Lebensdaten
1883 bis 1968
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Murnau a. Staffelsee
Beruf/Funktion
Puppenherstellerin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118567284 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Simon, Käthe (geborene)
  • Kruse, Käthe
  • Simon, Käthe (geborene)
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Zitierweise

Kruse, Käthe, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567284.html [23.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    Natürl. V Robert Rogaska, Stadthauptkassenbuchhalter in B.;
    M Christiane, Schneiderin, T d. Bauern Simon ( 1866) in Laskowitz b. Ohlau;
    1902 Max Kruse (1854–1942), Bildhauer in Berlin, schuf vor allem Bildnisbüsten (u. a. v. M. Liebermann, 1893, W. Leistikow, 1893, Nietzsche, 1898, Ibsen, 1905, f. Max Reinhardt entwarf er Bühnendekorationen (s. L); Schwager Oskar K.-Lietzenburg (1847–1919), Landschaftsmaler (s. ThB);
    4 S, 3 T, Maria Speranza (* 1902), Sofia (* 1904), Johanna (* 1909), seit 1952 verantwortl. f. d. künstler. Gestaltung d. Puppenherstellung in Donauwörth ( Heinz Adler, Geschäftsführer d. Käthe Kruse GmbH), Michael (* 1911), Physiker, Joachim (1912–43), Friedebald (1918–43), Max (* 1921), Schriftsteller;
    Stief-T Annemarie (* 1889), Malerin (s. W) ( 1912 Igor v. Jakimow, * 1885, aus Rußland, Bildhauer u. Maler, seit 1918 in Berlin, Schüler v. Colarossi in Paris, einer d. Repräsentanten russ. Emigrantenkunst, beide s. ThB; Vollmer); Stief-E Erasmus v. Jakimow (* 1918, 1944), Maler (s. Vollmer, Nachtrag).

  • Leben

    K. verlebte eine unglückliche, entbehrungsreiche Jugend. Die Mutter verdiente mit Näharbeiten den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind. Nach dem Mittelschulabschluß nahm K. Schauspielunterricht und erhielt 1900 am Lessingtheater in Berlin ein Zweijahres-Engagement. Unter dem Künstlernamen Hedda Somin hatte sie beachtlichen Erfolg und trat bei Gastspielen in vielen deutschen Städten sowie in Warschau und Moskau auf. Ihre Bühnenlaufbahn gab K. auf Wunsch ihres Mannes auf, um sich der Familie zu widmen. Die ersten Jahre ihrer Ehe verbrachte sie in der Schweiz und in Italien. In dieser Zeit begann sie, angeregt durch ihren Mann, für ihre Kinder Puppen anzufertigen, und zwar zunächst aus zusammengeknüpften, mit Sand gefüllten Handtüchern. Behutsam experimentierend ging sie dazu über, den Körpern festere Formen zu geben. K. war nunmehr „ganz besessen von der Aufgabe, Puppen zu machen“, wie sie sich in ihrem Lebensbericht erinnert, und zwar künstlerisch gestaltete, dem lebenden Körper nachgebildete anschmiegsame „Puppen zum Liebhaben“. Ihre Puppen sollten echte Gefühle bei den Kindern wecken. In jahrelangen Versuchen vervollkommnete sie ihre Arbeitsmethoden. Ihre Kinder waren nun ihre Modelle, als Material verwendete sie Nesselstoff und Watte. Die Gesichtszüge wurden mit Ölfarbe aufgemalt, die Glieder waren beweglich, alle Teile wurden in Handarbeit zusammengefügt, der Kopf mit einem Fixativ überstrichen. Somit waren die Puppen unzerbrechlich und abwaschbar.

    Auf einer Ausstellung „Spielzeug aus eigener Hand“ des Berliner Warenhauses Tietz erregte K. 1910 erstmals Aufsehen mit ihren Puppen. Wenige Jahre zuvor war eine Puppenreform in Gang gekommen, die in Münchener Künstlerkreisen ihren Ausgang genommen hatte und sich gegen die industriell gefertigte Massenware richtete. Die Reformer (u. a. Lotte Pritzel, Marion Kaulitz, Margarethe Steiff) kreierten die individuelle Spielpuppe. K.s Puppen entsprachen dem neuen Ideal und vermieden zugleich die allzu gewollte Stilisiertheit anderer Künstlerpuppen. Nach ihrem Ausstellungserfolg wurde K. rasch bekannt und erhielt zahlreiche Aufträge, darunter schon 1911 einen über 150 Puppen aus den USA. Da eine anfängliche Zusammenarbeit mit der Spielwarenindustrie wegen der nicht befriedigenden Ergebnisse in der Ausführung zu Meinungsverschiedenheiten führte, erwarb K. ihre zuvor abgetretenen Urheberrechte zurück und richtete in ihrem Berliner Heim eine eigene Werkstatt ein. Zunächst wurden ihre Puppen nur in einer Größe (52 cm) hergestellt. Für die Anfertigung einer Puppe wurden 42 Stunden Arbeitszeit benötigt, der Preis betrug 25 Mark. 1912 verlegte K. den Betrieb unter dem Namen „Käthe Kruse Werkstätten“ nach Bad Kösen a. d. Saale, dort wurden bald 120 Mitarbeiterinnen beschäftigt. K. baute selbst die Betriebsorganisation auf und führte die von ihr bevorzugten meist ungelernten weiblichen Arbeitskräfte in ihre Tätigkeit ein. Sie ließ mehrere Erfindungen patentieren, Schutzmarken wurden registriert. Immer neue Puppenschöpfungen entstanden nun in verschiedenen Größen (25-52 cm): Puppen mit unsichtbaren Gelenken durch ein Skelett aus dünnen Drähten („Schlenkerchen“), lebensgroße Babypuppen für den Unterricht in der Säuglingspflege („Träumerchen“), Spielpuppen in sechs verschiedenen Modellen, die alle Eigennamen erhielten und seit 1929 mit handgeknüpften Perücken gearbeitet wurden. Jährlich wurden im Durchschnitt 15-18 000 Puppen hergestellt. Ein großer Teil der Produktion wurde exportiert (USA, England, Schweiz, Schweden, Holland). Auch|nach dem 1. Weltkrieg kam das Auslandsgeschäft rasch wieder zu guten Umsätzen. Mit Erfolg wehrte sich K. gegen Imitationen ihrer Puppen und erreichte, daß ihr 1925 durch ein Reichsgerichtsurteil der künstlerische Urheberschutz zugebilligt wurde. Für ein Spielzeug geschah dies zum ersten Mal. In den 30er Jahren nahm sie die Produktion von neuartigen beweglichen Schaufensterfiguren auf, die in allen Gliedern verstellbar waren, und gab so den Schaufensterdekorateuren Impulse für vielseitige neue Gestaltungsideen.

    K.s Puppen hatten längst einen legendären Ruf erlangt. Auf Ausstellungen wurden sie immer wieder ausgezeichnet. Auch nach dem 2. Weltkrieg vermochte K. bald wieder an ihre früheren Erfolge anzuknüpfen. Als 1950 ihre Werkstätten enteignet und zum „Volkseigenen Betrieb“ erklärt wurden, verließ sie mit einigen ihrer Kinder sowie einer Anzahl von Mitarbeiterinnen Bad Kösen und errichtete in Donauwörth (Bayern) unter der Firma „Käthe Kruse Puppen GmbH“ ein neues Unternehmen, an dessen Leitung sie neben ihren Kindern noch bis 1957 beteiligt war und in dem ähnliche Firmen aufgingen, die ihre Söhne Max und Michael gegründet hatten. Da sich die wirtschaftliche Situation zunächst ungünstig entwickelte, mußten zeitweilig 70 % des Gesellschaftskapitals an die zum Chemiekonzern WASAG gehörende Puppenfirma Schildkröt abgetreten werden, wurden aber 1976 durch die Familie zurückerworben. Gegenwärtig werden von der „Käthe Kruse Puppen GmbH“ mit wenig mehr als 100 Beschäftigten etwa 15 000 Puppen im Jahr angefertigt und über den Facheinzelhandel im In- und Ausland verkauft. Der Umsatz des Unternehmens betrug 1979 rund 3 Mill. DM. Die Herstellung der Puppen erfolgt weiterhin ausschließlich in Handarbeit. Ältere Käthe-Kruse-Puppen sind gesuchte Sammlerstücke. Daß K. durch Kriegszeiten und unter schweren persönlichen Belastungen den Betrieb, der immer auch die Existenzgrundlage für ihre große Familie war, selbständig zu führen und nach der erzwungenen Aufgabe in der Bundesrepublik neu aufzubauen vermochte, beweist, wie sehr sie neben ihren künstlerischen und pädagogischen Überzeugungen von ihrer unternehmerischen Aufgabe durchdrungen war. Sie gehörte zu den seltenen Beispielen einer schöpferischen Künstlerin, die ohne nennenswertes Kapital und ohne einschlägige Erfahrung ein Unternehmen intuitiv aufbaute. Von der ursprünglichen Konzeption her, der sie stets treu geblieben ist – nämlich nur von Hand gearbeitete, künstlerisch gestaltete Puppen anzufertigen –, sollte und konnte dieses Unternehmen nur ein überschaubarer Einzelbetrieb bleiben. K. hat ihm durch unverwechselbare Wertarbeit zu internationalem Ansehen verholfen und wurde selbst als „Puppenmutter“ weltbekannt.

  • Werke

    Meine Puppen, in: Mhh. Velhagen & Klasing 1925/26, S. 337-41;
    Das große Puppenspiel, 1951 (P, Autobiogr.), 2u. d. T. Ich u. meine Puppen, 1982. - Teile d. Nachlasses K.s u. ihres Mannes:
    Archiv f. Bildende Kunst d. German. Nat.mus. Nürnberg. -
    Zu Stief-T Annemarie v. Jakimow: Der Gutshof Jakimow, Erlebnisse e. dt. Frau in Sowjetrußland, 1919 (P).

  • Literatur

    M. v. Boehm, Puppen u. Puppenspiele I: Puppen, 1929, S. 223-25, 256-61;
    A. Hassenkamp, Frauen stehen ihren Mann, 1966, S. 22-30;
    G. Anka u. U. Gauder, Die dt. Puppenindustrie 1815-1940, 1978, S. 54 ff.;
    Veröff. d. Tagespresse 1958-79 (Firmendokumentation im Inst. d. Dt. Wirtsch., Köln);
    Rhdb. (P). - Mitt. d. Fa. Käthe Kruse Puppen GmbH, Donauwörth. - Zu Max Kruse:
    F. Stahl, M. K., 1924;
    ThB;
    Vollmer;
    Rhdb. (P).

  • Autor/in

    Ina Neumann
  • Empfohlene Zitierweise

    Neumann, Ina, "Kruse, Käthe" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 150-151 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567284.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA