Lebensdaten
1876 bis 1934
Geburtsort
Triest
Sterbeort
Sankt Blasien (Schwarzwald)
Beruf/Funktion
Dichter ; Forschungsreisender
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118850245 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Däubler, Theodor
  • Daeubler, Theodor

Objekt/Werk(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Däubler, Theodor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118850245.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Väterlicherseits aus kath. Fam. Bayerisch Schwabens, mütterlicherseits aus prot. Fam. Schlesiens;
    V Karl Wilh. Jos. (1852–1941), Großkaufmann in Triest u. Wien, S des Heinr. Ludw., Maler u. Graveur in Augsburg, u. der Friederike Wille aus Kempten;
    M Helena Oktavia Antonie Lucie (1855–1905), T des Versicherungsbeamten Theodor Mor. Wilh. Brehmer (1828–79) u. der Math. Henriette Bertha v. Gaffron, beide aus Breslau; Schwager Otto Stein (* 1877), Maler (s. ThB); ledig.

  • Leben

    Deutsche Herkunft und mittelmeerische Lebenswelt haben D.s Wesen geprägt. Auf die Kindheit in der österreichischen Hafenstadt folgten frühe Italienreisen, zuerst nach Venedig, dann nach Rom, Neapel, Apulien und Sizilien. Die geringen Erfolge seines Schulbesuches veranlaßten die Eltern, ihn als Schiffsjungen auf eine Seefahrt zu schicken; da er jedoch den körperlichen Anstrengungen dieses Berufes nicht gewachsen war, gaben sie ihm zum weiteren Unterricht zwei Hauslehrer, so daß er als Externer in Fiume das Abitur ablegen konnte. Seine Interessen galten der Literatur und der Philosophie, insbesondere gedachte er in der Nachfolge Campanellas ein Impero del Sole zu schreiben. Nach kurzer Militärzeit siedelte er mit den Eltern nach Wien über. Dort wurde ihm die Musik zum bestimmenden Erlebnis. Unter Gustav Mahlers Leitung hörte er vor allem Beethoven und Wagner. Hier liegen die Anfänge seines zum „Lucidarium“ führenden Versuchs, mit sprachlichen Mitteln die Geheimnisse der Musik zu bewältigen. In Neapel begann er 1898 „Das Nordlicht“. Sein Erstlingswerk wurde ihm zum Hauptwerk, das ihn über drei Fassungen hinweg immer wieder neu in Anspruch nahm. Zumeist befand er sich, oft unter großen Entbehrungen, auf Reisen. Die Pariser Jahre (1903–06), in denen er das Leben des Quartier Latin teilte, brachten ihm eine umfassende, in elementarer Anteilnahme ergriffene Begegnung mit der modernen europäischen Malerei, die ihn später dazu befähigte, diese Malerei in der Schrift „Der neue Standpunkt“ kongenial zu deuten und damit zugleich die wichtigste kunsttheoretische Begründung des Expressionismus zu geben. Die eigene Verehrung der strengen lyrischen Formen jedoch,|insbesondere des Sonetts und der Terzine, sowie die manchmal fast überreiche Verwendung des Reims rückten D.s Verskunst, auch die hymnische, vom Ekstatischen des Expressionismus ab; in den Jahren nach 1910 ist sie ganz Huldigung an Italien. Trotz aller unerschütterlichen Eigenständigkeit hat er wesentliche menschliche und geistige Förderung durch die Freundschaft mit Moeller van den Bruck, Ricciotto Canudo, Rud. Pannwitz und Ernst Barlach erfahren. Die Wirkung seiner Persönlichkeit wird am deutlichsten in Barlachs bildkünstlerischem und dichterischem Schaffen. Davon geben nicht nur Barlachs Porträts Zeugnis, sondern mehr noch Plastiken wie „Der Ekstatiker“ und „Der Sterndeuter“, am unmittelbarsten jedoch die Gestalt D.s in dem Roman „Seespeck“. Der Ausbruch des Krieges traf D. in Porto Fino; er kehrte nach Deutschland zurück, blieb jedoch als Kunstberichterstatter vom Militärdienst verschont. Für D.s letzte Entwicklungsstufe wurde seine große Griechenlandreise von 1921-26 entscheidend. Er kam nach Athen, unternahm von dort viele Wanderungen und Ritte ins Innere des Landes, lebte eine Zeitlang auf verschiedenen griechischen Inseln, ging dann nach Kleinasien und beschloß seine Reise mit einem Aufenthalt in Ägypten. Als er nach Deutschland zurückkehrte, trug er den Keim der Tuberkuloseerkrankung schon in sich. Vortragsfahrten füllten noch den größten Teil der folgenden Jahre aus. Zum zweitenmal sah er Griechenland im Frühjahr 1931. Die beiden letzten Stationen seines Lebens waren die Sanatorien Neubabelsberg und Sankt Blasien.

    D.s Leitgedanke, der ihn von der frühsten Konzeption des „Nordlichts“ bis zu den letzten testamentarischen Bekundungen des „Gleichgewichts im Kosmos“ und des „Heimgangs der Stämme“ nicht verlassen hat, lautete: alles Dasein kommt von der Sonne. Daraus entwickelte er seine Kosmogonie. Sonne und Erde waren ursprünglich eines; in dieser Einheit wirkende gegensätzliche Kräfte führten die Trennung herbei: so kam es zur Schöpfung. Seitdem ist die Erde dunkel, aber sie „sehnt sich, wieder ein leuchtender Stern zu werden“. Schon dringt an den Polen erlöste Sonne aus ihr hervor und vereinigt sich mit himmlischer Sonne: das Nordlicht bietet Gewähr künftiger Sonnenrückkehr. Alle Geschöpfe der Erde tragen noch Sonnenhaftigkeit in sich, im Menschen erscheint sie als Geist. Durch ihn wird der Mythos von der Geschichte abgelöst, die nach vollbrachtem Auftrag wieder in den Mythos eingehen wird. Wenn, wie Moeller van den Bruck überzeugt war, D. den geschichtsphilosophischen Pessimismus Spenglers überwunden hat, dann dadurch, daß er eine Lehre vom Kreislauf an die Stelle der Entwicklungsidee setzte. Das Wiedereinmünden in den Ursprung als erfüllter Endzustand bringt Erlösung, aus dem Mythos wird Religion. Im 1. Teil des „Nordlichts“ stellte D. das Sonnenpilgertum autobiographisch dar; im 2. Teil soll das „lyrische Ich“ sich zur ganzen Menschheit erweitern. „Die Völker sind verantwortlich, daß dieser Stern, der ein dunkler ist, einst der allerhellste sei.“ D.s kosmisches Epos ist ein Werk sui generis, künstlerisch nicht ohne schwerwiegende Mängel, mehr Idee als Wirklichkeit, aber ein letzter ans Unmögliche grenzender Versuch, diese Gattung noch einmal zur Höhe des Mahabharata oder Dantes hinaufzuzwingen. In seiner späteren Entwicklung suchte D. seine Licht- und Sonnenlehre in volle Übereinstimmung mit dem Christentum zu bringen. Das geschah auf dem Weg über sein Griechenlanderlebnis, das ihm die Wirklichkeit der Götter zu einer ihn mit Hölderlin verbindenden elementaren Erfahrung werden ließ. In Apollo sah er die Hinführung zu Christus, diesen deutete er dann als „die innere Sonne im Menschen“. Der heilige Berg Athos wurde ihm zum Symbol der Verwandlung griechischer Antike ins Christliche. Ein von Hölderlin über Bachofen zu D. führender religionsgeschichtlicher Zusammenhang wird hier erkennbar. In Griechenland gelang D. die volle Ausreifung seiner ‚symphonischen' Kunstprosa. Neue Lyrik wurde wieder zum Preis des Landes („Gesänge um Griechenland“). Der Plan, beides mit weltanschaulichen Essays, die durch den Besuch klassischer Stätten wie Sparta und Delos inspiriert waren, in den folgenden Jahren zu einem zweiten Hauptwerk zu vereinigen, scheiterte an D.s Ruhelosigkeit und der zunehmenden Lähmung seiner Schaffenskraft.

    Aus einer Vision des Knaben schuf D. einen Weltmythos. Seiner Darstellung gilt im Grunde das ganze dichterische, schildernde und erklärende Werk. Ihm bleibt das urtümlich Kindhafte auch in der abstraktesten Begrifflichkeit und in der erfahrungbeschwertesten Kulturmorphologie. Das macht die Einzigkeit D.s in den spätzeitmüden Vorweltkriegsjahrzehnten ebenso wie in der analysierenden Skepsis des Nachkriegseuropa aus. Sie läßt sich nur zum kleinsten Teil durch seine Zugehörigkeit zum Expressionismus erklären, im Grunde ist sie bei ihm „Naturzustand der Seele“ (Pannwitz). So wie er sein ganzes Leben auf der Suche nach Urphänomenen unterwegs war, muß er auch selber als Urphänomen hingenommen werden.

  • Werke

    u. a. Das Nordlicht, Florentiner Ausg. in 3 Bdn., 1910, Genfer Ausg. in 2 Bdn., 1921, Athener Ausg.|ungedr. in Weimar, Goethe-Schiller-Archiv;
    Wir wollen nicht verweilen, Autobiogr. Fragmente, 1914, 21921;
    Der sternhelle Weg, Gedichte, 1915, 31923;
    Hesperien, 1915, 21918;
    Mit silberner Sichel, 1916, 21920;
    Hymne an Italien, 1916, 31924;
    Das Sternenkind, e. Gedichtauswahl (Insel-Bücherei Nr. 188);
    Der neue Standpunkt, Aufsätze zur modernen Kunst, 1916, 21919;
    Der Hahn, Übertragungen a. d. Französischen (Hugo, Lamartine, Rimbaud, Verhaeren u. a.), 1917;
    Lucidarium in arte musicae …, 1917, 21921;
    Die Treppe zum Nordlicht, 1920;
    Der hl. Berg Athos, 1923;
    Sparta, 1923;
    Päan u. Dithyrambos, 1924;
    Attische Sonette, 1924;
    Delos, in: Dt. Rdsch. 202, 1925, S. 178 bis 229, 310-351;
    Aufforderung zur Sonne, Autobiogr. Skizze, 1926;
    Bestrickungen, 1927;
    Mein Weg nach Hellas, in: Veröff. d. Preuß. Ak. d. Künste, Jb. d. Sektion f. Dichtkunst 1929;
    Der Fischzug, 1930;
    Can Grande della Scala, 1932;
    Griechenland, aus d. Nachlaß hrsg. v. M. Sidow, 1946, 21947;
    Th. D., e. Einführung in s. Werk u. e. Auswahl von H. Ulbricht, in: Verschollene u. Vergessene, hrsg. v. d. Ak. d. Wiss. u. Lit. Mainz, 1951;
    Dichtungen u. Schrr., hrsg. v. F. Kemp, 1956 (umfassende Auswahl aus d. Gesamtwerk, W-Verz., Quellennachweise, 6 P).

  • Literatur

    C. Schmitt, Th. D.s Nordlicht, 3 Stud. üb. d. Elemente, den Geist u. d. Aktualität d. Werkes, 1916;
    A. Moeller van den Bruck, Th. D. u. die Idee des Nordlichts, in: Dt. Rdsch. 186, 1921, S. 20 ff.;
    R. Pannwitz, Th. D.s Hauptwerk, in: Inselschiff, 4. Jg., 1923, S. 52 ff.;
    E. Barlach, Ein selbsterzähltes Leben, 1928;
    ders., Seespeck, aus d. Nachlaß hrsg. v. F. Dross, 1948, S. 131 ff.;
    B. Rang, Der hellen.-christl. Versuch D.s, in: Inselschiff 11, 1930, S. 216 ff.;
    D.-Heft d. Zs. „Der Kreis“, 7. Jg., Sept. 1930 (darin Btrr. von R. Brendel, E. Peterich, R. Pannwitz, B. Rang. M. Sidow);
    Soergel, 61930, S. 444 ff. (Gem. v. Otto Th. W. Stein, Freund u. Schwager D.s);
    H. E. Schröder, Geist u. Kosmos bei Th. D., in: Preuß. Jbb. 233, 1933, S. 63 ff.;
    M. Sidow, Dem Gedächtnis Th. D.s, in: Inselschiff, 15. Jg., 1934, S. 193 ff.;
    S. Heissel, Th. D. - ein Schwabe?, in: Dichtung u. Volkstum 38, 1937;
    F. Martini, Was war Expressionismus?, 1948, S. 100 ff.;
    C. W. Hüllen, Mythos u. Christentum bei Th. D., Diss. Köln 1951 (ungedr., W-Verz., auch d. ungedr. Arbb.);
    ders., Die Sonne als Kristall, Mitt. aus d. Nachlaß Th. D.s, in: Euphorion 47, 1953, S. 173 ff.;
    F. Diettrich, Th. D., der große Rhapsode, in: Dt. Rdsch., 80. Jg., 1954, S. 585 ff.;
    H. Eicke, Das Symbol bei Th. D., Diss. Berlin 1954;
    C. Schmitt, Zwei Gräber, in: Ex Captivitate Salus, 1950.

  • Portraits

    Gem. v. Otto Dix (Berlin, Nat.Gal.);
    Büste (Holz) v. Ernst Barlach, 1916 (Berlin, Slg. Dr. Paret);
    Lith., 1916/17 u. Kreidezeichnung, 1916 v. W. Lehmbruck (im Bes. Frau Anita Lehmbruck, Stuttgart)

  • Autor/in

    Adalbert Elschenbroich
  • Empfohlene Zitierweise

    Elschenbroich, Adalbert, "Däubler, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 470-472 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118850245.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA