Lebensdaten
1780 bis 1850
Geburtsort
Bramstedt (Holstein)
Sterbeort
Altona bei Hamburg
Beruf/Funktion
Astronom ; Geodät ; Physiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118611593 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schumacher, Heinrich Christian

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Zitierweise

Schumacher, Heinrich Christian, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118611593.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus münsterländ. Fam., d. um 1542 mit d. Weinhändler u. späteren Bgm. v. Hadersleben, Wilhelm aus Coesfeld, nachweisbar ist;
    V Andreas (1726–90), Justizamtmann in Segeberg (Holstein), S d. Paul Gerhard, Buchhalter in Kopenhagen;
    M Sophia Rebecca (1752–1822), T d. Johann Arnold Weddy, Pastor in Wardenburg (Oldenburg);
    1813 Christine Magdalena v. Schoon (1789–1856), aus A.;
    4 S u. a. Richard (1827–1902), Astronom, Observator 1844-50 unter d. Ltg. v. S. an d. Sternwarte in A., 1859-69 in Santiago de Chile, u. a. an d. Landvermessung beteiligt, dann in Kiel (s. Pogg. IV).

  • Leben

    S. besuchte das Christianeum in Altona und studierte seit 1799 Jura an der Univ. Kiel, seit 1801 in Göttingen. 1804 wurde er Hauslehrer in Livland und 1805 Dozent der Rechtswissenschaft in Dorpat (Tartu, Estland). 1806 wurde er in Göttingen in absentia promoviert (De servis publicis populi Romani dissertatio), 1807 erhielt er einen Ruf an den Hof in Kopenhagen und übersiedelte nach Altona, wo er den Spritzenmeister und Instrumentenhersteller Johann Georg Repsold (1770–1830) kennenlernte. 1808 begann der Briefwechsel S.s mit Carl Friedrich Gauß (1777–1855), der bis zu S.s Tod währte und ca. 1400 Briefe von beiden umfaßt. 1808/09 studierte S. bei Gauß in Göttingen Astronomie und wurde bereits 1810 Nachfolger des Astronomen Thomas Bugge (1740–1815) an der Univ. Kopenhagen. 1813 folgte S. einem Ruf an die Sternwarte Mannheim, wurde aber 1815 nach Kopenhagen zurückberufen. 1816 begann er im Auftrag des dän. Kg. Friedrich VI. (1768–1839) mit der Gradmessung Skagen – Lauenburg. 1820 ließ sich S. endgültig in Altona nieder; 1822 wurde in seinem Garten eine vorzüglich ausgestattete Sternwarte fertiggestellt.

    Zusammen mit Gauß nahm S. 1820/21 in Braak bei Ahrensburg eine Basisvermessung vor, die sowohl der hannoverschen als auch der dän. Vermessung zugrunde lag. 1821 übertrug ihm die dän. Regierung die topographische Bearbeitung des Hzgt. Holstein. Im selben Jahr gründete S. die „Astronomischen Nachrichten“, deren erster Band 1823 erschien und die sich bald zum wichtigsten Publikationsorgan der Astronomie entwickelten, während Altona ein Zentrum fachwissenschaftlicher Kommunikation wurde. S. pflegte intensive persönliche und briefliche Kontakte mit führenden Astronomen und Physikern seiner Zeit, u. a. Alexander v. Humboldt, Friedrich Wilhelm Bessel, Wilhelm Olbers, Franz Encke und Hans Christian Ørsted. 1829 begann er mit den Pendelversuchen auf Schloß Güldenstein bei Oldenburg in Holstein; auch widmete er dem neu einzuführenden Kilogrammgewicht große Aufmerksamkeit und führte zahlreiche Präzisionsmessungen durch. 1835 wurde S.s Sternwarte in das internationale erdmagnetische Netz einbezogen, das Gauß und Wilhelm Weber (1804–91) von Göttingen aus aufbauten.

    S.s Werk ist breit gefächert, er verfaßte zahlreiche meist kleinere Beiträge zur Astronomie, zum Vermessungswesen und zur Experimentalphysik. Wiewohl S. sicher nicht zu den bedeutendsten Fachwissenschaftlern seiner Zeit gehört, entfaltete er mit seinen „Astronomischen Nachrichten“ eine seinerzeit unübertroffene Wirkung als Wissenschaftskommunikator.

  • Auszeichnungen

    dän. Dannebrog-Orden (1811); Fellow d. Royal Soc. London (1821); Goldmedaille d. Royal Astronomical Soc. London (1829); korr. bzw. ausw. Mitgl. u. a. d. Ak. d. Wiss. Berlin (1826), Paris (1831) u. Göttingen (1835).

  • Werke

    De latitudine Speculae Mannheimiensis, 1816;
    Hülfstafeln z. Zeit- u. Breitenbestimmung, 10 Hh., 1820-29;
    De latitudine Speculae Havniensis, 1827;
    A comparison of the late imperial Standard Troy pound weight with a platina copy of the same, in: Philosophical Transactions, 1836, T. 2, S. 457-96;
    Ber. über d. Plan v. Altona, 1839;
    Observationes Cometae anni 1585, Uraniburgi habitae a Tychone Brahe, 1845;
    Hg.:
    Astronom. Abhh., 3 Hh., 1823-25;
    Astronom. Jb., 1836-44;
    Korr.:
    C. A. F.|Peters (Hg.), Briefwechsel S.s mit C. F. Gauß, 6 Bde., 1860-65;
    K. R. Biermann (Hg.), Briefwechsel S.s mit A. v. Humboldt, 1979;
    J. Koch (Hg.), Die Briefwechsel v. J. G. Repsold mit C. F. Gauß u. H. C. S., kommentierte Übertragung d. Brieftexte, 2000.

  • Literatur

    C. Olufsen, in: Astronom. Nachrr. 36, 1853, Sp. 393-404 (P);
    J. A. Repsold, ebd. 208, 1918, Sp. 17-34;
    W. Reek (Hg.), H. C. S., Gedenkschr. z. 100. Todestag, 1951;
    L. Brandt, H. C. S. z. 200. Geb.tag, 1980;
    J. Koch, Die Messung d. Braaker Basis 1820/21, in: Mitt. d. Gauß-Ges. 34, 1997, S. 11-23;
    F. Lühning, „… eine ausnehmende Zierde u. Vortheil“, Gesch. d. Kieler Univ.sternwarte u. ihrer Vorgängerinnen 1770-1950 (im Druck);
    Pogg. II, VII a Suppl.;
    Dansk Biografisk Leksikon; Schleswig-Holstein. Biogr. Lex. III, 1974 (Qu, L, P);|

  • Quellen

    Qu: StA Hamburg; Geh. StA Preuß. Kulturbes., Berlin; Univ.bibl. Kiel; Rigsarkiv Kopenhagen; Univ.observatorium Kopenhagen; Royal Observatory, Greenwich.

  • Portraits

    Ölgem. v. Ch. A. Jensen, 1839 (Pulkowo, Sternwarte) u. H. Wolf, 1847 (London, Royal Astronomical Soc.);
    Lith. v. O. Speckter (Kiel, Schleswig-Holstein. Landesbibl.).

  • Autor/in

    Karin Reich
  • Empfohlene Zitierweise

    Reich, Karin, "Schumacher, Heinrich Christian" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 739-740 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118611593.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schumacher: Heinrich Christian S., Astronom, geboren am 3. September 1780 zu Bramstedt in Holstein, am 28. December 1850 zu Altona. S. war der Sohn eines Justizamtmannes, der lange Jahre in dem holsteinischen Städtchen Segeberg lebte, und ward selbst zur juristischen Laufbahn bestimmt. Er studirte demzufolge in den Jahren 1799—1804 theils in Kiel, theils in Göttingen die Rechte, allein obwohl er 1806 an letztgenannter Universität sich die Doctorwürde erwarb und auch mehrere in sein Berufsfach einschlagende Schriften herausgab, so zogen ihn doch von Anfang an die mathematischen Studien bei weitem mehr an. Von seinen Publicationen ersterer Art seien hier genannt: „Disputationum juridicarum specimen“ (1806) und „De servis publicis populi Romani“ (im gleichen Jahre). Auch wollen wir gleich hier daran erinnern, daß S. 1821 „Lieder von Schmidt von Lübeck“ (zweite Auflage 1826) erscheinen ließ. Von 1807—1810 lebte S. in Altona, um sodann als außerordentlicher Professor der Astronomie nach Kopenhagen überzusiedeln. Schon 1813 aber wurde er als Director der Sternwarte nach Mannheim berufen, wo er zwei Jahre weilte. Als jedoch 1815 der bekannte Bugge gestorben war, erhielt S. das nunmehr frei gewordene Ordinariat an der Kopenhagener Hochschule, und diesen Posten bekleidete er fünfunddreißig Jahre lang. Freilich hielt er sich in der dänischen Hauptstadt niemals dauernd auf, denn der Staat erlaubte ihm, für gewöhnlich in Altona zu wohnen und es wurde ihm da sogar ein eigenes Observatorium erbaut.

    Seine litterarische Thätigkeit im Gebiete der exacten Wissenschaften begann S. mit der deutschen Bearbeitung von Carnot's „Géométrie de position“ (zwei Bände, Altona 1807—10). Durch diese Arbeit kam er mit Gauß in persönliche Beziehungen, und diese festigten sich immer mehr, so daß der dreibändige Briefwechsel zwischen beiden Männern, in welchem S. seiner Bewunderung für den genialen Freund übrigens einen mitunter wol gar zu devoten Ausdruck verleiht, als ein überaus werthvolles Sammelwerk für die Gelehrtengeschichte der ersten Hälfte unseres Jahrhundert anerkannt werden muß. Von Gauß angeregt, betheiligte sich S. auch an geodätischen Arbeiten und führte 1817, nachdem er mit einem neuen Apparate eine sehr genaue Basismessung vorgenommen hatte, eine Triangulirung des gesammten damals zu Dänemark gehörigen Festlandes aus, welche sonach vom Herzogthum Lauenburg aus bis zum Vorgebirge Skagen sich erstreckte. Damit stand in engster Verbindung die Bestimmung der Länge des Secundenpendels auf Schloß Güldenstem, an welche sich eine neue Regulirung des dänischen Maßsystemes anknüpfte. Schumacher's zahlreiche Einzeluntersuchungen sind theilweise in Form selbständiger Monographien erschienen, so 1816 die Bestimmung der Polhöhe von Mannheim, 1827 jene der Polhöhe von Kopenhagen, 1828 der offene Brief an Bréguet hinsichtlich einer neuen Pendeluhr, 1845 die kritische Bearbeitung der von Tycho Brahe am Kometen von 1585 angestellten Beobachtungen; dem größeren Theile nach aber finden sie sich in Zeitschriften, so zumal in v. Zach's „Monatl. Correspondenz“. Von ihnen möchte besonders zu nennen sein die Untersuchung über die größte einem gegebenen Viereck einzubeschreibende Ellipse, welche für Gauß den Anstoß zu einer höchst eleganten Auflösung des einschlägigen Problemes abgab. Sehr vieles hat S. durch seine mannigfaltigen Tafelwerke geleistet. Er publicirte verschiedene Sammlungen von astronomischen Hülfstafeln (Kopenhagen 1820—29; ebenda 1822—23), gab in englischer Sprache Ephemeriden der Planeten heraus (ebenda 1821—30; 1834—35; 1838) und besorgte längere Zeit die Leitung des dänischen Kalenderwesens. Entschieden das größte Verdienst um die Sternkunde erwarb sich aber S. nicht sowohl durch eigene Leistungen, als vielmehr dadurch, daß er für sie und zugleich für die ihr nahe stehenden Disciplinen ein Centralorgan ins Leben rief, welches auf deren ganze Entwicklung einen kaum hoch genug zu schätzenden Einfluß ausgeübt hat. Bereits die „Astronomischen Abhandlungen“ (Altona 1823—25) können als Vorbereitung und Einleitung zu dem größeren Unternehmen gelten. Auch das „Astronomische Jahrbuch“ (Stuttgart-Tübingen 1836—44) kam den Wünschen der Fachwelt in geschickter Weise entgegen, und es sind in demselben viele vortreffliche Abhandlungen, ganz besonders aus der Feder Bessel's, vereinigt. An erster Stelle aber stehen die in Form einer fortlaufenden Zeitschrift publicirten „Astronomischen Nachrichten“, deren erstes Heft im J. 1823 ausgegeben worden ist. Ihre Redaction führte S. bis zu seinem Tode; Petersen, Peters und Krüger sind ihm als Herausgeber dieses Journales gefolgt, von dem man ungescheut behaupten darf, daß darin das vornehmste Fachorgan, nicht allein Deutschlands, sondern der ganzen gebildeten Welt zu erblicken ist. Man kann sich leicht denken, daß unserem S. durch dieses Unternehmen eine führende Stellung in seiner Wissenschaft geschaffen ward, die sich auch in zahlreichen äußeren Ehrenbezeigungen kennzeichnete. Die Anzahl der gelehrten Gesellschaften, welche ihn zu ihrem Mitgliede ernannt hatten, war eine überaus große.

    • Literatur

      Astronomische Nachrichten, XXXVI. Bd. — Lübker-Schröder, Lexikon der schleswig-holsteinischen, lauenburgischen und eutinischen Schriftsteller von 1796 bis 1812, S. 559 ff., Altona 1829. — Gersdorfs Repertorium der deutschen und ausländischen Litteratur, IX, 175.

  • Autor/in

    Günther.
  • Empfohlene Zitierweise

    Günther, "" in: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 32-33 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118611593.html#adbcontent

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