Lebensdaten
vermutlich 1274 oder 1275 bis 1313
Geburtsort
Valenciennes
Sterbeort
Buonconvento bei Siena
Beruf/Funktion
Kaiser ; Graf von Luxemburg
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118548301 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heinrich IV. (als Graf von Luxemburg)
  • Arrigo, di Lussemburgo
  • Enrico, di Lussemburgo
  • mehr

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Zitierweise

Heinrich VII., Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118548301.html [03.12.2016].

CC0

Heinrich VII.

Kaiser, * 1274 (1275 ?) Valenciennes, 24.8.1313 Buonconvento bei Siena, Pisa, Dom.

  • Genealogie

    Aus dem Geschl. d. Luxemburger; V Gf. Heinrich III. v. L. ( 1288 b. Worringen, s. ADB XI). S d. Gf. Heinrich II. v. L. (1217–81) u. d. Margarethe ( 1275, T d. Gf. Heinrich II. v. Bar, um 1239); M Beatrix ( 1320), T d. Gf. Balduin v. Beaumont u. Avesnes; B EB Balduin v. Trier ( 1354, s. NDB I), Gf. Walram v. Luxemburg ( 1311); – 28.5.1292 Margaretha (1276–1311), T d. Hzg. Johann I. v. Brabant ( 1294) u. (1. Margarete v. Flandern; 1 S, 2 T Kg. Johann v. Böhmen ( 1346), Marie ( 1324, 1322 Kg. Karl IV. v. Frankreich, 1328). Beatrix ( 1319, 1318 Kg. Karl v. Ungarn, 1342); E Kaiser Karl IV. ( 1378).

  • Leben

    Als ältester Sohn war H. von Jugend an vertraut mit den territorialen Gegensätzen der Mächte in Ober- und Niederlothringen. Wie viele seiner Standesgenossen wurde er in Frankreich erzogen, außerdem war er mit dem Hause Capet entfernt verwandt. Aus jenen Jahren rührt seine Vertrautheit mit der französischen Außenpolitik, die nach der Einvernahme der Grafschaft Champagne intensiv auf die westlichen Reichsgebiete einwirkte; nach König Albrechts I. Ermordung (1308) wagte Philipp der Schöne den Versuch, die Kurfürsten für die Kandidatur Karls von Valois zu gewinnen, sein Plan scheiterte jedoch durch die Erhebung H.s.

    H. war gleich vielen seiner Nachbarn auf der Grundlage eines mit vielen Klauseln versehenen Soldvertrages und Bündnisses seit 1294 Vasall des französischen Königs, konnte aber bis zur Königswahl seine Eigenständigkeit weitgehend behaupten. Vielleicht waren antikapetingische Tendenzen in der Haltung des Grafenhauses vorhanden, weil König Philipp IV. als Schiedsrichter im Streit um das Limburger Erbe die Ansprüche der Luxemburger beiseite geschoben hatte. Im englisch-französischen Krieg beschränkte H. sein Wirken auf unbedeutende Aktionen in der Grafschaft Bar. Die Grafschaft Luxemburg war zusammen mit der Markgrafschaft Arlon territorial noch ungefestigt, ihr fehlte damals noch das Gebiet von Chiny. Immerhin besaß sie in der Mittellage zwischen dem Hochstift Lüttich, den Herzogtümern Limburg und Lothringen sowie der Grafschaft Jülich am Erzstift Trier Rückendeckung, seitdem H.s Bruder Balduin die Trierer Kirche 1308 erhalten hatte. Den Ausgleich im Verhältnis zum Herzogtum Brabant begünstigte seit 1292 H.s Vermählung mit einer Tochter dieses Hauses.

    Die Königswahlverhandlungen wurden 1308 durch die Absicht der geistlichen Kurfürsten bestimmt, eine habsburgische Sukzession zu verhindern. Die Erzbischöfe Peter von Aspelt in Mainz und Balduin in Trier versagten sich den Werbungen der französischen Gesandten, schalteten die zeitweise von den Kurfürsten von Köln, Sachsen und Brandenburg unterstützte Kandidatur des Grafen von Anhalt aus und enttäuschten die Erwartungen der wittelsbachischen Partei. Insgeheim auch von Papst Clemens V. gegen die französischen Ambitionen begünstigt, wählten sechs Kurfürsten in Frankfurt am 27.11.1308 H. zum römischen König. Herzog Heinrich von Kärnten, der Anspruch auf die böhmische Kur erhob, wich einer Stellungnahme aus. Am 6.1.1309 wurde H. in Aachen gekrönt.

    Anders als seine Vorgänger seit dem Interregnum hegte H. die Absicht, so bald wie möglich nach Italien zu ziehen und sich zum Kaiser krönen zu lassen. Alle reichspolitischen Maßnahmen der nächsten Jahre wurden diesem Ziel untergeordnet. Zu Auseinandersetzungen zwischen König und Kurfürsten, die in den beiden letzten Menschenaltern immer wieder aufgetreten waren, kam es nicht, weil H. stets auf die Hilfe seines Bruders in Trier zählen konnte, den Wünschen seiner Wähler durch Vergünstigungen aller Art entgegenkam und schließlich durch den Zug über die Alpen einem schroffen Gegensatz in Deutschland auswich. Obwohl die Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit der drei Waldstätte genug Zündstoff für einen Krieg bot, konnte er sich überdies am|17.9.1309 in Speyer mit den Herzögen von Österreich einigen. Friedrich der Schöne und dessen Brüder erhielten ihre Reichslehen, außerdem wurde ihnen die Markgfsch. Mähren auf 5 Jahre verpfändet und dadurch einer Kooperation der Habsburger mit Herzog Heinrich von Kärnten vorgebeugt. H. ächtete Albrechts I. Mörder. Dann bestattete man als sinnfälliges Zeichen der Versöhnung zwischen den bisher einander widerstreitenden Kräften H.s Vorgänger auf dem Thron zusammen mit König Adolf von Nassau. Schließlich gewann H. den Herrn der Vorderen Lande, Herzog Leopold, zur Teilnahme am Romzug.

    Während eines Umrittes, der bis Bern und Zürich, von dort an den Bodensee und anschließend nach Nürnberg führte, sammelte H. im Frühjahr und Sommer 1309 die Großen und die Reichsstädte an Mittel- und Oberrhein, in Schwaben und Franken um sich; die Reste des Reichsgutes wurden neu organisiert, die Friedenspflege verstärkt. H.s Herrschaftsbereich im Sinne unmittelbaren Zusammenwirkens mit Reichsgliedern umfaßte zu Anfang seiner Regierung fast ganz Süddeutschland, während die Fürsten in den nördlichen Regionen sich abwartend verhielten. Einziger Gegner von Gewicht blieb Graf Eberhard von Württemberg, der indessen von den Anhängern des Königs eingekreist und in einen bis 1316 währenden Krieg verwickelt wurde. Wiederholte Verhandlungen über italienische und burgundische Angelegenheiten lassen bereits die Hauptrichtung der Königsinitiative erkennen. Daneben wurde im August 1309 in Heilbronn auch die Lage, die sich in Böhmen nach dem Erlöschen der Przemysliden drei Jahre zuvor ergeben hatte, geprüft. H. betrachtete wie sein Vorgänger Albrecht I. Böhmen als erledigtes Reichslehen und schob die auf der weiblichen Erbfolge aufgebauten Ansprüche des Herzogs von Kärnten zur Seite. Ein Teil des Adels und besonders die Äbte der Zisterzienserklöster ermunterten H. zum Eingreifen. Während der Reichstage im September 1309 in Speyer und im Juni 1310 zu Frankfurt einigte sich H. mit den Reichsfürsten und Vertretern der böhmischen Stände. 1310 belehnte er seinen Sohn Johann mit Böhmen und vermählte ihn mit Wenzels II. vierter Tochter Elisabeth. Johann und Elisabeth wurden 1311 in Prag gekrönt. Eigentlicher Leiter der böhmischen Politik blieb während der nächsten Jahre EB Peter von Aspelt in Mainz, steten Einfluß übte neben ihm in der für den minderjährigen König Johann eingesetzten Regentschaft der 1310 gefürstete Graf Berthold VII. von Henneberg-Schleusingen. Von Prag aus wurde in H.s Auftrag auch im Blick auf das Haus Wettin eine folgerichtige Ausgleichspolitik betrieben. H. selbst wollte sich nicht in die ostdeutschen und ostmitteleuropäischen Entwicklungen einschalten, weil er offensichtlich jede Ablenkung von seinem nächsten Ziel, der Kaiserkrönung, vermied.

    Zur Vorbereitung des Italienzuges bedurfte es in erster Linie des Zusammenwirkens mit dem Papste. Am 26.7.1309 leisteten H.s Gesandte den Eid für die Kirche. Clemens V. anerkannte darauf H. als römischen König und zukünftigen Kaiser und vereinbarte als Termin für die Krönung in Rom den 2.2.1312. Als der Papst nur eine Woche später Robert von Anjou zum König von Neapel krönte und dieser dann eine kaiserfeindliche Partei in der Lombardei und der Toskana zusammenführte, traten bereits die Machtgegensätze auf der Apenninenhalbinsel in Umrissen hervor. In Deutschland wurde unterdessen der Zug über die Alpen vorbereitet. Im Vertrauen auf die päpstlichen Zusagen wurde während des Speyerer Hoftags vom August und September 1309 die Sammlung des Reichsheeres für den Oktober des Folgejahres angeordnet. Die Gefahren des Unternehmens schätzte nur eine Minderheit der Reichsfürsten, an deren Spitze der Mainzer Erzbischof stand, zutreffend ein. H. beurteilte die Möglichkeiten eines Romzuges optimistischer als sie. Im Mai 1310 wurden zwei Gesandtschaften nach Italien vorausgeschickt, die das Kommen des neuen Herrschers ankündigen sollten; sie wurden im allgemeinen höflich empfangen, erkannten aber meist nicht klar genug die zwischen den Mächten bestehenden Gegensätze und hatten kein Gespür für die Sozialentwicklungen und Wirtschaftskräfte der Stadtstaaten. Demgegenüber bedeutete es im Blick auf den politischen Alltag nur wenig, daß Dante und mit ihm viele Ghibellinen H.s Italienzug überschwenglich begrüßten. Von Anfang an war die Romreise des Herrschers von vielen Unsicherheiten bedroht.

    Durch den Abschluß eines Freundschaftsvertrages mit dem französischen König, den H.s Gesandte am 26.6.1310 in Paris erreichten, wurde die trügerische Hoffnung genährt, das Haus Capet werde von seiner Expansionspolitik auf Kosten der Westgebiete des Reiches abstehen. H. scheint Frankreichs Vordringen im Lyonnais, das ungeachtet des Pariser Vertrages 1310 verstärkt wurde und für Philipp den Schönen erfolgreich war, unterschätzt zu haben. Ein bei ihm auch sonst zu beobachtendes übergroßes Vertrauen in Verträge und Rechtsvereinbarungen ist unverkennbar.

    Dem Papst erneuerte H. am 11.10.1310 in Lausanne das Schutzversprechen und garantierte über das herkömmliche Maß hinaus den Besitzstand der Kirche in Mittelitalien. Während der zweiten Oktoberhälfte zog der König dann durch den Machtbereich des mit ihm verschwägerten Grafen Amadeus V. von Savoyen und über den Mont Cenis in die westliche Poebene. Sein Itinerar zeigt, daß er bewußt die Regionen aufsuchte, in denen durch verschiedene Rechtstheorien der Herrschaftsanspruch des Königs so lange bestritten wurde, bis sich dieser persönlich im Lande eingefunden hatte. Unterstützt durch den 1310 gefürsteten Grafen von Savoyen und den Markgrafen von Montferrat, festigte H. zunächst seine Stellung beiderseits des oberen Po. Um die Jahreswende zog er dann nach Mailand, wo er am 6.1.1311 die Krone der Langobarden empfing. Ziel seines Vorgehens war überall der schiedsgerichtliche Ausgleich lokaler Gegensätze und die Aufrichtung eines allgemeinen Landfriedens, um den Weg nach Rom zu sichern. Doch fast überall wurde H. in die Parteiungen hineingezogen und verscherzte sich die Sympathien der großen Sippen. Ein von Mailand auf andere Stadtstaaten um sich greifender Aufstand enttäuschte H.s Erwartungen. Fast überall wurde er zwar der Unruhen Herr, doch zwang ihn Brescias hartnäckiger Widerstand zur Belagerung dieser Stadt von Ende Mai bis zum 18.9.1311. Kämpfe und Seuchen brachten dem deutschen Heer unersetzliche Verluste. Ende Juli starb des Königs Bruder Walram an einer Pfeilwunde. Während der Belagerung erkannte H., daß Clemens V. den brutalen Interventionen französischer Diplomaten ausgesetzt war und nicht mehr die Zusagen im Blick auf den Krönungstermin einhalten konnte. Florenz beharrte bei seiner entschiedenen guelfischen Haltung und bereitete sich auf einen Waffengang vor, überall in der Lombardei und im Gebiet der römischen Kirche schürte Robert von Neapel den Widerstand gegen H. Ein Zug direkt nach Rom war unmöglich geworden. Da sich Clemens V. einem Durchzug durch das Gebiet von Bologna widersetzte, blieb als einziger Weg nach Süden die Straße entlang der Westküste, an der das ghibellinische Pisa lag.

    Das Heer überwinterte in Genua; dorthin kamen auch neue Kontingente aus Deutschland und Burgund. In Genua starb am 13.12.1311 Königin Margaretha, sie wurde in der Minoritenkirche begraben. Mit ihr verlor H. die Lebensgefährtin. die in den vergangenen Jahren immer wieder mäßigend auf ihn eingewirkt und manchen Gegensatz abzugleichen geholfen hatte. Während der zweiten Februarhälfte wurden die deutschen Streitkräfte, da der Landweg durch florentin. Söldner gesperrt war, zu Schiff nach Pisa gebracht. Nach zweimonatigem Aufenthalt zogen sie dann auf der Straße über Viterbo gegen Rom. Am 7.5.1312 langte H. vor der Stadt an. Einzug und Krönung wurden ihm durch Johann von Gravina, den Bruder Roberts von Neapel, verwehrt, den in der Stadt die Parteigänger der Grafen von Orsini unterstützten. Auch jetzt mußte H. seine Ansprüche mit Waffengewalt durchsetzen. Mit einem Gefecht an der Milvischen Brücke begannen die sechs Wochen andauernden Kämpfe, die manchen lokalen Erfolg, aber auch neue schwere Verluste brachten. Da Sankt Peter nicht eingenommen werden konnte, mußte man sich mit dem Besitz des Laterans begnügen. Dort wurde H. am 29.6.1312 durch die vom Papst bestimmten drei Kardinäle zum römischen Kaiser gekrönt.

    H. hatte mit diesem Akt das eigentliche Ziel des Romzuges erreicht. Ungelöst blieben die Probleme, die mit den Versuchen einer Wiederbelebung kaiserlicher Rechte in Italien, der Regelung des Verhältnisses zu den Nachbarstaaten des Imperiums sowie der Festigung der Herrscherstellung in Deutschland sich ergaben. Die Stellung seiner Sippe im Reich nördlich der Alpen hat H. zwar begründet, sie gefestigt und ausgebaut zu haben ist aber das Werk Balduins von Trier, Johanns von Böhmen und vor allem Karls IV.

    Schon lange vor der Kaiserkrönung H.s hatte sich Robert von Neapel zum Haupt der guelfischen Mächte emporgeschwungen. Er fand nicht nur im französischen König einen entschiedenen Bundesgenossen, sondern auch die moralische Unterstützung seines päpstlichen Lehensherrn. Zentrum aller gegen den Kaiser gerichteten Aktionen war jedoch die Republik Florenz. Dort wurde zur ideologischen Beeinflussung der italienischen Stadtstaaten der massive Druck der Bankhäuser gesellt, denen wie viele andere Machthaber auch das Haus Anjou und die Parteigänger der Kurie verpflichtet waren. Die florentinische Politik wurde durch die Absicht bestimmt, die Stellung der Stadt als eines der wichtigsten Geldplätze Europas zu bewahren und das eigene Staatsgebiet zu sichern. Ziel der Territorialausweitung war der Vorstoß bis zum Meer auf Kosten Pisas. Im März 1311 zog Florenz in einer Allianz das päpstliche Bologna an sich, die Liga weitete sich rasch durch Verträge mit Siena, Lucca, Perugia und vielen kleineren|Gemeinwesen aus. In formellem Rechtsakt wurde H. das Betreten des florentinischen Staatsgebiets untersagt. Den Gedanken der Unabhängigkeit vom Kaisertum erhob Florenz zur Leitidee seiner Propaganda. Im Dezember 1311 rebellierten Parma und Reggio gegen die Reichsvikare und schlossen sich der Liga an; Padua und Pavia folgten wenige Wochen später. Diese Gegensätze in der Lombardei geschickt ausnutzend, festigten die Scaliger in Verona und noch erfolgreicher die Visconti in Mailand ihre Herrschaften. Die Republik Venedig bewahrte ihren Ansatz zum Landerwerb auf der Terra ferma und ihren Orienthandel vor Störungen durch die konsequent aufrecht erhaltene Neutralität.

    König Robert von Neapel verfügte im Unterschied zu Florenz zwar über ausgedehnte Herrschaftsgebiete in Süditalien und in der Provence und wurde zudem als Werkzeug der päpstlichen Politik mit Vikariatsrechten in Mittelitalien betraut, mußte jedoch vorsichtiger operieren. Er wurde nicht nur durch König Friedrich III. von Sizilien aus dem Hause Aragon bedroht, in seinem eigenen Territorium konnten viele mit seiner Regierung Unzufriedene Aufstände anzetteln; seine Schulden in Florenz schufen eine nicht nur finanzielle Abhängigkeit. Der Anjou richtete sich auf einen Verteidigungskrieg in Neapel ein, außerdem betrieb er seine Aufwiegelungen in der Lombardei auch weiterhin. Im Frühjahr 1312 traten Asti und Vercelli auf seine Seite. Dessenungeachtet setzte er die Verhandlungen über ein von H. wiederholt an ihn herangetragenes Heiratsprojekt fort, das 1309 an der Kurie von einer Kardinalsfraktion entworfen worden war, um auf diese Weise den Frieden in Italien zusätzlich zu sichern. Erst in den Tagen vor der Kaiserkrönung ließ H. diesen unrealistischen Plan fallen, nachdem Robert bewußt unzumutbare Bedingungen an den Abschluß der Eheberedung geknüpft und die Mutung seiner Reichslehen abgelehnt hatte. Am 12.9.1312 wurde Robert in Arezzo als Majestätsverbrecher angeklagt, am 26.4.1313 in Pisa geächtet.

    Unmittelbar nach der Kaiserkrönung wollte H. seine Widersacher niederwerfen. Obwohl ansehnliche Kontingente deutscher Streitkräfte das Heer verließen, weil sie mit der Krönung ihren Auftrag als erfüllt erachteten, befahl er in unverständlicher Überschätzung seiner operativen Möglichkeiten in der Toskana den Angriff auf Florenz. Zwar errangen die kaiserlichen Truppen im florentinischen Territorium Einzelerfolge, die von vielfach überlegenen Kräften gehaltene Stadt trotzte jedoch der nur unvollkommenen Einschließung.

    Die Belagerung konnte nur notdürftig von Mitte September bis Ende Oktober 1312 aufrecht erhalten werden. Erstmals in diesen Wochen erkrankte der Kaiser an der Malaria. Während der nächsten 4 Monate bekämpfte man sich in ergebnislosem Zermürbungskrieg. Die schon seit dem 24.12.1311 geächtete Stadt zwang schließlich in der ersten Märzhälfte 1313 den Herrscher zum Rückzug nach Pisa. Dort wurden am 2.4.1313 die beiden Edikte erlassen, in denen die Verfahrensweise im Prozeß gegen Majestätsverbrecher geregelt und in Anlehnung an das römische Recht die umständliche deutsche Achterklärung ersetzt werden sollte sowie eine Definition des Begriffs des Majestätsverbrechers erteilt wurde. H. ließ beide Gesetze dem Corpus Juris Civilis anfügen und schloß damit die Sammlung ab.

    Unterdessen besohloß man im deutschen Lager, den Krieg gegen Florenz vorläufig abzubrechen und zunächst Robert von Neapel anzugreifen. Abermals wurden aus den nördlichen Teilen des Imperiums Streitkräfte angefordert. Die seit rund einem Jahr zwischen H. und König Friedrich von Sizilien gepflogenen Verhandlungen hatten zum Abschluß eines Bündnisses und am 6.7.1312 zum Ehevertrag für den Königssohn Peter und die Kaisertochter Beatrix geführt. Mit Friedrich wurde verabredet, daß dieser am 1.9.1313 von See aus das Königreich Neapel angreifen sollte. H. selbst setzte sich mit diesem Vorgehen in einen kaum mehr überbrückbaren Gegensatz zum Papste. Clemens V. widerstrebte immer schärfer der Wiederherstellung der Kaisermacht in Italien. Sein Befehl, mit Robert einen Waffenstillstand abzuschließen, wurde von H. unter Berufung auf seine kaiserlichen Vorrechte ebenso zur Seite geschoben wie Clemens' Verbot, das päpstliche Lehensreich anzugreifen. Am 8. 8. brach das Heer aus Pisa auf in der Absicht, durch die Toskana nach Süditalien zu ziehen. Zwei Wochen später erkrankte der Kaiser erneut an der Malaria. Am 24.8.1313 starb H. in Buonconvento.

    H.s Auseinandersetzungen mit den Gegnern in Italien und mit dem Papsttum werfen Fragen im Blick auf Kaisertum und Reichsgedanken auf. Als Graf von Luxemburg war er in einer Region aufgewachsen, in der sich deutsches und französisches Lehenswesen durchdrangen, die Kontakte mit der Kurie stellten ihn den kirchenrechtlich begründeten Maximen päpstlicher Politik gegenüber, in Italien wurde er mit der Welt des wiederauflebenden römischen Rechtes konfrontiert. Die Kürze seiner Regierungszeit ließ keines der vielschichtigen Probleme, die sich aus solchen|Überlagerungen ergaben, ausreifen. Hierher gehörige rechtsgeschichtliche Forschungen müssen wegen des episodenhaften Charakters der Vorgänge mit einem verhältnismäßig hohen Unsicherheitsgrad der Erkenntnis rechnen. – Ansatzpunkte für Erörterungen über die Stellung des Kaisers bieten die Spiegelungen von Herrschaftstheorien in Urteilen, Instruktionen und die nach der Krönung promulgierte Enzyklika. Das Verhältnis des Kaisers zu anderen Herrschern, die Bedeutung der Reichsidee und die rechtliche Begründung des Herrschaftsanspruches werden dort angesprochen. Eine glänzende, wenn auch den Erfordernissen des Alltags nicht entsprechende Verteidigung des Kaisertums H.s führt Dante in seiner „Monarchia“: Gestützt auf Argumente, die er aus theologischen und juristischen Polemiken entnahm, kehrt der Dichter die Gottunmittelbarkeit der Kaiserautorität hervor, weist aber auch den Weg zu einer neuen Staatsform, die eher den Nationalstaaten Westeuropas als der Tradition des Imperium Christianum entsprach. Unter dem Einfluß der italienischen Berater gestaltete H. den Kontumazialprozeß zum inquisitorischen Eremodizialprozeß um, trat das deutsche Recht zugunsten des römischen zurück. H. wollte die lehensrechtlich begründete Herrschaftsordnung durch eine absolute staatliche Gewalt, die im Kaisertum kulminierte, ablösen. Die Beziehungen zum Papsttum und zu den Nachbarstaaten sollten in gleicher Freiheit von außerstaatlichen Rechtsbindungen gestaltet werden, wie sie die Könige von Frankreich und England beanspruchten. Die scharfen Widersprüche aus Neapel, Avignon und Paris gegen H.s Verlautbarungen vertieften den Streit; die in H.s Dienst wirkenden Publizisten formulierten ihre Ideen jetzt kaiserlicher als der Kaiser. In Sizilien, nicht in der Umgebung des Herrschers selbst, wurde die Theorie von der kaiserlichen Universalmonarchie zur nicht mehr überbietbaren Ausschließlichkeit gesteigert. Auf der anderen Seite behaupteten die Kurialisten nicht nur die Lehensherrschaft des Papstes über den Kaiser, sondern leiteten auch daraus eine direkte Herrscherstellung der Kirche in der Welt ab. Der französische König betonte erneut die Gleichheit mit dem Kaiser in seinem Staatsgebiet und in den Beziehungen zum Reichsoberhaupt. Robert von Neapel schließlich lehnte das Imperium als ein Ärgernis für die Welt ab und forderte dessen Beseitigung. H.s Auftreten in Italien ließ offenbar werden, daß die maßgebenden Männer an der Kurie wie an den Höfen von Neapel und Paris in ihren Deduktionen zwar von verschiedenartigen Ausgangspositionen herkamen, aber letztlich die gleichen Anschauungen und Ziele hatten. Hätte H. länger gelebt, wäre die Diskussion über Kaisertum und Reich bereits früher in den Zustand eingetreten, den sie effektiv erst zwei Jahrzehnte später erreichte. Die zwischen 1312 und 1314 entstandenen Traktate wirkten nach bis in die Zeit Kaiser Ludwigs des Bayern. Erst im Weistum von Rhense, im Werk des Lupold von Bebenburg und schließlich in der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. wurden, nicht zuletzt aufgrund der in H.s Zeit gesammelten Erfahrungen, Reich und Herrscheramt politischen Angriffen entrückt und deren rechtliche Unabhängigkeit gesichert.

    Jeder Versuch einer Gesamtcharakteristik H.s muß die Vielzahl von Phänomenen berücksichtigen, die seine nur kurze Regierung darbietet. Sein Wirken zerfällt in zwei scharf getrennte Abschnitte, die durch den Alpenübergang im Herbst 1310 voneinander geschieden werden. Als Graf mit einer für die Königsaufgaben unzureichenden Machtposition am Rande des Reiches 1308 gewählt, glückte ihm gleich Rudolf von Habsburg der Erwerb eines Großterritoriums mit starker Wirtschaftskraft im Osten. Die Sicherung des neuen Besitzes durch seine Parteigänger, der Ausgleich mit den Habsburgern und Wettinern, loyale Beziehungen zu den Wittelsbachern, die wieder verstärkte Königsnähe der Großen an der Westgrenze und eine in Süddeutschland erfolgversprechend angelaufene Vermittlungspolitik waren hoffnungsvolle Ansätze für eine neue Phase im Wirken des Königtums. Erfolgreich waren die Kurfürsten dem Versuch Philipps des Schönen entgegengetreten, die Krone des Reiches an das Haus Capet zu bringen. Ob H. die Bedeutung der in Böhmen seinem Hause zugefallenen Basis weiten Wirkens in Ostmitteleuropa vollkommen erkannte, muß fraglich bleiben. Jedenfalls ließ er sich nicht von seinen italienischen Plänen ablenken. Von 1310/11 an bis 1437 wurde die deutsche Geschichte weitgehend, wenn auch in wechselnder Intensität, durch das Verhältnis der drei großen Dynastien zueinander bestimmt, zu denen nach Wittelsbachern und Habsburgern damals die Luxemburger rang- und machtgleich emporgestiegen waren. – H.s Italienzug brachte nach einem Intervall von 62 Jahren dem Reich wieder einen Kaiser. Das Ereignis blieb ohne nachhaltigen Einfluß auf den Zustand der Machtverteilung auf der Apenninenhalbinsel, weckte jedoch an allen Zentren der Rechtswissenschaft in Europa eine lebhafte Diskussion über die Stellung des Kaisers in der|Welt. Mit welcher Intensität H. selbst die Richtung der Auseinandersetzungen bestimmte, läßt sich nicht mehr sicher erkennen; der Kampf wurde noch zu seinen Lebzeiten und unmittelbar nach seinem Tode zur Sache der sich erbittert befehdenden Theoretiker, hinter deren Traktaten immer der politische Auftrag des Papstes, der Könige oder der lokalen Machthaber in den italienischen Stadtstaaten erkennbar wird. Hier wartet noch ein weites Forschungsfeld der Bearbeitung. Daß H. mit einer Intensität, die ihn von seinen Vorgängern seit der Stauferzeit unterscheidet, das Kaisertum erstrebte, ist in seiner Herkunft begründet. Aus den Erfahrungen eines im Bannkreis reichsfeindlicher Politik herangereiften kleinen Territorialherren sah es der zum Königtum Erhobene als seine vornehmste Aufgabe an, die entfremdeten und gefährdeten Rechte des Reiches wiederherzustellen und zu sichern. Um alle Theorien, die erst der Kaiserkrönung und nicht der Wahl konstitutive Bedeutung zuerkennen wollten, zu entkräften, strebte er so rasch wie möglich nach Rom. In dieser Politik der Rechtswahrung wurde der König nach Italien gedrängt. Dort versuchte er, auf dem Wege des Rechts seine Herrschaft zu festigen und auszugestalten, begegnete aber nicht allein der Konkurrenz des Papsttums und dessen Tendenz zur Aushöhlung der Reichsverfassung, sondern auch der Machtpolitik des Hauses Anjou und des Königs von Frankreich. Im Vergleich zu ihrer Umwelt wirkt H.s Kaiserpolitik in Italien veraltet und überholt; sie ist eine Spätform und steht in krassem Mißverhältnis zu den Machtgrundlagen auf der Halbinsel. Den entscheidenden Wandel in der Ausübung der Herrscherrechte, nicht von Italien als dem territorial zerklüfteten Ursprungsland des Kaisertums her, sondern auf der Grundlage der Hausmacht des böhmischen Länderblockes, brachte dann Karl IV.

  • Literatur

    ADB XI; Neubearbb. d. Regg. Imp. u. d. Jbb. d. Dt. Gesch., Heinrich VII. liegen noch nicht vor; J. F. Böhmer, Die Regg. d. Kaiserreichs unter Heinrich Raspe, Wilhelm, Richard, Rudolf, Adolf, Albrecht u. Heinrich VII., 1844 (veraltet); MGH Constantin IV, 1 u. 2; F. Kern, Acta Imperii, Angliae et Franciae ab anno 1267 usque ad annum 1313, 1911; F. Bonaini, Acta Henrici VII., 1877; Th. E. Mommsen, Ital. Analekten z. Reichsgesch. d. 14. Jh., 1952. – F. Schneider, Kaiser H. VII., 3 T., 1924-28 (ausführl., aber romantisierend); ders., Kaiser H. VII., Dantes Kaiser, 21943 (ohne Anm.); H. Grundmann, in: B. Gebhardt, Hdb. d. dt. Gesch. I, 1954, S. 414-26; H. Heimpel, Dtld. im späteren MA, in: Hdb. d. dt. Gesch., hrsg. v. L. Just, I, 5, 1957; F. Bock, Reichsidee u. Nat.staaten, 1943; O. Herding. Das röm.-dt. Reich in dt. u. ital. Beurteilung v. Rudolf v. Habsburg zu H. VII., 1937; F. Kern, Die Anfänge d. franz. Ausdehnungspol, b. z. J. 1308, 1910. - M. Arens, Die Reichspol. d. EB v. Mainz Peter v. Aspelt, Diss. Freiburg 1949 (ungedr.); J. Goedert, La formation territoriale du pays de Luxembourg depuis les origines jusqu' au milieu du quinzième Siècle, Luxemburg 1963; J. Schoos, Le développement politique et territoriale du pays de Luxembourg dans la première moitié du 13e siècle, ebd. 1950; C. Wampach, Urkk.- u. Qu.buch z. Gesch. d. altluxemburg. Territorien VII, 1949 (Einl.). - H. Breßlau, Die erste Sendung d. Dominikaners Nikolaus v. Ligny an d. päpstl. Hof u. d. Promissionsurk. H.s VII., in: Papsttum u. Kaisertum, Festschr. P. Kehr, 1926, S. 549-60; H. E. Feine, Die Approbation d. luxemburg. Kaiser in ihren Rechtsformen a. d. Kurie, in: ZSRGK 58, 1938, S. 364-96. - H. Heimpel, Das dt. Spät-MA, Charakter e. Zeit, in: Dt. MA, 1941, S. 105-26; ders., Ein Bruchstück v. Stoffslgg. Dietrichs v. Niem u. ein unbek. ghibellin. Traktat, in: Neue Forschungen z. Dietr. v. Niem, in: Nachrr. d. Ak. d. Wiss. Göttingen, phil.-hist. Kl., 1951, Nr. 4, S. 75-122; E. Duprè-Theseider, Roma dal comune di popolo alla signoria pontificia, Bologna 1952; M. Maccarrone, Il terzo libro della Monarchia, in: Studi Danteschi 33, Florenz 1955, S. 5-142; A. Dieckmann, Weltkaisertum u. „Districtus imperii“ b. Kaiser H. VII., Diss. Göttingen 1956; M. Hellmann, Kaiser H. VII. u. Venedig, in: HJb. 76, 1957, S. 15-33; W. M. Bowsky, Florence and Henry of Luxemburg, in: Speculum 33, Cambridge, Mass. 1958, S. 177-203; ders., Clement V. and the Emperor-Elect, in: Mediaevalia et Humanistica 12, Boulder, Colo. 1958, S. 52-69; ders., Henry VII. in Italy, Lincoln 1960; F. Baethgen, Der Anspruch d. Papsttums auf d. Reichsvikariat (1920), in: Mediaevalia I, 1960, S. 110-85; ders., Zur Gesch. d. Weltherrschaftsidee im späteren MA, in: Festschr. P. E. Schramm I, 1964, S. 189-203; O. Herding, Über Dantes Monarchia, in: Dante u. d. Mächtigen s. Zeit, hrsg. v. H. Grundmann, O. Herding u. H. C. Peyer, 1960, S. 37-57; F. Trautz, Die Reichsgewalt in Italien im Spät-MA, in: Heidelberger Jbb. 7, 1963, S. 45-81; F. J. Heyen, Kaiser H.s Romfahrt, Die Bilderchronik v. Kaiser H. VII. u. Kf. Balduin v. Luxemburg, 1965.

  • Portraits

    Grabmal (Pisa, Dom), Abb. b. F. Schneider, Kaiser H. VII., Dantes Kaiser, 1940; Standbild (ebd., Camposanto), Abb. ebd.

  • Autor

    Alois Gerlich
  • Empfohlene Zitierweise

    Gerlich, Alois, "Heinrich VII." in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 329-334 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118548301.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Heinrich VII.

  • Leben

    Heinrich VII., deutscher König und Kaiser, als Graf von Luxemburg und Laroche, Markgraf von Arlon, H. IV. genannt, geb. 1269 (1262?), 24. Aug. 1313, erstgeborener Sohn Heinrichs III. und Beatrix von Avesnes. Seine Vorfahren, die ihren Stammbaum durch weibliche Bindeglieder bis in die Zeiten Otto's des Großen zurückverfolgen konnten, hatten nicht so sehr durch Kriegsthaten, als durch glückliche Unterhandlungen die Besitzungen ihres Hauses zu mehren gewußt, ohne daß ihre bescheidene Macht hätte ahnen lassen, welche Rolle die luxemburgische Dynastie durch anderthalb Jahrhunderte in Europa zu spielen berufen war. Die Schlacht von Wöringen (1288) entschied den limburger Erbfolgekrieg zu Ungunsten Heinrichs III. und kostete ihm das Leben. H. IV. führte die Regierung seines Ländchens, dessen Lage an der Grenzscheide zwischen Frankreich und Deutschland in den Kriegen zwischen Philipp dem Schönen, Eduard I. und Adolf von Nassau eine sichere Hand erforderte, mit großem Glück. Von Philipp hatte er den Ritterschlag empfangen, seine Muttersprache war französisch, aber auch das Interesse gegen einen genteinsamen Feind, den Grafen von Bar, stellte ihn auf Seiten Frankreichs. Doch die Gefahr einer Collision mit seinen deutschen Lehnspflichten suchte er — und das ging nach damaligen Anschauungen ziemlich leicht — zu verhüten. Mehrere Jahre, von 1299—1302, sehen wir H. in eine bedeutungslose Fehde mit der Stadt Trier verwickelt, deren Handel er durch Aufrichtung einer Zollstätte geschädigt hatte. — In Margarethe von Brabant, der Tochter des Siegers von Wöringen, erhielt H. eine treue Gattin, deren kluge Milde alle Geschichtsschreiber preisen. Sie gebar ihm 1296 einen Sohn, Johann, den späteren König von Böhmen. Heinrichs Versuch, seinem zweiten Bruder, Balduin, von Clemens V., dem ersten Papst, der in Frankreich residirte, 1305 das Erzbisthum Mainz auszuwirken, schlug fehl, statt jenes wurde Peter von Aspelt ernannt. Als aber bald darauf der Erzbischof Diether von Trier starb, wurde Balduin, erst 22jährig, durch Wahl des Capitels zu seinem Nachfolger berufen und auf Verwendung des französischen Königs am 10. März 1308 vom Papste bestätigt. Balduin von Trier und Peter von Aspelt, zwei der ausgezeichnetsten Kirchenfürsten des deutschen Mittelalters, haben dann, als Albrecht I. am 1. Mai 1308 durch Mörderhand gefallen war, die Stimmen der Kurfürsten auf H. von Luxemburg gelenkt. Erfolglos bemühte sich Philipp von Frankreich, vorgeblich zur Beförderung des Kreuzzugs, der seit dem Fall von Akkon immer und immer wieder von der Curie geplant wurde, thatsächlich aber im Dienste französischer Weltherrschaftspläne, die deutsche Krone für seinen Bruder Karl von Valois zu erlangen. Clemens V. ließ sich nicht verlocken, ernstlich seinen Einfluß zu Gunsten des französischen Prinzen, der schon mehr als einmal den Fluch der Lächerlichkeit auf sich geladen hatte, bei den Kurfürsten geltend zu machen. Der Kölner Erzbischof, anfangs den französischen Plänen geneigt, dann durch sehr ansehnliche Versprechungen für H. gewonnen, vereinigte schließlich auf ihn auch die Stimmen der weltlichen Kurfürsten, welche noch andere Candidaten ins Auge gefaßt hatten (27. November 1308 Wahl zu Frankfurt). H. soll schon von Albrecht I. als|würdig zur Nachfolge im Reiche bezeichnet worden sein. Das allgemeine Urtheil schildert ihn als einen edlen, tapfern, frommen Fürsten, dessen Strenge und Gerechtigkeitsliebe seinem Lande seltene Ruhe und Frieden gewährt hatte. In der Blüthe der Jahre auf den höchsten Thron der Christenheit berufen, jagte er hoher Zielen nach, zu deren Erreichung, wenn sie anders möglich gewesen wäre, ihm politischer Scharfblick und äußere Mittel gebrachen. In Deutschland glücklich, zeigte er durch seinen Römerzug nur, daß nach dem 60jährigen Interregnum eine wirklich eingreifende Herrschaft in Italien nicht mehr herzustellen war. Mit der ganzen Wärme seiner idealen Natur, in welcher die Weltherrschaftspläne der Staufer eine kurze Auferstehung erlebten, erfaßte er den Gedanken, daß die Herstellung friedlicher Zustände in Italien ihm den Weg zur Eroberung des heiligen Landes bahnen sollte. Seine Begeisterung für das Kreuzzugsproject diente ihm bei der Curie zur Empfehlung: die Wahl der Kurfürsten erhielt die päpstliche Bestätigung. Clemens acceptirte ohne Hintergedanken Heinrichs Absicht, nach Italien zu ziehen. Die Kaiserkrone ward ihm zugesagt. Beide Theile hofften, daß der Römerzug die Versöhnung der italienischen Parteien bewirken werde. Daß H. durch übermächtiges Auftreten in Italien den Besitzstand der Kirche schädigen möchte, schien nach den weitgehenden eidlichen Versprechungen, die er geleistet hatte, nicht zu fürchten. Zudem gab sich der Papst, wenigstens eine Zeit lang, dem Glauben hin, ein freundliches Verhältniß zwischen dem deutschen König und künftigen Kaiser und dem Haupte der Guelfen, König Robert von Neapel, dem Lehnsmann der Curie, herbeiführen zu können. Schon 1309 wurde in Avignon über ein Bündniß zwischen H. und Robert verhandelt; durch eheliche Bande zwischen den beiderseitigen Kindern sollte es befestigt werden. Die Höhe der Forderungen Roberts — er verlangte das Königreich Arelat und eine große Summe Geldes — ließen wenigstens damals die Verhandlungen nicht zum Abschluß gelangen. Dennoch verzichtete H. keineswegs auf die Aussicht, der Welt das vollständig neue Schauspiel eines ganz friedlichen Römerzugs zu bieten, und ahnte wol nicht, daß Philipp der Schöne, der schnell bereit war, mit ihm Frieden und Freundschaft zu schließen, im Geheimen jenem Bündniß mit Robert von Neapel entgegenarbeitete. Das Arelat für Frankreich zu gewinnen und H. möglichst lange in Italien festzuhalten, um inzwischen die deutsche Westgrenze nach Osten verschieben zu können, das war das Ziel der französischen Politik. In diesem Sinne beeinflußte Philipp später die Haltung der Curie gegen den deutschen König. — Vor Antritt des Römerzugs hatte H. in Deutschland mancherlei zu ordnen. Das Wichtigste war die Erwerbung Böhmens für seinen Sohn Johann. Sie legte den Grund zur späteren Größe des Hauses. 1307 war nach einer kurzen Regierung Rudolfs von Oesterreich Heinrich von Kärnthen, der Schwager des letzten Premysliden, ein schwacher, unfähiger Fürst, auf den böhmischen Thron erhoben worden. Er zeigte sich den anarchischen Zuständen des Landes nicht gewachsen. Nun richtete die clerikal-aristokratische Partei des Landes ihr Auge auf Johann, den jugendlichen Sohn des deutschen Königs: mit der Hand der Elisabeth, der zweiten Schwester Wenzels III., sollte er Thron und Reich erlangen. Die Bedenken Heinrichs gegen die allzugroße Jugend seines Sohnes wurden niedergeschlagen, die Habsburger von der Bundesgenossenschaft mit Heinrich von Kärnthen durch die gewandten Unterhandlungen des Mainzer Erzbischofs abgezogen und sogar zur Mitwirkung bei der Eroberung des Landes verpflichtet, Heinrich von Kärnthen der Krone verlustig erklärt, jene Vermählung vollzogen und Johann auf dem Reichstag zu Speier am 30. August 1310 mit Böhmen belehnt. Die Einführung des erst 14jährigen Königs überließ H. Peter von Aspelt, dessen staatsmännische Begabung schnelle Erfolge errang. Am 7. Febr.|1311 ward in Prag die Krönung des neuen Königspaares gefeiert. H. war damals längst in Italien, lag doch die Bekämpfung Eberhards von Württemberg, eines ruhelosen Friedensstörers, bei den schwäbischen Städten unter Leitung des Landvogts Konrad von Weinsberg in sicheren Händen. Heinrichs kurze Regierung in Deutschland stützte sich vornehmlich auf die rheinischen Erzbischöse, durch die er emporgekommen war, denen er in fast verschwenderischer Weise Reichsgut spendete. — Nur mit sehr geringer Mannschaft (etwa 5000 Mann) trat H. im Herbst 1310 den Zug nach Italien an. Durch die westliche Schweiz und über den Mont-Cenis gelangte er in das Land seines Schwagers Amadeus von Savoyen. Von den Kurfürsten begleitete ihn nur sein Bruder, Balduin von Trier, wie denn überhaupt H. nicht mit des Reiches Heerbann nach Italien zog, sondern gleich einem alten Gefolgsherren an der Spitze von Fürsten und Herren, die durch anderes als die Zwecke des Römerzugs, verwandtschaftliche Bande oder bloße Abenteuerlust, an ihn gefesselt waren. Savoyarden, Delphinater, Burgunder, Lothringer, Flandrer, selbst Engländer befanden sich in seinem Heere. — Italien lag in einem Zustande wilder Gährung. Die alte Parteispaltung zwischen Guelfen und Ghibellinen war zu heftig gewesen, als daß sie mit dem Aussterben der Staufer und dem Verzicht ihrer Nachfolger auf die Beherrschung Italiens hätte verschwinden sollen. Trennend wirkte ja nicht blos der Unterschied der Meinungen über den Beruf der Kirche zu weltlicher Herrschaft, alle anderen Gegensätze, von welcher Art immer sie sein mochten, vereinigten sich in diesem Brennpunkt. Das unaufhörliche Fluthen von Stoß und Gegenstoß forderte die energische Zusammenraffung aller Parteikräfte unter einem, unumschränkten Willen, forderte incarnirte Parteihäupter, Tyrannen. Bonifaz VIII. als Erzguelfe hatte eine Reaction gegen die ghibellinischen Tyrannen ins Werk zu setzen gesucht, aber nur ihre Zahl vermehrt. In weiteren Kreisen hatte sich gerade durch sein Pontificat die Anschauung verbreitet, als deren vorzüglichster Träger Dante erscheint, daß die Kirche durch ihre Einmischung in weltliche Angelegenheiten zum Verderben Italiens ihrem eigentlichen Berufe untreu, ein Kaiser als Träger der Idee der Gerechtigkeit dringendes Bedürfniß für das unglückliche Land geworden sei. So erregte die unerwartete Nachricht von Heinrichs Plan eines Römerzugs vielfältigen Jubel bei den Ghibellinen und selbst einsichtige Guelfen sahen Heinrichs Ankunft mit Hoffnungen entgegen. Nicht besseren Erfolg als in Nord- und Mittelitalien hatte die Curie im Süden gehabt: nach 20jährigem Kampf mußte Bonifaz 1303 das Ergebniß der sicilianischen Vesper, die Herrschaft einer aragonischen Dynastie auf der Insel Sicilien, anerkennen. Unter einem ausgezeichneten Fürsten, wie König Friedrich, konnte diese ghibellinische Macht von größter Bedeutung für H. werden. Zunächst freilich suchte H. in idealer Auffassung seiner Stellung Ghibellinen und Guelfen gleichmäßig vor sich zu beugen, die Tyrannen mußten ihre Gewalt niederlegen, Reichsvicare traten an ihre Stelle, die vertriebenen Factionen kehrten in ihre Städte zurück. Der erste größere Erfolg Heinrichs war die friedliche Besetzung des mächtigen Mailand; als er sich hier am 6. Januar 1311 die lombardische Königskrone aufs Haupt setzen ließ, hatten sich Gesandte aus allen Städten Oberitaliens um ihn versammelt. Aber die Ergebenheit der Guelfen war nur eine scheinbare. Keiner haßte ihn mehr als Guido della Torre, sah er doch an seiner Seite Matteo Visconti, seinen alten Gegner, den er einst aus der Herrschaft verdrängt hatte. Die Geldforderungen des Königs an die reiche Stadt und seine Absicht Geiseln mit sich zu führen, riesen einen Aufstand hervor; ihn mußten die della Torre's mit ihrer Vertreibung büßen, während der schlaue Visconti, der eine zweideutige Rolle gespielt hatte, nach einiger Zeit zum Reichsvicar von Mailand erhoben wurde. In Folge der Unterdrückung der|guelfischen Erhebung in der Hauptstadt, die als ein der Partei zugefügtes Unrecht betrachtet wurde, loderte der Aufruhr in Brescia, Cremona und anderwärts empor. Weithin verbreitete der Fall Mailands Schrecken unter den Guelfen. Um so enger schlossen sich die Ghibellinen an den König an und nun übertrug sich unwillkürlich der Parteihaß der Italiener auf das Verfahren des Königs gegen die abtrünnigen Städte. Trotzdem stehen die harte Bestrafung Cremona's und die Grausamkeiten, welche bei der viermonatlichen Belagerung Brescia's auch von H. geübt wurden, vereinzelt da. Mit einem stattlichen Heere, dem die Lombarden, besonders Cangrande von Verona, Zuzug leistete, rückte H. vor Brescia, anstatt, wie die Guelfen Toscana's fürchteten, Dante wünschte und forderte, sogleich gegen die noch ungenügend vorbereiteten Communen Toscana's zu marschiren. Guelfen von Mailand und Cremona hatten sich nach Brescia geflüchtet, Florenz suchte durch Geldspenden den Widerstand zu verlängern, der grausige Tod, welchen der gefangene Tebaldo Brusciati, das Haupt der Stadt Brescia, auf Befehl Heinrichs erdulden mußte, erbitterte die heldenmüthigen Vertheidiger nur um so mehr, eine Seuche wüthete im Lager des Königs, H. war über den unerwarteten Widerstand und den Verlust seines ritterlichen Bruders Walram tief niedergeschlagen, endlich mußte sich doch die ausgehungerte Stadt unter Vermittelung päpstlicher Legaten ergeben (18. Sept. 1311). Eine Versammlung der Städteboten zu Pavia verlief resultatlos, weil H. im Bewußtsein seiner Schwäche nach dem sicheren Genua zu kommen eilte, das ihm nach glänzendem Empfang die Regierungsgewalt auf 20 Jahre übertrug. Den wirklichen Verhältnissen der Lombardei, wo überall nach Heinrichs Entfernung sofort Abfall und Aufruhr hervortrat, entsprach mehr als jener Städtetag die Einsetzung des Grafen Werner von Homburg zum "obersten Hauptmann des Bundes aller Reichsgetreuen in der Lombardei". Darin lag ein Verzicht auf den idealen Gedanken der Unparteilichkeit: der guelfischen Liga trat ein ghibellinischer Bund unter Leitung des Königs gegenüber. Wie weit war aber H. noch immer von einer richtigen Erkenntniß seiner Gegner entfernt! König Robert war das natürliche Haupt der Guelfenliga; daß er zögerte, offen ihre Führung zu übernehmen, stammte keineswegs aus Freundschaft für den deutschen König, ihn leitete der Gedanke: je gefährlicher die Lage der Guelfenstädte werde, um so bedingungsloser müßten sie sich ihm in die Arme werfen. Obgleich nun die Beziehungen Roberts mit den Guelfen Toscana's dem König nicht verborgen bleiben konnten, so gab H. doch die Unterhandlungen wegen des gedachten Ehebündnisses so wenig auf, daß sie nur einmal eine Unterbrechung erlitten, als in Genua die Kunde eintraf von dem offenbar feindseligen Schritte Roberts, der Besetzung Roms durch seinen Bruder Johann; in Pisa und Rom wiederaufgenommen, haben sie noch immer kühnere Forderungen des rücksichtslosen Neapolitaners gezeitigt. Schneller entschied sich der feindliche Gegensatz des wiedererwachten universalen Kaiserthums zu Frankreich. Clemens V. hatte H. zur Abtretung des Arelats an Philipp den Schönen zu bewegen gesucht; so hohen Preises schien die doppelzüngige französische Freundschaft nicht werth. Schon im December 1311 sind die Verhandlungen gescheitert. Die päpstliche Politik aber gerieth nach diesem Mißerfolg aus ihrem anfänglichen Gleichgewicht. — H. verbrachte die Wintermonate bis Mitte Februar in Genua; hier mußte er die Leiche seiner edlen Gemahlin zurücklassen, am 13. December 1311 war sie einer Seuche erlegen. Zu Schiff gelangte H. nach Toscana und erhielt in Pisa neuen Zuzug von deutschen und italienischen Streitkräften, dessen er nur allzusehr bedurfte. Verharrte doch beinahe ganz Toscana im Widerstand, ungeachtet der König schon von Genua aus über Florenz, jetzt in Pisa auch über Lucca, Siena, Parma und Reggio die Reichsacht ausgesprochen hatte,|zeigten sich doch selbst im kaisertreuen Pisa Symptome der Unzufriedenheit über des Königs Neigung zu unmittelbarer Ausübung seiner Hoheitsrechte. Ueber Viterbo gelangte H. anfangs Mai 1312 nach Nom, wo sich Orsini's und Colonna's, Guelfen und Ghibellinen schon längere Zeit in Straßenkämpfen befehdeten. Mit den Orsini's im Bunde hielt Johann von Anjou einen großen Theil der Stadt besetzt. Er war nach seiner Erklärung an die Gesandten des heranziehenden Königs von seinem Bruder, Robert von Neapel, beauftragt, Einzug und Krönung Heinrichs nach Kräften zu verhindern. Trotzdem bemächtigte sich H. einiger Quartiere, aber die Engelsburg und die Peterskirche, an deren Besitz ihm vor allem für die Kaiserkrönung gelegen sein mußte, blieb in den Händen der Feinde. Die nochmals aufgenommenen Verhandlungen wegen eines Freundschaftsvertrags zwischen den beiden Königen blieben erfolglos, da Roberts Forderungen, wenn sie aufrichtig gemeint waren, nur darauf hinzielten, den König so schnell wie möglich aus Italien zu entfernen: dann mochte Robert in vertragsmäßiger directer und indirecter Beherrschung Italiens ohne großes Blutvergießen auch die noch selbst gezogenen Grenzen seiner Machtsphäre überspringen. Ebensowenig erreichte H. durch opfervolle Straßenkämpfe und durch die Fürbitte der Cardinäle, welche zu seiner Krönung an Stelle des Papstes erschienen waren. Der Widerstand der letzteren gegen den von H. vorgeschlagenen Ausweg, die Krönung in der Laterankirche vorzunehmen, wich endlich dem gewaltsamen Drucke des römischen Volks: am 29. Juni 1312 empfing H. die Kaiserkrone, freilich unter Umständen, welche ihm die Freude an dieser Ceremonie trüben mußten. Wenige Tage später schloß H. endlich ein Schutz- und Trutzbündniß mit Friedrich von Sicilien, der schon in Genua und Pisa um seine Freundschaft geworben hatte. Die Verlobung einer Tochter Heinrichs mit einem Sohne Friedrichs besiegelte den Vertrag. Aber auch jetzt noch zeigte sich Heinrichs unzerstörbarer Idealismus: die Aussicht auf ein Zusammenwirken mit dem Beherrscher Siciliens ließ ihn inmitten aller Wirren Italiens neue Hoffnung auf dereinstige Wiedereroberung des heiligen Landes fassen, gegen Clemens V. und Philipp von Frankreich sollte der Bund keine Kraft haben! Und doch hatte Philipp der Schöne eben damals den Raub Lyons vollzogen, mit den Feinden Heinrichs in Italien stand er in lebhaftester Verbindung, der Papst aber erließ in diesen Tagen das Gebot eines einjährigen Waffenstillstandes zwischen Kaiser H. und König Robert — ein völlig ungerechtfertigter Eingriff in weltliche Angelegenheiten, um so mehr als König Robert der angreifende Theil gewesen war. H. protestirte, wenn auch in mildester Form, gegen die Päpstliche Anmaßung, konnte aber doch den Waffenstillstand acceptiren, da seine nächste Aufgabe die Besiegung der toscanischen Communen war. Die Sommerhitze hatte ihn nach Tivoli vertrieben; von da kehrte er auf wenige Tage nach Rom zurück, um dann Ende August 1312 nach Toscana zu marschiren. Seine Kräfte waren geschwächt, denn kaum einen Monat nach der Kaiserkrönung hatten Herzog Rudolf von Baiern (der erst in Pisa zu ihm gestoßen war) und andre Fürsten ihren Kaiser verlassen und waren in die Heimath zurückgeeilt. Aber mit Hilfe der toscanischen Ghibellinen konnte H. Florenz energisch zu Leibe gehen, und wiewol der weitere Verlauf der Kämpfe nicht immer dem guten Anfang entsprach, fehlte es doch nicht an Uneinigkeit und Schwäche in den Städten der guelfischen Liga. Mangel an Lebensmitteln und Krankheit nöthigten den Kaiser mit Anfang des neuen Jahres ein Lager bei Poggibonsi zu beziehen, bald verließ er jedoch die neue von ihm hier begründete Stadt "Kaisersberg", um sich fortan in Pisa den Vorbereitungen zu dem großen Schlage gegen Robert von Neapel zu widmen. Seiner doctrinären Neigung nachgebend hatte er diesem als einem Hochverräther in aller Form Rechtens den Proceß gemacht und ihn, der als Graf der Provence dem deutschen Kaiser|Vasallenpflicht schuldete, aller Lehen verlustig gesprochen. "Wie die ganze Welt, so gehöre auch das Königreich und die Insel Sicilien dem Kaiser", hatten seine Rechtskundigen erklärt. Papst Clemens beantwortete das Rechtsverfahren und die Rüstungen Heinrichs gegen Robert mit der Bulle vom 12. Juni 1312: Niemand solle es wagen, das Königreich Neapel anzugreifen, bei Strafe des Bannes! So drohte endlich der lang verschleierte Conflict zwischen Kaiserthum und Papstthum auszubrechen, denn H., der nicht einsah, daß die eigenen Machtfragen der Kirche des Papstes Haltung hinreichend motivirten, sondern in der minderen Freundlichkeit der Curie immer nur den Einfluß seiner Feinde erblickte, trug kein Bedenken das Verbot zu übertreten. Und wie nun der Kaiser zum ersten Mal Ernst zeigte, den guelfischen Hauptseind zu bekämpfen, da traten ihm alle die Mächte, welche von der Besiegung Roberts Vortheil erwarteten, energisch zur Seite: vor allen Friedrich von Sicilien, der schon im vorigen Jahre zum Reichsadmiral ernannt war und nun nach neuen Vereinbarungen mit H. eine stattliche Flotte gerüstet hatte. Genua und Pisa leisteten entsprechenden Zuzug. Mit Venedig knüpfte der Kaiser engere Beziehungen an. Die Ghibellinen Norditaliens wurden aufgeboten. Balduin war nach Deutschland geeilt, um die dortigen Rüstungen zu betreiben. In zwei Heeressäulen nahten sich die deutschen Streitkräfte den Alpen unter Führung Peters von Mainz und Johanns von Böhmen. Aber König H. glaubte sich ohne sie stark genug und eröffnete anfangs August 1313 den Feldzug. Es sollte nicht zum Zusammenstoß kommen: am 24. August 1313 starb H. nach kurzem Kranksein in dem toscanischen Landstädtchen Buonconvento, zweifellos ein Opfer der Strapazen des Kriegs und des ungewohnten Klimas. In Pisa hat er seine Ruhestätte gefunden, an der wir Deutsche noch heute um das tragische Schicksal dieses edlen Kaisers trauern. Sein plötzlicher Tod am Vorabend großer Ereignisse kam den Gegnern zu erwünscht, versetzte die Ghibellinen Italiens in zu tiefe Betrübniß, als daß nicht sofort die Sage von seiner Vergiftung Hütte auftauchen sollen. Die edelsten Geister Italiens, wie Cino von Pistoja und Dante sahen mit ihm ihre Hoffnungen ins Grab sinken und gewiß verdiente seine edle, ideale Persönlichkeit das ihm gespendete Lob. Daß er seinen kaiserlichen Beruf in veraltetem Sinne auffaßte, dem die erwachten Nationalitäten widerstrebten, wird man ihm verzeihen müssen, wie man Dante verziehen hat, daß er den Fremdling herbeirief und gegen seine Vaterstadt anstachelte; man wird die deutschen Kurfürsten, besonders die geistlichen, schelten dürfen, welche in selbstsüchtigem Streben, ein Geschöpf ihrer Laune auf den Thron zu erheben, wieder und wieder kleine Herren zur Königswürde beriefen, die sich in engem Kreise trefflich bewährt hatten, aber doch des weiten und scharfen Blickes für die schwierigen Aufgaben des Reichs ermangelten. Mehr als irgend einer ist H. VII. von der Heiligkeit seines Berufes tief innerlich erfüllt gewesen, ihm glühender ergeben, als wol alle vorher und nachher — ist sein Walten spurlos vorübergegangen? Man lese, mit welch' leidenschaftlicher Besorgniß König Robert der neuen Königswahl entgegensah, und man wird zugestehen dürfen, daß das Eingreifen der deutschen Macht beitrug zu verhindern, daß sich die Herrschaft der französischen Anjou's über ganz Italien ausdehnte. Die Anerkennung als Reichsvicare aber, welche mehrere der Tyrannen von H. empfingen, half ihnen den Schritt vom Tyrann-Parteihaupt zum unparteilichen Kleinfürsten zu thun und so in dem Lande der allmählich verschwindenden Guelfen und Ghibellinen friedlichere Zustände herbeizuführen, die von dem höchsten Glänze in Kunst und Wissenschaft verklärt sind. —

    • Literatur

      Ungewöhnlich reich stießen die Quellen zur Geschichte Heinrichs VII. Ein günstiges Geschick hat uns in Pisa und Turin einen beträchtlichen Theil seiner|Kanzlei erhalten. Der Briefwechsel der Stadt Florenz tritt ergänzend ein. Ein merkwürdiges Bilderbuch aus jener Zeit, jetzt im Archiv zu Coblenz, stellt auf 73 Bildern die Geschichte Balduins und Kaiser Heinrichs dar. Vortreffliche Geschichtsschreiber, Zeitgenossen und Augenzeugen, besonders in Italien, schrieben seine Biographie oder die Geschichte seiner Zeit. Von neueren Bearbeitungen nenne ich nur: J. W. Barthold, Der Römerzug König Heinrichs von Lützelburg, 2 Thle., 1830, und J. E. Kopp, König und Kaiser Heinrich und seine Zeit — Gesch. der eidgenöss. Bünde, Bd. IV. 1, 1854. Dazu kommen kleinere Monographien von Dönniges, D. König, Heidemann, Brosien, Thomas, Poehlmann. — Der Verfasser beabsichtigt eine ausführliche Geschichte Heinrichs VII. zu schreiben.

  • Autor

    C. Wenck.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wenck, Karl, "Heinrich VII." in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 443-449 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118548301.html#adbcontent

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