Windaus, Adolf

Dates of Life
1876 – 1959
Place of birth
Berlin
Place of death
Göttingen
Occupation
Chemiker ; Biochemiker ; Hochschullehrer ; Arzt
Religious Denomination
evangelisch
Authority Data
GND: 118769227 | OGND | VIAF: 32792573
Alternate Names

  • Windaus, Adolf Otto Reinhold
  • Windaus, Adolf
  • Windaus, Adolf Otto Reinhold
  • Windaus, Adolph

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Citation

Windaus, Adolf, Index entry in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118769227.html [06.01.2026].

CC0

  • Windaus, Adolf Otto Reinhold

    | Chemiker, Biochemiker, * 25.12.1876 Berlin, † 9.6.1959 Göttingen, ⚰Göttingen, Stadtfriedhof. (evangelisch)

  • Genealogy

    V Adolf (1844–76), aus Tuchmacher- u. Fabrikantenfam., Kaufm., Fabr., Bankier in B., S d. Carl, Bankier in Neu Ruppin, u. d. Sophie Caroline Haagen;
    M Margarete Jakobine (Margot) Elster (1849–1934), aus Handwerkerfam.;
    B Carl Alexander (1874–1942), Dr. iur., Kammerger.rat in B., Carl Gustav Adolf (1875–1930), zuletzt in Buenos Aires (Argentinien);
    Charlottenburg b. Berlin 1915 Elisabeth (1894–1970), T d. Johann Matthäus Resau ( v. 1915), Fabr. in Esslingen, u. d. Mathilde Desirée Susette Grünzweig ( n. 1915);
    2 S Günter (1916–91), Untern., Gustav (* 1918), 1 T Gretel (* 1921).

  • Biography

    W., der das Franz. Gymnasium in Berlin besuchte und von den Entdeckungen Robert Kochs (1842–1910) und Louis Pasteurs inspiriert wurde, studierte seit 1895 an der Univ. Freiburg (Br.) Medizin, wo ihn die Vorlesung des Zoologen August Weismann (1834–1914) beeindruckte. 1897 an die Univ. Berlin gewechselt, absolvierte er das Physikum, hörte die Chemievorlesungen Emil Fischers (1852–1919) und ließ sich noch vor dem Physikum in besonderen Kursen in Analytischer Chemie ausbilden. Nach seiner Rückkehr nach Freiburg arbeitete er in dem von Heinrich Kiliani (1845–1955) geleiteten Medizinisch-Chemischen Laboratorium. Er leistete nach der Promotion zum Dr. phil. 1899 bei Kiliani mit der chemischen Dissertation „Neue Beiträge zur Kenntnis der Digitalisstoffe“ den einjährig-freiwilligen Militärdienst in Berlin und wurde Assistent bei Fischer. Während dieser Zeit veröffentlichte er zwei Arbeiten über die Bildung quartärer Ammoniumverbindungen des Anilins. Ende 1901 kehrte W. nach Freiburg zurück und arbeitete, unterstützt durch Kilianis, der eine chemische Verwandtschaft zwischen den Digitalisstoffen und dem Cholesterin vermutete, an seiner Habilitationsschrift „Über das Cholesterin“. 1903 wurde er an der Medizinischen Fakultät habilitiert und 1906 zum apl. Professor an der Univ. Göttingen ernannt. 1913 folgte er als o. Professor für Angewandte Medizinische Chemie an die Univ. Innsbruck auf den nach Graz berufenen Fritz Pregls (1869–1930) und 1915 dem Chemie-Nobelpreisträger Otto Wallach (1847–1931) als Direktor des Allgemeinen Chemischen Universitätslaboratoriums an die Univ. Göttingen (em. 1944).

    Rufe an die Universitäten Heidelberg und Freiburg (Br.) 1925 nutzte er für Bleibeverhandlungen und erhielt ein Höchstmaß an sachlicher und personeller Ausstattung, weshalb sich das Labor unter W.s Leitung zu einer bedeutenden Schule der Naturstoffchemie entwickelte. W.s ablehnende Haltung zum Nationalsozialismus war allgemein bekannt.

    Die Bedeutung des in jeder tierischen Zelle vorkommenden Cholesterins war Anfang des 20. Jh. noch völlig unbekannt. W. war über|zeugt, daß eine so ubiquitäre Verbindung eine grundlegende physiologische Bedeutung haben müsse und forschte seit seiner Dissertation teils allein, teils mit wenigen Mitarbeitern intensiv an der Strukturermittlung, die 1919 gelang. 1928 erhielt W. für seine Arbeiten über Vitamine und Sterole den Nobelpreis für Chemie (Nominierungen auch f. 1926 u. 1927). Seit 1925 beteiligte sich W. auf Einladung des New Yorker Chemikers Alfred Hess an der Erforschung des antirachitischen Vitamins. W. identifizierte mit dem Göttinger Kollegen und Physiker Robert Pohl (1884–1976) das Provitamin D, das Ergosterin, und entwickelte ein Verfahren zu dessen Herstellung, das darin bestand, Ergosterin und andere Sterine mit mehreren Doppelbindungen durch ultraviolettes Licht zu bestrahlen. Diese Erfindung verkaufte er an die Firmen E. Merck, Darmstadt, und I. G. Farbenindustrie, die 1927 eine ölige Lösung von bestrahltem Ergosterin unter dem Namen „Vigantol“ in den Handel brachten. 1931 gelang es W. mit Arthur Lüttringhaus (1906–1992), das Vitamin D zu kristallisieren.

    In den Folgejahren klärten W. und weitere Forscher, u. a. Hans-Herloff Inhoffen (1906–1992), nach Vorarbeiten von John Desmond Bernal, Otto Rosenheim (1871–1955) und Harold King die Struktur von Ergosterin. W. erforschte weitere photochemische Umlagerungsprozesse von Ergosterin und die Vorkommen von Provitaminen in Pflanzen und Tieren. Daraus folgten weitere Präparate aus bestrahltem Ergosterin, später aus Vitamin D2 und D3, die heute noch vertrieben werden. Darüber hinaus untersuchte W. Naturstoffe wie Herzglycoside und Saponine, entdeckte das Gewebehormon Histamin, erkannte die karzinogene Wirkung der UV-Bestrahlung und die Summenformel, Struktur und Synthese des antineuritischen Vitamins (heute: Vitamin B₁).

    W. war einer der führenden Naturstoffchemiker. Ihm gelang es, eine große Schule der Biound Steroidchemie aufzubauen, zu der u. a. Lüttringhaus und Inhoffen sowie Hans Brockmann (1903–1988), Adolf Friedrich Johann Butenandt (1903–1995), Otto Dalmer (1894–1960), Karl Dimroth (1910–1995), Maximilian Richard Ehrenstein (1899–1968), Walter Hückel (1895–1973), Hans Heinrich Lettre (1908–1971) und Arthur Fritz v. Werder (1901–94) zählten.

  • Awards

    Weitere A Nominator f. Nobelpreis f. Chemie (1917, 1924, 1929, 1932–34, 1937, 1949, 1951, 1953–54 u. 1956);
    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. Göttingen (1918) u. d. Leopoldina (1922, Ehrenmitgl. 1943);
    Adolf-v.-Baeyer-Denkmünze (1927);
    korr. Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1927);
    Dr.-Ing. e. h. (TH Hannover u. TH München 1932);
    ao. Mitgl. d. Ak. d. Wiss. Berlin (1936);
    Pasteur-Medaille (1939);
    Goethe-Medaille f. Kunst u. Wiss.;
    Dr. med. h. c. (Göttingen);
    Dr. rer. nat. e. h. (Freiburg, Br.);
    Dr. med. vet. h. c. (Tierärztl. Hochschule Hannover);
    BVK (1951) mit Stern (1956);
    Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1952);
    – A.-W.-Medaille d. Univ. Göttingen (seit 1977).

  • Works

    Weitere W Die Konstitution d. Cholesterins, in: Nachrr. v. d. Ges. d. Wiss. z. Göttingen, Math.-Physikal. Kl., 1919, S. 237–54;
    Sterine u. antirachit. Vitamin, ebd. 1926, S. 175–86 (mit A. Hess);
    Über d. Göttinger Unterss. am antineurit. Vitamin (Aneurin), ebd. 1937, S. 109;
    Sterine als Ausgangsstoffe f. Hormone, Vitamine u. andere physiol. wichtige Verbindungen, in: Nachrr. aus d. Chemie einschließl. physikal. Chemie 1, 1934/38, 1939, S. 59–83.

  • Literature

    |H. Hauptmann u. A. Lüttringhaus, Sonderdr. aus d. Chemiker-Ztg.–Chem. Apparatur 83, 1959, S. 812–14;
    A. Butenandt, Zur Gesch. d. Sterin- u. Vitamin-Forsch., A. W. z. Gedächtnis, in: Angew. Chemie 72, 1960, S. 645–51;
    U. Majer, Vom Weltruhm d. zwanziger J. z. Normalität d. Nachkriegszeit, d. Gesch. d. Chemie in Göttingen v. 1930 bis 1950, in: H. Becker, H.-J. Dahms u. C. Wegeler (Hg.), Die Univ. Göttingen unter d. Nat.sozialismus, ²1998, S. 589–629;
    U. Deichmann, Flüchten, Mitmachen, Vergessen, Chemiker u. Biochemiker in d. NS-Zeit, 2001;
    J. Haas, Vigantol, A. W. u. d. Gesch. d. Vitamins D, 2007;
    H. Stoff, Wirkstoffe, e. Wiss.gesch. d. Hormone, Vitamine u. Enzyme, 1920–1970, 2012;
    Gr. Naturwissenschaftler, hg. v. F. Krafft, ²1986;
    Complete DSB;
    Pogg. V-VII a;
    Lex. Naturwiss.;
    Lex. bed. Chemiker.

  • Portraits

    |Photogr. (Archiv d. Leopoldina);
    Photogr., Abb. in: M. Voit (Hg.), Bildnisse Göttinger Professoren aus zwei Jhh., 1937.

  • Author

    Jochen Haas
  • Citation

    Haas, Jochen, "Windaus, Adolf Otto Reinhold" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 225-226 [online version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118769227.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA