Lebensdaten
1505 bis 1558
Geburtsort
Brüssel
Sterbeort
Cigales/Valladolid
Beruf/Funktion
Königin von Ungarn und Böhmen ; Erzherzogin von Österreich ; Statthalterin der Niederlande
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119170531 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Maria von Österreich (geborene)
  • Maria von Ungarn
  • Maria
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Maria, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119170531.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus d. Geschl. d. Habsburger: V Erzhzg. Philipp I. d. Schöne (1478–1506), Hzg. v. Burgund, Kg. v. Kastilien, S d. Kaisers Maximilian I. ( 1519, s. NDB 16) u. d. Maria v. Burgund ( 1482, s. NDB 16);
    M Johanna d. Wahnsinnige (1479–1555), T d. Kg. Ferdinand V. v. Aragon ( 1516) u. d. Kgn. Isabella I. v. Kastilien ( 1504);
    Tante-v Erzhzgn. Margarethe (1480–1530), seit 1507 Statthalterin d. Niederlande (s. NDB 16);
    B Kaiser Karl V. (1500–58, s. NDB XI), Kaiser Ferdinand I. (1503–64, s. NDB V);
    Schw Eleonore (1498–1558, 1] 1519 Kg. Emanuel I. v. Portugal, 1521, 2] 1530 Kg. Franz I. v. Frankreich, 1547), Isabella (1501–26, 1515 Kg. Christian II. v. Dänemark, 1559), Katharina (1507–78. 1525 Kg. Johann III. v. Portugal, 1557);
    - 1515/22 Ludwig II. Jagiello (1506–26) Kg. v. Ungarn u. Böhmen (s. NDB 15), S d. Kg. Wladislaw II. v. Böhmen u. Ungarn ( 1516) u. d. Anna v. Foix ( 1506); Schwägerin Anna ( 1547, s. NDB I, 1521 Kaiser Ferdinand I., 1564, s. NDB V); kinderlos.

  • Leben

    Die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte M. in den Niederlanden (besonders in Mecheln). Sehr früh wurde sie in die familienpolitischen Pläne Kaiser Maximilians I einbezogen, der sie 1514 nach Wien kommen ließ; anläßlich des Wiener Kongresses heirateten am 22.7.1515 M. und Ludwig, der einzige Sohn Wladislaws II. von Böhmen und Ungarn, sowie dessen einzige Tochter Anna und Kaiser Maximilian I. in Vertretung für einen seiner Enkel. Die Ehen, die erst nach der Mündigkeit der Partner zu vollziehen waren, sollten die alten erbrechtlichen und vertraglichen Ansprüche der Habsburger auf die Kronen von Böhmen und Ungarn festigen. In den folgenden Jahren lebte M. gemeinsam mit ihrer Schwägerin Anna in Wien (bis 1516) und in Innsbruck (bis 1521).|Im Juni 1521 kam M. nach Ungarn. Die Krönung zur Königin von Ungarn erfolgte am 11.12.1521 in Stuhlweißenburg, die Hochzeit am 13.1.1522 in Ofen und die Krönung zur Königin von Böhmen am 1.6.1522 in Prag. Ihr Hof war mit dem „Gesandten des Kaisers bei der Königin“ ein Zentrum habsburg. Politik. Anfang 1524 wurde die Stellung der Königin in der ungar. Politik durch die Übernahme des wertvollsten Teiles ihres reichen ungar. Leibgedinges, der königl. Einkünfte aus den sieben mittelslowak. Bergbaustädten, gestärkt. Zeitgenossen und Historiker schätzten zwar die geistigen und politischen Fähigkeiten der jungen Königin, die einen Kreis von Humanisten um sich sammelte, höher ein als jene ihres Gemahls; die Politik ihres Hofes, zuletzt 1525 die spektakuläre Enteignung der Fugger-Thurzo-Gesellschaft, dürfte jedoch dazu beigetragen haben, daß 1526 keine ausreichende internationale Unterstützung und Rüstung sowie keine Einigung der Ungarn gegen die Osmanen zustande kam.

    Nach dem Tod Ludwigs II. in der Schlacht bei Mohács (29.8.1526) wurde M. durch ihre umfangreichen Besitzungen, ihre große Gefolgschaft und ihre politische Erfahrung zur Stütze ihres Bruders Ferdinand bei der Durchsetzung seiner Ansprüche auf die ungar. Krone. Um die aus Ofen nach Preßburg geflohene Königin-Witwe sammelten sich Ende 1526 die mächtigsten Gegner Johann Zápolyas, des Woiwoden von Siebenbürgen, der bereits am 10. und 11. November in Stuhlweißenburg zum ungar. König gewählt und gekrönt worden war, und diese wählten Erzhzg. Ferdinand zum König. Als Statthalterin gelang es M. und ihren Räten in den folgenden Monaten, zu Zápolyas Gegnern in Ungarn Kontakte aufzunehmen und viele insgeheim für Ferdinand zu gewinnen, so daß Zápolya große Teile des Landes und Ofen im Sommer 1527 kampflos aufgeben mußte. M. lehnte 1528 eine neuerliche Übernahme der Statthalterschaft ab. Obwohl sie danach nie mehr ungar. Boden betrat, brach ihre Verbindung zur Politik dieses Landes nicht ab, vor allem wegen ihrer ungar. Besitzungen, die sie bis zu einem Vergleich mit Ferdinand von 1548 behielt. Plänen ihrer Brüder, sie mit Jakob V. von Schottland bzw. mit Pfalzgf. Friedrich zu verheiraten, widersetzte sich M. mit Erfolg.

    Nach dem Tod der Erzhzgn. Margarete übernahm M. 1531 die Statthalterschaft in den Niederlanden. Ihre Regentschaft, die 25 Jahre dauern sollte, ist gekennzeichnet durch Bemühungen um eine Zusammenfassung und Vereinheitlichung der niederländ. Provinzen und durch die kriegerischen und finanziellen Belastungen durch die europ. Politik Karls V. 1531 wurden der Statthalterin die drei „conseils collatéraux“ als Zentralbehörden für Außenpolitik, innere Verwaltung und Finanzen beigegeben. Die Niederschlagung von Aufständen in Brüssel (1533) und Gent (1540) wurde zum Abbau von Sonderrechten genutzt. Die Regelung des Verhältnisses des Burgund. Kreises zum Reich von 1548, wie auch die Vereinheitlichung der Erbrechte in allen Provinzen im folgenden Jahr waren Schritte, die Provinzen im Interesse des Hauses Habsburg zu einem zentral regierten, unabhängigen Staatswesen zusammenzufassen. – Die handelspolitisch schwerwiegende Auseinandersetzung mit Dänemark und Lübeck wegen der Rüstung ihres Schwagers Christian in Holland konnte auf dem Verhandlungsweg zugunsten des niederländ. Ostseehandels gelöst werden. Keinen Erfolg hatten die Friedensbemühungen der beiden Schwestern M. und Eleonore, die Mitte August 1535 in Cambrai zusammenkamen; auch der Versuch M.s, die Niederlande in der Auseinandersetzung zwischen dem franz. König und dem Kaiser zu neutralisieren, gelang nicht. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehörte es, in den reichen niederländ. Provinzen Geld für die Heerzüge des Kaisers aufzubringen. Ihr persönlicher Einsatz bei der Organisation der Landesverteidigung 1537, 1543 und 1553 war beachtlich. Ein für die Niederlande wichtiger territorialer Erfolg konnte 1542 im Krieg gegen Wilhelm von Cleve erzielt werden (Geldern und die Grafschaft Zutphen).

    Als Ratgeberin nahm M. Einfluß auf die Politik ihrer Brüder Karl und Ferdinand; so vermittelte sie zwischen beiden, als Karl V. ein Alternieren der Kaiserwürde in den beiden Linien des Hauses Habsburg plante. Als Karl V. am 25.10.1555 die Regierung an Philipp II. übergab, legte M. die Statthalterschaft nieder. Am 14.9.1556 verließ sie gemeinsam mit Karl V. und Eleonore die Niederlande. Die beiden letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Spanien.

    M. wird in der Geschichtsschreibung allgemein als bedeutende politische Persönlichkeit beurteilt. Besonders ihre organisatorischen Fähigkeiten werden hervorgehoben. Sie las Schriften Luthers, und dieser widmete ihr nach der Schlacht bei Mohács „Vier tröstliche Psalmen an die Königin von Ungarn“. Sie selbst gilt als Verfasserin zweier ev. Lieder. Ihre religiösen Neigungen, die bereits in Ungarn zu Gerüchten Anlaß gaben|und auf die neben der Haltung eines Teils ihrer Höflinge vor allem die fünf Fragen schließen lassen, die auf ihren Wunsch ihr Prediger Dr. Johann Henckel 1530 an Luther sandte, ordnete sie jedoch, ebenso wie ihre politische Arbeit, den Interessen des Hauses Habsburg unter. Über Jakob Piso, Johann Henckel und Nikolaus Oláh stand sie in Verbindung mit Erasmus, der ihr die Schrift „Vidua christiana“ widmete, und den sie 1533 zur Rückkehr in die Niederlande einlud. Ihr Interesse für die Musik und für die geistigen Strömungen der Zeit sowie für die Jagd dürfte bereits durch ihre Erziehung in Mecheln bzw. in Innsbruck unter der Vormundschaft der Erzhzgn. Margarethe und des Kaisers Maximilian I. angeregt worden sein.

  • Literatur

    ADB 20;
    Die Korr. Ferdinands I. 1: Fam.korr. bis 1526, ed. W. Bauer, 2: Fam.korr. 1527–30, ed. W. Bauer u. R. Lacroix, 3: Fam.korr. 1531–32, ed. H. Wolfram u. Ch. Thomas, 1912-84;
    Ch. Sepp, De bibliotheek eener konigin, in: Bibliogr. Mededeelingen, 1883, S. 110-82;
    T. Ortvay, Maria II. Lajos magyar kiraly neje (1505-58), 1914;
    W. Stracke, Die Anfänge d. Kgn. M. v. U., späteren Statthalterin Karls V. in d. Niederlanden. Diss. Göttingen 1940;
    J. de Iongh, M. van Hongarije, 2 Bde., 1947-51 (P, engl. 1959);
    Gh. de Boom, M. de Hongrie, 1956;
    R. Carande, M. de Hungaria en el mercado de Amberes, in: P. Rassow u. F. Schalk (Hrsg.), Karl V., Der Kaiser u. s. Zeit. Kölner Colloquium 26.-29.11.1958, 1960, S. 38-50;
    U. M. Schwob, Der Ofener Humanistenkreis d. Kgn. M. v. U., in: Südostdt. Archiv 17/18, 1974/75, S. 50-73;
    G. Heiß, Pol. u. Ratgeber d. Kgn. M. v. U. in d. J. 1521–31, in: MIÖG 82, 1974, S. 119-80;
    ders., Die ungar., böhm. u. österr. Besitzungen d. Kgn. M. (1505-58) u. ihre Verwaltung, in: Mitt. d. Österr. Staatsarchivs 27, 1974, S. 61-100, 29, 1976, S. 52-121;
    E. de Borchgrave, in: Biogr. nat. Belge 13, S. 673-85;
    U. M. Schwob, in: Biogr. Lex. z. Gesch. Südosteuropas III, 1979, S. 96.

  • Portraits

    Gem. v. H. Krell, 1524 (München, Alte Pinakothek), Abb. b. Iongh, s. L;
    Bronzebüste v. L. Leoni, 1553 (Kunsthist. Mus., Wien bzw. Prado, Madrid);
    2 Ölgem., um 1522 u. um 1550 (Amsterdam, Rijksmus.), Ambraser Slg. (vgl. F. v. Kenner, Die Portraitslg. d. Erzhzg. Ferdinand v. Tirol, in: Jb. d. Kunsthist. Slgg. d. Allerhöchsten Kaiserhauses 14, 1893, S. 146. Portrait Nr. 157 u. 158.

  • Autor/in

    Gernot Heiß
  • Empfohlene Zitierweise

    Heiß, Gernot, "Maria" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 207-209 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119170531.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Maria, Königin von Böhmen und Ungarn, war eine Tochter des Erzherzogs Philipp von Oesterreich, des Herrschers der Niederlande, und seiner spanischen Gemahlin Juana der Wahnsinnigen, eine Schwester also der Kaiser Karl V. (vgl. XV, 169) und Ferdinand I. (vgl. VI, 632); sie war in Brüssel|am 13. Septbr. 1505 geboren und wurde dort und in Löwen unter der obersten Aufsicht ihrer Tante, der Erzherzogin Margaretha einige Jahre hindurch mit ihren Schwestern Leonor und Isabella erzogen. Nach dem Tode ihres Vaters (25. Septbr. 1506) war die Mutter in Spanien geblieben. Die Sorge um die Zukunft der in den Niederlanden geborenen und dort gelassenen Sprossen seines Sohnes übernahm Kaiser Maximilian; er hatte auch schon über die Hand der kleinen Enkelin verfügt, als sie noch in der Wiege lag, indem er sie dem noch gar nicht geborenen Sohne des Königs Wladislaw von Böhmen und Ungarn am 20. März 1506 zusprach Ludwig, Maria's zukünftiger Gemahl, erblickte erst am 1. Juli das Licht der Welt. Einige Jahre später ließ der Großvater M. nach Wien bringen, ihre Erziehung und Ausbildung zu vollenden. Die frühere Verlobung wurde auf dem Fürstencongreß in Wien, zu dem Kaiser Maximilian und die Könige von Böhmen-Ungarn und Polen zusammengekommen, am 20. Mai 1515 feierlich bestätigt; ja es wurde eine zweite Verlobung zwischen des jungen Ludwig Schwester Anna und Einem der kaiserlichen Enkel hinzugefügt, das Band zwischen Oesterreich und den östlichen Nachbarländern möglichst eng und fest zu schlingen. 1516 trat Ludwig, noch ein Knabe, aber frühreifen Wesens, die Regierung an; 1521 kam seine Braut zu ihm; am 11. Dec. 1521 wurde sie zur Königin gekrönt und am 13. Jan. 1522 die Ehe vollzogen. Die jungen Eheleute hatten herzliche Zuneigung und Liebe zu einander gefaßt; so war es für M. ein schwerer Schlag, daß im Türkenkrieg ihr Gemahl, König Ludwig, bei Mohnes am 29. August 1526 eine schwere Niederlage erlitt und selbst das Leben verlor. Noch nicht ganz 21 Jahre alt war sie Wittwe geworden; sie faßte den Entschluß, unvermählt zu bleiben und ihrem ersten Gemahl über das Grab hinaus die Treue zu bewahren; und energischen festen Sinnes hielt sie ihr Gelübde und wies alle Freier, die sich meldeten (unter ihnen war Pfalzgraf Friedrich, der auch um die Liebe der älteren Schwester Maria's, Leonor, so hitzig geworben, eine etwas eigenthümliche Erscheinung) unerhört ab. Ihre Brüder Karl und Ferdinand mußten sich in den unbeugsamen Willen der Schwester finden. Das Verhältniß zwischen ihr und Ferdinand war übrigens ein recht inniges; sie hatte es verstanden in den Reichen ihres Gemahls eine Habsburgische Partei zu sammeln; sie bot jetzt allen Einfluß auf, Ferdinands Nachfolge in beiden Kronen zu sichern; in tiefer Trauer leitete sie im December 1526 den Reichstag zu Preßburg, auf dem Ferdinand gewählt wurde; in seinem Namen führte sie für ihn die Landesverwaltung; überhaupt ihrer Arbeit verdankte Ferdinand das, was er dort 1526 und 1527 erzielte (vgl. VI, 635). Darauf verlegte sie ihre Residenz nach Oesterreich; in Linz oder in Passau verlebte sie die nächsten Jahre in stiller Zurückgezogenheit, ohne eigenen Wunsch nach neuer öffentlicher Wirksamkeit. M. war eine Erscheinung, der weibliche Reize nur in sehr geringem Grade eigneten, aber ein thatkräftiges, energisches, nie ermüdendes, auch körperlichen Anstrengungen sich leidenschaftlich hingebendes Weib; sie hatte viel Verstand und ganz entschiedene politische Begabung. Wie ihre Geschwister so war auch sie stets bereit, im Interesse der Größe des Hauses Habsburg sich dem Willen des ältesten Bruders Karl unterzuordnen und seiner Staatskunst in vollster Ergebenheit mit allen Kräften zu dienen; eine wärmere gemüthliche Färbung aber hatte ihr Verhältniß zu Karl nicht, wohl aber ihr Verkehr mit Ferdinand. In der großen geistigen und religiösen Frage ihrer Zeit war ihre Haltung eine eigenartige. Wenn man allerdings in vielen historischen Büchern von einer Art von Hinneigung Marias zum Protestantismus oder gar zum Lutherthum liest, so ist dafür kein Beweis erbracht worden. Alles was wir wissen, läßt vielmehr nur den Schluß zu, daß wir M. zu den großen, durch ganz Europa sich ausdehnenden Kreis der religiös empfindenden|humanistisch denkenden Verehrer und Anhänger des Erasmus zählen dürfen; seiner reformatorischen Richtung huldigte sie, mit ihm stand sie in Verkehr, aus seinen Schülern wählte sie mit Vorliebe sich ihre Geistlichen, Prediger und Beichtväter. Zwar hatte auch Luther 1526 ihr eine seiner exegetischen Schriften gewidmet und damit den Schein erregt, als ob sie seine Gesinnungsgenossin; aber M. lehnte mit allem Nachdruck diesen aus der Widmung hergeleiteten Schluß ab; sie betheuerte ihrem Bruder Ferdinand, der sie bei diesem Anlaß über ihre religiöse Stellung interpellirte, ihre Zugehörigkeit zur römischen Kirche, ihre unverbrüchliche Treue auf Seiten des alten Glaubens. Unter den deutschen Protestanten hielten Viele dafür, daß sie im Herzen dem „Evangelium“ geneigt; auf ihre Unterstützung und Fürsprache bei dem Kaiser und seinen Staatsmännern wagten Viele zu hoffen. Und das ist in der That begründet, daß M., wie Erasmus und die Erasmianer, die Nothwendigkeit reformatorischer Maßregeln in der Kirche ihrer Tage zugab, daß sie also allen Schritten gewaltsamer Unterdrückung reformatorischer Tendenzen abgeneigt und bis zu einem gewissen Grade — soweit eben Erasmus' und Luther's Absichten sich miteinander vertrugen — zu den Gönnern Luther's gerechnet werden durfte. Erasmus huldigte der Fürstin 1529 durch sein köstliches Buch „Vidua christiana“, dessen Widmung und ganzer Inhalt die directeste Beziehung auf M. nahm; hocherfreut war sie über diese Bezeugung geistiger Uebereinstimmung zwischen Erasmus und ihr selbst; aus ihrer Umgebung ist vielleicht geradezu das Büchlein bei Erasmus angeregt worden. M. erschien im Juni 1530 auf dem Reichstag in Augsburg; sie gehörte dort zu denjenigen, denen eine Annäherung des Kaisers zu den Protestanten am Herzen lag, die sich für einen Ausgleich der kirchlichen Gegensätze ernstlich interessirten. Durch ihren Prediger ließ sie sich von protestantischer Seite über manche Frage Aufklärung verschaffen; sie lud sogar Protestanten zu sich ein, sie versuchte wiederholt einzelne Personen zu gegenseitiger Annäherung zu bewegen. Dabei aber entsprach es durchaus ihrer ganzen Stellung, daß sie gleichzeitig ihren kaiserlichen Bruder Karl aufrichtig und eindringlich ihrer katholischen Gesinnung versicherte. Karl klopfte im Gespräch mit ihr schon einmal an, ob sie — wenn er ihrer demnächst bedürfen würde — eine große verantwortliche Stellung in seinem Dienst übernehmen wollte; sie wies damals alles zurück und verlangte vielmehr nach Spanien gehen zu dürfen, in der Stille sich dort ausschließlich der Pflege ihrer geisteskranken Mutter zu widmen. Bei jener eventuellen Anfrage hatte Karl die aller Wahrscheinlichkeit nach bald zur Erledigung gelangende Statthalterstellung über die Niederlande im Auge. Erzherzogin Margaretha starb in der That schon am 1. December 1530 und sofort wurde ihr Posten der Königin M. übergeben, die jetzt auch kein erhebliches Sträuben mehr entgegensetzte. Am 14. März 1531 begrüßte Karl in Löwen seine Schwester, die ihren bisherigen Hofstaat und Beichtvater auf Karls Wunsch gegen andere, niederländische Personen eintauschte. Die Geschwister verweilten mehrere Monate zusammen und besprachen die politische Lage der Niederlande miteinander; am 5. Juli stellte Karl M. als die neue Regentin den Ständen in Brüssel vor; am 27. September übernahm sie die Verwaltung, am 7. October wurden ihre Vollmachten den Stünden vorgelegt. Reiflich durchdacht war die Neuordnung der niederländischen Centralverwaltung. Auf größere Einheitlichkeit und Gemeinsamkeit der sehr verschiedenen Landestheile, aus denen Karls Besitz zusammengewachsen war, hatte sich die Absicht des Kaisers gerichtet; grade diesen Gesichtspunkt faßte auch M. mit Geschick und Glück ganz besonders ins Auge.

    24 Jahre lang hat M. an der Spitze der Niederlande gestanden, als Vertreterin der universalen Politik ihres kaiserlichen Bruders immer bemüht die speciellen Interessen der Niederlande bei Karl zur Geltung zu bringen und|andererseits in den Niederlanden selbst Macht und Gewalt der Regierung gegenüber den ständischen Elementen unter schonender Berücksichtigung ständischer Formen allmählich und unausgesetzt zu erhöhen und zu steigern. Eine glänzende Periode niederländischer Geschichte darf man diese Zeit nennen, an welche spätere Generationen mit Stolz und Freude sich zu erinnern pflegten. Und in allem Wesentlichen gebührt M. und ihrer Regentenweisheit das Verdienst an der allgemeinen Blüthe und dem allseitigen Aufschwung der ihr anvertrauten Provinzen. Die Organisation der niederländischen Verwaltung von 1531 hatte der Regentin den Staatsrath zur Seite gestellt, der die allgemeinen Angelegenheiten, militärische und diplomatische Dinge, Krieg und Frieden zugewiesen erhielt und für die Verwaltungsämter Vorschläge zu machen hatte. M. gelang es der Regel nach ohne Befragen des Staatsrathes zu regieren. Daneben hatte der Geheime Rath die Aufsicht über Justiz und Polizei im Lande zu führen; dem Finanzrathe waren die Geldsachen, Domänen- und Steuerwesen zugewiesen. Mit Eifer arbeitete man daran, eine Rechtseinheit aller verschiedenen Gebiete anzubahnen; dem Gerichtshof in Mecheln als dem höchsten Tribunal wurden die anderen Gerichte untergeordnet. Die Regentin dachte an Einführung eines stehenden Heeres auf Landeskosten; am Widerspruch der Stände scheiterte der Gedanke. Sehr zurückhaltend waren die Generalstaaten mit Geldbewilligungen; sehr unlustig, waren meist die Länder, für den stets neu auflodernden Krieg mit Frankreich Aufwendungen zu machen oder Mittel zu liefern. Die allgemeinen europäischen Interessen des kaiserlichen Landesherrn fanden hier nur geringen Anklang.

    Allbekannt ist der Widerstand, welchen Gent seit 1537 der Regierung geleistet; er führte zu offener Widersetzlichkeit hin. Das wurde der Anlaß zu Karls eiliger unerwarteter Reise durch Frankreich im Winter 1539 auf 1540. Mit zornigem Nachdruck erschien er im Februar 1540 in Gent; ein strenges Strafgericht hielt er über die Empörer; es sollte dazu dienen, überhaupt den Geist niederländischer Opposition zu brechen. Und es that die gewünschte Wirkung. Von da ab flossen reichlicher die ständischen Bewilligungen; und gehorsamer fügte man sich dem Ansinnen der Regentin. Regen Eifer entfaltete auch die niederländische Regierung auf kirchlichem Boden; es galt jede protestantische oder lutherische Regung niederzuhalten, Strafgesetze gegen etwaige Ketzer aufzustellen und auszuführen. Eine Reihe solcher Edicte ("Placarde") ergingen seit 1521, 1522; besonders 1531, 1535, 1540, 1546, 1549 und 1550; eines immer strenger als das andere; die Leidenschaft der Ketzerverfolgung steigerte sich mit den Jahren. M. leistete keinen Widerstand; sie that, was Karl ihr auferlegte; sie unterschrieb alle Gesetze und Verordnungen und Befehle; höchstens daß sie in einigen Fällen durch die Finger sah, Schuldige oder Angeklagte entweichen ließ, einige Male abschwächte oder milderte. 1548 gelang es, das gegenseitige Verhältniß der Niederlande zum deutschen Reich neu zu regeln; durch den Vertrag vom 26. Juni wurde die niederländische Quote bei deutschen Reichssteuern normirt, den Niederlanden der Schutz des Reiches gesichert, sonst aber vor allen Eingriffen und Einmischungen Deutschlands die Autonomie der niederländischen Provinzen gewährleistet. Sehr wichtig war die einheitliche Festsetzung der Erbfolge in allen den verschiedenen Landestheilen, welche durch die pragmatische Sanction vom 4. Novbr. 1549 erzielt war. Und als Erbe des Kaisers huldigten alle die einzelnen Gebiete damals dem Sohne, dem spanischen Prinzen Philipp, der seine persönliche Erscheinung auf niederländischem Boden damals machte. Königin M. hatte an diesen Maßregeln lebhaften Antheil; sie berieth überhaupt die großen Fragen der Politik regelmäßig mit ihren Brüdern Karl und Ferdinand. Sowohl 1540 als 1545 übte sie auf die gewählte Richtung der allgemeinen Politik entscheidenden Einfluß aus. 1550 hatte sie, als damals|die Ansichten und Wünsche der Brüder getrennte Wege einschlugen, ihnen als Vermittlerin zu dienen; zweimal kam sie nach Augsburg zum Familienrath; sie bewog endlich März 1551 Ferdinand nachzugeben und den Familienpakt über die Succession, den Karl verlangte, anzunehmen. Mit Besorgniß erfüllte sie die Wendung der Dinge 1551, 1552, die von allen Seiten neue Gefahren für Karls Stellung sich erheben sah. Große Anstrengungen machte M., alles Erforderte im französischen Kriege zu leisten; unglücklich verlief dieser Krieg; die Last der Schulden erdrückte fast die Regierung in Brüssel. Wiederholt hatte M. schon verlangt zurücktreten zu dürfen; nur mühsam hatte Karl sie zu einstweiligem Ausharren beredet. Aber als er selbst im Herbst 1555 die Niederlande dem Sohne abtrat, ließ auch M. sich nicht mehr halten. In jener feierlichen Scene, in welcher Karl seine Abdankung in Brüssel vollzog, erschien auch M. und empfahl mit bewegten Worten sich dem Andenken der bisher von ihr regierten Niederländer (25. Octbr. 1555). Darauf begleitete sie ihren Bruder nach Spanien, im September 1556. Dort schlug sie unweit der Residenz Karls ihren Sitz auf, gemeinsam mit ihrer Schwester Leonor, der Königin-Wittwe von Portugal und Frankreich. Karl richtete übrigens noch einmal das Verlangen an sie, daß sie einer politischen Aufgabe dienen sollte; um ihre Mitregentschaft über Spanien neben ihrer Nichte Johanna handelte es sich; aber es kam nicht dazu. Dann setzte auch Philipp 1558 ihr zu, daß sie als Regentin in die Niederlande zurückkehren sollte; sie schwankte; eben stand sie im Begriff, nach Karls Tod (21. Septbr. 1558) nachzugeben, als sie von einem heftigen Fieber ergriffen wurde, dem sie schon am 17. Octbr. 1558 erlag. Ihre Leiche hat Philipp II. 1574 im Escurial beisetzen lassen.

    • Literatur

      Vgl. Henne, Histoire du règne de Charles V en Belgique. 10 vol. 1858.
      Juste, Les Pays-bas sous Charles-Quint. Vie de Marie de Hongrie, 1855 (Nouv. éd. 1861).
      Wenzelburger, Geschichte der Niederlande, I. Bd. (1879). — Vgl. den sehr lehrreichen Aufsatz des niederländischen Kirchenhistorikers
      Christ. Sepp, „De bibliotheek eener koningin“ in Bibliographische Mededeelingen (1885) S. 110—182.

  • Autor/in

    W. Maurenbrecher.
  • Empfohlene Zitierweise

    Maurenbrecher, W., "Maria" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 374-378 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119170531.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA