Lebensdaten
1854 bis 1921
Geburtsort
Münchenbuchsee Kanton Bern
Sterbeort
Thun
Beruf/Funktion
Romanist
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118784862 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Morf, Heinrich
  • Morf, H.
  • Morf, Heinrich, junior

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Zitierweise

Morf, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118784862.html [20.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich (1818–99), Dr. phil. h. c., Dir. d. Waisenhauses in Winterthur, Schriftst. (Ps. Heinrich|Breitner) (s. HBLS), S d. Hans Conrad aus Nürensdorf Kt. Zürich u. d. Catharina Briner;
    M Maria Susanna (1827–62), T d. Wilhelm Merk aus Pfyn (Thurgau) u. d. Anna Barbara Hüblin;
    Interlaken 1880 Frieda Denler (1861–1935) aus Interlaken; kinderlos.

  • Leben

    Nach dem Abitur am humanistischen Gymnasium Winterthur studierte M. 1873-75 an der Univ. Zürich zunächst indogermanische und klassische Philologie, sodann romanische Philologie 1875-77 in Straßburg, wo er 1877 bei Eduard Boehmer mit einer Dissertation über „Die Wortstellung im altfranz. Rolandslied“ promoviert wurde. Nach einem Spanienaufenthalt im Winter 1877/78 studierte er in Paris 1878/79 bei Gaston Paris. Im März 1879 erhielt er einen Ruf an die Univ. Bern als ao. Professor, danach wurde er dort zum Ordinarius ernannt. 1889-1901 war er Ordinarius an der Univ. Zürich. 1901 wurde er an die Akademie für Sozial- und Handelswissenschaft in Frankfurt/Main berufen, deren erster Rektor er 1901-03 war. 1909 lehnte er einen Ruf nach Straßburg ab, 1910 wurde er Nachfolger Adolf Toblers in Berlin. Bis 1918 nahm er hier auch an den Sitzungen der Mittwochs-Gesellschaft teil und referierte u. a. über „Das linguistische Denken“ sowie über Voltaire und François Fénelon.

    In seiner Dissertation hatte sich M. mit syntaktischen Fragen befaßt, anschließend betätigte er sich als Herausgeber mittelalterlicher Texte, darunter „El poema de José“ (1883), „Le pélegrinage de Charlemagne“ (1884), „La folie Tristan“ (1886). Durch Boehmer in die Phonetik eingeführt und durch Hermann Paul und Hugo Schuchardt angeregt, wandte er sich von der vornehmlich der Edition mittelalterlicher Sprachdenkmäler geltenden Philologie ab und beschäftigte sich mehr mit der Erforschung der lebenden Sprachen, wodurch er zum Bahnbrecher der modernen Mundartforschung wurde. Als Schweizer befaßte er sich mit den rätoromanischen Volksliedern Graubündens (Bergell, Surselva), verfolgte mit heute noch beherzigenswerten Argumenten kritisch die Bemühungen um eine rätoromanische Gemeinsprache. In zahlreichen Abhandlungen, Vorträgen und Rezensionen behandelte er linguistische Probleme, darunter die Beziehung zwischen Sprachwandel und Kulturwandel, die Gründe des Lautwandels, das Wesen des Akzents, das Deutlichkeitsstreben, die Wertung der Lautgesetze sowie den Ursprung der altprovenzal. Dichtersprache (1911). M. erkannte die Bedeutung von Gillierons franz. Sprachatlas für die Sprachgeographie. Mehrfach befaßte er sich mit der Entstehung der franz. Mundartgrenzen, zuletzt abschließend in seiner bahnbrechenden Akademieabhandlung „Die sprachliche Gliederung Frankreichs“ (1911).

    Nicht minder vielfältig und fruchtbar war M.s Tätigkeit als Literarhistoriker. Als meisterhafter Stilist erwies er sich in seinen alle romanischen Literaturen einbeziehenden Essais, wie über die Troubadourlyrik, Mistral, Cervantes, Petrarca, Dante, sowie in zahlreichen Aufsätzen über franz. Autoren, vornehmlich der Aufklärung. Insbesondere bemühte er sich dabei um die Richtigstellung von Fehlurteilen über Voltaire. M. besorgte auch die 5. Auflage von H. Hettners „Geschichte der franz. Literatur im 18. Jh.“ (1894, 61912). Dem 16. Jh. galt seine „Geschichte der franz. Literatur im Zeitalter der Renaissance“ (1898, 21914), ein auch für Laien bestimmtes Lehrbuch von klassischer Ausgeglichenheit der Form und Ausgewogenheit des Urteils. Ein Meisterwerk literarischer Darstellungskunst ist seine Synthese von 8 Jahrhunderten romanischen Geisteslebens „Die romanischen Literaturen“ in Paul Hinnebergs „Kultur der Gegenwart“ (1909). Den Fortschritt des Faches förderte M. durch eine eifrige Tätigkeit als Rezensent. 1903-14 war er Herausgeber des romanistischen Teils von Herrigs „Archiv für das Studium der neuen Sprachen“.

    Durch seine auf die Gesamtheit der romanischen Sprachen und Literaturen sich erstreckende Forschertätigkeit gab M. der romanischen Philologie das Gepräge, das sie bis in die Mitte des 20. Jh. bewahrte. In genialer Weise verband er sprachliches und literarisches Verständnis, war Sprachforscher und Literarhistoriker zugleich. Außer dem Französischen, dem sein Hauptaugenmerk galt, bezog er das Spanische, Italienische, Alt- wie Neuprovenzalische, das Rätoromanische in der Schweiz sowie das Kreolische (Aufsätze 1889, 1891 und 1918) in seine Betrachtungen ein. Pädagogischen Fragen aufgeschlossen, trug er entscheidend zur Erneuerung des neusprachlichen Unterrichts an den Schulen bei und setzte sich für die Erwachsenenbildung ein (1909).|

  • Auszeichnungen

    Dr. iur. h. c. (Frankfurt/Main); Ehrenmitgl. d. Herrigschen Ges. Berlin (1907), Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Wiss. (1911).

  • Werke

    Aus Dichtung u. Sprache d. Romanen, Vorträge u. Skizzen, 1. R., 1903 (Nachdr. 1922), 2. R., 1911, 3. R., 1922, hrsg. mit e. Vorwort v. E. Seifert (P).

  • Literatur

    FS z. 25j. Jubiläum seiner Lehrtätigkeit, 1905 (Rez. s. Archiv f. d. Studium d. neuen Sprachen 115, 1905, S. 430-63);
    E. Lommatzsch, in: Archiv f. d. Studium d. neuen Sprachen 142, 1921, S. 78-|94 (P);
    G. Rohlfs, in: Zs. f. roman. Philol. 41, 1921, S. 259-63;
    G. Roethe, in: SB d. Preuß. Ak. d. Wiss., 1921, S. 521-29;
    HBLS.

  • Autor/in

    W. Theodor Elwert
  • Empfohlene Zitierweise

    Elwert, W. Theodor, "Morf, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 100-102 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118784862.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA