Lebensdaten
1796 bis 1840
Geburtsort
Magdeburg
Sterbeort
Düsseldorf
Beruf/Funktion
Dichter ; Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118555553 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Immermann, Carl
  • Immermann, Karl Leberecht
  • Immermann, Karl
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Zitierweise

Immermann, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118555553.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gottlieb Leberecht (1750–1814), preuß. Kriegs- u. Domänenrat, S d. Rektors Ephraim ( 1767) in Großsalze;
    M Wilhelmine (1777–1846), T d. Domvogts Wilda ( 1800) in Magdeburg;
    1839 Marianne (1819–86, 2] 1847 Guido Wolff, Eisenbahndir. in Hamburg), T d. Eduard Niemeyer, prakt. Arzt in M.; Gvv d. Ehefrau August Herm. N. (1754–1828), Kanzler d. Univ. Halle, Theol., Päd. u. Dichter;
    T Caroline ( Heinr. Geffcken, 1896, Politiker, Jurist, s. NDB VI).

  • Leben

    I. wuchs in der nüchternen Luft der Friderizianischen Aufklärung heran, und der Heroenkult, der in seinem Elternhaus mit dem großen Preußenkönig getrieben wurde, zeigte fast die Züge einer Ersatzreligion. Die autoritäre Person des Vaters verschmolz mit der des Königs. Als Kind erlebte I. den Zusammenbruch Preußens und die Kapitulation seiner Vaterstadt Magdeburg. Die Wirklichkeit war stärker als alle kindlichen Phantasieträume, und I. erfuhr „die erste Ahnung von der tiefen Zweideutigkeit und Tücke des Lebens“. Der Widerspruch von Autorität und Autoritätsverlust bestimmte bis in seine Spätzeit hinein das Verhältnis zu seiner Epoche. Im April 1813 bezieht I. die Univ. Halle, um dort wie schon sein Vater Rechtswissenschaften zu studieren. Als im August Napoleon die Univ. Halle aufhebt, kehrt I. nach Magdeburg zurück, wird aber von seinem Vater wieder zurückgeschickt. Im Dez. meldet er sich als freiwilliger Jäger. Jedoch zwingt ihn ein Nervenfieber ein Vierteljahr ins Lazarett. So erreicht er seinen Truppenteil erst auf dem Rückmarsch. Seinen Vater sieht er nicht wieder. Dieser starb am Karfreitag in dem von Tauentzien belagerten Magdeburg. Zwar hatte die Univ. Halle seit dem Juli 1814 wieder geöffnet, aber I. meldete sich 1815 zum 2. Male als freiwilliger Jäger, focht bei Ligny, Waterloo und Paris mit und wurde am Ende des Feldzugs als Offizier entlassen. Das Erlebnis der Befreiungskriege blieb für seinen Bildungsgang bestimmend. Noch 1838 nimmt er am Jubiläumsfest der freiwilligen Jäger in Köln teil und verherrlicht in einer Schrift den patriotischen und bündischen Geist einer großen Vergangenheit. Karl Gutzkow schildert später treffend den Widerspruch von revolutionären und konservativen Impulsen in I.s Charakter: „Wenn I. von geistigen Interessen sprach, war er revolutionär; so oft er|auf Deutschlands politische Lage kam, war er preuß. Beamter und ehemaliger Freiwilliger.“ Im Frühjahr 1817 geriet I. mit der Burschenschaft Teutonia in Halle in einen für ihn bezeichnenden Konflikt. Ein Student entzog sich einer Forderung zum Duell und wurde daraufhin von einem mit Peitschen bewaffneten Haufen überfallen und mißhandelt. Dies wurde für I. zum Anlaß, sich mit den Schriften „Ein Wort zur Beherzigung“ und „Letztes Wort …“ gegen Roheit und Unduldsamkeit der Burschenschaft zu wenden. Er fuhr im Mai 1817 nach Berlin, um dem König den Streit persönlich vorzutragen. Die Burschenschaft wurde kurz darauf aufgelöst. Es war ein mutiger Protest aus Gewissensnot, aber I. geriet in den Verdacht reaktionärer Gesinnung. Selbst Fouqué kündigte ihm noch 1820 auf Grund dieses Streites die Freundschaft, und 1817 wurde auch I.s Erstlingsschrift auf dem Wartburgfest verbrannt. 1818 bestand I. das erste juristische Examen beim Oberlandesgericht in Halberstadt. Nach einer kurzen eintönigen Zeit als Auskultator (Gerichtsreferendar) am Kreisgericht Oschersleben und der 2. juristischen Staatsprüfung wurde er im Nov. 1819 zu seiner ersten richterlichen Tätigkeit an das Generalkommando nach Münster berufen. Diese neue Epoche in Westfalen, 1820 nur durch eine Reise in die Heimat unterbrochen, dauerte bis zu Beginn des Jahres 1824. Im Jahre 1820 lernte er in Dresden L. Tieck kennen, dem er sich bis in seine Spätzeit hinein eng verbunden wußte. In dieser Zeit entstanden I.s heute weitgehend vergessene Jugendwerke. Sie zeigen seine bis ins Bedenkliche gehende Fähigkeit zur Adaption überlieferter Formen. Das gilt nicht nur bis in seine Spätzeit hinein von seiner Lyrik, die recht wahllos den verschiedensten Vorbildern folgt, sondern auch von den Dramen dieser Frühzeit, die deutlich die Spuren Tiecks, Shakespeares, Goethes, ja sogar die der von I. später so kritisch beurteilten romantischen Schicksalstragödie verraten. Noch epigonaler bleiben I.s Lustspiele, die alle in seine frühere Zeit gehören. Weit bedeutender ist der junge I. als Prosaiker und Kritiker. Zwar ist der Roman „Die Papierfenster eines Eremiten“ (1821 entstanden, 1823 gedr.) ohne den Einfluß Jean Pauls und vor allem ohne den des Goetheschen „Werther“ nicht denkbar, aber dieser Eremit erweist sich als ein Werther des 19. Jh., dessen unglückliches Liebesschicksal nicht nur ein Charakterproblem ist, sondern weit mehr noch ein Symptom für die andrängende Macht des Zeitgeistes. Bereits hier setzt I.s Kritik an einer falschen Idealität ein, und die Romantik der Liebe schlägt in den Nihilismus eines gestörten Gleichgewichts der Seele um, die, sie „mag sich sträuben“, wie sie will, „an der verwesenden Zeit …, wie die Schmeißfliege am Kadaver, eine Weile nagen“ muß. Innerhalb der Jugendprosa ist die 1829 in Düsseldorf entstandene Novelle „Der Carneval und die Somnambüle“ ein Kabinettstück I.scher Erzählkunst. Diese in Vor- und Rückgriffen kunstvoll und spannend aufgebaute Erzählung zeigt Verwandtschaft mit der Gesellschaftsnovelle des nachromantischen Tieck, siedelte sich jedoch auf originelle Weise in dem Raume zwischen bürgerlicher Familien- und abenteuerlicher Kriminalgeschichte und scheinbar okkulter Begebenheit an.

    Seit der Zeit in Münster meldet sich I. auch als Rezensent zu Wort. Er verteidigt den alten Goethe der „Wanderjahre“ gegen seinen Verunglimpfer Pustkuchen; er charakterisiert auf kluge Weise die Prosa Achim v. Arnims, er entdeckt vor allem in 3 Rezensionen den jungen Heine als modernen Poeten. Im Dez. 1822 beginnt der Briefwechsel mit Heine, dem 1824 in Magdeburg das persönliche Zusammentreffen folgt. Später freilich, nach Heines Übersiedlung nach Paris (1831), verliert sich der persönliche und literarische Kontakt zwischen beiden. In den 20er Jahren ist die Verbindung jedoch sehr intensiv, nicht nur in der gemeinsamen, etwas unglücklichen Polemik gegen August v. Platen (1829 entsteht in Düsseldorf I.s Travestie „Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Kavalier“), sondern auch in der wechselseitigen Anteilnahme am produktiven Schaffen. In den Umkreis von I.s kritischem Schaffen gehört auch die geistvolle Abhandlung „Über den rasenden Ajax des Sophokles“ (1825), in der das antike mit dem modernen Theater konfrontiert wird. Das für I.s ganzes Leben entscheidende Ereignis war sein Zusammentreffen mit der 8 Jahre älteren Elisa v. Lützow, geb. Gfn. v. Ahlefeld, der Frau des Freikorpsführers Adolf Frhr. v. Lützow, die er 1821 in Münster kennengelernt hatte. Das Verhältnis zwischen beiden erwies sich als eine unglückliche Mischung aus Leidenschaft und Freundschaft. Zwar folgte ihm die 1825 von Lützow geschiedene Elisa im gleichen Jahr nach Magdeburg, wohin I. 1824 als Kriminalrichter berufen worden war, und lebte dort mit ihm und seiner Mutter zusammen; auch als I. im Dez. 1826 als Landgerichtsrat nach Düsseldorf geholt wurde, blieb sie seine Lebensgefährtin und gründete mit ihm einen eigenen Hausstand, aber trotzdem hat sie ihm immer und immer wieder die Ehe verweigert, so daß die von Anfang an belastete Beziehung ins Unklare und halb Verbotene hineingeriet. I. hat aufs schwerste darunter gelitten, besaß aber lange Zeit nicht die Kraft, sich von dem Einfluß der Gräfin zu befreien. Seine Seelenkämpfe spiegeln sich in der frei nach Gryphius gedichteten Tragödie „Cardenio und Celinde“ (1825 entstanden, 1826 gedr.), dem übersteigerten Theater eines absurden Schreckens, das den Zwiespalt zwischen „romantischer“ Liebe und „bürgerlicher“ Eheschließung gleichsam monumentalisiert hat. Aus dem Labyrinth der „Irrtümer des Herzens“ führte kein Weg mehr heraus.

    1826-33, vor und nach der Übersiedlung nach Düsseldorf, entstanden I.s historisierende Schauspiele. Schiller und Kleist bleiben die unverkennbaren, aber auch unerreichten Vorbilder. Am populärsten wurde das patriotische Drama „Andreas Hofer“ (1833, 1835), eine Überarbeitung des noch weit mehr romantisierenden, bereits 1826 entstandenen „Trauerspiels in Tirol“. Gewichtiger ist die in den Düsseldorfer Anfängen herangewachsene Trilogie „Alexis“ (1831 entstanden, 1832 gedr.), eine Ideendramatik von Format, monumentalisierend und psychologisierend zugleich und damit das typische Produkt einer Übergangsepoche, aber ohne den radikalen Willen zu einer neuen realistischen Stilform, wie sie Büchner und in seinen späten geschichtlichen Dramen auch Grabbe erreichten. Vergeblich suchte I. im Drama die ihm gemäße Form zu finden. Sie lag jedoch, wie er später, aber nie ganz sicher erkennt, im modernen Roman, der damals noch im Rang hinter der Gattung Drama zurückstand. Allzu lange kommt I. vom Drama nicht los, selbst in seiner Spätzeit kehrt er mit einem schwachen Stück zu ihm zurück. Seine historisierenden Tragödien leiden an dem Widerspruch des Pathetischen mit dem Psychologischen und spiegeln damit die Problematik eines Zeitalters, der auch Hebbel und Richard Wagner nicht ganz gewachsen waren. Am deutlichsten wird das in der dramatischen Mythe „Merlin“ (1832), die Jacob Burckhardt als ein kongeniales Gegenstück zu Goethes „Faust“ bewundert hat, von der wir jedoch heute einschränkend sagen müssen, daß trotz der Großartigkeit der Konzeption und des spekulativen Tiefsinns der Mangel an künstlerischer Gestaltungskraft unverkennbar bleibt. „Die Figuren erliegen unter der metaphysischen Rüstung“, wie I. sich selbst kritisiert („Memorabilien“). Mit der Übersiedlung nach Düsseldorf begann die geselligste und schöpferischste Zeit in I.s Leben. In diese fruchtbare, den Künsten aufgeschlossene, vorrevolutionäre Zeitspanne von 1827 bis zur franz. Julirevolution von 1830 fallen seine neuen Freundschaften: die mehr vorübergehende mit dem 1814 zum Katholizismus konvertierten Wilhelm v. Schadow, dem Direktor der Rhein. Kunstschule, auch mit den Düsseldorfer Malern, vor allem aber mit dem Dichter Michael Beer, dem Kunsthistoriker Karl Schnaase, dem Dichter Frdr. v. Üchtritz und dem Ehepaar H. Ph. F. und A. v. Sybel. 1831, dem Jahr der ersten Bekanntschaft mit Grabbe, setzt auch die Freundschaft mit F. Mendelssohn-Bartholdy ein; aber trotz I.s bildendem Einfluß auf diese beiden jüngeren genialen Naturen waren beide Beziehungen zum Scheitern verurteilt. Die Gegensätze der Charaktere stellten sich, besonders im Fall Grabbe, als zu groß heraus. 1829 entsteht das Beer gewidmete komische Heldenepos „Tulifäntchen“ (1830, 1835 verändert). Dieser „epische Kolibri“ (Heine), der die überlieferte Form des Epos bereits parodiert und zu dem Heine zahlreiche Verse beigesteuert hat, ist in seiner Drolligkeit und Anmut I.s heiterste Schöpfung. Das auch den „Merlin“ beherrschende Motiv des Widerspruches konnte in diesem Fall ins Komische abgewandelt werden. Das hier erreichte Gleichgewicht von märchenhaft naiver Poesie und gewollter zeitkritischer Satire macht „Tulifäntchen“ auch heute noch zu einem liebenswürdigen Kleinepos von Rang.

    In den 30er Jahren sammelt I. neue Erfahrungen, die sich in seinen zahlreichen Reiseberichten niederschlagen, vor allem im „Reisejournal“ von 1833, das auf eine Herbstreise nach Süddeutschland, Sachsen und Hannover 1831 zurückgeht, aber auch in den Erinnerungen an seine Reise an Ahr und Lahn und an die Werther-Stätte Wetzlar. Sept. 1832, an seine Reise nach Tirol, Herbst 1833, und an seine Herbstreise 1837 nach Franken und Thüringen. Seine Reiseschilderungen sind Vorstufen für die großen Romane. Das zeigt sich ebenso in ihrer Mischung von Reflexion, freier Erfindung und realistischer Schilderung wie in der Auseinandersetzung mit der eigenen zwiespältigen Epoche an der Grenze von Restauration und Revolution. Denn mit der franz. Julirevolution drangen, wie es in den „Memorabilien“ heißt, „die Kritik, die Skepsis, der Materialismus unwiderstehlich in alle Geister“. 1832-37 spielte I. eine entscheidende Rolle in der deutschen Theatergeschichte. Er schuf aus bescheidenen Anfängen die Düsseldorfer „Musterbühne“, an der zeitweilig auch Mendelssohn als Operndirektor und Grabbe als Rezensent beschäftigt waren. Was mit der öffentlichen Vorlesung dramatischer Meisterwerke durch I. begann, wurde mit der|Gründung eines provisorischen Theatervereins weitergeführt und gipfelte 1834 im neugegründeten Stadttheater zu Düsseldorf mit I. als Intendanten. Am 22.10. ließ er sich für 1 Jahr vom Staatsdienst beurlauben, konnte jedoch keine Verlängerung erreichen und mußte in sein wenig geliebtes juristisches Amt zurückkehren. Trotzdem gab er seine Tätigkeit als Leiter des Theaters noch nicht auf. Aber die von Staat und Stadt zu wenig unterstützte Bühne konnte sich nicht halten und schloß am 31.3.1837 mit einer glanzvollen Aufführung von Friedrich Halms „Griseldis“. Der Schwerpunkt der Düsseldorfer Bühne lag auf den sorgfältig einstudierten klassischen Werken von Lessing, Goethe, Schiller und Kleist, aber auch von Shakespeare und Calderon, mit denen I. sich wiederholt kritisch auseinandergesetzt hat. Er suchte als Intendant und Regisseur zwischen Goethes stilisierendem und F. L. Schröders naturalistischem Theater zu vermitteln. Trotz allem Festhalten an der Schönheit der Rede räumte er auch dem Charakteristischen der Darstellung den ihm gebührenden Raum ein.

    1836 erschien I.s bedeutender Roman „Die Epigonen“ Er hat damit die neue Gattung des Zeitromans in Deutschland durchgesetzt. Zwar ist die Abhängigkeit von Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ unverkennbar, aber „Die Epigonen“ geben darüber hinaus ein selbständiges Gemälde von den Schicksalen der zwischen den Freiheitskriegen und der Restauration herangewachsenen Generation. Eine abenteuerliche, in die Vergangenheit zurückreichende Handlung verbindet sich hier mit zahlreichen kritischen Reflexionen über das eigene Zeitalter. „Die Epigonen“ wurden nach dem Urteil des jungen Engels zum „Grablied“ einer vergangenen Generation, von der I. gleichsam Abschied nimmt und deren Vergangenheit er so überwindet. Im Juli 1838 erhielt I. die Ehrendoktorwürde der Univ. Jena. Im Sept. des gleichen Jahres lernt er auf einer Reise nach Magdeburg im Hause des Bruders Ferdinand die damals erst 19jährige Marianne Niemeyer kennen, mit der ihm – nach unvermeidlichen Auseinandersetzungen mit Elisa – das späte, nur allzu kurze Glück einer Ehe vergönnt war. Eine am 7.10. angetretene Reise nach Hamburg führte zu persönlicher Bekanntschaft mit den jungdeutschen Schriftstellern Gutzkow und Wienbarg, denen I. sehr aufgeschlossen gegenüberstand. Im Aug. 1840, knapp 14 Tage nach der Geburt seiner Tochter Caroline, wurde I. allzu früh aus einem erfüllten Leben gerissen. Deutschland verlor mit ihm nach Heines Worten einen großen Dichter, den es dennoch nie richtig gekannt hat.

    In I.s letzter Epoche waren 1837-39 sein großer Roman „Münchhausen“ und seine unvollendet gebliebenen „Memorabilien“ entstanden (postum 1840 u. 1843). Der „Münchhausen“, „eine Geschichte in Arabesken“, gehört zu den wenigen Höhepunkten der satirisch-humoristischen Dichtung in Deutschland. Doch ist es bis heute umstritten, wieweit es I. gelungen ist, die beiden abwechselnd aufeinander bezogenen Partien der Münchhausen-Handlung und der westfäl. Bauerngeschichte des „Oberhof“ zu einer künstlerischen Einheit zu verschmelzen. Auf der einen Seite steht ein konstruktiv artistischer Stil, der der romantischen Ironie manches verdankt, aber auch schon auf den nachrealistischen Roman der Moderne hindeutet, auf der anderen Seite die Kritik am schrankenlosen Subjektivismus und die positive Wertung der organischen, objektiven Lebensformen. Das schon in den Frühwerken anklingende Motiv vom Narrentheater der Welt wird zum Mittelpunkt einer sehr kunstvollen Komposition. Zugleich setzt sich aber auch die für die nachfolgende Zeit so zentrale Darstellungsform des poetischen und bürgerlichen Realismus im „Münchhausen“ durch. Schon der Kritiker I. wußte, daß alle neuzeitliche Poesie einer widerspruchsvoll gewordenen gesellschaftlichen Realität nicht mehr ausweichen durfte; „sie will sich finden in der Wirklichkeit“. Das zeigt sich auch in seinen Lebenserinnerungen. Die „Memorabilien“ sind nicht so sehr Autobiographie im engeren Sinne als weit mehr Geschichtsschreibung. I. will nur dort erzählen, „wo die Geschichte ihren Durchzug durch mich hielt“. Seine „Memorabilien“ vereinigen noch einmal literarische Kritik mit Zeitanalyse, behalten aber dabei den Charakter individueller „geistiger Konfessionen“. Trotz der erheblichen Unterschiede des Ranges in I.s zahlreichen Publikationen, trotz seiner nie ganz überwundenen Abhängigkeit von fremden Mustern gehört er zu den klügsten Schriftstellern, die Deutschland hervorgebracht hat. Er hat mit Witz und Phantasie, vor allem aber mit entschiedenem Engagement für seine Zeit geschrieben und, indem er das Epigonentum analysierte, es zugleich überwunden.

    Als Autor einer Übergangsepoche steht I. zwischen Goethezeit, Romantik und Realismus. Er war noch Poet im traditionellen, aber auch schon Schriftsteller im modernen Sinne. Er repräsentiert die widersprüchlichen geistigen, literarischen und politisch-sozialen Strömungen seines Zeitalters zwischen Restauration und Revolution, zwischen Romantik und beginnendem Realismus, zwischen absterbendem Adel und aufstrebendem Bürgertum. Sein Werk erreichte dort seinen Höhepunkt, wo I. zum satirischen Diagnostiker seines Zeitalters wurde. Jedoch blieb seine Wirkung auf Deutschland beschränkt, seine Werke sind „nicht recht ins Europäische durchgedrungen“ (Thomas Mann). Von der Literaturgeschichte lange vernachlässigt, wurde er dennoch von so verschiedenartigen Autoren wie Gutzkow, Laube, Heine, Eichendorff, A. v. Droste, C. F. Meyer, Storm, Raabe, Hofmannsthal, Wassermann, H. Hesse und R. A. Schröder mehr oder weniger bewundert. Seine positive Wirkung erstreckte sich noch auf Jacob Burckhardt, Friedrich Engels und den jungen Wilhelm Dilthey. Daneben stand freilich ebenso die unüberhörbare Kritik F. Th. Vischers, auch die Fontanes und Thomas Manns. I. galt als Epigone der Goethezeit und zugleich als Überwinder des Epigonentums. Beide Urteile sind berechtigt. Sein künstlerisches Schaffen behielt etwas Mühsames, aber das Dualistische, Unabgeschlossene, von innen her Fragmentarische ist paradoxerweise zugleich seine Stärke gewesen und ließ ihn nach naiven, epigonalen Anfängen mit seinen beiden großen Romanen und seinen Lebenserinnerungen zu einem Vorläufer der Moderne werden.

  • Werke

    Ausgg.: Ausg. letzter Hand: K. I.s Schrr., Bd. 1-11, 1835-39, Bd. 12-14, 1840-43 (postum);
    Vollständigste Textausg.: I.s Werke, hrsg. v. R. Boxberger, 20 T., 1883;
    Krit. u. kommentierte Ausgg.: I.s Werke, hrsg. v. H. Maync, 5 Bde., 1906;
    Werke, hrsg. v. B. v. Wiese, Bd. 1-4, 1971-73 (5 in Vorbereitung). -
    Michael Beers Briefwechsel, hrsg. v. E. v. Schenk, 1837;
    K. I., Sein Leben u. s. Werke, aus Tagebüchern u. Briefen an s. Fam. zusammengest., hrsg. v. G. zu Putlitz, 2 Bde., 1870.

  • Literatur

    ADB 14;
    F. Engels, I.s Memorabilien, in: Telegraph f. Dtld., April 1841, Nr. 53-55, auch in: Meisterwerke dt. Lit.kritik II, hrsg. v. Hans Mayer, 1956;
    R. Fellner, Gesch. e. dt. Musterbühne, K. I.s Leitung d. Stadttheaters zu Düsseldorf, 1888;
    Th. Zielinski, Die Tragödie d. Glaubens, Betrachtungen zu I.s Merlin, in: Neue Jbb. f. d. klass. Altertum 4, 1901;
    H. Herrmann, Rezension zu H. Mayncs Ausg. v. I.s Werken, in: Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen u. Lit. 64, Bd. 125, 1910;
    H. Maync, I., Der Mann u. s. Werk im Rahmen d. Zeit- u. Lit.gesch., 1921;
    J. Risse, in: Mitteldt. Lb. I, 1926, S. 142-52 (L, P);
    H. W. Keim, I.s kunstkrit. Schrr., 1927;
    F. Gundolf, in: Romantiker, NF, 1931;
    K. Hecker, Mensch u. Masse, Situation u. Handeln d. Epigonen, gezeigt an I. u. d. Jungdeutschen, 1933;
    B. v. Wiese, Zeitkrisis u. Biedermeier in Laubes „Das junge Europa“ u. in I.s „Epigonen“, in: Dichtung u. Volkstum 36, 1935;
    ders., I.s „Münchhausen“ u. d. Roman d. Romantik, in: Formenwandel, Festschr. z. 65. Geb.tag v. P. Böckmann, 1964;
    ders., Von Lessing bis Grabbe, 1968;
    ders., K. I, Sein Werk u. s. Leben, 1969 (L, Zeittafel);
    E. Guzinski, I. als Zeitkritiker, 1937;
    H. G. Gadamer, K. I.s Chiliast. Sonette, in: Neue Rdsch. 60, 1949, wieder in: Kleine Schrr. II, 1967;
    ders., Zu I.s Epigonen-Roman, in: Auf gespaltenem Pfad, Festschr. f. M. Susman, 1964, wieder in Kleine Schrr. II, 1967;
    M. Windfuhr, I.s erzähler. Werk, Zur Situation d. Romans in d. Restaurationszeit, 1957 (W, L);
    W. Höllerer, Klassik u. Moderne, Lachen u. Weinen in d. Dichtung e. Übergangszeit, 1958;
    Hans Mayer, in: Von Lessing bis Thomas Mann, 1959, S. 247-72;
    Herman Meyer, K. L. I., „Münchhausen“, in: ders., Das Zitat in d. Erzählkunst, 1961;
    H. Moenkemeyer, I.s Merlin, Die Tragödie d. selbsternannten Erlösers, in: Jb. d. dt. Schillerges. 5, 1961;
    K. I., Im Schatten d. schwarzen Adlers, Ein Dichter- u. Zeitbild in Selbstzeugnissen, Werkproben, Briefen u. Berr., hrsg. v. F. Böttger, 1967;
    Goedeke VIII, S. 592-621, XI, 1, S. 358-64 (W, L);
    Eppelsheimer I-XII;
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Portraits

    Gem. v. W. v. Schadow, 1829, Abb. b. Wilpert, Literatur in Bildern;
    Stich v. X. Steifensand nach e. Handzeichnung v. K. F. Lessing, 1837;
    Kupf. v. J. v. Keller nach Zeichnung v. Th. Hildebrandt, 1839, Abb. b. Könnecke.

  • Autor/in

    Benno von Wiese
  • Empfohlene Zitierweise

    Wiese, Benno von, "Immermann, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 159-163 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118555553.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Immermann: Karl Leberecht J., geb. am 24. April 1796 zu Magdeburg, am 25. August 1840 zu Düsseldorf, war der älteste Sohn des Kriegs- und Domainen-Raths J., eines preußischen Beamten aus der Schule Friedrichs des Großen, dessen hohe Verehrung den Kindern früh durch den ernsten Vater eingeprägt wurde, welcher sorgsam über der Erziehung seiner Söhne wachte. Seine Schulbildung erhielt der Knabe auf dem Gymnasium des Klosters „Unserer Lieben Frauen“, dessen Classen er schnell durchlief, so daß er mit 17 Jahren die Universität Halle beziehen konnte. Seine rasche Auffassung, sein Interesse an geistigen Dingen, verbunden mit regem Fleiße und unerschöpflicher Lebendigkeit, machten ihn früh zum Liebling seiner Lehrer. Sein Studienleben war ein bewegtes und zerrissenes, er selbst beklagte wol, daß ihm der solide Grund der Bildung deshalb fehle. Als er kaum seine Studien begonnen hatte, wurde die Universität durch Napoleon aufgehoben, und da er, nach des Vaters Befehl, trotzdem in Halle bleiben mußte, so vertiefte er sich in seiner Einsamkeit in die Lectüre hyperromantischer Schriften: Gräfin Dolores, v. Arnim und dergleichen, bis ihn Friedrich Wilhelms „Aufruf an mein Volk“ zu den Waffen rief. Er ward in das erste Jägerdetachement des Leib-Infanterieregimentes aufgenommen, aber ein heftiges Nervenfieber fesselte ihn ein Vierteljahr an das Krankenlager, und er erreichte sein Detachement erst, als der erste Feldzug zu Ende war, und lernte erst bei Ligny und Waterloo den Donner der Schlachten kennen. Als Offizier entlassen, kehrte er zu seinen Studien nach Halle zurück, die um so ernster waren, als er inzwischen seinen Vater verloren hatte, und es nun galt möglichst bald selbständig zu werden. Aber neue Aufregungen traten heran, als das freie Studentenleben durch die Uebergriffe einer geheimen Verbindung „Teutonia“ beeinträchtigt wurde. Diese maßte sich das Schiedsrichteramt an über alle studentischen Verhältnisse, ließ zuletzt einen armen Studenten, der Nachdruck verkauft und Satisfaction zu geben verweigert hatte, mit Hetzpeitschen überfallen und zu Boden werfen. In der ganzen Stadt herrschte Empörung über diese Rohheit und J. setzte eine Erklärung auf, die von zahlreichen Commilitonen unterschrieben ward, zunächst aber neue Unruhen hervorrief. Die akademische Behörde griff nicht ein, die Unterzeichneten mußten Schutz beim Könige suchen, und J. mit zwei Commilitonen überbrachte diesem eine Immediateingabe. Nachdem der Curator ein äußerst günstiges Zeugniß über den Studiosus J. abgegeben, wurde die „Teutonia“ polizeilich aufgelöst. Der Vorfall hatte aber dennoch manches Nachtheilige; das unstudentische Verfahren weckte allerhand Bedenken und rief Vorurtheile hervor, namentlich da, wohin die Sache halb wahr oder entstellt drang, und J. selbst lernte früh, stolz die Menge verachten, und die schroffe Unabhängigkeit, die ihn lange isolirt hat, wuchs durch diese Ereignisse.

    Im Herbst verließ er die Universität, machte in Halberstadt im Anfang des J.1818 sein erstes Examen, arbeitete dann, theils in Oschersleben, theils in Magdeburg als Auscultator, und bestand im Mai 1819 sein zweites Examen. Im November dieses Jahres ward er als Auditeur nach Münster berufen und trat zuerst aus dem Kreise der Familie und Jugendfreunde, dem er warm anhing,|in welchem aber sein zweiter Bruder Ferdinand die einzige bedeutende Persönlichkeit war. Es ist ihm nicht das Glück geworden sich unter mitstrebenden Genossen zu entwickeln, man bewunderte kritiklos die ersten Regungen seines Talentes, wie es sich zunächst in Gelegenheitsgedichten, bei den Geburtstagen und sonstigen Festen in der Familie zeigte. Größere Anschauungen von Welt und Leben, einen neuen Boden, bedurfte er zur weiteren Entwickelung des sich mächtig in ihm regenden Schaffensdranges. Eine Liebestäuschung schmerzlicher Art, die ihn tief verwundet hatte, weckte die Sehnsucht nach außen zu gestalten, was ihn innerlich verzehrte, und aus dem Conflict seines Herzens entstand sein erster Roman „Die Papierfenster eines Eremiten“. Er enthält Bekenntnisse, ist aber nicht einfach als eine Selbstbiographie zu betrachten. Der Eremit erschien erst später, einige Gedichte wurden zunächst im Frauentaschenbuch von 1820 durch Fouqué's Vermittelung veröffentlicht, der anfänglich Immermann's Annäherung sehr entgegen kam, bis er sein Auftreten in der Studentenangelegenheit erfuhr und den Verkehr schroff abbrach. Das Drama stand vor dem jungen Dichter als höchste Aufgabe und hat ihm viel zu schaffen gemacht, ehe er einsah, daß seine schönsten Erfolge auf einem andern Felde blühten. Sein erstes Trauerspiel „Das Thal von Ronceval“ beendigte J. in der Neujahrsnacht 1820. Im Lauf des Jahres dichtete er darauf den „Edwin“ und den „Petrarca“ und diese wurden mit dem Eremiten und einer Sammlung Gedichte im nächsten Osterkatalog angekündigt (Schulz und Wundermann, Hamm). Bald darauf erschien bei Büchler in Elberfeld noch „König Periander“, ein wenig beachtetes Trauerspiel. Mit dem „Prinzen von Syrakus“, einem Lustspiel zur Hochzeit seiner einzigen Schwester gedichtet, trat er im J. 1821 zuerst selbständig in die Oeffentlichkeit. Und nun jagte ein Plan den andern, und mit unglaublicher Geschwindigkeit gestalteten sich dieselben zu concreter, wenn auch nicht gerade vollendeter Form. J. stand noch ganz unter dem Einfluß der Romantik, in die er vielleicht gerade durch den Gegensatz gerathen, welchen sie zu dem schlichten Leben seiner Kindheit bildete. Seiner Phantasie that es wohl, sich in schrankenloser Laune über eine einengende Wirklichkeit in eine, von ihr geschaffene Welt heben zu lassen. Gestaltungskraft besaß er so gut wie seine Vorbilder, aber ihm fehlte die leichte Anmuth, durch welche sie über ihren Irrthum zu täuschen wußten. Gewiß hätte er schon früher sich auf den gesunden Boden gestellt, auf dem seine reifsten Schöpfungen entsprangen, hätte nicht in Münster sich sein persönlichstes Leben auch in einen romantischen Irrthum verflochten, der ihn durch lange Jahre in Bann hielt. Eine Freundschaft, welche er mit der Frau Elise v. Lützow, geb. Gräfin Ahlefeldt (s. Bd. I. S. 160) schloß, ward für beide verhängnißvoll, sie überschritt leidenschaftlich ihre Grenzen und führte zur Trennung der allerdings nicht glücklichen Lützow'schen Ehe. Als J. Münster verließ, folgte ihm die Freundin nach Düsseldorf, ohne sich zu einer Heirath mit ihm zu entschließen, und trennte sich erst von ihm, als in dem Dichter im J. 1839 noch ein Mal eine jugendliche Liebe erwachte, und er sich mit Marianne Niemeyer verheirathete. Die Biographien der Gräfin Ahlefeldt und Immermann's enthalten die näheren Details über dies seltsame Verhältniß, das aber neben dem Schatten, den es auf sein Leben warf, demselben viel reiche Förderung gab.

    Eine sehr feine ästhetische Abhandlung in der Form eines Briefes über die Entstehung des Kunstwerks und das Wesen der Poesie rührt noch aus dem J. 1822. Ob die Entstehung der Idylle „Die Brüder“, in die Münster'sche Zeit fällt, ist nicht nachzuweisen, doch dichtete er in derselben Zeit noch „Das Auge der Liebe“, welches wiederholt auf der Königsstädter Bühne 1830 gegeben ist und eine reizende Novelle „Der neue Pygmalion“. Auch bot ihm eine Ueberfetzung|von Scott's „Ivanhoe“ eine anziehende Beschäftigung in der leidenschaftlich aufgeregten Stimmung, in welche ihn das Verhältniß zu Frau v. Lützow mehr und mehr versetzte. Nach langem Kampfe entschloß er sich im September 1823 einen Ruf als Criminalrichter in Magdeburg anzunehmen, hoffend dieses Verhältniß durch eine Trennung in gesundere Bahnen zu lenken; aber er verlebte trübe Jahre in seiner Vaterstadt, bis er im März 1827 dieselbe verließ. Nachdem er sein letztes Examen glänzend bestanden, eine saure Aufgabe für den gereiften Mann, ward ihm die Stelle eines Landgerichtsrathes in Düsseldorf angeboten, und dort erst sollte sein Leben reicher und voller sich entfalten, in einem geistigen, poetisch empfänglichen und anregenden Kreise. Auch in Magdeburg war Mancherlei entstanden. Seine erste Arbeit, eine Abhandlung über den rasenden Ajax des Sophokles aus dem Jahre 1824, zunächst durchaus nicht für das größere Publikum, gewann aber in einem kleineren Kreise Anerkennung und besonders W. v. Humboldt sprach sich sehr lobend darüber aus. In zwei größeren Dramen und einem Lustspiel, nach dieser kritischen Arbeit, zeigte der Dichter, welche seltsamen Gegensätze in ihm lebten. Das Trauerspiel „Cardenio und Celinde“ klang herb und schroff und schien den Nahestehenden fast wie ein Schmerzensschrei aus der wunden Brust des Dichters. Es rief eine größere Wirkung hervor als alle früheren Arbeiten. Tadel und Bewunderung traten stärker hervor, namentlich Börne gab Beidem Ausdruck. Neben scharfem Tadel rühmt er die dichterische Kraft und Fülle, die sich selbst in den Fehlern ausspreche, und schließt seine Besprechung mit den Worten: „Des Dichters Kraft fehlt noch die Anmuth; wohl nicht auf immer, denn sie fehlt der Kraft“.

    Ein kleines Lustspiel, „Die schelmische Gräfin“, in welchem die poetische Form besonders sorgfältig behandelt ist, schlug bald darauf einen ganz anderen Ton an, und gehört zu den Stücken, die von Zeit zu Zeit über die Bühne gegangen sind, ist nun aber ziemlich vergessen.

    Die letzte Dichtung, die auf dem Boden der Heimath reifte, gehört zu Immermann's edelsten Schöpfungen und „Das Trauerspiel in Tirol“ wird seinen Namen erhalten und der Nation verständlich bleiben, trotz seiner Schwächen, die sich besonders da nicht verbergen ließen, wo man das Hofer-Stück auf die Bühne brachte. Es ward das nur durch eine Bearbeitung möglich, welche Eduard Devrient und G. z. Putlitz mit Geschick und Takt unternahmen. Nun hatte J. einen gesunden Boden betreten, ließ das Schwanken zwischen Alterthum und Romantik hinter sich, stellte seine Dichtungen ins volle warme Leben seines Volkes und gab ihnen klar das Gepräge seines eigenen Wesens. Im März 1827 kam J. nach Düsseldorf, und in die Zeit, die er als „Düsseldorfer Anfänge“ bezeichnet. Seine etwas schwerfällige Natur konnte sich nicht gleich zurecht finden in dem fröhlichen Treiben des Düsselvölkchens, in welchem er sich um so weniger frei bewegte, als ihn die Frage beklommen machte, wie sich die Gräfin A. zu den neuen Bekanntenkreisen stellen würde, die ihn freundlich empfingen. Sie war ihm nach Magdeburg gefolgt, und J. miethete sobald er nach Düsseldorf kam, ein kleines Haus für sie im Hofgarten, verließ auch bald seine städtische Wohnung, um dasselbe mit ihr zu bewohnen, wodurch anfänglich Staunen und Mißtrauen hervorgerufen ward. Aber allmälig wurde diese Häuslichkeit der Mittelpunkt einer geistreichen, poesievollen, seinen und gesuchten Geselligkeit. J. lebte daneben in größeren Kreisen, hatte seine eigenen Verbindungen in den Kreisen des Adels und der Künstler, und sein Name führte manchen Besuch aus der Ferne ihm zu, Heine, Varnhagen, Schlegel, Häring kamen wiederholt und warme Freundschaft verband ihn mit Mich. Beer und später Felix Mendelssohn. Er kam zum Bewußtsein seiner selbst, gewann neue Anschauungen und weitern Blick für die Erscheinungen des äußern Lebens.

    Die erste Dichtung, welche in Düsseldorf entstand, sind „Die Verkleidungen“. Das Stück fand wenig günstige Aufnahme und befriedigte ihn selbst nicht. Aber Immermann's elastische Natur wandte sich schnell wieder zu einer ernsten Aufgabe: „Kaiser Friedrich II.“, mit Begeisterung geschrieben, fand auch begeisterte Theilnahme und namentlich von Seiten Schadow's, der in dem Stück eine Annäherung Immermann's zum Katholicismus fand, mit dem sich derselbe allerdings damals eingehend beschäftigte. Dem „Kaiser Friedrich" folgte „Die Schule der Frommen", ein wenig erquickliches, schnell vergessenes Lustspiel, das letzte, was J. verfaßte, obgleich er noch manchen Plan in sich trug. Eine neue Sammlung von Gedichten erschien bei Cotta 1829, und gleichzeitig ward J. zum Kampf mit Platen gereizt, welcher ihm von mancher Seite sehr verargt wurde, und falsche Vorurtheile wider ihn, namentlich da erweckte, wo er noch nicht Fuß gefaßt hatte. Er schrieb als Erwiderung der „Verhängnißvollen Gabel", in der er satirisch mitgenommen war, „den im Irrgarten der Metrik umhertaumelnden Kavalier", und sobald er damit sich von dem Aerger über Platens Angriff frei gemacht hatte, finden wir ihn bei dem heitern und anmuthigen Epos „Tulifäntchen", welches immer zu seinen Lieblingskindern gehörte, und sich dauernd einen Leserkreis gewinnt. Fast gleichzeitig war der „Carneval und die Sonnambüle" erschienen (1830), eine sehr pikante Erzählung, zu welcher er den Gedanken bei einem Besuche des Kölner Carnevals gefaßt und in welche er manche Reminiscenzen aus seiner criminalrichterlichen Thätigkeit verwob. So kam das Jahr 1830 heran, die heitere Unbefangenheit der Düsseldorfer Anfänge hatte ein Ende. Die Julirevolution brach aus; „die Kritik, die Skepsis, der Materialismus traten in alle Geister", sagt J. Die Pariser Katastrophe erschütterte ihn gewaltig und schob für eine Weile alle eigenen Produktionen in den Hintergrund. Aber sein eigenstes Leben quoll doch wieder hervor, er wendete sich ab von der Politik und ein gigantischer Stoff nahm seine ganze Kraft in Anspruch, der „Alexis“, welcher nach manchen Umarbeitungen als Trilogie 1831 vollendet wurde, deren 3 Theile „Die Bojaren“, „Das Gericht von St. Petersburg“ und „Eudoxia“ sind. Das tragische Geschick Peters des Großen und des unglücklichen Alexis ist darin behandelt und das Schauspiel eines ungeheuren Irrthums, welches der Stoff bot, wie J. sagt, führte ihn an die letzte Grenze des Erlaubten, doch hoffte er, daß er nicht ins Gräßliche verfallen sei. Die ersten beiden Theile sind großartig und erschütternd, der letzte klingt elegisch und nicht natürlich aus. Nach dieser aufregenden Arbeit konnte J. im Herbst 1831 ein Mal wieder eine längere Reise unternehmen, deren mythische Geschichte das Reisejournal im 21. Bande seiner Schriften enthält.

    Immermann's Leben hatte durch die Berufung von Friedrich von Uechtritz und Karl Schnaase reichen Inhalt erhalten und das Verhältniß zu letzterem erhielt eine besondere Weihe durch die Förderung, welche er dem „Merlin“ gab, der während des Winters 1831—32 nach Gestaltung rang. J. selbst stellte dies tiefsinnige Gedicht weit über alle seine Schöpfungen, hätte aber selbst kaum einen Commentar über dasselbe geben können. Er nennt es „die Tragödie des Widerspruchs“ und hat die tiefsten Töne seines Wesens hineingeheimnißt, wie es Goethe nennt. Seine Religion, sein Hassen und Lieben, seine ganze Weltbetrachtung legte er darin nieder, und wunderbar wird das Gemüth berührt, das sich mit hingebender Sympathie in die Dichtung vertieft.

    Im Winter 1832—33 entwickelte sich für J. eine ganz neue Thätigkeit, welche ihn während der folgenden drei Jahre fast ausschließlich in Anspruch nahm. Schon während seiner Schulzeit zeigte er eine große Neigung zur dramatischen Kunst, mit welcher er auch seine Mitschüler zu dramatischen Darstellungen begeisterte, als Student empfing er unvergeßliche Eindrücke durch die Aufführungen der Weimarischen Truppe unter Goethe's Leitung, welche er in Lauchstädt bei Halle sah, und bei gelegentlichen Aufenthalten in Berlin war das Theater ein Hauptanziehungspunkt für ihn. Seinen Hofer hatte er schon früher den Düsseldorfer Schauspielern einstudirt, ein neu erbautes hübsches Schauspielhaus erweckte den Gedanken, durch einzelne sorgfältig einstudirte, sogenannte Mustervorstellungen dem Publikum einen höheren Genuß zu verschaffen als ihm bisher geboten und die Schauspieler zu besonderen Aufgaben heranzubilden. Durch die zwei nächsten Winter gingen diese Mustervorstellungen, die J. leitete, und während derselben reifte der Plan zur Bildung einer echt künstlerischen Bühne, der nach Ueberwindung unzähliger Schwierigkeiten im Herbst 1834 zu Stande kam, da J. sich bereit erklärte als Intendant an die Spitze des Düsseldorfer Stadttheaters zu treten, und zu diesem Zwecke ein Jahr Urlaub erhielt. Ehe wir ihn in dieser Thätigkeit verfolgen, betrachten wir die Zeit der Vorbereitung noch einen Augenblick. — Nach der Herbstreise beschäftigte ihn sehr angenehm die Redaction des Reisejournals, er legte darin seine Ansicht über viele Dinge und Personen nieder und verstimmte Manchen durch seine Urtheile, namentlich die süddeutschen poetisch politischen Kreise fühlten sich hart und oberflächlich beurtheilt. Das Wehen des Lenzes lockte 1833 das allerliebste Frühlingscapriccio hervor, welches neben dem Reisejournal in den gesammelten Schriften (21. Band) erschien, deren Verlag Schaub in Düsseldorf in diesem Jahre übernahm. Im Sommer hatte er das Glück wieder eine größere Reise zu machen und Tirol kennen zu lernen, den Schauplatz zu betreten, auf dem sein Hofer spielte. — Der Winter, der sich daran schloß, trug ein unruhiges Gepräge durch die Vorbereitungen für das neue Theater und J. fühlte sich völlig unproductiv, zu Ostern suchte er festen Halt zu gewinnen, indem er ernsthaft an die Epigonen ging, ordnete die Aufsätze Ahr und Lahn und Blick ins Tyrol für die gesammelten Schriften und ging dann auf die Reise, um Schauspieler zu engagiren. Nach großen Anstrengungen wurde am 28. Octbr. 1834 das neue Düsseldorfer Theater eröffnet mit einem Festspiel von J.: „ Kurfürst Johann Wilhelm im Theater“ und dem Prinzen von Homburg. Der Antheil des Publicums blieb leider hinter seiner Erwartung und manche Dornen wuchsen schon jetzt auf dem Wege. Das junge Unternehmen bedrohend war beim Beginn gleich der Rücktritt Mendelssohn's, welcher die Leitung der Oper übernommen hatte. Aber Immermann's Energie blieb von diesen Enttäuschungen unberührt und die Erfolge welche er errang, waren immer durchschlagender, das Publicum lernte schätzen was ihm geboten wurde und brachte dem Unternehmen auch manches pecuniäre Opfer. Trotzdem mußte nach dreijährigem Bestehen der Mangel an Mitteln Immermann's Wirksamkeit für die Bühne ein Ende machen. Mit hingebendster Aufopferung hat er so lange es ging, sich derselben gewidmet, mit Begeisterung das Unternehmen aufrecht erhalten, obgleich seine Arbeit enorm war, als er nach Ablauf seines Urlaubs sein juristisches Amt wieder angetreten hatte. Er wäre auch ferner zu allen Opfern bereit gewesen, aber das nothwendige Geld zur Weiterführung des Instituts war nicht zu beschaffen und am 31. März 1837 wurde die Bühne mit Halm's Griseldis geschlossen. Immermann's Bühnenleitung nimmt eine hervorragende Stellung in der Geschichte des neuern Theaters ein, große Talente haben ihren Ruhm nicht geschaffen; aber die Schauspieler vereinigten sich ein würdiges Ensemble zu bilden und ihre Kräfte wuchsen, weil ihr Leiter Jeden an die rechte Stelle zu bringen wußte und das Bild des Ganzen in sich trug. Mit Jedem Einzelnen ging J. seine Rolle durch, wenn es ein größeres Werk galt, sein poetisches Leben schwebte über dem Ganzen und hielt es zusammen,|eine Wehmuth über den Untergang seines Theaters hat er zeitlebens behalten, und zunächst empfand er einen heftigen Schmerz.

    Die Redaction der Schriften begleitete ihn durch das Theaterleben und die Epigonen wuchsen langsam zum Schluß. Bereits im J. 1823 hatte er diesen Roman begonnen, er hatte gewissermaßen sein Leben mitgelebt, nun vollendete er ihn am 12. Decbr. 1835. Früh hatte er sich mit der Zeit und Welt in einem Widerspruch gefühlt, oft überkam ihn eine Angst über die Doppelnatur unserer Zustände, die Zweideutigkeit aller Verhältnisse; er legte in dem Werke nieder, was er sich selbst zur Lösung des Räthsels vorsagte. Der Roman ist das Bild seiner Zeit, dem er das Gepräge seines eigenen Geistes gab, die Kraft, Strenge, Herbheit seiner Natur verdunkelt bisweilen die Weichheit seiner Seele und sein Gemüth, die Speise war Vielen zu ernst und schwer. Man warf ihm außerdem vor Wilhelm Meister nachgeahmt zu haben, fand seinen Helden schwach u. dgl. und die Journale brachten manche ungenügende Anzeigen. „Die nichtschreibenden Leser“, sagt J., „erfreuten mich mannigfach, aber der druckpapiernen Welt gegenüber fühle ich mich wieder einmal allein und unverstanden.“ Auch ist sein Ausspruch richtig, daß die Epigonen es nicht über einen Achtungserfolg gebracht haben.

    Nach dem Untergang der Bühne hatte J. durch den ganzen Winter mit Krankheit zu kämpfen, sobald er genesen, schrieb er noch einmal ein Drama: „Ghismonda oder die Opfer des Schweigens“, in welchem er die Liebe schildern wollte, von ihrem ersten ahnungsvollen Entstehen bis zur höchsten Entfaltung. Mit jugendlicher Gluth ist das Stück durchdrungen, welches, im kommenden Winter in Berlin und später unter seinen Augen in Weimar zur Aufführung kam. Nachdem er drei Jahre lang nicht aus dem Umkreis von Düsseldorf gekommen war, durchwanderte er im Herbst 1838 Franken und Thüringen und besuchte Weimar, um Goethe's leuchtende Spuren zu küssen, und nach der Reise begann er das Werk zu schreiben, welches ihn erst zum populären Dichter gemacht hat: den Münchhaufen. Er nennt ihn anfänglich eine höchst abenteuerliche Composition und weiß selbst nicht was daraus, werden soll; aber nachdem der erste Band gedruckt, der zweite in der Handschrift vollendet war, fand er die Lösung durch die Liebe, die noch einmal das Herz des 42jährigen Mannes erfüllen sollte. Nach wechselnden Lebenserfahrungen zog es ihn einmal wieder in die Heimath, und nach einem Aufenthalt in Weimar reifte er nach Magdeburg, und Verlobte sich dort nach einigen glücklich verlebten Wochen mit Marianne Niemeyer, welche im October 1839 seine Frau wurde. Da dieser Verbindung die äußere Trennung von der Gräfin Ahlefeldt voraufging, so hatte J. durch Aufregungen und Kämpfe mancher Art zu gehen, ehe er sein neues stilles Glück ergreifen konnte. Aber aus den häuslichen Bedrängnissen hob ihn die Muse. Der Tristan Gottfrieds von Straßburg, mit dem er sich schon früher einmal beschäftigt hatte, ergriff ihn aufs Neue. Er dichtete das Vorspiel zu seiner leider nicht vollendeten Behandlung des alten Liebesliedes, und nahm darauf den Münchhausen wieder vor, der ihn nun ganz gefesselt hielt, und in dessen lyrischen Theil er sein Schicksal verflocht. Mit geflügelter Feder hatte er geschrieben, und ehe er am 20. October auf die Hochzeitsreise nach Halle ging, wo seine Braut im Hause ihrer Großmutter, der Kanzlerin Niemeyer lebte, hatte er auch den ersten Band der Memorabilien, bis auf den letzten Abschnitt den er in Halle schrieb, vollendet.

    In der neuen, sehr bescheidenen Häuslichkeit, in welche J. Ende October trat und in welcher ihm die letzten Monate reinen Glückes aufgingen, regte sich schnell wieder seine Arbeitslust. „Die Düsseldorfer Anfänge“ wurden für die Pandora geschrieben und dann sang der Dichter sein letztes Lied „den Tristan"|und sollte den Schwanengesang nicht vollenden. Nachdem ihm eben eine Tochter geboren war, ergriff den krästigen Mann ein Nervenfieber in des Lebens Mitte und nahm denselben am 25. Aug. 1840 schnell dahin. Erschütternd klang die Todesnachricht durch das Vaterland und rief an allen Orten lebhafte Theilnahme hervor.

    Immermann's Production hatte sich als der Tod ihn rief, zu hoffnungsreicher Entfaltung selbständig durchgekämpft. Ein Kampf war sein poetisches Schaffen von Beginn an gewesen. Seine Anfänge fallen in eine Zeit, die nach schwerem politischem Druck im Ringen mit neuen staatlichen Ideen der Poesie wenig geneigt war. Dazu stellte der Glanz unserer größten Litteraturepoche noch jede neue Schöpfung in Schatten und die Vertreter der Romantik übten ihren Druck auch auf J., dessen ganze Natur doch auf das Reale gerichtet war. Das Publikum begrüßte ihn erst freudig im Münchhausen, den Memorabilien, im Tristan, als der Tod ihn abrief.

  • Autor/in

    P.
  • Empfohlene Zitierweise

    P., "Immermann, Karl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 57-63 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118555553.html#adbcontent

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