Lebensdaten
1736 bis 1794
Sterbeort
Muckross bei Killarney (Irland)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Verfasser des Münchhausen ; Universalgelehrter ; Mineraloge ; Kunsthistoriker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118787888 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Raspe, Rudolf Eric
  • Raspe, Rudolph Erich
  • Raspe, Rudolf Erich
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Raspe, Rudolf Erich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118787888.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Christian Theophilus (1700–81), Erster Buchhalter am kgl. Berghandlungskontor in H., Mineralien- u. Fossiliensammler;
    M Luise Catharina (* 1715), T d. Viet Erich v. Einem (1683–1749), Bgm. in Seesen, u. d. Charlotte Tidan (1683–1743);
    2 Schw, u. a. Catharina Maria Sophia (1734–1802, Otto Johann Völger, Amtsvogt in Uetze), 1 B (früh †);
    1771 ( nach 1782) Elisabeth (Babette) ( 2] N. N. Schlotterbeck, Arzt in Berlin), T d. N. N. Lange, Stadtmedicus in Berlin, u. d. N. N. Dervussy;
    1 S, 1 T.

  • Leben

    R. studierte 1755/56 die Rechte in Göttingen, 1756-59 in Leipzig und schließlich – bis zum Examen 1760 – wiederum in Göttingen. Seit 1761 bekleidete er die Stelle des Dritten Bibliotheksschreibers an der Kgl. Bibliothek in Hannover, seit 1762 die des Bibliothekssekretärs. In seiner ersten geologischen Publikation, dem „Specimen naturalis historiae“ (1763), einem Kompendium von Hypothesen über die Erdgeschichte und die Morphogenese der Erdoberfläche, schloß sich R. den durch Fossilienfunde untermauerten, ihrer biblischen Mythen entkleideten geognostischen Theorien Robert Hookes an. 1765 gab er die „Oeuvres philosophiques […] du feu“, eine Kompilation bislang unveröffentlichter phil. und math. Abhandlungen Leibniz, heraus. In zwei Besprechungen der von James Macpherson anonym fingierten Ossian-Gedichte und von Thomas Percys „Reliques of ancient English poetry“, die R. z. T. übersetzte, vermittelte er dem dt. Publikum einen Stoff, dem für die frühe Romantik in ihrer Hinwendung zum Mittelalter eine wichtige Rolle zukam. In seiner Ballade „Hermin und Gunilde“ (1766) griff R. selbst eine Sage aus dem Göttinger Raum auf.

    Trotz internationaler Kontakte zu einflußreichen Gelehrten – so zu Benjamin Franklin und dem Präsidenten der Royal Society, John Pringle, sowie zu Winckelmann, Lichtenberg und Herder – sah R. für sich in Hannover keine adäquaten Aufstiegsmöglichkeiten. Durch Vermittlung des Generals Ludwig v. Wallmoden-Gimborn, dessen Kunstsammlung er katalogisiert hatte, wurde er 1767 als Kurator an das entstehende Museum Fridericianum nach Kassel berufen. Hier verzeichnete er die bis dahin nicht systematisierten Altertümer und Kunstwerke sowie das Medaillen- und Münzkabinett des Lgf. Friedrich II. und lehrte als Professor der Altertümer am Collegium Carolinum. Zwar konnte R. seinen Dienstherrn nicht für eine Erweiterung der Sammlung um mittelalterliche dt. Kunst gewinnen, doch er erwarb alte Handschriften wie 1773 die „Vita Meinwerci episcopi Patherbrunnensis“ (s. 7, 59, 1921, Nachdr. 1983), die Urkunden und das Evangeliar des Klosters Hardehausen sowie Abschriften von weiteren 900 Urkunden. R. gab u. a. das kurzlebige Periodikum „Der Casselische Zuschauer“ (1772) sowie weitere geologische Abhandlungen heraus, in denen er sich als Verfechter der Theorie des vulkanischen Ursprungs des hess. Basalts profilierte. In seinem „Beytrag zur alleraeltesten und natuorlichen Historie von Hessen“ (1774) erkannte er u. a. aufgrund geognostischer und mineralogischer Untersuchungen die Entstehung des Habichtswaldes.

    Als offenkundig wurde, daß der teils durch seinen Lebensstil, teils durch unregelmäßige Gehaltszahlung überschuldete R. Münzen aus der ihm anvertrauten Sammlung unterschlagen hatte, floh er im März 1775 nach England. Um seine prekäre finanzielle Lage zu mildern, übersetzte er geognostische Schriften sowie – mit Lessings „Nathan“ (1781) – auch zeitgenössische Literatur ins Englische, ebenso auch engl. Publikationen – so 1778 das „Gesetzbuch der Gentoo's“ – ins Deutsche. Für Reinhold und Georg Forster und deren Verleger Johann Carl Spener arbeitete er an der Übersetzung von Forsters Reisebericht „Voyage round the World“ (1777) mit. Mit dem Rückgriff auf 17 im „Vade Mecum für lustige Leute“ (1781/83) bei August Mylius in Berlin anonym publizierte zusammenhanglose Anekdoten, die R. – ebenfalls anonym – ins Englische übertrug, dabei teils umstellte und zu einer erstmals durch die literarische Figur des „Baron Munchausen“ als Erzähler zusammengehaltenen Geschichte verknüpfte, schuf R. die Basis für ein Stück Weltliteratur. Dieses bald auch kommerziell erfolgreiche Werk wurde wiederum zur Vorlage von Gottfried August Bürgers (1747–94) erweiterter Rückübersetzung ins Deutsche. Ob bereits die auf antiken Vorlagen und mittelalterlichen Schwänken beruhenden Episoden der „M-h-s-n-schen Geschichten“ und „M.-Lügen“ im „Vade Mecum“ von R. verfaßt wurden, ist nicht sicher.

    In der Bibliothek der Univ. Cambridge entdeckte R. die Handschrift „De arte pingendi“ des Theophilus Presbyter, welche die u. a. von Horace Walpole und Lessing vertretene Auffassung stützte, daß die Ölmalerei bereits vor den Gebrüdern van Eyck entwickelt wurde, und eine weitere – „Heraclius de caloribus et artibus Romanorum“ –, die er zusammen mit einer von ihm verfaßten Abhandlung über die Ölmalerei herausgab.

    1782 in Cornwall vom Industriellen Matthew Boulton und den dortigen Erzgrubenbesitzern als „master of assay“ (1784) angestellt, richtete R. ein Labor für Metall- und Erzuntersuchungen ein. James Tassie, Medaillenfabrikant und Erfinder einer farbigen Glaspaste zur Vervielfältigung von Porträtmedaillons und antiken Gemmen, besorgte R. neue Vorlagen und systematisierte dessen Sortiment. Er stellte Sammlungen zusammen (Verkaufskat. d. Tassie'schen Kollektion, 2 Bde., 1791, engl. u. franz.) und wurde schließlich Teilhaber in Tassies Geschäft. Auf Einladung der Highland Society bereiste R. 1790/91 als Prospektor Nordschottland, um dort verwertbare Erzlagerstätten ausfindig zu machen. 1792-94 hielt er sich – immer wieder auch im Auftrag Boultons – in Cornwall, West-Wales und Irland auf, wo er Ende 1794 starb.

    Während R. in Großbritannien schon 1788 als „foreigner of merit and reputation“ in einem „Catalogue of 500 celebrated Authors of Great Britain“ aufgeführt und einen ausführlichen Beitrag im „Dictionary of National Biography“ (XLVII, 1896) erhielt, stand er in Deutschland lange unter einem moralischen Verdikt. Erst in jüngster Zeit wurden seine innovativen Beiträge zu Kunst, Literatur und Geognosie gewürdigt, besonders die publizistische Vermittlung literarischer Trends sowie neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse durch seine Übersetzungen.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Royal Soc., London (1769–75).

  • Werke

    Weitere W Nachr. v. d. Gedichten v. Ossian […], in: Hannoverisches Magazin, 1763;
    Hermin u. Gunilde, Eine Gesch. aus d. Ritterzeiten, 1766;
    Reliques of Ancient English Poetry, in: Neue Bibl. d. schönen Wiss. u. d. freyen Künste, I-III, 1766;
    Nachr. v. d. Kunstslg. d. Herrn Gen. v. Wallmoden […], ebd.;
    A Letter Containing a Short Account of Some Basalt Hills in Hassia, in: Philosophical Transactions of the Royal Soc. LXI, 1771;
    An Account of some german Volcanoes, and their Productions […], 1776;
    critical Essay on Oil-Painting […], 1781;
    Baron Munchausen's Narrative of his Marvellous Travels and Campaigns in Russia, Humbly dedicated […] 1786 (anonym, Ende 1785/Anfang 1786);
    Sur l'Analyse chimique de quelques Minéraux remarquables […], in: Nova Acta Lopoldina Academia Scientiarum Imperialis, 1785;
    Account of the Present State and Arrangement of Mr. J. Tassie's Collection of Pastes […], 1786;
    A descriptive Cat. of a general Collection of ancient and modern engraved Gems, Cameos as well as Intaglios […], by James Tassie, Modeller […], 2 Bde., 1791;
    Baron Inigo Born's New Process of Amalgamation of Gold and Silver Ores, and other Metallic Mixtures […], 1791;
    Conspectus Tabellaris Descriptionis Ledecestrescirae Factae sub Wilelmo Conquestore […], in: The Hist. and Antiquities of the County of Leicester, 1792. – Briefe: R. L. Kahn, Some Unpublished R.-Franklin Letters, in: Proceedings of the American Philosophical Soc. 99, 1955, S. 127-32;
    ders., Three Franklin-R. Letters, ebd., S. 397-400. – Übers.: F. Algarotti, Versuche ueber d. Architectur, Mahlarey u. musical. Opera, 1769;
    Travels Through Italy, in the Years 1771 and 1772, Described in a Series of Letters to Baron Born […], 1776;
    Travels through the Banat of Temeswar, Transylvania, and Hungary, in the Year 1770, Described in a Series of Letters to Prof. Ferber […], 1777;
    Gesetzbuch der Gentoo's, oder Slg. d. Gesetze der Pundits […], 1778.

  • Literatur

    A. Ellissen, Des Freiherrn v. Münchhausen Reisen etc., zuerst ges. u. engl. hg. v. R. E. R., übers. u. erweitert v. G. A. Bürger, 6. Originalausg. d. dt. Bearb., 1849;
    R. Hallo, R. E. R., Ein Wegbereiter v. dt. Art u. Kunst, 1934 (P;
    Rez. hierzu in: Zs. d. Ver. f. hess. Gesch. 59/60, 1934, S. 271-73, u. K. K. Eberlein, in: DLZ 45, 1934, Sp. 2127–29);
    E. Haarmann, Ein Münchhausen als Geologe, R. E. R. 1736-1794, in: Geol. Rdsch. 23, 1942, S. 104-20 (P);
    J. Carswell, The Prospector, being the life and times of R. E. R. (1737-1794), 1950;
    C. Nissen, R. in England, in: Das Antiquariat 9, 1953, S. 42/6-72/36;
    H. Beck, R. E. R.s landeskundl. Leistung, in: Berr. z. dt. Landeskunde 28, 1961, S. 29-44;
    E. Wackermann, in: Deutsche unter anderen Völkern, 1968, S. 170-99;
    ders., Münchhausiana, Bibliogr. d. Münchhausen-Ausgg. u. Münchhausiaden, 1969, S. 11-37;
    E. Kalthoff, in: Niedersächs. Lb. 6, 1969, S. 258-70 (P);
    W. R. Schweizer, Münchhausen u. Münchhausiaden, 1969;
    A. V. Carozzi, R. E. R. and the Basalt Controversy, in: Studies in Romantism, Boston Univ. 8/4, 1969, S. 235-50;
    ders., The geological Contribution of R. E. R. (1737-1794), in: Arch. Sci. Genève 22, 1970, S. 625-43;
    R. P. Dawson, R. E. R. and the Munchausen Tales, in: Lessing Yearbook 16, 1984, S. 205-20;
    B. Wiebel, Münchhausen – R. – Bürger, Ein phantast. Triumvirat, in: Münchhausen, Vom Jägerlatein z. Weltbestseller, hg. v. Münchhausen-Mus. Bodenwerder, 1998, S. 13-55;
    Strieder XI, 1797, S. 221-35;
    Meusel XI, 1811 (erstmalige Erwähnung R.s als Autor d. engl. Münchhausen-Ausg., 1786);
    Pogg. II;
    DSB;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    eigene Archivstudien:
    Niedersächs. Landesbibl., Hannover;
    Kirchenbuchamt Hannover.

  • Portraits

    Reliefmedaillon (Nat. Portrait Gallery, Edinburgh).

  • Autor/in

    Uwe Meier
  • Empfohlene Zitierweise

    Meier, Uwe, "Raspe, Rudolf Erich" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 164-166 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118787888.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA