankfurter Juden. -
Werke
Weitere W Jewish Communities in Scandinavia, in: LBI Yearbook 3, 1958, S. 313–32, Nachdr. u. d. T. The Influence of German Jewry on Jewish Communities in Scandinavia, 1958;
Den Stockholmska Påsk-Haggadans liturgiska och kulturella betydelse, 1960;
L. Herzfeld, Der erste jüd. Wirtsch.hist., in: LBI Bull. 3, 1960, S. 259–74, erneut in: R. Moderhack (Red.), Brunsvicensia Judaica, Gedenkbuch f. d. jüd. Mitbürger d. Stadt Braunschweig 1933–1945, 1966, S. 59–70;
Jüd. Glaube, 1961;
Der zionist. Rabbiner, in: H. Tramer (Hg.), In zwei Welten, FS Siegfried Moses z. 65. Geb.tag, 1962, S. 55–70;
Leo Baeck and Jewish Mysticism, in: Judaism 11, 1962, H. 2, S. 121–31;
Benno Jacob, a Militant Rabbi, in: LBI Yearbook 7, 1962, S. 75–94;
Die Antwort d. Religionen, 1964;
An English Echo of the Frankist Movement, 1965. -
Literatur
|S. H. Bergman, in: Mitt.bl., Wochenztg. d. Irgun Olej Merkas Europa v. 28.5.1965, S. 5;
ders., in: K. W. (Hg.), Wiss. d. Judentums im dt. Sprachbereich, 1967, S. V-X;
H. Ritter, K. W. in Memoriam, Zum Tode d. Oberrabbiners v. Schweden, in: Der Aufbau v. 28.5.1965, S. 4;
E. G. Loewenthal, Wiss. d. Judentums würdig repräsentiert, Zum Tode v. Prof. Dr. K. W., in: Allg. Jüd. Wochenztg. v. 4.6.1965, S. 3;
H. Tramer, in: Theokratia 1, 1970, S. 160–85;
R. Jütte, Die Emigration d. dt.sprachigen „Wiss. d. Judentums“, 1991, passim;
ders., Not Welcomed with Open Arms, German Rabbis in Eretz Yisrael, 1933–1948, in: LBI Yearbook 57, 2012, S. 105–17;
G. Y. Kohler, Platzmachen f. Gott, Else Lasker-Schüler, Rabbiner K. W. u. d. rel. Liberalismus in Palästina, in: Aschkenas 21, 2013, H. 1/2, S. 179–99;
Ch. Kraft, Aschkenas in Jerusalem, Die rel. Institutionen d. Einwanderer aus Dtld. im Jerusalemer Stadtviertel Rechavia (1933–2004), Transfer u. Transformation, 2014, S. 60–62 (P) u. 190;
Biogr. Hdb. Rabbiner 2/2 (W, L);
BHdE I;
Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L). -
Porträts
|Photogr., Abb. in: LBI Yearbook 10, 1965, n. S. XXXII.
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Autor/in
George Yaakov Kohler -
Zitierweise
Kohler, George Yaakov, "Wilhelm, Kurt (Ja’akov David)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 167-168 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142873.html#ndbcontent