Lebensdaten
1862 – 1937
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
Tübingen
Beruf/Funktion
Mediziner ; Humangenetiker ; Statistiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117262455 | OGND | VIAF: 30308812
Namensvarianten
  • Weinberg, Robert Wilhelm
  • Weinberg, Wilhelm
  • Weinberg, Robert Wilhelm
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Zitierweise

Weinberg, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117262455.html [24.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Julius (1818–90), Kaufm. in Heidenheim, S d. Jacob, Landwirt in Oberkirchen, u. d. Jette Lion (Henriette Lyon), aus Baltimore (Maryland, USA);
    M Maria Magdalena (1833–95), T d. Johann Jacob Georg Humbert (um 1803–83), Handelsmann, Farbenfabr. in Sachsenhausen b. Frankfurt/M., u. d. Friederike Charlotte Luise Scheller ( v. 1883);
    B Paul (1865–92);
    Göppingen 1896 Katharina (Bertha) Wachenbrönner, Lehrerin;
    4 S Wilhelm (Willy) (1896–1914), Hans (* 1899), Gerhard (* 1901), Martin (* 1903), 1 T Edith (* 1910).

  • Biographie

    W. besuchte das Real-Gymnasium in Stuttgart (heute Dillmann-Gymnasium). Seit 1881 studierte er Medizin an der Univ. Tübingen, u. a. bei dem Chemiker Julius Lothar Meyer (1830–95), dem Paläontologen Friedrich August v. Quenstedt (1809–89), dem Pflanzenphysiologen Wilhelm Friedrich Pfeffer (1845–1920) und dem Evolutionsbiologen Theodor Eimer (1843–98). 1883 wechselte W. an die Univ. München, wo er mit den Lehren des Hygienikers Max v. Pettenkofer (1808–1901) und des Mathematikers Alfred Pringsheim (1850–1941) in Berührung gekommen sein dürfte. Er schloß 1886 sein Studium mit der Promotion zum Dr. med. mit einer Arbeit zur Behandlung von Lungenergüssen ab und arbeitete dann als Assistenzarzt in der Abteilung für Innere Medizin des „Spitals zum heiligen Geist“ in Frankfurt/M. 1889 ließ er sich nach weiterer Fortbildung an den Universitäten Berlin und Wien als praktizierender Frauenarzt in Stuttgart nieder.

    Neben dieser Tätigkeit entfaltete W. gesundheitspolitische und wissenschaftliche Aktivitäten. So war er für ein jährliches Honorar als „Armenarzt“ tätig, was auch die Erstellung von Patientengutachten beinhaltete; er wirkte als Vertrags- und Vertrauensarzt für eine Reihe von Krankenkassen und war Mitglied verschiedener Kommissionen der Stadt Stuttgart, die sich etwa der Wohnungshygiene und der Epidemiologie der Tuberkulose sowie verschiedener Krebserkrankungen widmeten. Seine Mitgliedschaft in medizinischen und naturwissenschaftlichen Vereinen, wie dem Stuttgarter ärztlichen Verein, dem Verein für vaterländische Naturkunde und der Dt. Gesellschaft für Rassenhygiene, nutzte W. | für zahlreiche Referate bei deren Versammlungen. Auch bei internationalen Kongressen trug er vor. Auf Grundlage dieser Vorträge publizierte er Aufsätze, deren Spektrum sich von Fossilfunden und medizinischen Fallberichten über großangelegte demographische und epidemiologische Studien bis hin zu Arbeiten über mathematische Grundlagen der Statistik und Evolutionsbiologie erstreckte.

    W.s Anlage und Erhaltung eines „Katasters der Nervenkranken in Württemberg“ wurde finanziell von der Bayer. Akademie der Wissenschaften (1915) und der Notgemeinschaft der Dt. Wissenschaft (1926 u. 1927) unterstützt.

    1931 gab W. seine Praxis aus Altersgründen auf und zog mit seiner Frau nach Tübingen, in der Hoffnung dort seinen wissenschaftlichen Studien besser nachgehen zu können. Die politischen Umstände nach 1933 machten diese Hoffnungen zunichte und führten dazu, daß er und seine Familie gesellschaftlich mehr und mehr isoliert wurden. Nach der NS-Machtergreifung wurde W. als „Halbjude“ diskriminiert. So fügte ein Standesbeamter 1942 in das Familienbuch die Angabe „Jude“ ein, obwohl W. einer offenbar wohlhabenden, prot. Familie entstammte. Es ist anzunehmen, daß W.s Vater konvertiert war.

    W. ist für seine grundlegenden Beiträge zur Vererbungsstatistik und Humangenetik bekannt; er entwickelte ein Verfahren, um die Häufigkeit von rezessiven Allelen in einer Population abzuschätzen (sog. Geschwister- oder Probandenmethode) und gilt als Mitentdecker des Hardy-W.-Gleichgewichts in der Populationsgenetik, mit dem sich Allelverteilungen in sukzessiven Generationen vorhersagen lassen. Diese Beiträge verdankten sich nicht allein rein genetisch-statistischen Fragestellungen, sondern auch W.s Interesse an Fragen der Sozialhygiene, Bevölkerungsentwicklung und Eugenik. Erhaltene Briefwechsel mit dem Psychiater Ernst Rüdin (1874–1952) – der in den 1920er und 1930er Jahren eine beherrschende Stellung in der dt. Vererbungsforschung am Menschen einnahm –, dem schwed. Rassenhygieniker Herman Bernhard Lundborg und dem brit. Statistiker, Agrarwissenschaftler und Eugeniker Ronald Aylmer Fisher zeigen, daß W. trotz fehlender Anbindung an eine akademische Institution sehr gut in die internationale Vererbungsforschung und Eugenik integriert war, auch wenn er die oft rassistische Gesinnung vieler Eugeniker nicht teilte.

  • Auszeichnungen

    |Sanitätsarzt (1911);
    Mitgl. d. Dt. Ges. f. Vererbungsforsch. (1924);
    Ehrenmitgl. d. Stuttgarter Ges. f. Eugenik (1932).

  • Werke

    W Über d. Punction der Pleuraexsudate, 1886 (Diss.);
    Regelmäßige Btrr., in: Med.-Statist. Jberr. Stuttgart 19–34, 1892–1907;
    Btrr. z. Physiol. u. Pathol. d. Mehrlingsgeburten b. Menschen, in: Pflügers Archiv f. Physiol. 88, 1901, S. 346–430;
    Der Einfluß d. Stillens auf Menstruation u. Befruchtung, in: Zs. f. Geb.hilfe u. Gynäkol. 50, 1903, S. 7–20;
    Pathol. Vererbung u. geneal. Statistik, in: Dt. Archiv f. klin. Med. 78, 1903, S. 521–40;
    Die bösartigen Neubildungen in Stuttgart v. 1873–1902, in: Zs. f. Krebsforsch. 2, 1904, S. 195–260 u. 4, 1906, S. 18–32 (mit A. Gaspar);
    Die Tuberkulose in Stuttgart 1873–1902, in: Medicin. Corr.bl. d. Württ. Ärztl. Landesver. 76, 1906, S. 1–9 u. 24–29;
    Über d. Nachweis d. Vererbung b. Menschen, in: Jhh. d. Ver. f. vaterländ. Naturkde. in Württ., 64, 1908, S. 369–82;
    Über Vererbungsgesetze b. Menschen, in: Zs. f. induktive Abstammungs- u. Vererbungslehre 1, 1909, S. 377–92, 440–60 u. 2, 1910, S. 276–330;
    Grundlagen d. Probandenmethode, ebd. 48, 1927, S. 179–228;
    Statistik u. Vererbung in d. Psychiatrie, in: Klinik f. psych. u. nervöse Krankheiten 5, 1910, S. 34–43;
    Methode u. Fehlerqu. d. Unters. auf Mendelschen Zahlen b. Menschen, in: Archiv f. Rassen- u. Ges.biol. 9, 1912, S. 165–74;
    Die Kinder der Tuberkulösen, 1913;
    Methoden u. Technik d. Statistik mit besonderer Berücksichtigung d. Soz.biol., in: Hdb. d. soz. Hygiene u. Gesundheitsfürsorge, hg. v. A. Gottstein u. a., Bd. 1, 1925, S. 71–148;
    Differenzmethode u. Geburtenfolge b. Zwillingen (nebst e. Anhang über d. mittleren Fehler d. Geburtenfolgennr.), in: Genetica 16, 1934, S. 383–88.

  • Literatur

    |F. J. Kallmann, in: Journ. of Nervous and Mental Disease 87, 1938, S. 263 f.;
    H. Luxenburger, in: Allg. Zs. f. Psychiatrie 107, 1938, S. 378–81;
    E. Hübler, Zum 100. Geb.tag v. W. W., in: Jhh. d. Ver. f. vaterländ. Naturkde. in Württ. 118 / 119, 1964, S. 57–67 (W-Verz.);
    C. Stern, in: Genetics 47, 1962, S. 1–5;
    J. F. Crow, Hardy, W. and Language Impediments, ebd. 152, 1999, S. 821–25;
    A. Stark u. E. Seneta, W. W.s Early Contribution to Segregation Analysis, ebd. 195, 2013, S. 1–6;
    F. Pirchner, W. W.s Contribution to Quantitative Genetics, in: Folia Mendliana 13, 1978, S. 261–66;
    J. Süß u. D. Früh, „Präformation u. Prädiktion“ d. Geschlechts b. Menschen, W. W.s Kritik an Otto Schöners „Theorie“, in: Sudhoffs Archiv 76, 1992, S. 191–202;
    P. M. H. Mazumdar, Two Models for Human Genetics, Blood Grouping and Psychiatry in Germany between the World Wars, in: Bull. of the Hist. of Med. 70, 1996, S. 609–57;
    D. Früh, W. W. (1862–1937), Armenarzt u. Populationsgenetiker, Anmm. z. Leben u. Werk, in: Biol. Zbl. 115, 1996, S. 112–19;
    D. Sperlich u. dies., W. W. (1862–1937), d. zweite Vater d. Hardy-W.-Gesetzes, 2014 (W-Verz., P);
    B. Gausemeier, In Search of the Ideal Population, The Study of Human Heredity before and after the Mendelian Break, in: Heredity Explored, Between Public Domain and Experimental Science, 1850–1930, hg. v. St. Müller-Wille u. C. Brandt, 2016, S. 337–63;
    Complete DSB.

  • Autor/in

    Staffan Müller-Wille
  • Zitierweise

    Müller-Wille, Staffan, "Weinberg, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 628-629 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117262455.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA