Lebensdaten
geboren Anfang 13. Jahrhundert
Geburtsort
Weiler Bayerland bei Bischofsheim (Rhön)
Sterbeort
vermutlich Würzburg
Beruf/Funktion
Wundarzt
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119070707 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ortolf von Würzburg
  • Ortolf von Bayrlandt
  • Megenberger, Ortolf
  • mehr

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Zitierweise

Ortolf von Baierland, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119070707.html [12.12.2019].

CC0

  • Leben

    O. stand als akademisch ausgebildeter, hoch angesehener Wundarzt („chirologus“) in Diensten des Würzburger Domkapitels, versorgte das kapitelseigene Dietrichspital und bewohnte ein (später als „Ortolfs hûs“ bekanntes) Gebäude in der spitalseigenen Domvikarie (Klein-)Weinsberg. Anscheinend hat er auch an der Domschule unterrichtet.

    O.s „Arzneibuch“ („arzetbuoch“) ist ein sprachliches Kunstwerk von herber Schönheit und der meistgelesene mittelhochdeutsche Text überhaupt. Der Autor verwendet einen antithetischen Stil, strebt nach Bündigkeit unter Inkaufnahme von Ellipsen und bevorzugt eine aphoristische Ausdrucksweise, die komplexe Sachverhalte in eingängigen Merksätzen darstellt. Die ständig wiederkehrende Wendung „du salt merken“ unterstreicht den normativen Charakter des „diutschen buoches“, das sich unter praxisbezogenem Aspekt an den handwerklich tätigen Wundarzt wendet und für „den meister“ medizinisches Hochschulwissen in luzider, leicht funktionalisierbarer Form darstellt. Der Handwerks-Chirurg wird zugleich durch das „buoch“ in eine Imago hominis eingeführt, die der Humoralpathologie folgt, die „sex res naturales“ als (patho)physiologisches Gliederungselement benutzt und darüber hinaus zahlreichen weiteren Strukturprinzipien Gestalt gibt. Als Vorlagen bat O. Texte des Corpus Constantini ebenso zugrunde gelegt wie Werke des Toletaner Übersetzerkreises; darüber hinaus hat er aus dem „Macer“, dem durch [Walahfrid und) Odo von Meung um 1180 geschaffenen Kräuterbuch, geschöpft, aus der „Chirurgie“ des Roger Frugardi (Rüdiger Frutgard, um 1195) exzerpiert, das „Compendium“ Gilberts des Engländers ausgeschrieben sowie die „Harn-“ und die „Pulsverse“ von Gilles de Corbeil (Aegidius Corboliensis, 1140–1224) teilübersetzt. Bei den pharmazeutischen Vorschriften konnte er die Präskriptionen des „Antidotarium Nicolai“ (vor 1150) als bekannt voraussetzen und vom entsprechenden Angebot einer Apotheke ausgehen. Beim Verordnen von Einzeldrogen bewegt er sich im Indikationenspektrum des „Circa instans“ (der um 1150 entstandenen Salerner Pharmakognostik), greift gelegentlich aber auch auf suggestivtherapeutische Vorstellungen der Therotherapie zurück, beispielsweise dort, wo er in der Gelbsuchttherapie eine Schleie für die Transplantatio morbi empfiehlt: von der Leber in den Fischleib – „ez hilfet sêre“ (§ 124, 10).

    Die Überlieferung setzt um 1300 ein und zeigt mit ihren mehr als 200 Handschriften und ebensovielen (Teil-)Drucken, daß O.s allgemeinmedizinisches Handbuch weit über die ursprünglich intendierte Zielgruppe der Chirurgen hinausdrang: Übersetzt ins Lateinische, mehrfach rückübersetzt ins Deutsche und übertragen in mehrere Sprachen (Ital., Span., Niederlande Dän., Tschech.), gewann es in der „Wundenmann“-Version (der böhm. Dreibilderserie d. 14. Jh.) Einfluß auf den akademischen Unterricht (Ps.-Kêthâm, „Fasciculus medicinae“), speiste „iatromathematische Hausbücher“ sowie sog. „Volkskalender“, regulierte das Töten von Lohnkämpen (etwa im Ordal nach Fränk. Kampfrecht, wie Hans Talhofer [15. Jh.] zeigen konnte) und behauptete sich im laienärztlichen Bereich bis ins ausgehende 17. Jh. Für mehrere seiner Traktate läßt sich eine wirkungsmächtige Sonderüberlieferung nachweisen, die insbesondere beim Aderlaß und in der Wundarznei kulminierte. Gegen Ende des 15. Jh. erreichte O.s Name so hohe personalautoritative Bedeutung, daß dem Würzburger Wundarzt zahlreiche medizinische Texte unterschiedlicher Provenienz zugeschrieben wurden („Frauenbüchlein“, „Gebrannte Wässer“, „Ipokrâs“-Monatsregeln, Gesundheitsregeln, ein Kräuterbuch, der „Oberdeutsche Theriaktraktat“), die von Taddeo Alderotti, Guglielmo de' Corvi, Konrad von Eichstätt, Arnold von Bamberg, Konrad von Megenberg sowie von einer Hebamme stammen und von denen einige ihre Zuschreibung wechselten und unter die Zuweisung an andere Autoritäten gerieten (Michael Puff v. Schrick, Johann Kellner von Kirchheim, Eucharius Rößlin). Ausgiebig ausgeschrieben wurde der Würzburger Chirologe durch Walther Hermann Ryff (Reiff).

  • Werke

    Krit. Ed. d. Arzneibuches, hg. v. G. Keil (in Vorbereitung).

  • Literatur

    O. Riha, O. v. B. u. seine lat. Qu., 1992;
    G. Keil (Hg.), „ein teutsch puech machen“, Unterss. z. landessprachl Vermittlung med. Wissens, 1993;
    Lex. MA;
    Vf.-Lex. d. MA2;
    LGB2.

  • Autor/in

    Gundolf Keil
  • Empfohlene Zitierweise

    Keil, Gundolf, "Ortolf von Baierland" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 605 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119070707.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Ortolf: Dr.O. von Bayrlandt oder Beyerlande“, Dr. „der ertznei“, ein äußerst viel genannter Arzt, dessen volksthümliche medicinische Bücher lateinisch in Menge abgeschrieben und nachher in hochdeutscher und niederdeutscher Bearbeitung viel gedruckt sind, ist seinen Lebensumständen nach fast unbekannt. So kam es, daß er nach den Lübecker Drucken in die zweite Hälfte des 15. Jahrh. gesetzt wurde, auch fälschlich als Ortolf Megenberger, Meienberger (von Megenberg) angeführt ist (wie bei Häser, 2. Aufl.), während er doch nur Konrad von Megenberg (s. A. D. B. XVI, 648) benutzte. Sicher ist, daß er aus Bayern stammte und um 1400 in Würzburg lebte. Er schrieb aus den ihm bekannten Arzneybüchern des Alterthums und Mittelalters das „Arzneybuch“ zusammen „von allen gepräßten der Menschen“ etc., niederdeutsch „Bôk der arstedien van allen krankheyten van ghebreken des mynschen“ Das Buch „wo sick en mynsche regeren schal in den XII maentten des jares“ scheint nur ein Theil von jenem; dessen letztes Buch „van der nature der krude“ lautet. Außerdem ist von ihm ein Buch erhalten „wie sich schwangere frauen verhalten sollen — ortholffus doctor in der ercznei"; es erschien gedruckt s. l., a. et typ., ist aber wohl nur Uebersetzung aus dem Latein (s. Hain, Nr. 12,117). Lateinische Handschriften sind mehrfach in München, das hochd. „Arzneybuch“ erschien s. l., a. et typ. (vielleicht bei Zayner in Augsburg), 1477 in Nürnberg bei Ant. Koberger (O. Hase, Die Koberger, S. 161), 1479—1482 und 1488 bei Ant. Sorg in Augsburg und 1490 bei Hansen Schoppser in Augsburg (Hain, Nr. 12111—12116). Niederdeutsch bildet das Werk den bedeutendsten Theil des „Promtuarium medicinae — en bok der arstedien“, gedruckt zu Lübeck bei Bartholomaeus Gothan, 1484 (Hain 4035, Deecle, S. 8 f.). Noch 1523 wird „Meyster Ortolff“ bei der Uroscopie im „Shapherders Kalender“, Rostock, L. Dietz, genannt; es ist daher fraglich, wie weit er an dem „Herbarius“ oder „Ortus sanitatis“ betheiligt ist, der als „Ghenochliche Gharde der Suntheit“ 1492 bei Steffan Arndes in Lübeck in argem Plagiat gedruckt wurde und als 2. Anhang ein Buch „van allen varwen des waters der Mynschen“ führt. (Deecke, S. 17 f.)

    • Literatur

      J. Zacher, zu Macer Floridus, in Zeitschr. s. deutsche Phil. XII, S. 349 ff. — H. Häser, Lehrb. der Gesch. der Medic., 3. Bearb. I, S. 818 und 820. —
      Wackernagel, Gesch. der Deutsch. Litt., 2. Aufl. (E. Martin) I, S. 435. —
      Ueber den Ortus Sanitatis: E. Meyer, Gesch. der Botanik IV, S. 190. — Gurlt u. Hirsch, Biogr. Lex. der hervorr. Aerzte IV, S. 440.

  • Autor/in

    Krause.
  • Empfohlene Zitierweise

    Krause, "Ortolf von Baierland" in: Allgemeine Deutsche Biographie 24 (1887), S. 454 unter Ortolf von Bayrlandt [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119070707.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA