Lebensdaten
1856 bis 1928
Geburtsort
Kamen (Westfalen)
Sterbeort
Essen
Beruf/Funktion
philosophischer Schriftsteller
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118883674 | OGND | VIAF: 24640052
Namensvarianten
  • Marcus, Ernst Moses
  • Marcus, Ernst
  • Marcus, Ernesto

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Zitierweise

Marcus, Ernst Moses, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118883674.html [12.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    1893 Berta Auerbach (1869–1918);
    1 S, 2 T.

  • Leben

    Nach dem Schulbesuch in Soest studierte M. Jura in Bonn und Berlin und legte 1885 das Assessorexamen ab. In den folgenden Jahren war er als Hilfs- und Amtsrichter tätig, seit 1890 in Essen (1916 Geh. Justizrat). Seine eigentliche Neigung galt der Philosophie. Angeregt durch die Lektüre Schopenhauers, widmete M. seit etwa 1890 seine Freizeit dem Studium der Kantischen Philosophie und verfaßte ohne akademische philosophische Vorbildung 16 Monographien, von denen mehrere in 2. Auflage erschienen, und über 30 Abhandlungen und Rezensionen in Zeitschriften. Neben philosophischen Einzelvorträgen hielt M. 1912/13 in seiner Wohnung vor einem privaten Hörerkreis Vorlesungen, die er später seinem Werk „Kants|Weltgebäude“ (1917, 21920) zugrunde legte. M.s philosophisch-schriftstellerisches Wirken läßt sich in drei Phasen gliedern: 1899 erschien „Die exakte Aufdeckung des Fundaments der Sittlichkeit und Religion“, M.s erstes monographisches Werk, das sich mit Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und der „Kritik der praktischen Vernunft“ auseinandersetzt. In den Jahren bis zum 1. Weltkrieg folgten rasch weitere Schriften zur Kantischen Philosophie. In der Zeit von 1914 bis zum Beginn der 20er Jahre veröffentlichte M. nur wenige neue Arbeiten; vielmehr widmete er sich der Überarbeitung und Erweiterung früherer Werke. Von 1924 bis zu seinem Tod publizierte M. überwiegend kritische Schriften zu Einsteins Relativitätstheorie.

    M.s Anliegen besteht in der Exegese, Interpretation und Popularisierung der Philosophie Kants. Dabei stehen erkenntnistheoretische und ethische Fragen im Vordergrund dergestalt, däß M. den Zusammenhang von Erkennen und Handeln in Analogie zu naturwissenschaftlichen Begründungsmethoden aus der Kantischen Lehre zu entwickeln sucht. Einerseits stellt er sich damit in Konkurrenz zur neukantianischen Kantinterpretation, anderseits führen die zahllosen Metaphern und Gedankenexperimente, deren er sich zur Popularisierung der Gedanken Kants bedient, zu mißverständlichen, mitunter irreführenden Interpretationsansätzen. Dies gilt insbesondere für das Problem der reinen Anschauung, die Begründungsformen transzendentaler Beweise und die Urteilsformen der reinen Gegenstandsbegriffe. An der zeitgenössischen Debatte um die spezielle Relativitätstheorie Albert Einsteins beteiligte sich M., indem er eigene Spekulationen mit Ansätzen aus Kants „Opus postumum“ („Äther-“ bzw. „Wärmestoff “-Theorie) verband; er beabsichtigte, der Raum- und Zeitlehre der klassischen Physik eine neue Grundlage zu verschaffen. Seiner Abwehrhaltung gegenüber der „relativistischen“ Physik liegt die Auffassung zugrunde, es handle sich dabei um eine Veränderung der Wissenschaftskonzeption, die den Gedanken der theoretischen Geltung in den Naturwissenschaften durch einen zum Skeptizismus tendierenden Empirismus aufheben wolle.

    In der akademischen Fachwelt fand M. wenig Resonanz, obwohl der polemische Stil seines Werkes gegen die zeitgenössische Philosophie Widerspruch hätte hervorrufen können. Eine positive Aufnahme erfuhr M. bei August Messer, Oskar Kraus, Hugo Dingler und Hermann Gf. Keyserling. Außerhalb der akademischen Welt bildete sich bereits zur Jahrhundertwende um den Schriftsteller Salomo Friedlaender ein Kreis von Anhängern, zu dem u. a. die Literaturkritikerin Rebekka Hanf und der Redakteur Robert Drill („Frankfurter Zeitung und Handelsblatt“) zählten. Bestrebungen von Mitgliedern dieses Kreises, durch Kolloquien und Editionen zu einer Verbreitung des M.schen Werkes beizutragen, wurden durch die nationalsozialistische Machtergreifung zunichte gemacht.

  • Werke

    Weitere W u. a. Das Erkenntnisproblem od. Wie man mit d. Radiernadel philosophiert, 1905, 21919;
    Logik, 1906, 21911;
    Das Gesetz d. Vernunft u. d. ethischen Strömungen d. Gegenwart, 1907, u. d. T. Der kategor. Imperativ, 21921;
    Das Problem d. exzentr. Empfindung u. s. Lösung, 1918;
    Theorie e. natürl. Magie, 1924 (ital. 1938);
    Aus d. Tiefen d. Erkennens, 1925;
    Kritik d. Aufbaus d. speziellen Relativitätstheorie u. Kritik d. herrschenden Hypothese d. Lichtausbreitung, 1926;
    Ausgew. Schrr., 2 Bde., hrsg. v. G. Martin u. G. Hergen Lübben, 1969 u. 1981 (P in II). |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Univ. Bibl. Bonn (enthält u. a. Briefe, Tagebücher, Phot.).

  • Literatur

    K. Gaquoin, Die transzendentale Harmonie b. E. M., 1907;
    A. Jacobs, Die Beweisversuche f. d. Analogien d. Erfahrung v. E. M. u. d. Kritik d. reinen Vernunft, in: Altpreuß. Mschr. 53, 1917, S. 367 ff., 54, 1917, S. 1 ff., 57, 1920, S. 84 ff.;
    H. Falkenfeld, Denker d. Zeit, E. M., in: Voss. Ztg., Unterhaltungsbl. v. 19.12.1926;
    S. Friedlaender, Katechismus d. Magie, 1925;
    ders., Aus d. Tiefen d. Erkennens, in: Münchener Neueste Nachrr. v. 3.9.1926;
    ders., Kants Thronerbe, ebd. v. 3.1.1930;
    ders., E. M., in: Kant-Stud. 32, 1927, S. 436 ff.;
    ders., Der Philosoph E. M. als Nachfolger Kants, 1930 (L);
    ders., Kant gegen Einstein, 1932;
    R. Hanf, Über d. Werk d. Philosophen E. M., in: Geist d. Judentums, Beibl. zu „Der Schild“, Zs. d. Reichsbundes jüd. Frontsoldaten v. 8.3.1935;
    Z. Altmann, E. M. -
    d. Philosoph, in: Bull. d. Leo Baeck Inst. 51, 1975, S. 21-39;
    R. Marcus, Leben u. Schaffen d. Philosophen E. M. aus Essen, in: Mitt.bl. d. Ver. f. d. Erhaltung d. Essener Münsters 29, 1976, H. 1;
    H. Lüdtke, E. M. als Kantinterpret, 1987 (Mag.arb. Bonn, ungedr., L);
    Ziegenfuß;
    Überweg IV;
    Enc. Jud. 1971.

  • Autor/in

    Klaus-Werner Segreff, Horst Lüdtke
  • Empfohlene Zitierweise

    Segreff, Klaus-Werner; Lüdtke, Horst, "Marcus, Ernst Moses" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 135-136 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118883674.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA