Lebensdaten
1872 bis 1942
Sterbeort
Oxford
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 116388773 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kraus, Oskar

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Zitierweise

Kraus, Oskar, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116388773.html [17.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Stammte väterlicherseits aus Ärzte-, mütterlicherseits aus Literatenfam.;
    V Hermann, Kaufm., S d. Dr. med. Ignaz, Herrschaftsarzt in Kolin;
    M Clara Reitler-Eidlitz;
    1899 Bertha, T d. Fabr. Salomon Chitz u. d. Antonie Mehler;
    1 T.

  • Leben

    Nach humanistischer Schulbildung begann K. im Wintersemester 1890/91 in Prag, dem Wunsche seiner Eltern folgend, mit dem Studium der Rechtswissenschaft, aus Neigung aber gleichzeitig mit dem der Philosophie bei Friedrich Jodl und Anton Marty. 1895 wurde er bei Friedrich von Wieser zum Dr. iur. promoviert; 1907 legte er die Advokatenprüfung ab, um sich die Berufslaufbahn als Jurist offenzuhalten. 1901 habilitierte er sich bei Marty und erhielt 1902 die venia legendi für Philosophie; 1909 wurde er außerordentlich Professor, 1911 Extraordinarius, 1916 Nachfolger Martys in Prag (Emeritierung 1938).

    Während des 1. Weltkriegs setzte sich K. in einer Reihe von Schriften mit dem Krieg als ethischem Problem auseinander. Die wichtigste davon trägt den Titel: „Jeremy Benthams Grundsätze für ein künftiges Völkerrecht und einen dauernden Frieden“ (1915). Sie gehört zu den klassischen Werken der Völkerrechtsliteratur (Lammasch). Durch Marty war K. bereits während seiner Studienzeit mit Franz Brentano in Verbindung gekommen, der ihn dazu ausersah, seinen literarischen Nachlaß zu verwalten. K. erblickte nunmehr in der Rettung und Überlieferung des Brentanoschen Lebenswerkes eine seiner wichtigsten Aufgaben. Durch seine intensive Auseinandersetzung mit der „wissenschaftlichen Philosophie“ Brentanos wurde sein Interesse in dreifache Richtung gelenkt: auf die ethische Wertlehre sowie auf die Rechts- und die Wirtschaftsphilosophie.

    Brentanos Schrift über den „Ursprung sittlicher Erkenntnis“ führt K. zur Einsicht, daß die überlieferte Logik eine Lücke aufweise: „In ihrer Axiomatik fehlen die Wertaxiome“. Ausgehend von Brentanos Begriff des „intentionalen Erlebnisses“ entwickelt er eine „Wertlehre“, wonach die Annahme eines „für sich bestehenden Reiches der Werte“ eine bloße Fiktion sei. Vielmehr seien alle Werte an seelisches Leben gebunden. Er rettet die objektive Allgemeinverbindlichkeit sittlicher Normen durch die Annahme, „daß die natürlichen Grundlagen für recht und sittlich in unserem eigenen Innern zu suchen“ seien. Mit seiner a-priorischen Wertaxiomatik wendet sich K. gegen die „in Hegelscher Manier gearbeitete Marxsche Werttheorie“.

    Auf dem Gebiete des Rechts verfolgt K. das Ziel einer „Verbindung der positiven Rechtslehre mit der Ethik, das heißt mit der allgemeinen Pflichtenlehre“. In Historismus und Positivismus sieht er die größten Gefahren für die Rechtswissenschaft. Ihnen könne nur Einhalt geboten werden, wenn das Recht zur Philosophie und die Philosophie im Sinne Brentanos zur Wissenschaftlichkeit zurückkehre. Grundlage der Rechtswissenschaft sei der Begriff der „Rechtspflicht und der Pflicht überhaupt“, nicht der Wille. Erst der Pflichtgedanke ermögliche die Verbindlichkeit positiver Rechtsregeln: „Staat und Staatsgewalt müssen daraufhin geprüft werden, ob ihnen zu gehorchen ist“. Aus dieser antivoluntaristischen Rechtsbegründung entwickelt K. seine „juristische Hermeneutik“ als ausgleichende Rechtsauslegung zwischen starrer Gesetzestreue und richterlicher Ungebundenheit, indem er zwischen juristischer und historischer Interpretation unterscheidet. Für den Richter sei „die Gesetzesurkunde nicht eine Urkunde, bezüglich der zu erforschen ist, was ihr Autor hat sagen wollen, sondern das Gesetz ist für ihn ein Instrument der Rechtssicherheit. Aus diesen Gründen hat der Richter das Gesetz zu interpretieren, nicht wie es gemeint ist, sondern wie jeder meinen muß, daß es gemeint ist“ (Die leitenden Grundsätze der Gesetzesinterpretation, in: Grünhuts Zeitschrift f. d. gesamt, gesammelt öffentl. u. Privatrecht 22, 1905).

    Fragen der Wirtschaftsphilosophie beschäftigen K. seit seiner Habilitationsschrift „Zur Theorie des Wertes“ (1901). Das Problem des wirtschaftlichen Wertes versucht er durch die psychologische Methode zu ergründen. Grundbegriff seiner Lehre vom wirtschaftlichen Wert ist der „Vorzug“. Neben den sogenannte(r) Wert- und Vorzugsaxiomen spielt das Summierungsprinzip eine bedeutende Rolle, wobei der mathematische Begriff des Hoffnungswertes für die Chancenbewertung herangezogen wird.

    Nach der Besetzung Prags durch die Deutschen wurde K. in ein Konzentrationslager gebracht. Die Erfahrungen des Lagerlebens bestärkten ihn nicht in seinem kritischen Pessimismus, sondern ließen ihn Zuflucht beim Mystizismus suchen. Er befaßte sich nunmehr intensiv mit Gottesbeweisen. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs kam K. aus der Haft frei und konnte nach Cambridge übersiedeln.

  • Werke

    Weitere W u. a. Das Bedürfnis, Ein Btr. z. beschreibenden Psychol., 1894;
    Die Kulturaufgabe d. Gegenwart, 1894;
    Die Lehre v. Lob, Lohn, Tadel u. Strafe bei Aristoteles, 1905;
    Über e. altüberlieferte Mißdeutung d. epideikt. Redegattung bei Aristoteles, 1905;
    Neue Stud. z. Aristotel. Rhetorik, 1907;
    Das Recht zu strafen, 1911;
    Platons Hippias Minor, 1913;
    Anton Marty, 1916;
    Der Krieg, die Friedensfrage u. d. Philosophen, 1918;
    Franz Brentano, 1919 (mit C. Stumpf u. E. Husserl);
    Franz Brentanos Stellung z. Phänomenol. u. Gegenstandstheorie, 1924;
    Offene Briefe an Albert Einstein u. M. v. Laue über d. gedankl. Grundlagen d. speziellen u. allg. Relativitätstheorie, 1925;
    Der Machtgedanke u. d. Friedensidee in d. Philos. d. Engländer Bacon u. Bentham, 1926;
    Albert Schweitzer, 1926, 21929 (engl. 1944);
    Wege u. Abwege d. Philosophie, 1934. -
    Aufsätze: Rechtsphilos. u. Jurisprudenz, in: Zs. f. d. ges. Strafrechtswiss. 1902;
    Die aristotel. Werttheorie u. d. Lehren d. modernen Psychologen, in: ZStW, 1905;
    Die Grundlagen d. Werttheorie, in: Jb. d. Philos. 2, 1914;
    Fiktion u. Hypothese in d. Einsteinschen Relativitätstheorie, in: Ann. d. Philos., Sondern., 21922;
    Franz Brentanos Psychol. u. d. Individualpsychol., in: Internat. Zs. f. Individualpsychol. 5, 1925;
    Über d. Philos. Spinozas, in: Euphorion 28, 1927 (tschech. 1927);
    Geisteswiss. u. Psychol., ebd.;
    Franz Brentanos Stellung im phil. Leben d. Gegenwart, in: Phil. Weltanz. 2, 1928;
    Autobiogr. in: Die Philos. d. Gegenwart in Selbstdarstell., hrsg. v. R. Schmidt, 1929, S. 161-203 (W, P). - Hrsg.: Anton Marty, Ges. Schrr., 2 Bde., 1916-20 (mit J. Eisenmeier u. A. Kastil);
    ders., Raum u. Zeit, 1916;
    Franz Brentano (versch. Werke), = Meiners Phil. Bibl. 55, 1921, 192,|1924, 193, 1925, 207, 1928, 194, 1926, 209, 1929.

  • Literatur

    Ziegenfuß I;
    Überweg IV;
    Enc. Jud. X.

  • Autor/in

    Friedbert Holz
  • Empfohlene Zitierweise

    Holz, Friedbert, "Kraus, Oskar" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 696-698 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116388773.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA