Lebensdaten
1572 bis 1632
Geburtsort
Innsbruck
Sterbeort
Unken bei Salzburg
Beruf/Funktion
Jesuit ; Moral- und Kontroverstheologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118801317 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Tanner, Adam

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Zitierweise

Tanner, Adam, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118801317.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Christoph ( vor/um 1604), Bürger in I.;
    M Elisabeth Kastl († 1615);
    2 B Johannes Baptista (* 1583), Christoph (* 1587), 2 Schw Anna (* 1578), Johanna (* 1581).

  • Leben

    T. besuchte das Innsbrucker Gymnasium, studierte seit 1587 in Dillingen Rhetorik und Philosophie und trat 1590 in den Jesuitenorden ein (Ablegung der vier Ordensgelübde 1607). Das Noviziat absolvierte er 1590–92 in Landsberg/Lech. Es folgte das Studium der Philosophie und Theologie bei Gregor de Valencia (1549–1603) und Jakob Gretser (1562–1625) in Ingolstadt und München. 1595 fand die Disputation seiner theol. Thesen statt, woran sich T.s Lehrtätigkeit (Hebräisch) in Ingolstadt anknüpfte. 1597 in Eichstätt zum Priester geweiht, lehrte T. bis 1603 am Jesuitenkolleg in München Kontrovers- und Moraltheologie und nahm 1601 am Regensburger Religionsgespräch teil, wo er durch Wissen und Redegewandtheit brillierte. 1603 folgte T.s Promotion zum Dr. theol. und seine Ernennung zum Dekan für Scholastische Theologie an der Univ. Ingolstadt. Auf Wunsch von Ks. Matthias nahm T. 1618 den Ruf an die Univ. Wien an, kehrte 1619 aber nach Ingolstadt zurück. 1627 berief ihn Ks. Ferdinand II. zum ersten jesuit. Kanzler an die Univ. Prag, doch gab T. das Amt 1628 aus gesundheitlichen Gründen auf und wirkte als Minister bzw. Rektor am Kollegium in Hall (Tirol), bevor er 1631 die Lehrtätigkeit in Ingolstadt wieder aufnahm. T. starb auf der Reise nach Tirol, die er 1632 krankheitsbedingt und wegen der Schwedeneinfälle angetreten hatte.

    T. gilt als einer der bedeutendsten dt.sprachigen Theologen der Gegenreformation und|war ein Dogmatiker ersten Ranges. Seine Werke behandeln v. a. die Moral- und Kontroverstheologie, das Regensburger Religionsgespräch, die Bekämpfung des Protestantismus und die Verteidigung des Jesuitenordens. T. sprach sich für den gerechten Krieg im Sinne der „unitas religionis“ aus und verteidigte auf Seiten Papst Pauls V. die kirchliche Freiheit gegenüber Venedig. Zudem war die Rezeption des Molinismus in Deutschland wesentlich T.s Verdienst. Kritik rief sein Eintreten für ein bedingt erlaubtes Zinsnehmen und die Abwehr eines Gewaltherrschers (Tyrannenmord) hervor. T. führte astrologische Beobachtungen durch (Sonnenflecken, Kometen), lehnte das Kopernikanische Weltbild aber ab. Er trat für die Schriften des Johannes Trithemius zu okkulten Künsten ein, warnte jedoch vor Magie und Sternprognostik. In seinem Hauptwerk „Universa Theologia Scholastica, Speculativa, Pratica, ad methodum S. Thomae“ (4 Bde., 1626–27) äußerte er u. a. Bedenken gegen die Hexenprozesse und führte jur. und theol. Argumente gegen Verfahren und Folter an. Er bildete damit ein unmittelbares Vorbild für Paul Laymann und Friedrich Spee, die T.s Argumente aufgriffen und ausarbeiteten.

  • Auszeichnungen

    A Benennung d. Mondkraters Tannerus durch Johannes Riccioli SJ (1651).

  • Werke

    De verbo Dei, scripto et non scripto, 1599;
    Relatio Compendiaria de Initio, Processu et fine Colloquii Ratisbonensis, 1602;
    Defensionis Ecclesisticae Libertatis (. . .), 1607;
    Ketzerisch Luthertumb, 1608;
    Inauguratio Doctoralis Theologica S. Bennoni Episcopo Sacra, 1608;
    Lutherus seu Anatomiae Confessionis Augustanae, 1613/14;
    Astrologia Sacra, 1615;
    Oratio funebris in laudem Doctoris Alberti Hungeri (. . .), 1615;
    Dioptra fidei, 1617;
    Apologia contra Monita privata Societatis Jesu, 1618;
    Apologia pro Societate Iesu ex Boemiae Regno (. . .), 1618;
    Disputationes theologicae (. . .) in omnes partes Summae theologicae Sancti Thomae Aquinatis, 1618;
    Amuletum Castrense (. . .), 1620;
    Supplementum Disputationum Theologicarum (. . .), 1620;
    Dissertatio Peripatetico-Theologica, 1621;
    Anti-Mylius, 1629;
    Antichristus Decem Praescriptionibus Proscriptus, 1630;
    Apologeticae orationes pro Ioanne Trithemio, Abbate Spanheimensi, 1630;
    Manuductor, oder Wegweiser, 1630;
    Qu
    Dompfarre St. Jakob;
    Stadtpfarre Innsbruck;
    Tiroler Landesmus. Ferdinandeum (enthält u. a. Ms. e. Biogr. v. J. Rigler,W).

  • Literatur

    ADB 37;
    L. Rapp, Die Hexenprozesse u. ihre Gegner aus Tirol, 1874, S. 47–70;
    B. Duhr, Die Stellung d. Jesuiten in d. dt. Hexenprozessen, 1900, S. 45–53;
    ders., Gesch. d. Jesuiten in d. Ländern dt. Zunge, Bd. 2,2, 1913, S. 380–86;
    A. Dürrwächter, A. T. u. d. Steganogr. d. Trithemius, in: M. Jansen (Hg.), Festgabe Herrmann Grauert, 1910, S. 354–76;
    W. Lurz, A. T. u. d. Gnadenstreitigkeiten d. 17. Jh., Ein Btr. z. Gesch. d. Molinismus, 1932;
    G. Wilczek, Die Jesuiten in Ingolstadt v. 1601–1635, 1981, S. 93–95 u. 119–21;
    ders., Bedeutende Jesuitentheologen d. Gegenref., Gregor v. Valencia, Jakob Gretser, A. T., Georg Stengel, 1994, S. 73–98 (W);
    ders., Epochen d. Univ. Ingolstadt, 2003, S. 98–105;
    S. Hofmann, Ingolstädter Jesuiten u. Hexenprozesse, in: Die Jesuiten in Ingolstadt 1549–1773, Ausst.kat., 1991, S. 238–45;
    W. Behringer, Zur Haltung A. T.s in d. Hexenfrage, Die Entstehung e. Argumentationsstrategie in ihrem gesellschaftl. Kontext, in: H. Lehmann u. O. Ulbricht (Hg.), Vom Unfug d. Hexen-Processes, 1992, S. 161–85;
    ders., Hexenverfolgung in Bayern, 31997, S. 256–58, 279 f., 332–36, 366–68u. 407–09;
    J. Dillinger, A. T. u. Friedrich Spee, Zwei Gegner d. Hexenverfolgung aus d. Jesuitenorden, in: Spee-Jb. 7, 2000, S. 30–58;
    V. Gasser, Erstes biogr.-lit. Schriftst.-Lex. v. Tirol 4, 1896, S. 51–58 (W);
    Zedler;
    Jöcher;
    Koch, Jesuiten (W);
    Wurzbach;
    Sommervogel (W);
    LThK2/3;
    Killy;
    Killy2;
    Biogr. Lex. LMU;
    Tirol-Lex.;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Personenlex. Österr.;
    BBKL 17 (W, L);
    R. Lachenschmid, in: Diccionario Histórico de la Compañía de Jesús, Biográfico-Temático, Bd. 4, 2001.

  • Literatur

    L); Personenlex. Österr.; BBKL 17 (W, L); R. Lachenschmid, in: Diccionario Histórico de la Compañía de Jesús, Biográfico-Temático, Bd. 4, 2001.

  • Autor/in

    Hansjörg Rabanser
  • Empfohlene Zitierweise

    Rabanser, Hansjörg, "Tanner, Adam" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 782-783 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118801317.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Tanner: Adam T., Jesuit, geboren zu Innsbruck 1572, zu Unken am 25. März 1632. Nachdem er in seiner Vaterstadt und zu Dillingen die humanistischen und philosophischen Studien absolvirt hatte, trat er 1591 in den Jesuitenorden, machte zu Landsberg das Noviziat ab und studirte dann Theologie zu Ingolstadt, namentlich unter Gregor von Valencia und Jakob Gretser. 1596 wurde er Professor des Hebräischen zu Ingolstadt, dann zu München Professor der Controversen und der Moraltheologie. 1599 veröffentlichte er dort seine erste Schrift „De verbo Dei scripto et non scripto et de judice controversiarum“. Im November 1601 wurde von dem Herzog Maximilian von Baiern und dem Pfalzgrafen Philipp Ludwig von Neuburg zu Regensburg ein Religionsgespräch veranstaltet, bei dem hauptsächlich de norma doctrinae christianae et de controversiarum religionis judice disputirt wurde, also über die Punkte, die T. in seinem Buche behandelt hatte. Die Katholiken waren durch Albert Hunger und J. Greiser vertreten, die Protestanten namentlich durch Aegidius Hunnius, Philipp und Jakob Heilbrunner und David Rungius. Da Greiser erkrankte, trat T. für ihn ein. Er veröffentlichte auch 1602 zu München die „Relatio compendiaria de initio, progressu et fine colloquii Ratisbonensis“ (auch deutsch) und dann mehrere Streitschriften über das Religionsgespräch. (Die reiche Litteratur über das Religionsgespräch ist verzeichnet bei de Backer in dem Artikel T.) Nach Beendigung des Religionsgespräches erhielt T. 1603 den theologischen Doctorgrad und wurde dann Professor der scholastischen Theologie zu Ingolstadt. Dort legte er am 29. October 1617 die vier feierlichen Gelübde ab. 1618 wurde er von dem Kaiser Matthias nach Wien berufen, um für Martin Becanus Theologie zu dociren, kehrte aber schon 1619 nach Ingolstadt zurück. Bald darauf wurde er von Ferdinand II. zum Kanzler der Universität Prag ernannt, legte aber nach kurzer Zeit wegen Kränklichkeit diese Stelle nieder. Er war dann drei Jahre Pater Minister, fünf Monate Rector zu Hall in Tirol, dann Studienrector und Professor der heil. Schrift zu Ingolstadt. 1632 verließ er wegen Krankheit — er litt an der Wassersucht — Ingolstadt, um nach Innsbruck zu reisen. Er mußte wegen der unruhigen Zeiten einen großen Umweg machen und starb in dem Dorfe Unken in der Nähe von Salzburg. — Zu Ingolstadt veröffentlichte T. 1618 „Disputationum theologicarum in omnes partes Summae theologicae S. Thomae ll. 4“, dazu ein „Supplementum“ 1620, dann sein Hauptwerk „Universa theologia scholastica, speculativa, practica“ (1626—27 4 Fol.), ferner mehrere polemische Schriften, u. a. „Anatomia Confessionis Augustanae“ in drei Theilen (1613); „Defensio Ecclesiae libertatis“ (1607, über den Streit Paul's V. mit Venedig); „Apologia contra Monita privata Societatis Jesu"; „Apologia pro Societate Jesu ex Bohemiae regno proscripta“ (1618, anonym; aber in einer vermehrten Ausgabe mit seinem Namen 1619); außerdem „Astrologia sacra, i. e. orationes et quaestiones V, quibus explicatur, qua ratione fas sit homini de rebus occultis ex astris judicium ferre“ (1615); „Apologeticae orationes pro J. Trithemio“ (1630); auch einige deutsche Schriften: „Ketzerisch Lutherthum“ (1608, gegen J. Heilbrunner); „Dioptra fidei“ (1617, über Messe und Communion unter Einer Gestalt); „Manuductor, Wegweiser oder zehn Kennzeichen, daß die päpstliche Kirche die rechte sei“ (1639); „Anti-Mylius, Beweis, daß Luther weder in allen noch in einigen der Apostel Lehre zugethan ist“ (1630).

    In seinem Hauptwerke spricht T. an mehreren Stellen in einer für jene Zeit sehr verständigen Weise über Hexerei und Hexenprocesse. Wie Fr. Spee (s. A. D. B. XXXV, 92) berichtet, wurden seine Ausführungen vielfach angegriffen, und äußerten zwei Inquisitoren, sie würden diesen Menschen, sobald sie ihn in ihre Gewalt bekämen, allsogleich auf die Folter spannen. Nach seinem Tode fanden die Bewohner des Hauses zu Unken, in dem er gestorben war, unter seinen Habseligkeiten ein ihm von seinem Ordensgenossen Christoph Scheiner geschenktes Vergrößerungsglas, in welchem eine Mücke eingeschlossen war. Sie hielten das große behaarte Thier in dem kleinen Glase für einen „Glasteufel"|und den Verstorbenen für einen Zauberer, der nicht in geweihter Erde begraben werden dürfe, wurden aber von dem Pfarrer dadurch beruhigt, daß er die Mücke aus dem Glase herausnahm und ihnen in ihrer natürlichen Größe zeigte und eine andere Mücke in das Mikroskop hineinthat, die nun ebenso aussah, wie der „Glasteufel“.

    • Literatur

      Fr. X. Kropff, Historia Provinciae S. J. Germaniae superioris. — de Backer. —
      Hurter, Nomenclator (2) I, 254. —
      Kobolt, Baier. Gelehrtenlexikon I, 679. —
      Wurzbach 44, 177 (unter Thanner). — Rapp, Die Hexenprocesse „und ihre Gegner aus Tirol, S. 47.

  • Autor/in

    Reusch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Reusch, Heinrich, "Tanner, Adam" in: Allgemeine Deutsche Biographie 37 (1894), S. 380-382 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118801317.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA