Lebensdaten
1908 bis 1993
Geburtsort
Neu Sallenthin auf Usedom
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118600451 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Richter, Hans Werner
  • H.W. リヒター
  • Richter, Chans Verner
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Zitierweise

Richter, Hans Werner, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118600451.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Richard (1873–1954), Fischer in B., S e. Webers aus d. Erzgebirge;
    M Anna Knuth (1874–1954), T e. Katenbauern auf U.;
    1942 Antonie (Toni) Lesemann (* 1918), Sport- u. Gymnastiklehrerin.

  • Leben

    Als fünftes von sieben Kindern geboren, besuchte R. die Volksschule in Bansin, absolvierte 1924-27 eine Buchhändlerlehre in Swinemünde und arbeitete anschließend als Buchhandelsgehilfe in Berlin. 1930 arbeitslos geworden, schlug er sich als Straßensänger durch und trat der KPD bei, aus der er zwei Jahre später wegen „Trotzkismus“ ausgeschlossen wurde. 1932/33 war R. wieder|als Buchhändler tätig und betrieb kurzzeitig eine Leihbücherei. Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ nahm er mit der verbotenen KPD Kontakt auf und emigrierte nach dem gescheiterten Versuch, eine Widerstandsgruppe zu bilden, nach Paris. 1934 kehrte er nach Berlin zurück, wo er zunächst im politischen Untergrund lebte und Verbindung zu bürgerlichen Widerstandskreisen um den Schriftsteller Ernst Wiechert (1887–1950) suchte. 1936-39 arbeitete R. in verschiedenen Funktionen im Verlagswesen. Anfang 1940 wurde er unter dem Vorwurf, Führer der dt. pazifistischen Jugend zu sein, kurzzeitig von der Gestapo verhaftet. Im April 1940 zur Wehrmacht eingezogen, geriet er im Nov. 1943 bei Monte Cassino in amerik. Kriegsgefangenschaft (bis April 1946). Nach dem Krieg lebte er in München, seit 1962 unterhielt er einen Berliner Zweitwohnsitz.

    R.s publizistische Laufbahn begann bei Kriegsgefangenenzeitschriften, die im Rahmen des „re-education“-Programms die demokratische Umerziehung der internierten Soldaten unterstützen sollten. R. war zunächst in Camp Ellis (Illinois) als Mitarbeiter, seit dem Frühjahr 1945 als Herausgeber der Zeitschrift „Lagerstimme“ tätig. Im selben Jahr wurde er nach Fort Kearney (Rhode Island) überführt, um an „Der Ruf, Zeitschrift dt. Kriegsgefangener in den USA“ mitzuarbeiten. Dort lernte er mit Alfred Andersch (1914–80), Gustav René Hocke (1908–85) und Walter Kolbenhoff (1908–93) spätere Mitbegründer der „Gruppe 47“ kennen. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft gab R. seit Herbst 1946 zusammen mit Andersch den in München als politisch-kulturelle Zeitschrift neugegründeten „Ruf“ heraus, mit einer zeitweiligen Auflage von 100 000 Exemplaren eine der bedeutendsten Kulturzeitschriften, bis sie von den amerik. Militärbehörden wegen sozialistischer Ausrichtung im April 1947 verboten wurde. Aus einer Zusammenkunft ehemaliger „Ruf“-Mitarbeiter entstand im Herbst 1947 die „Gruppe 47“, deren regelmäßige, von R. organisierte und geleitete Treffen von Autoren, Verlegern, Lektoren und Kritikern für rund 20 Jahre zum prägenden Forum der westdt. Literatur wurden.

    R.s reportagehaft gehaltene, stilistisch an der Alltagssprache orientierte frühe Romane und Erzählungen sind autobiographisch geprägte Bestandsaufnahmen der Kriegs- und frühen Nachkriegsjahre. Sein Roman „Die Geschlagenen“ (1949, letzte Neuausg. 1985, holl. 1950, engl. 1950, letzte Neuausg. 1958), zu Kriegsende in Italien und in einem amerik. Gefangenenlager spielend, zählt zu den ersten kritischen Auseinandersetzungen mit dem 2. Weltkrieg. In dem Roman „Sie fielen aus Gottes Hand“ (1951, letzte Neuausg., franz. 1952) werden die ineinander verwobenen Schicksale von Tätern und Opfern verschiedener Nationen erzählt. Seine Kindheit und Jugend schildert R. vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in dem episch breit angelegten Roman „Spuren im Sand“ (1953, letzte Neuausg. 1986). Literarische Porträts von Mitgliedern der „Gruppe 47“ enthält der Band „Im Etablissement der Schmetterlinge“ (1986). In der R. gewidmeten Erzählung „Das Treffen in Telgte“ (1979) porträtierte ihn Günter Grass (* 1927) in der Figur des Barockdichters Simon Dach als Initiator der „Gruppe 47“. R., der als Autor von Features und Hörspielen auch für den Rundfunk arbeitete, engagierte sich politisch mit der Gründung des „Grünwalder Kreises“ gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik (1952) sowie als erster Präsident der „Europ. Föderation gegen die Atomrüstung“ (1959). – Fontane-Preis d. Stadt Berlin (1950); René-Schickele-Preis (1952); Kulturpreis (1972) u. Ehrenpreis d. DGB (1973); Mitgl. d. PEN-Zentrums (1952) u. d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1974); Dr. phil. h. c. (Karlsruhe 1978); Ehrenprof. (Berlin 1979); Gr. BVK (1979); Ehrengabe d. Kulturkreises d. dt. Ind. (1982); Gr. Preis d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1986); Pomm. Kulturpreis (1992); Hans-Werner-Richter-Stiftung (seit 1998) und Hans-Werner-Richter-Haus (seit 2000) in Bansin.

  • Werke

    Weitere W Romane: Du sollst nicht töten, 1956, Neuausg. 1980;
    Die Stunde d. falschen Triumphe, 1981, Neuaufl. 1999 (Texte u. Interpretationen);
    Ein Julitag, 1982, Neuaufl. 1984;
    Linus Fleck oder d. Verlust d. Würde, 1959, Neuaufl. 1980;
    – Blinder Alarm, Geschichten aus Bansin, 1970, 21984;
    Briefe an e. jungen Sozialisten, 1974 (u. d. T.: Von Erfahrungen u. Utopien, 1981;
    u. d. T.: Erfahrungen mit Utopien, 1990);
    Wie entstand u. was war d. Gruppe 47?, in: H. A. Neunzig, H. W. R. u. d. Gruppe 47, 1979, S. 41-176;
    Die Flucht nach Abanon, 1980, Tb.ausg. 1982;
    Reisen durch meine Zeit, Lebensgeschichten, 1989, Tb.ausg. 1994;
    Briefe, hg. v. S. Cofalla, 1997;
    Hg:
    Der Ruf, Unabhängige Bll. d. jungen Generation, 1946-47 (Nachdr. 1975;
    Der Ruf, Eine dt. Nachkriegszs., hg. v. H. Schwab-Felisch, 1962;
    Der Ruf, hg. v. H. A. Neunzig, 1976 [Auswahl]);
    Deine Söhne, Europa, Gedichte dt. Kriegsgefangener, 1947, 1985;
    Die Mauer oder Der 13. August, 1961;
    Alm. d. Gruppe 47, 1947-1962, 1962;
    Walter Rathenau, Schrr. u. Reden, 1964. – Zu Toni: Die Gruppe 47 in Bildern u. Texten, 1997 (P).

  • Literatur

    K. H. Kramberg, in: K. Nonnenmann (Hg.), Schriftst. d. Gegenwart, Dt. Lit., 1963, S. 250-53;
    R. Lettau (Hg.), Die „Gruppe 47“, Ber., Kritik, Polemik, 1967;
    K. Esselborn, Ges.krit. Lit. nach 1945, 1977, S. 54-64;
    F. Kröll, Die „Gruppe 47“, Soz. Lage|u. gesellschaftl. Bewußtsein lit. Intelligenz in d. Bundesrep., 1977;
    H. A. Neunzig (Hg.), H. W. R. u. d. Gruppe 47, 1979;
    H. L. Arnold (Hg.), Die Gruppe 47, 1980, 21987;
    M. Krüger, Der „dritte Weg“ d. „jungen Generation“, H. W. R. u. „Der Ruf“, in: J. Hermand u. a. (Hg.), Nachkriegslit. in Westdtld., II, 1984, S. 28-40;
    H. D. Zimmermann, Mit ihm ist Lit. über sich hinausgewachsen, Gespräch, in: Neue Rdsch., 1985, H. 2, S. 119-32;
    E. Embacher, H. W. R., Zum lit. Werk u. z. pol.-publizist. Wirken e. engagierten dt. Schriftst., 1985 (W);
    M. Reich-Ranicki, Lauter Lobreden, 1985, S. 59-64;
    J. Weishaupt, Und d. ist so bis z. Schluß geblieben, Gespräch, in: Dimension, 1987, H. 3, S. 326-67;
    J. Schutte u. a. (Hg.), Dichter u. R., Die Gruppe 47 u. d. dt. Nachkriegslit., Ausst.kat., 1988 (P);
    B. König, H. W. R., Notizen e. Freundschaft, 1997 (P);
    S. Cofalla, Der „soziale Sinn“ H. W. R.s, 1997;
    KLG;
    KLL;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Munzinger. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Bansin, Hans Werner Richter-Lit.haus.

  • Autor/in

    Thomas Diecks
  • Empfohlene Zitierweise

    Diecks, Thomas, "Richter, Hans Werner" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 530-32 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118600451.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA